„Die Füchsin spricht“ von Sabine Scholl

Literaturmagazin, read Mary Read,, geometrische Figur,, rot-braun, Illusion, Tänzerin, rote Farbe,

Ein Plädoyer für die Alternative

Eine spannungsgeladene Beziehung und die Suche nach dem Lebensglück

Auf der einen Seite Berlin als Lebensmittelpunkt für Antonia Mayringer und ihrer neunjährigen Tochter Kiki, auf der anderen Seite Tokio mit Georg Mayringer, seiner Frau Ryo und seinem Sohn Ko. Naheliegend ist, dass Georg und Antonia, von den meisten wird sie Toni genannt, mal ein Ehepaar waren, dass aber in Japan in die Brüche ging. So enden einige Geschichten, der Roman „Die Füchsin spricht“ von Sabine Scholl beginnt damit, stellt sich die Frage, wann werden haarfeine Spalten zu Rissen, wann werden Risse sichtbar und ab wann sind diese nicht mehr zu kitten?
     Toni folgt ihrem Mann nach Japan, der dort eine sehr attraktive Arbeitsstelle angeboten bekommt. Während Toni sich mit der japanischen Sprache und Kultur schwer tut, dem eher abweisend gegenüber steht, wirft sich Georg mitten hinein, saugt Sprache und Kultur auf, entwickelt währenddessen eine Überheblichkeit gegenüber seiner Frau, die anders ist als er. Dann lernt Georg eine Japanerin kennen, heiratet sie und sie bekommen einen Sohn. Toni reist als zurückgewiesene Frau mit ihrer Tochter zurück nach Berlin, versucht eine Balance zu finden zwischen ihrer Trauer und Wut und dem Zauber eines Neuanfangs, baut ihr Leben auf, nimmt eine befristete Professorenstelle an. Nach außen wirkt alles normal, doch bei allen Protagonisten hat sich etwas Dunkles in ihre Seelen geschlichen, dass sie nicht wahr haben wollen und nur eine Katastrophe (griechisch: Wendepunkt) kann sie aus ihrer Lethargie, aus altgewohntem und liebgewordenen Trott herausholen. Katastrophe als Chance? Zuweilen kann das so sein.
    
Obwohl das Ex-Ehepaar tausende Kilometer von einander trennt, so gibt es außer der gemeinsamen Tochter einen Bezugspunkt, über das sie über Ecken in Kontakt bleiben. Das Paar Anniko und Bela, sie stammen aus Ungarn und sind unter der sozialistischen Herrschaft geflohen, haben sich im Laufe der Jahre in der Uckermark einen Ökobauernhof, einen Selbstversorgerbetrieb aufgebaut. Beide können trotz der vielen Arbeit weiteren Beschäftigungen nachgehen, einen Großteil ihrer Lebensträume verwirklichen, Anniko geht ihrer künstlerischen Begabung nach, Bela beschäftigt sich ausgiebig mit der digitalen Welt, betreibt eine eigene Website. Es ist der Traum vieler, die nicht an das alternativlose glauben. Jeder, der dort ein und ausgeht, fühlt sich in diesem Haus auf Anhieb geborgen.
     Toni kämpft nicht nur um ihren Arbeitsplatz sondern auch um ihre Tochter, die nicht weiß, was sie mit ihrem Abitur, was sie mit sich anfangen soll, zu viele Begabungen, zu viele Möglichkeiten, die zunehmend in die sozialen digitalen Netzwerke abdriftet, der Hof in der Uckermark wird ihr Rettungsanker. Außerdem ist Toni mit Sascha befreundet, die sexy ist, nahezu jeden Mann um den Finger wickelt, fast jeden Arbeitsplatz ihrer Wahl ergattert und dennoch versinkt sie in nebulösen Träumen bis sie eines Tages keinen Weg mehr dort herausfindet.
    
Und Georg? Bei ihm scheint alles glatt zu laufen, problemlos fügt er sich in die japanische Kultur ein, ist glücklich. Dann geschieht das, was niemand für möglich gehalten hat, höchstens in der Theorie, höchstens in einem Land wie der untergegangenen Sowjetunion, in einem Landstrich, dass heute zur Ukraine gehört: die Atomkatastrophe in Fukushima. Diese Katastrophe ändert alles: nicht nur, dass es in Deutschland den Ausstieg aus dem Ausstieg des Atomstroms herbeiführte, es ändert das Leben der Japaner, das Leben von Georg. Zunächst geht es in erster Linie darum, Fukushima wieder zum Leben zu erwecken ohne eine weitere Lebenslüge zu produzieren. So wenig, wie dies der japanischen Öffentlichkeit gelingt, so wenig gelingt es Georg, denn nun, in und nach der Katastrophe werden Risse sichtbar, die kulturellen Unterschiede und keine Staubschicht kann dick genug sein, um all das auf Dauer zu überdecken. Erst langsam, dann immer schneller begreift Georg immer weniger und nur in den Mailaustauschs mit Bela kann er sein Herz ausschütten.

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Zum Glück versucht der vielschichtige Roman erst gar nicht, zwischen Richtig und Falsch sich zu entscheiden, vielmehr zeigt dieser, dass Entscheidungen im Leben immer erst im Nachhinein sich als Richtig oder Falsch erweisen, manchmal trifft man zufällig die richtige Wahl und selbst diese gilt häufig nur für den Augenblick. In den Vordergrund wird das Unscheinbare – Fukushima und Uckermark – gerückt, Orte, in dem kaum jemand freiwillig leben möchte, ein Sinnbild für das Kleine, indem die Chance auf Leben verborgen liegt, dort besteht die Möglichkeit sich freizumachen von eigenen Zwängen, gesellschaftliche Entwürfe werden uninteressant, weil man begreift, dass Selbstverwirklichung kein Ego-Trip ist sondern letztendlich allen dient und das in einem Maße, das herkömmliche Lebensentwürfe nicht bieten können. Doch eines wird auch deutlich: seiner Biografie kann man niemals entrinnen, auch nicht auf einem Ökobauernhof.

– Vanessa Sturm –
© read MaryRead 2017

► Belletristik

Roman, Buchbesprechung, Literaturkritik, Rezension, Uckermark, Japan, Ökobauernhof, Alternative, alternativlos, Elfriede Jelinek, Fabel,Sabine Scholl: Die Füchsin spricht
Roman
gebunden
320 Seiten
Format (H x B x T): 209 x 135 x 24 mm
Gewicht: 452 g
erschien: 01.03.2016
Verlag: Secession Verlag für Literatur
ISBN 978-3-905951-81-3
Preis: 25,00 € (D), 25,80 € (A)

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