Frankfurter Buchmesse 2017: Reinhold Messner und sein Roman „Wild“

Simone Jawor, erzählt, Interview

Reinhold Messner (re), Frankfurter Buchmesse 2017 / Foto: © Simone Jawor

Ein bisschen wie der Papst

Reinhold Messner nimmt in Frankfurt seltsame Worte in den Mund

Als der amtierende Papst Franziskus sein Amt antrat, ging ein Raunen durch die Menge auf dem Platz vor dem Petersdom und gleichsam durch die globale mediale Öffentlichkeit: „Hat er das wirklich gesagt?“ Man konnte es kaum fassen: Ein katholischer Papst hatte ein seltsames Wort ins Zentrum seiner Antrittsrede gerückt, antiquiert und des hohen Amtes scheinbar kaum würdig: BARMHERZIGKEIT. Siehe da…!
     Nun würde wohl niemand so weit gehen, Reinhold Messner als Papst zu bezeichnen und auch ein einfacher Vergleich drängt sich nicht ohne Weiteres auf. Doch der Rekurs auf Franziskus ist die ausgelöste Assoziation, wenn ein lebensweiser Mensch, schlimmer noch: ein Mann, es wagt in den neoliberalen Stumpfsinn und die terrorinduzierten Angstgefühle der Gegenwart hinein pathosverdächtige, als Gutmenschengebrabbel missachtete Vokabeln zu verwenden.
    
Messner beschwört nicht die Barmherzigkeit. Seine Themen sind in enger Verbundenheit: Vertrauen und Empathie. Sie bilden das Leitmotiv im Gespräch des Moderators mit Messner, der zur Frankfurter Buchmesse gekommen ist, um sein neues Buch „Wild“ vorzustellen. Ähnlich wie seinerzeit Franziskus ruft Messner beim geneigten Zuhörer erst mal Verblüffung hervor, denn was haben Päpste und Bergsteiger wirklich mit den Menschen unter ihnen zu tun? Zumal sich der moderne Zuhörer fast reflexartig ein wenig gruselt, wenn es unerwartet menschelt. Müssen Menschen, die das Extreme suchen nicht eigentlich ziemlich harte Kerle sein? Emotionslos, eiskalt berechnend und abgestumpft? Eben nicht.
    
Vertrauen und Empathie als Gesprächsthemen ergeben sich bereits aus der Beschaffenheit der Geschichte, die Messner niedergeschrieben hat: Eine Gruppe bricht 1914 unter Polforscher Ernest Shakleton auf, um die Antarktis zu durchqueren, doch ist es schließlich Frank Wild, der dank seiner Persönlichkeit eine Katastrophe verhindert, indem er die gestrandeten Männer mittels seiner Persönlichkeit aufrecht erhält, während Shakleton Hilfe holen will.
    
Für Messner mehr als nur eine spannende Geschichte, die zunächst das Leben schrieb und er selbst dann noch einmal. Eindringlich erzählt er im Gespräch, wie absolut zentral seiner Meinung nach Empathie und Vertrauen im Sozialverbund zwischen Menschen sind, obwohl die so genannte Ellenbogengesellschaft anhaltend gegenteilige Entwürfe liefert.
    
Messner empfiehlt die Lektüre seines Textes Managern und Bossen, um sich darauf zu besinnen, dass Empathie wichtiger sei, als „in der obersten Etage zu sitzen“. Wer es für sich in Anspruch nehme, andere führen zu wollen, müsse diese anderen für ein Ziel begeistern können, die Gruppe mittels Empathie dazu bringen, sich dieses Ziel völlig zu eigen zu machen. In diesem Sinne spricht er sich für eine Welt und eben auch für eine Wirtschaftswelt aus, die nicht darauf baut, vermeintlich Untergebene zu unterdrücken, einzuschüchtern, zu betäuben oder zu drillen, sondern sie durch ein gemeinsames Ziel und wechselseitiges Vertrauen menschlich mitzunehmen.

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Dem einen oder anderen Leser mag diese Botschaft fast schon zu missionarisch klingen. Andererseits haben solche Äußerungen lebensweiser Menschen, nachdem man den ersten Schauder überwunden hat, etwas wohltuendes. Niemand vermag genau mit dem Finger auf den Punkt in der Zeitleiste zu zeigen, an dem es fast schon zu einem Tabu geworden ist, so zu sprechen als würden einem die Mitmenschen etwas bedeuten. Es ist einfach uncool, wenn es menschelt! Man klammert sich lieber an so genannte Fakten. Man mag von Reinhold Messner halten was man will (vom Papst ebenso), doch es braucht Menschen, die in der Öffentlichkeit in dieser Weise vorpreschen und etwas zurückbringen, von dem man erst jetzt zu begreifen beginnt, dass es irgendwo verloren gegangen ist.

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

► Bordbuch

Sachbuch, Natur, Antarktis, oder Der letzte Trip auf ErdenReinhold Messner: Wild
oder Der letzte Trip auf Erden
Roman
gebunden
312 Seiten
Format (H x B x T): 210 x 133 x 28 mm
Gewicht: 450 g
erschien: 19.09.2017
Verlag: S. Fischer
ISBN 978-3-10-397318-1
Preis: 20,00 € (D), 20,60 € (A)

E-Book (ePUB): 16,99 € (D, A)

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