Verleihung Deutscher Buchpreis 2017 an Robert Menasse

Jury, Tobias Lehmkuhl, Maria Gazzetti, Katja Gasser, Lothar Schröder, Silke Behl, Mara Delius, Christian Dunker Copyright: Christina Weiß

Die Jury des Deutschen Buchpreis 2017: V.l.n.r.: Tobias Lehmkuhl, Maria Gazzetti, Katja Gasser, Lothar Schröder, Silke Behl, Mara Delius, Christian Dunker Copyright: Christina Weiß / Foto: © Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Europa erhält eine der höchsten deutschen Literaturauszeichnungen

Die Verleihung des Deutschen Buchpreises begann, wie seit Beginn 2005, mit der Bekanntgabe der Longlist, in diesem Jahr wurde sie am 15.08.2017 veröffentlicht.

Die Jurysprecherin Katja Gasser vom Österreichischen Rundfunk sprach über die Longlist:

„Eine der wichtigsten Fähigkeiten von Literatur ist das Weiten unserer Welt. Das ist in Zeiten, in denen sich die Blickwinkel mehr und mehr zu verengen scheinen, besonders wichtig. Die Longlist 2017 ist Ausdruck des Versuchs, die Vielfalt der aktuellen deutschsprachigen Literaturlandschaft zu spiegeln. Auf ihr finden sich mit den Büchern unterschiedliche literarische Antworten auf das Leben, den Zustand der Welt, der Menschen: Politisches wie explizit Unpolitisches, traditionell Erzähltes wie Sprachzentriertes und Risikofreudiges, lyrisch Gewobenes wie realistisch Gestricktes. Allen Büchern gemeinsam ist, dass sie die Jury auf die eine oder andere Art gestochen und gebissen haben – angerührt im besten Wortsinne. Vielleicht wird der Blick auf die Welt mit den Büchern der Longlist 2017 wieder etwas größer, weiter.“

Longlist

Auf der Longlist wurden folgende Romane (in alphabetischer Reihenfolge) nominiert:

MEHR ZUM THEMA:
> zu Ingo Schulze: Peter Holtz / Jonas Lüscher: Kraft, siehe Nominierung für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis
> zu Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen, siehe: Bachmann-Wettbewerb
> zu Sven Regener: in Time: Sven Regener

Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017)
Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)
Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017)
Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017)
Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017)
Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017)
Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017)
Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017)
Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017)
Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017)
Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)
Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017)
Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017)
Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017)
Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)
Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017)
Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017)
Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017)
Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017)
Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017)

Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2017 gehören neben Katja Gasser an: Silke Behl (Radio Bremen), Mara Delius (Die Welt), Christian Dunker (autorenbuchhandlung berlin), Maria Gazzetti (Casa di Goethe, Rom), Tobias Lehmkuhl (freier Kritiker, Berlin) und Lothar Schröder (Rheinische Post).

Shortlist

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Shortlist / Foto: © Gass, Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Am 12. September 2017 wurde dann im nächsten Schritt die Shortlist bekannt gegeben.
Die Jury hat sechs Romane für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 ausgewählt:

MEHR ZUM THEMA:
> Dossier: Franzobel
> Eröffnung: Bachmann-Wettbewerb 2017 mit Franzobel

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)
Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017)
Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017)
Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017)
Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)
Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)

Begründungen der Jury

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia
Kommentar der Jury:

Romeo oder Julia“ besteht aus drei Teilen, und tatsächlich erinnert der Roman an ein Triptychon. Hier ist jedes Wort mit feinem Pinsel gemalt, jeder Satz aufs schärfste angespitzt. Vordergründig handelt der Roman ja von den Abenteuern eines Schriftstellers, im Grunde aber geht es um das Abenteuer der Sprache, um das Abenteuer des Schreibens, und darum, wie mit Sprache Welt erschaffen wird, wie mit jedem Wort Entscheidungen getroffen werden: „Romeo ODER Julia“ eben.

Gerhard Faulkner wurde 1951 geboren. Er zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Gegenwart, hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten wie 2009 erhielt er den Peter-Huchel-Preis für „Hölderlin Reparatur“. 2016 war er mit seinem Roman „Apollokalypse“ schon mal für den Deutschen Buchpreis nominiert.

 

Franzobel: Das Floß der Medusa
Kommentar der Jury:

Wo es kein Brot gibt, gibt es kein Gesetz mehr.“ Wie einfach ist dieser Satz. Und wie bedrückend wahr ist er. Franzobel hat uns mit seinem Roman eine alte Geschichte aufgetischt, die sich vor 200 Jahren zugetragen hat. Warum sollen wir diese Geschichte heute noch lesen? Franzobel schreibt uns dies ins Gedächtnis: Wir alle fahren gemeinsam auf dieser Fregatte und kämpfen gemeinsam auf dem Flos der Medusa ums Überleben. Denn – wie gesagt – da, wo es kein Brot gibt, wird es auch kein Gesetz mehr geben. Das ist bis heute gültig. Der Roman ist also auch eine kleine, ungeheuerliche Menschheitsgeschichte auf gerade einmal knapp 600 spannenden Seiten.

 

Thomas Lehr: Schlafende Sonne
Kommentar der Jury:

Thomas Lehr verhandelt, ausgehend von einem einzigen Tag, ein ganzes Jahrhundert und entwirft ein Geschichtslabyrinth, in dem er die komplexen Ereignisse und Verwerfungen souverän platziert und – im Wortsinn – neu zur Sprache bringt. Mit einer Mischung aus spannender Erzählung, Reflexion und ästhetischem Wagemut bricht er mit unseren Wahrnehmungsmustern und macht die Literatur selbst zum Instrument der Erkenntnis. Seite um Seite neue Blicke auf scheinbar Vertrautes, ein Archiv der Sinne, des Bewusstseins und all der sich überlagernden Bereiche, aus denen sich das speist, was wir unser Wissen nennen.

Geboren wurde Thomas Lehr 1957 in Speyer. Auch er wurde für sein Werk mehrmals ausgezeichnet, zuletzt erhielt er 2016 den Joseph-Breitbach-Preis.

 

Frankfurt am Main, Römer

Robert Menasse Deutscher Buchpreis 2017 / Foto: © Christina Weiss, Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Robert Menasse: Die Hauptstadt
Kommentar der Jury:

Robert Menasse verwebt Zeiten, Nationen und Institutionen zu einer einzigartigen Panoramaaufnahme von Europa – kriminalistisch angetrieben, philosophisch durchdrungen und dabei immer grundironisch. Ganz in der Tradition von Balzacs Vorstellung kritischer Zeitgenossenschaft ist „Die Hauptstadt“ ein Roman, der alles über unsere Zeit enthält, ohne je zeitgeistig zu werden.

Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Anschließend lehrte er sechs Jahre – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität Sao Paulo. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt er als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.

 

Marion Poschmann: Die Kieferninseln
Kommentar der Jury:

Mit der Intensität eines Haikus setzt Marion Poschmann ein unvergessliches Figurenpaar in die literarische Landschaft. Wie die beiden mit Matsuo Bashō und Selbstmordanleitung den Großstadttrubel und mythische Gefilde durchstreifen, ist pure Lesefreude! Der Roman ist eine Lebenswanderung, in der zwei konträre Charaktere mit gegensätzlichen Zielen ihr Selbst entfalten und ihrer Berufung entgegenlaufen. Jedes augenscheinlich noch so unbedeutende Detail wird Poesie. Poschmanns Perspektivwechsel zwischen Weitwinkel und Zoom, der inneren und der äußeren Welt erzeugen Tempo und subtile Spannung. Mit der Wanderung auf Bashōs Spuren schlagt sie eine Brücke über die Zeiten. Gekonnt, erfrischend locker, tiefenscharf.

1969 wurde Marion Poschmann in Essen geboren. 2011 erhielt sie den Peter-Huchel-Preis sowie den Ernst-Meister-Preis für Lyrik. Mit ihrem Roman „Die Sonnenposition“ war sie 2013 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und im gleichen Jahr gewann sie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Seit diesem Jahr ist sie auch Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

 

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich
Kommentar der Jury:

Ein Debütroman mit großer sprachlicher und dramaturgischer Kraft: Vom postsowjetischen Moskau über ein Asylheim in der westdeutschen Provinz bis in ins heutige Istanbul, erzählt Sasha Marianna Salzmann von den Umbrüchen und der Verbundenheit der Flüchtlingsfamilie Tschepanow. Vor allem erzählt sie aber sicher, perspektivenreich, humorvoll und mit großer Unbedingtheit von der jungen Generation dieser Heimat-Wanderer, die um die eigene Identität kämpft: sprachlich, politisch und sexuell. Für die persönlichen Träume dieser weltumspannenden Generation dekliniert sie das Scheitern an der Realität mit einem faszinierend eigenen Ton wieder neu. Europa wird in diesem Buch größer, es wird aber noch keine Heimat.

Sasha Marianna Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren. Sie studierte Literatur/Theater/Medien an der Universität Hildesheim sowie Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Sie ist Mitbegründerin des Kultur- und Gesellschaftsmagazins „freitext“. Seit der Spielzeit 2013/2014 ist sie Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin und war dort bis 2015 Künstlerische Leiterin des Studio.

 

Angesichts unserer Endlichkeit seien wir verpflichtet, kühn zu denken, hat Imre Kertész einmal geschrieben. Kühnes Denken: das ist es, was die Texte der Shortlist miteinander verbindet – bei aller thematischen und ästhetischen Unterschiedlichkeit. Allen gemeinsam ist das Bewusstsein, dass ernsthaftes literarisches Tun immer auch ein Brechen mit herrschenden Ordnungen im Sprechen, Denken und Fühlen bedeutet. Thematisch ist es die Frage danach, wer ‚wir‘ sind und wer ‚wir‘ sein wollen, die viele der Texte zusammenhält – womit auch Europa auf den Plan kommt. Und es besteht nach der Lektüre kein Zweifel: die Idee Europa, sie steht immer, im Besonderen gegenwärtig, auf dem Spiel, und es ist an uns Zeitgenossen, verantwortlich, und das heißt auch kühn, zu handeln“, sagt Katja Gasser (Österreichischer Rundfunk), Sprecherin der Jury des Deutschen Buchpreises 2017.

Mit dem Deutschen Buchpreis 2017 zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Der Preisträger oder die Preisträgerin erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalistinnen und Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro.

Am 9. Oktober 2017 wurde zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers der Deutsche Buchpreis 2017 verliehen. Robert Menasse bekam ihn zugesprochen. Für seinen Roman „Die Hauptstadt“ hat er ungefähr vier Jahre intensiv recherchiert. Auch wenn es in seinem Roman nicht immer einem so erscheinen mag, so liegt ihm Europa, die EU und somit auch Brüssel (die Hauptstadt) am Herzen. Eine Messlatte hierfür sind die zahlreichen Beiträge zu diesem komplexen Thema auf YouTube.

In der Sendung „aspekte“ (27.08.2010) spricht der Schriftsteller über Europa und seine Recherche

 

Bei seiner Verleihung zum Deutschen Buchpreis hielt er eine kurze Rede:

Herzlichen Glückwunsch Robert Menasse.

– Jeanette Koch –
© read MaryRead 2017

► Bordbuch

Roman, Europa, Brüssel, Deutscher Buchpreis 2017, Belgien, EURobert Menasse: Die Hauptstadt
Roman
459 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 205 x 128 x 32 mm
Gewicht: 533 g
erschien: 11.09.2017
Verlag: Suhrkamp
ISBN 978-3-518-42758-3
Preis: 24,00 € (D), 24,70 € (A)

E-Book (ePUB): 20,99 € (D, A)

Leseprobe

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