ZeitFenster: Deutscher Herbst 1977

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Auf welcher Grundlage handelten sie?

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem Deutschen Herbst und dem islamistischen Terror?

Auf der Nordhalbkugel braut sich in den 1960er Jahre eine Revolte zusammen. In den USA protestiert man gegen den unmenschlichen Vietnamkrieg. In Europa laufen junge Menschen wie in Großbritannien, Italien und Frankreich Sturm gegen soviel „Entwertung der eigenen Existenz“1aa und selbst im fernen Japan macht man sich lauthals Luft bei dem biederen Lebensstil.
     In Deutschland benötigt man für Strömungen aller Art eine theoretische Grundlage, wie die Romantik mit Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (Pseudonym: Novalis), der die Auffassung vertritt,

dass eine Veränderung der Gesellschaft nur durch >Revolution< des Denkens und des Schreibens bewirkt werden könne. Novalis sprach in diesem Zusammenhang davon, dass die Welt >romantisiert< werden müsse, damit die Entfremdung überwunden und der ursprüngliche Sinn des Lebens wiederentdeckt werden könne.“2

Die 1968er brauchen für ihre Haltung ebenfalls eine theoretische Begründung, die ihnen hauptsächlich Theodor W. Adorno (bürgerlicher Name: Theodor Wiesengrund) liefert. Theodor W. Adorno wurde am 11.09.1903 in Frankfurt am Main geboren und stirbt am 06.08.1969 in Visp (Wallis). Er widmet sich als Student der Philosophie, Soziologie und Musiktheorie. Als er aus seinem Exil zurückkehrt, wird er Professor für Sozialforschung in seiner Geburtsstadt. Er schreibt mehrere Bücher, teilweise zusammen mit seinem Kollegen Max Horkheimer. Bis heute wird er in allen drei Disziplinen gerne zitiert und bearbeitet.
     Die beiden Werke „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ (1951) und in „Negative Dialektik“ (1966) beschreiben unter anderem den heutigen Menschen, der in einer permanenten kaum zu ertragenden Spannung lebt. Die Spannung besteht darin, dass der Mensch nach Glück und Harmonie strebt, doch an der Wirklichkeit scheitert, die für ihn ein „Verblendungszusammenhang“ ist. Politik und Medien gaukeln den Menschen etwas vor, wie sie zu sein haben, worin sie ihr Glück finden können, was für sie notwendig ist. In Wirklichkeit werden sie von ihrem ursprünglichen Wunsch nach Glück und Harmonie abgehalten, ja, sie können noch nicht einmal mehr erkennen, dass sie dieses Streben in sich tragen. Da der Einfluss bis ins Private geht, ist es für den Menschen unmöglich, seinem innersten Wunsch nachzugehen, denn es gibt „kein richtiges Leben im falschen1ca.
     Diese sehr düstere Weltanschauung kommt nicht von ungefähr. Das Dritte Reich liegt gerade mal ungefähr 20 Jahre zurück, von Aufarbeitung oder gar Schuldeingeständnis einzelner Personen kann in den 1960er Jahre keine Rede sein. Hingegen erleben die jungen Menschen, wie über die Tötungsmaschinierie geschwiegen wird, man zieht sich zurück ins Private, Familienleben und Moralvorstellungen stammen aus der Wilhelminischen Zeit. Die revoltierende Jugend knüpft an dasselbe Zeitalter an. Dieses Zeitalter ist eng verwoben mit der „literarischen Moderne“, des Naturalismus, Expressionismus und Dadaismus. Es ist ein Zeitalter mit vielen Aufbrüchen in Kunst und Literatur, ebenso in der Gesellschaft. Die passive Rolle der Frau im öffentlichen Leben wird infrage gestellt und einige Frauen ergreifen einen Beruf. Autoritäten werden entlarvt, wie in „Professor Unrat“ von Heinrich Mann, Konflikte in Familien werden zum Dauerthema wie bei Franz KafkaDas Urteil“ und „Die Verwandlung“. Explosionsartig werden neuartige Stile entwickelt. Unter dem Motto „Kunst kann jeder“ ist alles erlaubt. Um sich als Künstler durchzusetzen, kommt es nur noch darauf an, der erste mit einer „neuen“ Idee zu sein, technisches Know how, Weiterentwicklung der bildhauerischen und malerischen Fähigkeiten hinsichtlich von Ästhetik ist nahezu tabu. Das Wettrennen um den ersten Platz ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnet. Es setzen sich fast nur noch die Künstler durch, die für ihre Arbeiten ein pädagogisches Ziel, dem Zeitgeist entsprechend, liefern. Dafür füllt man ganze Museen mit Steinen auf, lässt ein wenig Wasser über die Steine plätschern und erklärt, dass auf diesem Wege die Menschen die Natur erleben können und fertig ist die Kunst. Diese Art von Kunst entspricht völlig dem Zeitgeist. Im Museum wird man nicht durch Regen nass, es ist bequem, kein langer Weg, kann sich nicht verlaufen. Man kann für einen Moment Natur erleben, muss sich dafür keine Zeit nehmen, braucht nichts vorzubereiten. Keine Zeit zu haben, die Ruhelosigkeit ist längst in der Kunst angekommen. „Kunst braucht Zeit“ ist nur noch eine Phrase.

Neben den Auseinandersetzungen mit Autoritäten, infrage stellen von gesellschaftlichen Normen, begleitet vom explosionsartigen entwickeln neuer Stile, gibt es im Wilhelminischen Zeitalter eine Kehrseite. Das allgemeine Leben ist bieder, die schlichte Häuslichkeit wird kultiviert.
     Junge Menschen revoltieren dagegen, sehen sich gleichzeitig der Orientierungslosigkeit ausgesetzt. Man sehnt sich nach dem „wahren“ Leben, sehnt sich nach einem „neuen“ Menschen, kurzum: man will das Paradies auf Erden, in all der Verzweiflung und apokalyptischen Ängsten. Der Gegensatz von paradiesischer Sehnsucht und der Krise ist das Spannungsfeld im Wilhelminischen Zeitalter. Da Glück und Zufriedenheit nicht existiert, gelten nun Wut, Zorn und Hass als Ausdruck von Lebensenergie, die häufig mit sexueller Lust verknüpft werden.
    
Theodor W. Adorno hat dieses Zeitalter als junger Mensch erlebt, sowie den Ersten Weltkrieg und in Folge die Weimarer Republik erlebt hat. Die Weimarer Republik befindet sich ebenfalls in einem Spannungsfeld, doch hierbei geht es nicht um das Private sondern es ist ein politisches Spannungsfeld zwischen Anhängern des Kaisertums, faschistischem und dem kommunistischen Gedankengut. Bertolt Brecht ist ein Vertreter des Kommunismus, der einen „neuen“ Menschen nur im Kommunismus als möglich sieht.
     Wenn Theodor W. Adorno in seinen Schriften sich über das Spannungsfeld des Menschen äußert, der sich nach Glück und Harmonie sehnt, doch an der Wirklichkeit des „Verblendungszusammenhangs“ scheitert, so ist sein Weltbild vom Wilhelminischen Zeitalter und Weimarer Republik geprägt. Auch wenn sein Weltbild eher düster ist und davon ausgeht, dass der paradiesische Zustand unter den gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen der Nachkriegszeit nicht annähernd erreicht werden kann, lehnt er gewalttätige Auseinandersetzungen ab. Das sehen die Aufständigen der 1960er Jahre durchaus anders. Sie haben – bis auf wenige Ausnahmen wie Ulrike Meinhof – keinen Weltkrieg erlebt.
    
Die Revolutionäre in den 1960er Jahre wollen sich von den „Ewig-Gestrigen“ absetzen, die immer noch das alte Kaisertum herbeisehnen, etwas Neues schaffen und greifen dabei selber auf die Lebenseinstellung aus dem Wilhelminischen Zeitalter zurück. Sie wollen sich erproben wie es ein paar Jahrzehnte zuvor die Expressionisten taten. Sie lassen sich leiten von Theorien der Vergangenheit, die geprägt sind vom Wilhelminischen Zeitalter, Erster Weltkrieg, in der Folge Weimarer Republik und im menschenverachtenden Desaster endet. Sie wollen die Voraussetzungen für ein faschistisches System ausmerzen und knüpfen an einen Punkt an, der ein Baustein (unter vielen ist), der das Dritte Reich erst ermöglichte. Sie werfen dem Establishment vor, dass sie nicht bereit sind, die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten und sind selber blind gegenüber den sozialistischen Staaten, allen voran Mao Zedong.
     Das Wilhelminische Zeitalter mündet in den Ersten Weltkrieg, die 1968er in den Deutschen Herbst mit ihrer Bewegung des „2. Juni“ und RAF.
    
Man kann darüber erstaunt sein, dass die 1968er Bewegung in vielen Staaten der Nordhalbkugel stattgefunden hat. Schaut man sich die betroffenen Staaten an, so stellt man fest, dass es sich hierbei um jene Staaten handelt, die Akteure im Zweiten Weltkrieg waren, bis auf die Ostblockstaaten, dass jedoch auf ihr politisches diktatorisches System zurück zu führen ist.

Mehr zum Thema:
> Roman: Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S.

> Biografie: Alois Prinz: Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof

Die heutigen Terroristen wollen die westliche Lebensvorstellung verbannen, dämonisieren und bekämpfen sie. Auch sie wollen das Paradies und wenn man es nicht auf Erden haben kann, muss man sich den Weg abkürzen und erkauft es mit Menschenleben, denn die Devise gilt: Tötest du einen deiner Feinde, so bist du ein Märtyrer.
     Zwischen den Terroristen im Deutschen Herbst und den heutigen gibt es Parallelen: Sie wollen alle eine bessere Welt und erreichen das Gegenteil. Niemand von denen würde sich als Terrorist bezeichnen; im Deutschen Herbst bezeichnen sie sich als Revolutionäre und die heutigen als Handelnde im Namen Gottes. Sie betrachten sich als etwas Besonderes und stellen sich über Gesetze und Menschenrechte. Ein Ziel erreichen sie alle: Angst und Schrecken zu verbreiten. Es macht eben keinen Sinn, alten Wein in neue Schläuche zu gießen.

– Andreas Wagemut –
© read MaryRead 2017

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Einzelnachweise:

1aa, 1ba: Alois Prinz: Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof, Beltz & Gelberg – Weinheim, Basel, 2007 (2), S. 173 / S. 188

2: Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Christine Kanz, Bernd Lutz, Volker Meid, Michael Opitz, Carola Opitz-Wiemers, Ralf Schnell, Peter Stein, Inge Stephan: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag J. B. Metzler – Stuttgart, Weimar – 2008 (7), S. 203


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