Das Hohelied – Einführung

Literaturwissenschaft, Peter Paul Rubens, Wiese, Liebesgarten, Frauen, Männer

Theologie versus Literaturwissenschaft?

Die antike orientalische Sammlung jüdischer Autoren von Liebes- und Hochzeitsliedern werden im „Lied der Lieder“ zusammengefasst. Martin Luther gab der Anthologie die Bezeichnung „Hohelied“ um diese mit 1 Kor. 13 „Hohelied der Liebe“ zu verbinden.1aa Aus zweierlei Gründen ist die Vorgehensweise von Martin Luther kein Zufall: Zum einen suchte er eine Begründung für das Hohelied im Alten Testament, zum anderen hatte er sich intensiv mit den Paulus-Briefen auseinandergesetzt. Bis heute irritiert das Hohelied in der Bibel, kommt doch Gott allenfalls am Rande vor. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht gehört die Sammlung zu einem der interessantesten Kapitel, da diese wie ein Schlüssel für die Dichtkunst im orientalischen Raum dient.

In der Luther-Bibelausgabe wird das Hohelied den „Lehrbüchern und Psalmenzugeordnet, sie bildet hierbei den Abschluss. „Das Buch Hiob“ leitet die „Lehrbücher und Psalmen“ ein. In der fiktiven Geschichte über Hiob wird erzählt, wie der Teufel mit Gott wettet, dass er keinen Menschen finden würde, der ihm auch dann noch die Treue hält, wenn ihm buchstäblich alles genommen wird.
     Die Psalter, Sprüche und der Prediger Salomo bilden den Mittelteil in den Lehrbüchern. Zahlreiche Psalmen beinhalten Loblieder auf Gott, genauso gut aber auch Klagen, zuweilen sind sie in dem ein und demselben Psalm vorhanden. Loblieder, Hymnen auf Gott hinsichtlich seiner Liebe zu den Menschen werden an mehreren Stellen deutlich. Dabei werden häufig Bilder verwendet, um das Abstrakte verständlich zu machen, eine Vorgehensweise, die im Hohelied ihre Verdichtung findet.

Bis heute ist nicht geklärt, wer die Verfasser vom Hohelied sind. Lange Zeit nahm man an, dass es Salomo gewesen sei, inzwischen gibt es berechtigte Zweifel daran: Zum einen sind die Textteile nicht einheitlich, zum anderen beinhalten sie Sprachstile, die mehr nach der Zeit des Exils (ab 500 v.Chr.) verweisen.1ab

Im Hohelied wird die Liebe zwischen Frau und Mann auf unterschiedliche Weise dargestellt. Vermutlich stammen die altbabylonischen Textfragmente aus dem 18. Jahrhundert v.Chr., die altägyptischen Textfragmente aus dem 13. bis 11. Jahrhundert v.Chr.
     Vergleicht man altägyptische Liebeslieder mit dem alttestamentarischem Hohelied, so fällt sofort auf, dass in beiden Fällen ein Wechsel der Erzählperspektive – mal nimmt die Frau, mal der Mann die Erzählperspektive ein – stattfindet. Ebenso auffällig ist die Überhöhung des jeweiligen Gegenüber. Im Hohelied heißt es beispielsweise:

Seine Wangen duften wie Gartenbeete,
in denen würzige Kräuter sprießen.
Seine Lippen sind wie Lilien,
Myrrhenöl fließt von ihnen herab.
Seine Arme gleichen goldenen Stäben,
sie sind mit Edelsteinen besetzt.
Sein Leib ist aus Elfenbein geschnitzt,
Saphire schmücken seine Brust.
Seine Beine gleichen Alabastersäulen,
sie stehen fest auf goldenen Sockeln.
Seine Erscheinung ist wie der Libanon,
eindrucksvoll wie die Zedern.“2aa

In der altägyptischen Dichtung wird in den „Sprüchen der großen Herzensfreude“ ähnliches beschrieben:

Mit hohem Wuchs und schimmernder Brust,
hat sie echtes Lapislazuli zum Haar;
ihre Arme übertreffen das Gold,
ihre Finger sind wie Lotoskelche.“3aa

Die Überhöhung der / des Geliebten ist in allen Epochen der Literaturgeschichte zu finden, insbesondere in der Romantik. Man kommt um die Einsicht nicht umhin, dass es sich fast ausschließlich um den Zustand des Verliebtseins, mit Schmetterlingen oder wie Herbert Grönemeyer bezeichnet mit Flugzeugen im Bauch handelt, wenn man noch sehr in einem Bild über den anderen verhaftet ist, der Alltag und somit die Realität noch nicht Einzug genommen hat, wenn die Liebe sich noch nicht bewähren musste. Zugleich ist es eine Stilisierung der Liebe. Im Altertum war die Liebesbeziehung mehr den Bessergestellten vorbehalten, dass sich in Deutschland und anderswo bis weit über das Mittelalter hinaus bestehen blieb. Vordergründig mussten sich zwar Kaiser, Könige und Fürsten sich einer Heiratspolitik unterwerfen, sie konnten sich aber Mätressen erlauben und selbst katholische Bischöfe sowie Päpste nahmen sich dieses Recht.
     Das gesamte Hohelied scheint zunächst aus einem einzigen Zustand zu bestehen, nämlich aus dem Gefühl des Verliebtseins, aus einem berauschten vielleicht auch einem mythischem Zustand. Bei genauerer Betrachtung sieht das freilich anders aus: Es werden verschiedene Spielarten der Liebe beschrieben, mal handelt es sich um die erlaubte, mal um die unerlaubte Liebe, mal um die konkrete, mal um die distanzierte Liebe. Die unerlaubte Liebe, meist in Form von Prostitution, wird an mehren Stellen beschrieben wie in Hld. 1,6 („Meinen eigenen Weinberg habe ich nicht bewacht.“) Diese Stellen werden vor allem durch den Kontext sichtbar. Außerdem wird bei genauerer Betrachtung erkennbar, dass die Geschlechter keineswegs durchgängig sich auf Augenhöhe begegnen, vielmehr wird deutlich, dass die unerlaubte Liebe eine Bestrafung der Frau nach sich zieht wie in Hld. 5,7 („Sie schlugen mich, sie taten mir weh. Sie rissen mir den Schleier vom Kopf, diese schrecklichen Mauerwächter!“). Obgleich im achten Gebot steht, dass man keine weitere Frau begehren darf, wird an verschiedenen Stellen deutlich, dass man sich über dieses Gebot hinwegsetzt und zwar ausschließlich das männliche Geschlecht, dass in der Antike üblich war. Männer durften, ja sie sollten einen ganzen Harem für sich haben, da der Harem zugleich ein Ausdruck über ihren gesellschaftlichen Stand war.

Ganz so wie es in der antiken Literatur üblich ist, findet auch im Hohelied eine Vermengung zwischen der Gott- und Menschenwelt statt, wenn auch in abgeschwächter Form. In sehr ausgeprägter Form findet die Vermengung zwischen den Göttern und den Menschen in hellenistischen Texten wie bei Sophokles, ebenso in altägyptischer Dichtung wie in „Sprüchen der großen Herzensdichtung“. Darin begegnen sich die Göttin Hathor und der Prinz Mehi vom Hof des Pharaos. Im alttestamentarischem Text ist es, zumindest stellenweise, der Prophet Salomo, der sich mit einer weltlichen Frau trifft. Das Hohelied nimmt somit eine Übergangsposition ein. Propheten gehören nicht mehr der mythologischen Götterwelt an, sie sind jedoch von Gott Gesandte, sie verfügen nicht mehr wie andere mythische Gestalten über übernatürliche Fähigkeiten außer Gott gibt sie ihnen, diese sind aber auf ein Ziel gerichtet wie für Eroberung eines Gebietes oder für den Sieg eines Krieges. Am bekanntesten ist die Geschichte von David gegen Goliath. Die endgültige Trennung zwischen Gott und der Menschenwelt findet nach der Kreuzigung Jesu statt, freilich gibt es verschiedene Abstufungen, aber im Großen und Ganzen wird zwischen Jenseits und Diesseits getrennt.

Das Hohelied enthält verschiedene literarische Gattungen: Sehnsuchtslieder (Hld. 1,2 – 1,4; Hld. 8,1 – 8,4), Bewunderungslieder (Hld. 1,9 – 1,11; Hld. 4,8 – 4,11) und Prahllieder (Hld. 6,8 – 6,10).2ba In Ansätzen beinhaltet es auch die Gattung „Türklage“, auch Paraklausithyron genannt (Hld. 5,2 – 5,8) und das „Tagelied“ (Hld. 1,16) 1ba sowie die Teichoskopie, auch „Wächterlied“ genannt (Hld. 1,6 und Hld. 5,7). Die Ansätze der literarischen Gattungen werden erst später von den Troubadouren und Minnesängern vollendet.
     Wie oben erwähnt, werden zahlreiche Bilder – Symbole und Metaphern – angeführt, die insbesondere in den „Beschreibungsliedern“ (Hld. 5,9 – 5,16; Hld. 6,4 – 6,7; Hld. 7,2 – 7,10) ihren Niederschlag finden.2bb Hierbei handelt es sich überwiegend um die körperlichen Vorzüge.1bb Auch das ist aus der altägyptischen Liebeslyrik bekannt. In den „Liedern des Papyrus Harris 500“ heißt es beispielsweise:

Die Pflanzen des Sumpflandes (?) sind betörend:
(Der Mund) der Geliebten ist (wie) ein Lotos,
ihre Brüste sind Liebesäpfel,
ihre Arme sind feste Ranken.“3ba

Je nach Handlungsort im Hohelied sind die Metaphern doppeldeutig aufzufassen, vor allem jene, die sich im „freien Feld“ befinden (z.B. Hld. 2,16). Zudem gibt es satirische Anklänge wie in Hld. 4,1 – 4,5.1bc

Es liegt nahe, das Hohelied als Liebeslyrik am Hofe zu verorten, zumal man im Minnesang Parallelen findet wie „DÛ bist mîn, ich bin dîn: / des sollt dû gewis sîn. / dû bist beslozzen / in mînem herzen: / verlorn ist daz slüzzelin: dû muost immer drinne sîn.“1ca Aber gesichert ist das nicht, hingegen steht fest, dass Johann Wolfgang von Goethe in seinem „West-oestlicher Divan“ sich auf die Ghaselen von dem persischen Dichter Hafis und in zweiter Linie sich auf das Hohelied bezieht. Bei Hafis heißt es zum Beispiel:

Ein Wanderer der Liebe, bin
auf langen Pfaden endlich
Ich zu des Seins Gemarkung hingegen
aus Nichtseins Schlucht gekommen.

Ich schaute deiner Wangen Flaum
und bin zum Paradiese,
Zu pflücken dieses Liebeskrauts
geliebte Frucht, gekommen.“3ca

MEHR ZUM THEMA:
> lit.cologne – Abschlussveranstaltung: Erotik im Kölner Dom

Im Judentum ist das Hohelied ein fester Bestandteil des Pessach-Festes (Auszug aus Ägypten). Während im Judentum das Hohelied sehr bekannt ist, kennt man es in unseren Landen allenfalls grob den Inhalt. Man tut sich im allgemeinen mit der Einordnung schwer, spätestens seit Martin Luther hat man in der Theologie eine Lösung gefunden: Das Hohelied wird als Allegorie aufgefasst, die menschliche Sexualität blendet man hierbei gänzlich aus. Man setzt den Geliebten mit Gott (als Bräutigam) und Israel bzw. Kirche (als Braut) gleich.1da Je nach Lesart, literaturwissenschaftlich oder theologisch-religiös werden Bezüge zur Liebeslyrik im allgemeinen und der Erotik insbesondere gesehen oder eben nicht. Beide Sicht- und Herangehensweisen haben ihre Berechtigung, können sich gegenseitig ergänzen, wobei häufig die eine Lesart die andere eher ausschließt. In der Literaturwissenschaft neigt man zuweilen dazu, die theologisch-religiöse Anschauung außen vorzulassen, die Theologie blendet hingegen die Sexualität und Erotik gerne aus, da es bis heute einigen schwer fällt anzunehmen, dass Gott die Sexualität erschaffen haben könnte.

Das Hohelied in der alttestamentarischen Zusammensetzung (Lutherbibel 1545):

Capitel 1
Capitel 2
Capitel 3
Capitel 4
Capitel 5
Capitel 6
Capitel 7
Capitel 8

Ankerlichtung
© read MaryRead 2017

 Home > Ankerlichtung > Morsecode > Das Hohelied – Einführung


Einzelnachweise:

1aa, 1ab: (): Literaturwissenschaft online, Kapitel 1, zuletzt besucht am 22.11.2017
1ba, 1bb, 1bc: (): Literaturwissenschaft online, Kapitel 4, zuletzt besucht am 22.11.2017
1ca: (): Literaturwissenschaft online, Kapitel 6, zuletzt besucht am 22.11.2017
1da: (): Literaturwissenschaft online, Kapitel 2, zuletzt besucht am 22.11.2017

2aa: BasisBibel: Hld. 5,13 – 5,15
2ba, 2bb: BasisBibel: Das Hohelied, Deutsche Bibelgesellschaft – Stuttgart 2017, S. 7

3aa: Hg.: Erik Hornung: Altägyptische Dichtung. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Erik Hornung, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1996, S. 139 (3. Strophe)
3ba: S. 145 (Teil 3, 1. Strophe)
3ca: S. 64 f. (Teil 30, 2. und 3. Strophe)


Service:


Print Friendly, PDF & Email