Tischreden: Martin Luther spricht über Gott und Welt: Über Dies und Das

Geige, Violine, Brot, Schildkröte, Rotwein, Spiegel, Pieter Claesz, Lifestyle, 1623

Pieter Claesz: Still Life with Musical Instruments (1623)

INHALTSVERZEICHNIS:

Reden wir mal über andere
> Vom großen Alexander.
> Vom Cunz von der Rose.
> Von einem Herrn, der zum h. Lande zog.

Reden über Deutschland und andere Länder
> Deutschland fehlets an einem guten Regenten.
> Deutschland verachtet.
> Von Schwaben und Bayerlande.
> Von Walen und Italiänern.
> Von Venedigern.

Recht auf Gerechtigkeit
> Was Juristen sind.
> Abdecker und Jurist.
> Daß gefährlich sei, ein Jurist sein.
> Unterschied des Rechtes.
> Worauf man in Händeln am meisten und vornehmlich sehen soll.
> Juristenstand ist jetzt ein fährlicher Stand.
> Um Genusses willen studiert man gemeiniglich Jura.
> Juristen wissen nicht, was die Kirche ist.

Wissenschaftler
> Von Graden und Promotionen in Universitäten, und von guten Künsten.
> Künftiger Mangel an gelehrten Leuten.
> Welt kann ohne gelehrte Leute nicht regiert werden.

Lebensarten
> Vom Spiel.
> Vom Saufen.
> Lügen.
> Singen.
>
Kleinmütigkeit soll Niemand abschrecken von seiner Vocation.
>
Wie man alt werde.
>
Einer muß dem Andern um des Friedens willen weichen.
>
Dieses Lebens Art.

Über Krankheiten und Sterben
>
Trost für einen Kranken.
>
Ein anderer Trost für eine sehr kranke Person.
>
Wie Doctor Martin Luthers Vater, Hans Luther, also seliglich gestorben sei.
>
Das beste Sterben.

Über den Krieg
>
Geschütz.
>
Krieg ein güldener Hamen.
>
Von Helden im Regieramt.

Prophezeiungen
>
Prophezei D. M. Luthers von seiner Lehre.
>
Weissagung D. M. Luthers von seinem Tode.

Gereimtes und Ungereimtes
>
Doctor Martini Luthers Reim.
>
Reim D. Martini Luthers.
>
Lutheri Reim.
>
Andere Reim Doctor Martini Luthers.
>
Vom Gold.
>
Vom Narren.
>
Daß man nicht leichtiglich gläuben und Jedermann vertrauen soll.
>
Der Welt Bild.
>
Ein anders.
>
Ein anders II.
>
Gleißender, ansehnlicher Rathgeber.
>
Welt sucht Unsterblichkeit von ihrem Stolz.
>
Ein anders III.
>
Arznei wider unnütze Gedanken.
>
Was Einsamkeit für Schaden bringe.
>
Böser Zusatz.
>
Aenderung der Kleider, was es bedeutet.
>
Seines Berufes soll Keiner mißbrauchen.

Reden wir mal über andere

Vom großen Alexander.

»Ein solcher trefflicher Held und Kriegsfürst war auch König Alexander, der eine kurze Zeit lebte, und in 12 Jahren brachte er in seine Gewalt und unter sich schier die ganze Welt. Demselbigen wollt es Julius Cäsar nachthun und nachahmen; er aber war nur ein Affe, denn er zerrüttete und zerstörete das Regiment und gemeinen Nutz. Denn ein Schwert behält oft das andere in der Scheide.«

Vom Cunz von der Rose.

»Cunz von der Rose,« sprach D. M. L., »Maximilians Diener, und ein fröhlicher, kurzweiliger Mann, muß ein geherzter Kerl gewest sein. Denn man saget, da er auf eine Zeit durch einen Wald verritten und sich verspätet, daß er hat im selben Walde müssen in eine einzelne Herberge ziehen, da der Wirth ein Schalk und Mörder gewest, aber er hat die Gäste freundlich empfangen; da hab er gesehen, daß eine Jungfrau drinnen sehr geweinet, und sie heimlich gefraget: Warum sie doch so weinete? Habe sie gesagt: Es wären eitel Mörder drinnen, darum möchte er seiner wohl wahrnehmen und sich vorsehen, sie wollte ihn treulich gewarnet haben, weil sie ihn für einen ehrlichen Mann ansehe. Und hatte ihm bald angezeiget, wie er sich halten sollte, und gesaget: Wenn der Wirth würde die Lichter lassen anzünden und ein Glöcklein läuten, so würden die Bauern hinein kommen als Gäste. Wenn nun der Tisch gedeckt und zugerichtet wäre, würde er, der Wirth, aus der Stube gehen, und sprechen: Putz dich, Licht! Alsdenn würde der Bauern einer das Licht auslöschen, so sticht man Euch todt. Welches er zu Herzen nahm, als ein muthiger, geherzter Mann, hatte Acht auf seine Schanz; bat, die Jungfrau wollte ihm ein Licht in einer Laterne geben, welches er heimlich verdeckt unter die Bank setzte, behielt seinen Harnisch an, und seine Wehre bei sich, desgleichen seine Diener auch, denen befahl er, sie wollten des Spiels wohl wahrnehmen und sich redlich wehren. Da er nun überm Tische saß und wartet, von Stund an kam derselben Bauern einer, that, als wollt er das Licht schnuppen, und löschet es aus, und wollte ihn erstechen. Aber er hatte seinen Harnisch noch an, hieß die Laterne mit dem brennenden Lichte hervorziehen, und trieb mit seinen Knechten die Bauern allzumal in die Flucht, und erstach sie; den Wirth aber nahm er darnach gefangen.«

Von einem Herrn, der zum h. Lande zog.

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Wolfgang Büscher: Ein Frühling in Jerusalem

»Ein Herr,« sprach D. M. L., »zog zum h. Lande gen Jerusalem, und da er förder auch nach S. Catharin zum Berg Sinai ziehen wollte, und auf eine Tagereise oder etliche nun kommen war, ward er gewahr, daß etliche Straßenräuber daher zogen, stracks auf ihn. Da ließ er bald den Tisch zurichten, und aufsetzen, was er von Speise und Getränk mit genommen hatte auf den Weg, denn es gar in der Wüste liegt. Da nun dieselben Gesellen zu ihm kamen, stand er auf, empfing sie aufs Allerfreundlichste, und bat, sie wollen absitzen, und mit ihm ein Bißlein essen, und einen Trunk thun, denn bei ihm in seinem Lande wäre dieser Brauch, die Gäste also zu empfahen und laden. Sie setzten sich nieder, und aßen und tranken mit ihm. waren fröhlich und guter Dinge. Da schenkte er einem Jeglichen ein Kleinod, so er mit sich führete. Also zogen sie wieder fein freundlich von ihm. Des andern Tages kamen sie wieder zu ihm, verhüllet, nehmen ihn mit seinen Dienern gefangen, und führen sie auf ein Schloß, thun ihm gütlich, begaben ihn wieder mit Geschenken, und geleiten ihn des Wegs ein Theil, frisch und unversehret. Also bricht und nimmt ein auch der Feinde Herzen, so willens sind, einem Böses zu thun, Holdseligkeit, Freundlichkeit und Mildigkeit. Es ist aber Gottes Gabe

Reden über Deutschland und andere Länder

Deutschland fehlets an einem guten Regenten.

»Deutschland ist wie ein schöner, weidlicher Hengst, der Futter und Alles genug hat, was es bedarf. Es fehlet ihm aber an einem Reiter. Gleich nun wie ein stark Pferd ohne einen Reiter, der es regiert, hin und wieder in der Irre läuft; also ist auch Deutschland mächtig genug von Stärke und Leuten, es mangelt ihm aber an einem guten Haupt und Regenten.«

Deutschland verachtet.

»Es ist keine verachtetere Nation, denn die Deutschen. Italianer heißen uns Bestien; Frankreich und Engeland spotten unser, und alle anderen Länder. Wer weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen machen; wiewohl wir eine gute Staupe vor Gott wohl verdienet haben.«

Von Schwaben und Bayerlande.

»Wenn ich,« sprach Dr. Martinus Luther, »viel reisen sollte, wollte ich nirgend lieber, denn durch Schwaben und Bayerland ziehen, denn sie sind freundlich und gutwillig, herbergen gerne, gehen Fremden und Wandersleuten entgegen, und thun den Leuten gütlich und gute Ausrichtung um ihr Geld. Hessen und Meißner thun es ihnen etlicher Maße nach, sie nehmen aber ihr Geld wohl drum, Sachsen ist gar unfreundlich und unhöflich, da man weder gut Wort noch zu essen gibt; sagen: ›Liue Gast, ick weit nit, wat ich ju te eten geuen sol, dat Wif ist nit daheimen, ick kan jhu nit herbergen.‹ Ihr sehet hie zu Wittenberg, wie unfreundlich Volk es hat, fragen weder nach Ehrbarkeit und Höflichkeit, noch nach der Religion, denn kein Bürger läßt seinen Sohn studiren, da sie doch ein groß Exempel sehen und Anzahl der fremden Studenten und Gäste. Ah, das Land trägts nicht!«

Von Walen und Italiänern.

»Italiäner sind die allerlistigsten und tückischsten Leute, die muß man vornehmlich beschämen, betäuben, und ihnen ihre Schande aufdecken, daß sie schamroth werden, und andere Leute nicht so verachten, als wären sie allein klug. Denn ein böser Ast will einen harten Keil haben, man wird ihn nicht mit einem Splitterlein spalten, man muß Axt und Schlägel dazu haben. Darum ist allzeit mein Rath gewesen, daß junge Gesellen, wenn sie ihren Katechismum zuvor wohl gelernet haben, und in Gottes Wort recht unterrichtet sind, Italien besehen, ihre Tücke und Büberei erfahren, damit sie sich wissen davor zu hüten.«
     Anno 28 den 14. Novembris ward viel von der italiänischen Luft geredet, welche sehr subtil wäre, also, daß man des Nachts alle Fenster und Spalten aufs Genaueste zuschlösse und verstopfte. Denn die Nachtluft wäre sehr schädlich und pestilenzisch, macht bald ein Fieber. Da sprach D. Martin Luther: »Mir und meinem Bruder widerfuhr das, da wir gen Rom zogen in Italien, und einmal die ganze Nacht mit offenen Fenstern sehr hart schliefen bis um 6; da wir erwachten, waren uns die Köpfe voller Dunst, ganz schwer und ungeschickt, also, daß wir desselben ganzen Tages nur eine Meile konnten gehen: so plagte uns der Durst, und ekelte uns vor dem Wein, daß wir ihn auch nicht riechen konnten, begehrten immerzu Wasser zu trinken, welches doch tödtlich ist. Endlich labten und erquickten wir uns wieder mit zweien Granatäpfeln, dadurch erhielt uns Gott das Leben.«
    
Da sprach der Engländer: »In England regiert die Pestilenz immerdar, und höret nicht auf.«
     Und der Legat sagte: Die Luft in Frankreich wäre zwar am Tage ziemlich, und wäre der deutschen nicht ungleich, allein etwas weicher und feuchter, denn der Schnee im Winter läge selten über einen Tag, daß er nicht zerginge, wäre nicht so scharf und hart. Die Franzosen aber hielten sich eingezogener, lebten mäßiger, denn wir Deutschen. Ein Jeglicher über Tisch hätte sein eigen Trinkgeschirr und Glas, daraus er tränke, hüten sich fleißig vor der Luft. Und wenn ihnen gleich heiß wäre, daß sie schwitzten, so deckten sie sich nicht auf, ließen die Luft nicht an sich gehen, sondern träten vor das Feuer, trockneten sich, und legten sich in ein Bette und schwitzten, sonst, wenn sie die Luft an die bloße Haut ließen gehen, kriegten sie von Stund an ein Fieber. Sagte auch, daß nur ein Par oder zwei mit einander tanzten auf ihre Art, nicht so ein großer Haufe, als wir Deutschen; die Andern säßen und sähen zu.
    
»Die Italiäner verachten und verdammen andere Nationen, da sie doch vor Gott ein Gräuel sind, gottlos und hoffärtig. Ihr Fasten ist scheinbarlicher und besser, denn unsere herrlichsten Mahlzeiten. Ihre Kleidung ist köstlich, halten sich reinlich; tragen wir eine Elle Sammet für einen Gülden, so tragen sie eine Elle für sechs Gülden. Ihre Keuschheit ist wie zu Sodom; das beweiset und zeuget die That. Sind in einen verkehrten Sinn gegeben, denn sie achten der Ehe nichts, die doch natürlichen und göttlichen Rechtens ist, ja verbieten sie noch. Sie sollen auch das Schmeißen verboten haben.
     Italiäner halten nicht über menschlicher Gesellschaft und Gemeinschaft. Keiner traut dem Andern; kommen nicht frei zusammen, wie wir Deutschen; gestatten auch nicht, daß Jemand öffentlich rede mit ihren Weibern, oder sie anspreche.«
    
Italia ist ein sehr fruchtbar, gut und lustig Land, sonderlich Lombardia ist ein Thal 20 deutscher Meilen Wegs breit, mitten dadurch fließt der Eridanus, gar ein sehr lustig Wasser, so breit als von Wittenberg gen Brate ist, auf beiden Seiten sind die Alpes und Apenninus-Gebirge.
     Italiäner fürchten sich mehr vor S. Antonius und Sebastian, denn vor dem Herrn Christo, der freundlich und gütig ist; und solches um der Plage willen. Drum, wenn einer sein Haus will sicher haben, daß die Walen nicht dran pinkeln, so läßt er dran malen S. Antonius mit einem feurigen Spieß. Also lebt Italia ohne Gottes Wort, in großem Aberglauben und Abgötterei, gläubet weder der Tobten Auferstehung, noch ein ewiges Leben, fürchtet sich nur allein vor zeitlichen und leiblichen Plagen.«

Von Venedigern.

Doct. M. Luth. gedachte der Venediger, und sagte, »daß es die allerreichste Stadt wäre, hätte zwei Königreiche, Cypern und Candiam. Candia oder Creta aber wäre etwa voll Räuber gewesen, als, an 6000 verdorbene Kaufleute, die Bankerott gemacht hätten, und wären dahin geflohen. Weil aber diese Insel sehr bergig ist, könnte man sie mit Gewalt nicht wohl reine halten vor den Räubern und Strötern; drum ließen die Venediger ein Ausschreiben öffentlich ausgehen und anschlagen, daß sie alle Räuber wollten versichern und annehmen, daß sie möchten sicher drinnen wohnen, und sich enthalten, wenn nur ein Jeglicher des andern Räubers Haupt ihnen zubrächte und überantwortete. Also stäupten sie einen Buben mit dem andern, und die Insel ward ihrer auf die Weise los. Das war ein guter, weiser Rath.
     Daß Gott alleine uns ernähret, nicht Geld und Gut, denn dasselbe, da es vorhanden ist, machet uns faul und sicher, deß sind die Venediger, das doch die allerreichste Stadt ist, ein Exempel, die bei unsern Zeiten große Theurung erlitten haben, also, daß 24 Galeeren voll Getreide ihnen vom Türken zugeschickt worden. Da hielt die Braut nicht Glauben; denn das Meer halten sie für ihre Braut, mit welchem sie sich alle Jahr von Neuem, durch den Herzog, vermählen und versprechen, wie Braut und Bräutigam; zum Mahlschatz wirft der Herzog einen güldenen Ring hinein, mit einem großen Gepränge, und einer sonderlichen zierlichen Oration und Rede

KURZES INHALTSVERZEICHNIS:

> Reden wir mal über andere
> Reden über Deutschland und andere Länder
> Recht auf Gerechtigkeit
> Wissenschaftler
> Lebensarten
> Über Krankheiten und Sterben
> Über den Krieg
> Prophezeiungen
> Gereimtes und Ungereimtes

Recht auf Gerechtigkeit

Vorbemerkung:
Martin Luthers Vater hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sein Sohn Jurist wird, vor allem deshalb, da es im Mittelalter bedeutsam war, ob in einer Familie ein Jurist ist, zumal die Familie im Bergbau tätig war.

Was Juristen sind.

»Ein Jurist ist ein Balkenträger; ein Theologus ein Splitterträger. Und ein Doctor Juris ist ein Balkendoctor; ein Theologus ein Splitterdoctor. Ein Jurist ist nach menschlicher Weisheit klug; aber ein Theologus ist klug nach Gottes Weisheit. Viele sind gelehrter, denn ich bin; aber daß sie sollten gelehrter sein in Gottes Wort, das ich lehre und predige, das ist unmöglich. Ich will einen Schuster, Schneider, Juristen, und ein Jeglichen lassen bleiben; ficht mir aber einer den Predigtstuhl an, so will ich ihn herab weisen, daß er sichs soll wundern. Ein Jurist ist nicht mehr, denn ein Schuster oder Schneider.«

Abdecker und Jurist.

Ein Abdecker kam ein Mal zu einem silbernen Juristen, und sprach zu ihm: Glück zu, Gott ehre das Handwerk! Da ward der Doctor unwillig. Ja, sprach der Schinder, wir sind billig eines Handwerkes, wiewohl wir eines Grades leidlicher, und nicht so große Schinder sind, als ihr Juristen, ob ihr gleich den Namen nicht wollt haben; denn wir schinden todte Thiers, ihr aber lebendige Leute.

Daß gefährlich sei, ein Jurist sein.

»Kaiserliche Rechte, wie sie in Büchern verfasset sind, wissen und verstehen, ist wohl eine feine Kunst und Facultät; aber jetzt stehet sie nur auf der Praktika, und wird nach den Gerichtsstühlen und Gebräuchen gerichtet. Darum ists gar eine jährliche Vocation. Und D. Benedictus Pauli bekannte und sagte frei: Wenn er gleich viel Söhne hätte, so wollte er doch keinen lassen Jura studiren. Ich wills ja meinen Söhnen auch verbieten; denn das rechte Recht ist jetzt aufgehoben und abgethan, ist zum Schemen und Pützemanne worden. Und da gleich noch etwas Gutes übrig ist, das verdrehet und verfälscht man, und macht ihm eine wächserne Nase. Gleichwie die Theologia unter dem Papstthum war nur ein bloßer Name und Schein, da nichts hinter ist. Gott aber wird sein Reich, wider des Teufels Betrügerei, Verfälschung und Verführerei, durch rechtschaffene Lehrer und Prediger erhalten; denn die Lehre des Evangelii stehet jetzt in großer Gefahr, wird angefochten von Secten und Rotten, von aufrührischen Bauern, Bürgern und Adel, den Bauchdienern; wie etwa vor Zeiten das römische Reich angefochten und geplaget ward.«

Unterschied des Rechtes.

»Das Recht ist vornehmlich zweierlei: Eins, natürlich; das andere beschrieben oder gesetzte Recht. Das natürliche Recht lehret, wie man sich in diesem Leben halten soll, beide gegen Gott und Menschen, so viel den äußerlichen Wandel und die Sitten belangt; verbeut was böse und unrecht ist, und gebeut was gut und recht ist, und deß Stifter ist Gott, der solch Licht geschaffen und dem Menschen ins Herz gepflanzt und geschrieben hat. Beschriebene und gesetzte Rechte aber sind die Gesetze und Ordnungen, so ihre Umstände haben, und aus bewährlichen und vernünftigen Ursachen also gesetzt sind, und mit dem natürlichen Rechte übereinstimmen; ob sie wohl bisweilen in etlichen Umständen aus Ursachen geändert sind; und derselben Stifter ist die Oberkeit. Als, daß an etlichen Enden Diebstahl mit dem Strang gestraft wird, das kömmt aus gesetzten Rechten, aus bewährlichen billigen Ursachen. Nicht wie des Draconis Gesetz, welches alle Diebe, die auch nur ein Huhn gestohlen hatten, zum Strick an den Galgen verurtheilte und verdammte; aber es hatte deß keine bewährliche, vernünftige und billige Ursachen, und ist wider die Natur, drum sagt man davon, daß solch Gesetz mit Blut geschrieben wäre. Doch muß man solche Pön in Landen und Orten, da die Leute verrucht und wilde sind, und sich an keine Strafe kehren, etwas schärfer und härter mit Ernst exequiren und üben.«

Worauf man in Händeln am meisten und vornehmlich sehen soll.

»In allen Sachen,« sprach D. Mart., »soll man mehr sehen auf die Billigkeit, denn auf gestreng und scharf Recht. Also saget S. Jakob in seiner Epistel (K. 2, 13): Barmherzigkeit erhebt das Gerichte, denn das schärfeste Recht ist das größte Unrecht. Darum soll man die Billigkeit ansehen und darnach richten, welche das Recht und die Disciplin nicht los macht, noch bricht und aufhebt, sondern dieselbe ausleget und lindert nach Gelegenheit der Umstände, vornehmlich in den Fällen, davon das Recht vornehmlich nicht redet. Doch soll man gleichwohl in solcher Milderung fleißig zusehen, daß unter solchem Schein nicht wider Recht etwas gehandelt werde: Judex sit juris dispensator, non dissipator. Denn was wider natürliche und göttliche Recht ist, darinnen soll kein Dispensiren zugelassen werden; und die guten Werke, so aus der Natur nöthig herfließen, und derselben eingepflanzt sind von Gott, Ehrbarkeit, Liebe und Disciplin belangende, sollen, außerhalb dem Bekenntniß, den Ceremonien vorgezogen werden. Drum soll man mit großer Vorsicht und in Gotts Furcht und Anrufen handeln; nicht unbedächtig und plötzlich bald heraus fahren und sagen: das ist billig und recht; wie junge unerfahrne Leute pflegen. Denn es gehet also zu, wie wir sehen und erfahren: Ein junger Jurist will haben das höchste und schärfeste Recht; ein junger Theologus die größte Heiligkeit, und ein junger Regent den größten Gehorsam. Sie meinen, wie es in Büchern geschrieben stehet, und sie gefaßt haben, also soll es auch stracks gehen und geschehen. Aber es fehlet ihnen weit, man kanns nicht alles zu Bolzen drehen; doch in Artikeln des Glaubens und in Gottes Wort, da soll man weder zur Rechten noch zur Linken weichen.«

Juristenstand ist jetzt ein fährlicher Stand.

»Juristerei, wie sie in den alten Rechtsbüchern der römischen Heiden verfaßt und beschrieben, ist ein feine gute Facultät; aber jetzt gibt man sich nur auf die Praktike, verwirret die Sachen, nachdem mancherlei Bräuche der Gerichte sind, schiebet und ziehets auf, hackt allerlei Hundshaar mit ein. Die alten Rechte liegen unter der Bank, und einem jeglichen Zungendrescher und Procurator wird sein Muthwillen gestattet, der bringet die armen Leute um das Geld, hetzt sie in einander, damit er etwas heraus schneide und reich werde, und ist des Rechtens kein Maaß noch Ende. Drum ists gar ein fährliche Vocation und Stand; nicht, daß die Rechte unrecht wären, sondern des schändlichen Mißbrauchs halben.«

Um Genusses willen studiert man gemeiniglich Jura.

Doct. M. L. sagte: » Studium Juris, im Rechten studiren, wäre ein sordidum, unfläthig und garstig Ding, da man nur Genieß, Geld und Gut mit suchte, daß man reich würde.« Da sprach Peter Weller, der bei ihm im Hause war und zu Tisch ging: Er hätte den Sinn nicht, und thäte es nicht. Da rief D. M. L. überlaut, und sprach zu seinem Famulo: »Wolf, gehe und laß die große Glocke lauten, und bring Wasser her, daß man ihn kühle.« Da er aber drauf bestand, und es theuer verjahete; fragte ihn der Doctor: »Ob er allein von wegen des Erkenntniß der Händel, und daß er möge wissen, was Recht ist, oder Lust halben in Jure studirte? So wäre er unsinnig; sondern die endliche Ursach, darum ihr zu Juristen werdet und Jura studiret, ist das Geld, daß ihr reich werdet.

Juristen wissen nicht, was die Kirche ist.

»Juristen wissen nicht, was Ecclesia (die Kirche) ist. Wenn sie gleich alle ihre Bücher aussuchten, so finden sie nicht, was Ecclesia, die Kirche sei; darum sollen sie uns auch hier nicht reformiren. Omnis Jurista est aut nequista, aut ignorista; ein jeglicher Jurist ist entweder ein Schalk, oder ein Esel, der nichts kann in göttlichen Sachen. Und wenn ein Jurist davon disputiren will, so sagt zu ihm: Hörest du Gesell, ein Jurist soll hier nicht eher reden, es farze denn eine Sau, so soll er sagen: Dank habt, liebe Großmutter, ich habe lange keine Predigt gehört. Sie sollen uns nicht lehren, was Ecclesia (Kirche) heißt. Es ist ein alt Sprichwort: Ein Jurist, ein böser Christ. Das ist wahr.«

Wissenschaftler

Von Graden und Promotionen in Universitäten, und von guten Künsten.

Anno 38. den andern Tag nach dem h. Christtage vermahnete D. M. L. das Volk in der Kirche, »daß sie die Ceremonien, so in Universitäten und Schulen gehalten und gebraucht würden, wollten ehrlich halten, Gotte zu Ehren und Ruhm, der Religion und dem Regiment zu Nutz; auf daß die Jugend erkenne und sehe, wie und wozu gute Künste nütz und noth sind;« und sagte, »wie einer vergleicht hätte einen Ungelehrten einem Todten, einen Gelehrten aber einem Lebendigen. Dazu zeuget die Erfahrung, daß Alle, die nicht studirt haben, klagen, und ist ihnen leid, daß sie gute Künste verachtet und in ihrer Jugend dieselben nicht gelernet haben, daß sie doch zum wenigsten hätten schreiben und lesen gelernet. Die Sprachen, sonderlich die lateinische, wissen, ist Allen nütze, auch Kriegs- und Kaufleuten, auf daß sie mit fremden Nationen sich bereden, und mit ihnen umgehen können, ohne Dolmetscher, und nicht allein deutsche Brüder bleiben. Ihr Aeltern (sprach er weiter,) könnt euren Kindern keinen bessern noch gewissern Schatz lassen, denn daß ihr sie lasset studiren und gute Künste lernen, Haus und Hof verbrennet und gehet dahin, Kunst aber ist gut zu tragen, und bleibt. Wenn man weit von einander ist mit dem Leibe, doch kann man mit Briefen und Schreiben gegenwärtig sein, und Einer mit dem Andern reden und sein Herz anzeigen; ich kann hie mit einem zu Rom reden durch Briefe.«

Künftiger Mangel an gelehrten Leuten.

»Ehe etliche wenig Jahr vergehen, so wird man erfahren, daß mangeln wird an gelehrten Leuten, daß man sie würde aus Brettern schneiden, und aus der Erde graben, wenn man sie nur haben könnte; es wird aber nicht helfen, man versündiget sich jetzt zu sehr an Gott.«

Welt kann ohne gelehrte Leute nicht regiert werden.

»Weisheit, Verstand und gelehrt sein, und die Schreibfeder, die sollen die Welt regieren. Wenn Gott zürnete und alle Gelehrten aus der Welt wegnähme so würden die Leute gar zu Bestien und wilden Thieren; da wäre kein Verstand noch Witz, kein Recht, sondern eitel Rauben, Stehlen, Morden, Ehebrechen und Schaden thun. Wer den Andern vermag, der steckt ihn in den Sack. Der Pöbel wollt, daß keine weisen, verständigen, gelehrten Leute und Prediger wären, daß sie möchten leben, wie sie wollten. Wenn das geschähe, so verginge die Welt; denn ohne Verstand, Weisheit und Gesetze können weder Türken noch Tartarn leben und haushalten. Sind es Menschen, so müssen sie Rechte, Gesetze und Ordnung haben; wo nicht, so werdens Bäre, Wölfe, Löwen und Bestien, ohne Oeconomei und Polizei, da kein häuslich und weltlich Regiment und Zucht ist.«

KURZES INHALTSVERZEICHNIS:

> Reden wir mal über andere
> Reden über Deutschland und andere Länder
> Recht auf Gerechtigkeit
> Wissenschaftler
> Lebensarten
> Über Krankheiten und Sterben
> Über den Krieg
> Prophezeiungen
> Gereimtes und Ungereimtes

Lebensarten

Vom Spiel.

»Karten- und Würfelspiel ist jetzt am gemeinsten, denn diese Welt hat viel und mancherlei Spiele erfunden; sie hat sich wahrlich wohl gelöset! Da ich ein Knabe war, waren alle Spiele verboten, also daß man die Kartenmacher, Pfeifer und Spielleute nicht ließ zum Sacrament gehen, und mußten vom Spielen, Tanzen und andern Spectakeln und Schauspielen, wenn sie es geübt oder zugesehen hatten und dabei waren gewest, beichten. Jetzt gehets im hohen Schwang und man vertheidingts für Übung des Verstandes usw.«

Vom Saufen.

»Ich habe neulich,« sprach D. M. L., »zu Hofe eine harte, scharfe Predigt gehalten wider das Saufen; aber es hilft nicht. Taubenheim und Minkwitz sagen: Es könne zu Hofe nicht anders sein, denn die Musica und alles Ritter- und Saitenspiel wäre gefallen, allein mit Saufen wäre jetzt die Verehrung an Höfen. Und zwar unser Gnädigster Herr und Kurfürst ist ein großer starker Herr, kann wohl einen guten Trunk ausstehen, seine Nothdurft machet einen andern neben ihm trunken; wenn er ein Buhler wäre, so würde es sein Fräulein nicht gut haben.
     Aber wenn ich wieder zum Fürsten komme, so will ich nicht mehr thun, denn bitten, daß er überall seinen Unterthanen und Hofleuten bei ernster Strafe gebieten wolle, daß sie sich ja wohl vollsaufen sollten. Vielleicht, wenn es geboten würde, möchten sie das Widerspiel thun, quia nitimur in vetitum, was verboten ist, dawider thut man gern.«

Lügen.

»Eine Lüge ist wie ein Schneeball; je länger man ihn wälzet, je größer er wird.«

Singen.

»Singen ist die beste Kunst und Übung. Es hat nichts zu thun mit der Welt; ist nicht vor dem Gericht noch in Hadersachen. Sänger sind auch nicht sorgfältig, sondern sind fröhlich, und schlagen die Sorgen mit Singen aus und hinweg.«

Kleinmütigkeit soll Niemand abschrecken von seiner Vocation.

Es ward geredt von D. I. Weller, wie er so kleinmüthig wäre, verachtet seine Gaben, da er doch genug Verstandes, Kunst und Wohlredenheit hätte, mehr denn alle Papisten; doch, weil er Andern nicht könnte gleich sein, trete er zurück und wollte sich nicht brauchen lassen. Darauf sagte Doctor Martin Luther: »Mit Nichten soll man also thun, sondern ein Jeglicher soll zufrieden sein und sich genügen lassen an seiner Gabe, die ihm Gott gegeben hat, denn sie können nicht Alle Pauli und Johannes der Täufer sein, sondern es müssen auch Timothei und Titi sein; man darf der Füllsteine an einem Gebäu mehr denn der Quadraten.«

Wie man alt werde.

»Willst du alt werden, so werde bald alt.
Behalt den Kragen warm,
Fülle nicht zu sehr den Darm,
Mache dich der Grethen nicht zu nah:
Also wirst du langsam grau!«

Einer muß dem Andern um des Friedens willen weichen.

Doct. Mart. Luther sagete: »Wenn sichs begibt, daß zwo Ziegen einander begegnen auf einem schmalen Stege, der über ein Wasser gehet, wie halten sie sich? Sie können nicht wieder hinter sich gehen, so mögen sie auch nicht neben einander hingehen, der Steg ist zu enge. Sollten sie denn einander stoßen, so möchten sie beide ins Wasser fallen und ertrinken. Wie thun sie denn? Die Natur hat ihnen gegeben, daß sich eine niederleget und läßt die ander über sich hingehen; also bleiben sie beide unbeschädigt. Also sollt ein Mensch gegen den andern auch thun und auf ihm lassen mit Füßen gehen, ehe denn er mit einem andern sich zanken, hadern und kriegen sollte!«

Dieses Lebens Art.

Doctor Martinus Luther beklagte das Elend und den Jammer menschliches Lebens, »welches doch alle Menschen lieb hätten. Niemand wollt es gerne lassen und sterben, da doch immer ein Unglück über das ander käme, und wäre da kein Aufhören bis in Tod. Darum schreibt Plinius der Heide lib. 20 cap. 1,, die beste Arznei eines Menschen sei, bald sterben. Und Kaiser Julius verachtete die Zeichen seines Todes, und hütete sich nicht vor Gefahr, sprach: Es ist besser ein Mal sterben denn sich immerdar vorsehen und hüten. Es ist von einem Heiden genug; doch soll man Gott nicht versuchen, sondern brauchen die Mittel, die er gibt, und es ihm befehlen.«

Über Krankheiten und Sterben

Trost für einen Kranken.

Zu Torgau besuchte D. M. L. einen Canzleischreiber, der ein frommer, fleißiger Mensch war und lag krank an der Wassersucht; tröstet ihn, »daß er unbekümmert sollte sein, um diese seine Krankheit, nicht sich mit Traurigkeit noch dazu selber plagen, sondern sollte sich halten nach der Aerzte Regel, daß durch Kümmerniß und Herzleid nicht verhindert würde Gottes Segen. Denn, wie man saget: Guter Muth ist halber Leib; wenn’s Herz fröhlich ist, so hat es mit dem Leibe nicht noth! Und daß er sich wollte halten nach dem Rath S. Petri, und seine Seele dem treuen Schöpfer befehlen. Wir sollen gerne sterben,« sagte er, »denn wir haben uns genug gelebt, allein daß wir noch eine Weile um der Andern willen müssen leben.«

Ein anderer Trost für eine sehr kranke Person.

Doctor M. L. besuchte gar eine ehrliche Matrone, die hart krank lag, und tröstet sie also: »Muhm Lene, kennet Ihr mich auch und vernehmet Ihr mich?« Und da sie ihn verstand und kannte, sprach er zu ihr: »Euer Glaube stehet ja ganz und gar auf dem Herrn Christo!« Darnach sagt er drauf: »Derselbige ist die Auferstehung und das Leben! Euch wird nichts gewähren, Ihr werdet nicht sterben, sondern wie in einer Wiege entschlafen; und wenn die Morgenröthe aufgehen wird, sollt Ihr wieder aufstehen und ewig leben.« Da sprach sie: O ja! Da fragt sie der Doctor und sprach: »Habt Ihr keine Anfechtung?« Nein, sagt sie. »Wie? Thut Euch denn nichts weh?« Ja, sprach sie, ums Herz ist mir weh. Da sagt er: »Der Herr wird Euch bald erlösen von allem Übel. Ihr werdet nicht sterben!« Und wandte sich zu uns, und sprach: »O, wie wohl ist der! Denn das ist kein Tod, sondern ein Schlaf.« Und ging alsbald allein an das Fenster, und betete. Und ging also von ihr wieder weg um zwölfe nach Mittag; auf den Abend aber um sieben entschlief sie in Christo fein sanft ein.

Wie Doctor Martin Luthers Vater, Hans Luther, also seliglich gestorben sei.

Anno 1530 ist Doctoris Martini Lutheri Vater Hans Luther zu Mansfeld gestorben, dem Doctor Martinus aus Coburg, wenige Tage vor seinem Ende, einen schönen, herrlichen Trostbrief zugeschrieben hatte. Als ihn nun Herr Michael Cölius, Pfarrherr im Thal Mansfeld, in den letzten Zügen gefraget hatte: Ob er auch alles dasjenige gläubte, was in den Artikeln des christlichen Glaubens uns gelehret und vorgehalten würde? da hatte er drauf geantwortet: Das müßte ja ein Lauer sein, der das nicht gläuben wollte! Da das Doctori Luthero war vermeldet worden, hatte er gesagt: »Das ist ein Wort von der alten Welt!« Aber Phil. Melanchthon hat darauf zu Doctor Luthern gesagt: Lieber Herr Doctor, das sind selige Leute, die also in der Erkenntniß Christi dahin sterben, wie schon Eure Magdalena gestorben ist; denn je älter wir werden, je thörichter wir werden! Und das beweise ich also. Denn die jungen Leute bleiben stracks einfältig in den Artikeln des christlichen Glaubens; wie sie dieselbigen gelernet haben, also gläuben sie auch dieselbigen; aber wenn wir alt werden, so beginnen wir zu disputiren, wollen klug sein, und sind doch die größten Narren!

Das beste Sterben.

»Es ist kein besser Sterben, denn S. Stephans, der sagt (Apg. 7, 59): Herr, nimm meinen Geist auf. Daß man die Register alle hinweg lege von unsern Sünden und Verdiensten, und allein auf die bloße Gnade sterbe.«

KURZES INHALTSVERZEICHNIS:

> Reden wir mal über andere
> Reden über Deutschland und andere Länder
> Recht auf Gerechtigkeit
> Wissenschaftler
> Lebensarten
> Über Krankheiten und Sterben
> Über den Krieg
> Prophezeiungen
> Gereimtes und Ungereimtes

Über den Krieg

Geschütz.

»Büchsen und das Geschütz ist ein grausam, schädlich Instrument, zersprengt Mauern und Felsen, und führt die Leute in die Luft. Ich gläube, daß des Teufels in der Hölle eigen Werk sei, der es erfunden hat, als der nicht streiten kann sonst mit leiblichen Waffen und Fäusten. Gegen Büchsen hilft keine Stärke noch Mannheit, er ist todt, ehe man ihn siehst. Wenn Adam das Instrument gesehen hätte, das seine Kinder hätten gemacht, er wäre vor Leid gestorben.«

Krieg ein güldener Hamen.

»Ach, Krieg ist wie ein güldener Hamen, wenn man damit fischet, gewinnet man nicht viel damit. Und der Landgraf, der doch ein Kriegsmann ist, sagte zu mir D. Luth. ein Mal ganz züchtig, fürstlich und christlich: Ich habe zwier gekrieget, will nicht mehr eilen. Wir wollen, ob Gott will, auf unsrer Seite nicht anfahen; werden sie aber anheben, so helfe uns Gott. Dies Wort des guten Herrn tröstet mich,« sprach D. M. L.

Von Helden im Regieramt.

»Wenn ein Land oder gewaltige Stadt nur einen trefflichen wunder und geschickten Mann hätte, so gingen alle Rathschläge und Decreta besser fort; wo aber keiner nicht ist, da gehets Alles hinter sich, wie der Krebs kreucht, ob ihrer wohl viel sind, die da regieren und rathen. Rechtschaffene, freudige Kriegsleute machen wenig Worte, sind bescheiden, reden nicht viel, denn sie haben Leute gesehen. Wenn sie reden, so ist die That mit; wie Herr Bernhard von Milo, ist mit Geberden wie eine Jungfrau.«

Prophezeiungen

Prophezei D. M. Luthers von seiner Lehre.

Doctor Martinus Luther sagete einmal, »daß diejenigen, so bei seinem Leben von seiner Lehre nicht wollten den Kern haben, die würden froh werden, wenn er nun todt wäre, daß sie die Schalen möchten davon bekommen, und die Finger darnach lecken, wenn sie nur dieselbigen haben könnten.« Und sprach darauf: »Ein Jeglicher schicke sich in die Zeit und gebrauche sie, und schneide ein, weil noch Ernte ist, und wie der Herr Christus Joh. am 12. (V. 35) spricht: Wandelt im Licht, weil ihrs habt, daß euch die Finsterniß nicht überrasche.«

Weissagung D. M. Luthers von seinem Tode.

Anno 1546. am 16. Februar, als man zu Eisleben über D. M. Luthers Tische viel vom Sterben und Krankheit redete, da sprach D. M. Luther: »Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komm, so will ich mich alsdann in den Sarg legen, und den Maden einen feisten Doctor zu essen geben.« Und dieses wurde über zween Tage wahr, daß Doctor Martinus Luther allda zu Eisleben starb.

KURZES INHALTSVERZEICHNIS:

> Reden wir mal über andere
> Reden über Deutschland und andere Länder
> Recht auf Gerechtigkeit
> Wissenschaftler
> Lebensarten
> Über Krankheiten und Sterben
> Über den Krieg
> Prophezeiungen
> Gereimtes und Ungereimtes

Gereimtes und Ungereimtes

Doctor Martini Luthers Reim.

»Wer was weiß, der schweig.
Wem wohl ist, der bleib.
Wer was hat, der behalte.
Unglück das kommt balde.«

Reim D. Martini Luthers.

»Herrschaft ohne Schutz,
Reichthum ohne Nutz.
Richter ohne Recht,
Lotter und Spitzknecht.
Bäume ohne Frucht,
Frauen ohne Zucht.
Adel ohne Tugend,
Unverschämte
Jugend.
Hochmüthige Pfaffen,
Buben, die unnütz klaffen.
Böse, eigensinnige Kind,
Leute, die Niemand nütze sind.
Neidische Mönche,
Geizige Platten,
Mag man auf Erden wohl gerathen.«

Lutheri Reim.

»Es ist auf Erden kein besser List,
Denn wer seiner Zungen ein Meister ist.
Viel wissen und wenig sagen.
Nicht antworten auf alle Fragen.
Rede wenig und machs wahr,
Was du borgest, bezahle baar.
Laß einen Jeden sein, wer er ist,
So bleibst du auch wohl, wer du bist.«

Andere Reim Doctor Martini Luthers.

D. Mart. Luther hat ein Mal diese Reim über Tisch erzählet:

»Gläub keinem Wolf auf wilder Heid,
Auch keinem Jüden auf seinen Eid.
Glaub keinem Papst auf sein Gewissen,
Du wirst von allen dreien beschissen.«

Auf eine andere Zeit hat er diese Reim gesagt:

» Virtus ist geschlagen todt,
Justitia leidt große Noth.
Temporantia ist gebunden,
Veritas beißen die Hunde,
Fides geht auf Stelzen,
Nequitia ist nicht seltsam.«

Vom Gold.

D. Luther erzählete ein Mal vom Wörtlein Gold dies Aenigma:

»Ich weiß ein Wort, das hat ein L,                        Goltt.
Wer das sieht, der begehrt es schnell;
Wenn aber das L weg und ab ist, Gott.
Nichts Bessers im Himmel und Erden ist.«

Vom Narren.

Doctor Martinus Luther saget«: »Es wäre zu Wurzen oder je nicht weit davon ein Narr gewesen, der hatte sich in der Fastnacht traurig gekleidet, übel gehabt und kläglich gestellet; hinwiederum, in der Marterwochen zog er schöne Kleider an, und war fröhlich und guter Ding. Als man ihn nun fragete: warum er solches thäte? da antwortete er: In der Fastnacht geschehen viel Sünden, da soll man billig traurig sein; aber in der Marterwochen predigt man, wie Christus für die armen Sünder gestorben ist, drum soll man fröhlich sein. Das ist eine feine Rede gewesen von einem Narren.«

Daß man nicht leichtiglich gläuben und Jedermann vertrauen soll.

Epicharmus saget: Nervi atque artus sapientiae sunt, non temere credere; denn wer balde gläubet, der wird leichtlich betrogen. Item: Es soll Keiner einen Andern für seinen vertraueten Freund halten, er habe denn zuvor einen Scheffel Salz mit ihm gessen. Hiervon haben die Alten einen feinen Apologum gemacht: Daß ein Haushahn auf einem Baum gesessen war, zu dem hatte ein Fuchs, so ungefährlich vorüber gelaufen, gesagt: Er sollte herab vom Baum steigen, denn es wäre ein Landfriede ausgeschrien, wie aller Zwietracht, Widerwillen und Uneinigkeit unter Menschen und Thieren aufgehoben wäre, und zu ewigen Zeiten hingelegt sein sollte, also, daß Eines mit dem Andern es treulich meinen, und Eines das Andere ehren und fördern sollte. Aber der Hahn gab dem Füchslein diese Antwort: Es mag sein, sagte er, daß ein gemeiner Landfriede aufgerichtet sei und alles Widerwillens Stillestand geboten; die Zeitung aber ist mir noch nicht zukommen und verkündiget. Indeß aber will ich mich halten, wie vor Alters her meine Vorfahren mit euch Füchsen und euerm Geschlechte allwege sich gehalten haben. Und sprach Doctor Martinus Luther drauf: »Die heilige Schrift sagets, man soll allen Geistern nicht gläuben; denn, hätte der Hahn dem Fuchs gegläubet, so wäre er um sein Leben kommen, sonst bleibet er bei gutem Hausgemach.«

Doctor Martinus Luther gab auch ein Räthsel auf, und sprach: »Was ist das: Es ist einem zu enge, zweien gerecht, dreien zu weit? Antwort: Heimlichkeit; denn wenn etwas Heimliches drei wissen, so wissens hundert.«

Der Welt Bild.

Doctor Martinus Luther sagete: »Die Welt ist gleich wie ein trunkener Bauer, hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, so fällt er zur andern wieder herab; man kann ihm nicht helfen, man stelle sich wie man wolle. Also will die Welt auch des Teufels sein.«

Ein anders.

»Wenn ich denke an die große Majestät und Barmherzigkeit Gottes, so erschreck ich selber davor, daß sich Gott so hoch hat herab gelassen.«

Ein anders II.

»Ich halt, daß Gott gleich so viel zu schaffen und zu thun hat, daß er ein Ding wieder zu nichts mache, als daß ers schaffe und mache.« Das sagte Doctor Martinus, da des Mists gedacht ward, und sprach weiter: »Mich wundert, daß man die Welt nicht längst hat voll geschmissen bis an den Himmel.«

Gleißender, ansehnlicher Rathgeber.

»Es ist nichts Schädlichers denn ein gleißender, ansehnlicher, heuchlischer Rathgeber. Wenn man seinen Rath und Bedenken höret, so hats Hände und Füße, wenns aber soll angehen, so stehets wie ein stätiger Gaul, den man nicht kann forttreiben.«

Welt sucht Unsterblichkeit von ihrem Stolz.

Doctor Martin Luther redet von der Welt Hoffart: »Weil alle Menschen fühlen und erkennen, ja sehen, daß sie sterben und vergehen müssen, suchet ein Jeglicher hie auf Erden Unsterblichkeit, daß seiner ewig gedacht werde. Etwan suchtens große Könige, Fürsten und Herrn damit, daß sie ließen setzen große Marmelsäulen und sehr hohe Pyramides; Gebäue und Pfeiler, viereckicht aufgeführet und immer je höher je spitziger, damit vermeinten sie unsterblich zu werden, wie jetzt mit großen Kirchen, köstlichen, herrlichen Häusern und Gebäuen. Kriegsleute jagen und trachten nach großen Ehren und Lobe mit Obsiegen und rühmlichen Victorien. Gelehrte suchen ein ewigen Namen mit Bücherschreiben, wie wir denn jetzt bei unser Zeit auch sehen. Aber auf die ewige, unvergängliche Ehre und Ewigkeit Gottes siehet man nicht. Ah, wir sind arme Leute!«

Ein anders III.

»Der Welt Bosheit ist so groß,« sprach D. M. Luther, »daß sie aller Gaben Gottes mißbraucht; denn obwohl viel, so durch Gottes Wort erleuchtet sind, den Armen gerne leihen und helfen, doch sind ihr dagegen viel, die nicht allein nichts wieder geben, sondern auch Böses für Gutes bezahlen; ihnen ist das Leihen gleich als gefunden.
     Ich bin oft betrogen worden von unverschämten Bettlern und Streichern. Einen kleidete ich einmal und bracht ihm zuwegen einen guten Zehrpfennig, da er doch ein verzweifelter Bube war gewesen. Denn er kam zu mir und fragte mich um Rath in einem Fall des Gewissens; ich tröstete ihn, da er mich doch täuschte und eine Zeitlang zur Hochzeit gebettelt hatte; aber nicht lange darnach ward er gehängt. Ich bin vielmal von solchen Gesellen betrogen; ich meinte, alle Leute wären wie ich. Also hat D. Valentinus Mellerstadt Vielen mit seinem Gelbe gedienet, aber mit seinem großen Schaden. Es heißet, wenn ich einem leihen muß, so soll ers wiedergeben; leihen und geben ist zweierlei.«

Arznei wider unnütze Gedanken.

»Wenn ich,« sprach Doctor Martinus, »in Gedanken bin, so das weltlich oder Hausregiment belangen, so nehme ich einen Psalm oder Spruch Pauli, und schlafe drüber ein. Aber die Gedanken, so vom Teufel kommen, kosten mich etwas mehr; da muß ich einen starken Possen reißen, bis ich mich heraus reiße.«

Was Einsamkeit für Schaden bringe.

»Es geschehen viel mehr und größere Sünden, wenn die Leute allein sind, denn wenn sie sich zu anderer Leute Gesellschaft halten. Da Eva im Paradies allein spazieren ging, da hatte sie der Teufel gar betrogen und verführet. Item wo Winkel sind und einsamer Ort ist, allda geschehen gemeiniglich Todtschläge, Mord, Raub, Diebstahl, Unzucht, Ehebruch und alle andere Sünden. Denn wo eine solitudo und Einsamkeit ist, da hat der Teufel locum et occasionem, die Leute in Sünde zu führen; aber wer unter Leuten und bei ehrlicher Gesellschaft ist, der schämet sich, Sünde, Laster und Schande zu begehen, oder er hat je nicht Raum oder Gelegenheit darzu. Über das, so hat der Herr Christus auch verheißen und zugesaget, daß, wo ihrer zween oder drei in seinem Namen bei einander sind, da will er mitten unter ihnen sein. (Matth. 18. V. 20.)
     Also auch, da der König David einsam und müßig war, und nicht mit in Krieg zog, fiel er in Ehebruch und Todtschlag. Und ich habs von mir auch erfahren, daß ich nimmer in mehr Sünde falle, denn wenn ich alleine bin. Gott hat den Menschen zur Gesellschaft geschaffen, und nicht zur Einsamkeit. Das denn mit diesem starken Argument zu beweisen ist, daß Gott in der Schöpfung der Welt Mann und Weib geschaffen hatte, daß der Mann am Weibe eine Gesellin und Gehülfin haben sollte. So hat Gott auch die christliche Kirche gestiftet, die Gemeinschaft der Heiligen, daß die Christen zur Predigt zusammenkommen mögen und Trost aus dem göttlichen Wort anhören und die Sacramente gebrauchen.
    
Sonst machet die solitudo lauter Traurigkeit, und es hat einer arge, böse und beschwerliche Gedanken, wenn er allein ist. Da denkt man einem Ding emsiger nach, und ist uns etwas Widerwärtiges geschehen, so bilden wir es uns desto heftiger ein, und machen’s größer und ärger, denn es an ihm ist, gedenken, als sei Niemand unglückseliger, denn als wir sind, und träumen uns davon, als werde es ein böses Ende mit unsern Sachen gewinnen. In Summa, wenn wir allein sind, so haben wir wunderbarliche Gedanken und legen ein Ding immerdar ärger aus, denn es an ihm selbst ist; meinen dagegen, daß andere Leute viel glückseliger sind, denn wir, und thut uns denn sehr wehe, daß es Andern also wohl gehet und wir dagegen in Trübsal und allerlei Noth stecken.«

Böser Zusatz.

»Ein Hausvater spricht zu seinem Gesinde: Seid fromm und thut mit Fleiß, was ich haben will und befehle, sonst esset, trinkt, kleidet euch, wie ihr wollt. Also fragt Gott nicht, was wir essen und wie wir uns kleiden, er läßts uns Alles frei, Ceremonien und was Mitteldinge, Adiaphora sind, allein daß man nicht daran schmiere, als wären sie noth oder nütz zur Seligkeit.«

Aenderung der Kleider, was es bedeutet.

Es ward gedacht der Veränderung mit Kleidern und anderm Geschmuck, so jährlich vorgenommen wird und geschieht. Da sprach D. Martinus Luther: »Die Veränderung der Kleider wird auch bringen eine Veränderung der Regiment und Sitten. Wir ringen leider allzu sehr darnach.
     Der Kaiser Carl soll gesagt haben: Die Deutschen lernen von Hispaniern Stehlen, so lernen die Spanier von Deutschen Fressen und Saufen.«

Seines Berufes soll Keiner mißbrauchen.

D. Martin Luther sagte Anno 1546: »Es wäre kein Amt so klein, es sei Henkens werth.« Und sagte darauf diese Historie: »Es hätte eines Schulthes Kuh in einem Dorfe einmal eines andern Bauern Kuh übel gestoßen und beschädigt. Als nun die Bäuerin zu ihm gelaufen kam, und wollt’s ihm klagen, und sprach: ›Herr Schulthes, es hat eine fremde Kuh meine übel gestoßen und verwundet, ich bitte, Ihr wollet mir helfen, daß mir der Schade möchte erleget werden; was ist der Kuh Herr mir zu geben schuldig für den Schaden?‹ Der Schulthes sprach: ›Liebe Nachbarin, er soll Euch ein alt Schock für den Schaden geben‹. Da sagte die Bäuerin: ›Ja, lieber Herr Schulthes, es war Eure Kuh‹. Da sprach der Schulthes: ›War’s meine Kuh? das ist ein ander Ding‹. Und wollte der Frau nichts für den Schaden geben.«

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