Literaturlexikon: Hagiographie

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Heiligen-Erzählungen in der Literatur

Unter der Sammelbezeichnung Hagiographie, der Begriff setzt sich aus dem griechischen hágios = heilig und grápein = schreiben zusammen, werden sämtliche Schriften über Heilige zusammengefasst.

Nach der großen Christenverfolgung unter römischer Herrschaft werden in der Spätantike die ersten Märtyrer-Biographien verfasst, die vor allem die Tugendhaftigkeit und ihre Glaubensfestigkeit in den Vordergrund rücken.1a

Zu den bekanntesten Hagiographien gehört die Legende über Martin von Tours, dessen Teilung seines Mantels mit einem Bettler jedes Jahr am 11. November bedacht wird.
     Im ehemaligen Herrschaftsgebiet der Byzantiner, vor allem aber in Georgien, kennt man das „Martyrium der Heiligen Schuschanik“ verfasst von Iakob Zutaweli, dass im 5. Jahrhundert in Umlauf kommt. Darin wird das Leben der armenischen Prinzessin Schuschanik (deutsch: Susanne) beschrieben, die sich weigert, die Religion der neuen persischen Herrscher, den Zoroastrismus anzunehmen und von ihrem Ehemann ins Gefängnis und in Ketten gelegt wird. Bis heute ist diese Hagiographie in Georgien Pflichtlektüre für jeden Oberschüler.2

Die religiösen Schriften sind aufgeladen mit Motiven wie Jungfräulichkeit, Keuschheit, Askese und Wunder.1b

Häufig bestehen die Heiligenleben aus übernommenen Klischees. «Nicht nur die Motive so mancher Erzählung sind von Hand zu Hand gewandert, sagt WILHELM LEVISON, auch der Wortlaut zahlreicher Wendungen ist immer aufs neue ausgeschrieben worden, und mehr als eine Vita zum größeren oder geringeren Teil mosaikartig aus Stücken zusammengesetzt, die für das Bild anderer Heiliger bestimmt waren.»3a  

Ab dem 9. Jahrhundert gibt es eine signifikante Zunahme von Hagiographien, das bis ins späte Mittelalter weiter ansteigt und einhergeht mit dem allgemeinen Heiligenkult und der Reliquiensammlung. Die literarischen Werke finden Eingang in die Liturgie sowie in den klösterlichen Tischlesungen.1c

Martin Luther kritisiert den Umgang mit den Hagiographien scharf, dass auf katholischer Seite dazu führt, dass sie diese mit apologetischen Schriften, gemeint sind die Lehren griechischer Theologen aus dem 2. Jahrhundert, versehen als eine Art Rechtfertigung. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts kommen auch von protestantischer Seite Hagiographien in Umlauf, deren Ausrichtung jedoch mit einem betont didaktischen Anspruch und einem „kritisch-zeitgenössischen Bezug auszeichnet.“1d
     Außerdem werden von protestantischer Seite etliche Hagiographien als „Pfaffenbetrug“ vorgeführt, 4aa dass auf katholischer Seite dazu führt, dass sie sich zunehmend gezwungen sehen, Legenden auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu untersuchen und zu beweisen.

Bedeutung der Hagiographien in der Literaturwissenschaft

Für die Literaturwissenschaft sind die Hagiographien insofern bedeutsam, da die neue Gattung „in das Formensystem der heidnischen Literatur übertragen“ wird, „Bibeldichtungen und Heiligenleben in der Form des lateinischen Epos“ entstehen.3b

Zudem konnte der Beweis erbracht werden, dass einige Hagiographien, neben der Biographie des jeweiligen Heiligen, noch weitere Funktionen haben: Zuweilen werden politische Zielsetzungen, ökonomische Vorteile verfolgt sowie diese als „geistliches Schwert“ seitens des Klerus eingesetzt. Bei der isländischen Hagiographie über Guðmundr Árason konnte beispielsweise Joanna A. Skórzewska nachweisen, dass der „Kult der Person gezielt gefördert und hierdurch politische und ökonomische Interessen gestärkt“ wurden.5  

In den früheren Hagiographien sind es vor allem zunächst Märtyrer, die zunächst schriftlich festgehalten werden, dem folgen die Bekenner (zum Christentum). Diese sind vor allem Äbte und Äbtissinnen, Nonnen und Mönche, Bischöfe, Priester und Eremiten, selten Laien. Einen Sondertypus stellen die Könige dar. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Heiligen-Erzählungen, die eher seltsam sind und die Frage aufwirft, wie diese überhaupt als solche geführt werden können. Ein paar Beispiele: Das Martyrium für Gangulf liegt darin begründet, dass er vom Liebhaber seiner Frau ermordet wird. Reinold arbeitet als Maurer in einer Kirche, verzichtet aufgrund seines Verständnisses von Bedürfnislosigkeit auf seinen Lohn, das zur Folge hat, dass das Lohnniveau für alle sinkz, seine Kollegen deshalb wütend auf ihn sind und ihn erschlagen. „Opfer von Räubern können genauso gut verehrt werden wie Räuber, die reumütig gestorben sind ja sogar notorische Wüstlinge, die als einzige gottgefällige Tat nur Mädchen namens Maria verschonten, konnten nach ihrem Tode Wunder bewirken.“4ba 

Die Hagiographien dienen den späteren Epen, die meist im Mittelalter entstehen, als Vorbild, nunmehr ist es nicht mehr der Heilige sondern der Held bzw. der Ritterheld wie im Epos des „Rolandslied“ aus Frankreich. Die Gestalt des Ritters, „der zum Heiligen wird, den Typus des idealen Ritters zu schaffen, der zwar in der Regel nicht hagiographisch stilisiert ist, dennoch vielfach spürbare Einflüsse der legendarischen Tradition verrät“ 4bb.

Hierzulande sind die Hagiographien weitestgehend aus dem Alltag verschwunden, dennoch gibt es sie weiterhin; das bislang unabgeschlossene begonnene Werk „Acta Sanctorum“ von dem Jesuiten J. Bolland ist nur ein Beispiel.

Als die Romantik für sich die Hagiographien entdeckt, geht ein Wandel der literarischen Bewertung einher. Der belgische Jesuit Hippolyte Delehaye entwickelt eine neue Methode der Heiligen-Forschung:

Für den Heiligen und seinen Kult waren nun genauso primäre Quellen entscheidend, wie für alle anderen historischen Personen und Ereignisse; in den Vordergrund rückten »objektive Angaben« (coordonees hagiographiques) wie Inschriften, Kultdaten u.a.m. die Legenden wurden als »Literatur« eingestuft, ihnen ein Erkenntniswert für die Geschichte der Heiligen abgesprochen, sofern es sich nicht um Berichte von Augenzeugen oder Zeitgenossen handelte.“4ca 

Was auf den ersten Blick als eindeutig erscheint, entpuppt sich im weiteren literaturhistorischen Verlauf als ein komplexes Metier, dass je nach Zeitgeist und Forschungsergebnissen immer wieder aufs neue analysiert und bewertet wird. Zurzeit werden die Hagiographien im literaturhistorischen Kontext analysiert, die Legenden werden auf ihre Motive reduziert und von der Form her gedeutet. „Eine strukturalistische Untersuchung, die bereits für Mythen und Märchen“ angewendet wird, ist bislang bei den Hagiographien ausgeblieben.4cb

Kritik an der Definition und Auslegung

Der literarische Fachbegriff von Hagiographie wird relativ eng ausgelegt, die Forschung untersucht hierbei lediglich die christlichen Heiligen-Biographien, was aber sehr unzureichend ist. Einerseits ist das Martyrium zwar im Christentum verankert, es gibt etliche markante Stellen im Alten und Neuen Testament, andererseits steht das Christentum mit seinen Heiligen in der religiösen Welt nicht alleine dar, man denke nur an den Islam und seine Heiligenverehrung wie die Heilige Fatima.

Der marokkanische Soziologe Abderrahman Ammar erklärt:

Die Überzeugung dahinter ist, dass die Seele nicht sterbe und die Heiligen daher eine Brücke zu Gott seien. Die Gräber spielen eine große Rolle, sie gelten als Wunder, dass Verstorbene immer Macht haben und ihr Charisma immer lebt und weil sie bei Gott sind, diese Nähe zu Gott ermöglicht es ihnen, weiterzuleben“.6

Ebenso kennt der Buddhismus, Hinduismus und auch der Jainismus Heilige, wenngleich sie aus anderen Motiven als wie im Christentum verehrt werden.7

Die Zielrichtung der Heiligen-Legenden ist vor allem die Glaubensfestigkeit unter widrigen Umständen darzustellen, also die Legitimation dafür, weshalb ein Mensch sich außerhalb einer Gruppe stellen darf, ja, vielleicht sogar muss, dass Ansprüche von Herrschern verweigert werden dürfen. Unter diesem Gesichtspunkt müsste die Gattung „Hagiographie“ erheblich erweitert werden, nämlich um alle religiös motivierten Handlungen, die sich gegen ein Herrschaftssystem ihrer Zeit wenden.
     Zu untersuchen wäre aber auch, inwiefern die verschiedenen Religionen und Konfessionen sich im Bereich der Hagiographien beeinflusst haben. Man denke beispielsweise an die alten Handelsstraßen, wie die Bernsteinstraße in der Bronzezeit oder der Seidenstraße, die bis ins 13. Jahrhundert nicht nur als Austausch von Waren dienen sondern auch als Weitergabe von Informationen und Kulturgütern.

Wirkung der Hagiographien

Bemerkenswert ist, dass Heiligenverehrung auch im aufgeklärten Europa weiterhin betrieben wird, die im säkularen Alltag Eingang gefunden haben, wie der Heilige Martin oder Heilige Nikolaus. Es Rezension, mehrsprachiges Bilderbuchwirft ein seltsames Bild auf eine Gesellschaft, wenn genau solche Heiligen verehrt werden, deren Handlungen banal sein müssten, der Heilige Martin teilt seinen Mantel für einen Bettler, der Heilige Nikolaus verteilt Lebensmittel an Bedürftige, beides müsste selbstverständlich sein und genau das ist es offensichtlich bis heute nicht, denn wäre es selbstverständlich, müsste man nicht jedes Jahr aufs Neue daran erinnern.

Der Typus Heiliger wird in den weiteren Genres etabliert, meist wird er darin als Held verehrt. Im Laufe der Zeit ändern sich jedoch die Attribute, wie Jungfräulichkeit ist weitestgehend in der heutigen Literatur verschwunden.
     Mithilfe der Hagiographien verändert sich eines grundlegend: Waren bislang biografische Beschreibungen vor allem Herrschern vorbehalten, so konnten nun Texte unabhängig vom gesellschaftlichen Status über eine Person geschrieben werden. Ruhm und Ehre ist nicht mehr allein auf soldatische Aufgaben oder künstlerische Fähigkeiten beschränkt, diese können nun auch durch solidarisches Handeln genauso erworben werden wie durch Widerstand gegen Könige und Fürsten. Nicht mehr anerkannte Autoritäten bestimmen darüber, wer eine beachtenswerte Leistung vollbracht hat, sondern das Volk bestimmt, wer sich durch religiös motivierte Moral hervorgetan hat.

– Magdalena Schwarz –
© read MaryRead 2017

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 Einzelnachweise:

1a, 1b, 1c, 1d: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur – Verlag J.B. Metzler – Stuttgart – Weimar, 2007 (3); S. 300

2: Wikipedia (): Martyrium der Heiligen Schuschanik, zuletzt besucht am 19.05.2017

3a: NA 35, 1910, 220. – Stereotyp sind Wendungen wie de mirabilibus pratermissis et quod nullus sermo ad eius omnia opera sufficiat (Poeatae IV 960), in: Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, Francke Verlag – Bern – Zürich 1948 (9), S. 169
3b: Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, Francke Verlag – Bern – Zürich 1948 (9), S. 169

4aa (): Hagiographische Schriften als Quellen der „profanen“ Geschichte, Universität Heidelberg, S. 30 (pdf), zuletzt besucht am 19.05.2017
4ba, 4bb: S. 35 ff.
4ca, 4cb: S. 32

5Astrid Maria Katharina Marner: glosur lesnar af undirdiupi omeliarum hins mikla Gregorij, Augustini, Ambrosij ok Jeronimi ok annarra kennifedra: Väterzitate und Politik in der Jóns saga baptista des Grímr Hólmsteinsson, Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 2013, S. 17 f. (pdf)

6: (): Hüseyin Topel: Heilige im Islam: Verehrt und verboten, Deutschlandfunk 13.02.2017, zuletzt besucht am 19.05.2017

7: (): Gerhard Czermak: Problemfall Religion: Ein Kompendium der Religions- und Kirchenkritik, zuletzt besucht am 19.05.2017

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