Frankfurter Buchmesse 2017: FORUM Frankreich

Bibliothek, Le cabinet de lecture, Holzregale, Buchregal, Regalwand

Grazil und stabil?

Literaturgeschichte besteht vor allem aus Bezügen, aus verbundenen Elementen, bildet ein historisches Netz. Die Vielfalt der französischen Literatur, das Labyrinth ist verwirrend, erschlägt einen fast, jedoch wird einem der Weg eröffnet, wie man sich dem nähern kann. Um die facettenreichen hohen Regale führt ein breiter Weg, man kann es demnach quasi umkreisen. Auch hierbei wird man schon fündig, macht einen neugierig, hohe Durchlässigkeit der Regale, die grazil und zugleich wuchtig sind, entfalten eine visuelle Show. Eine Show mit quasi Standbildern?

Grazil und wuchtig zugleich sind Stichwörter, die auch die Literatur der Vergangenheit sowie der Gegenwart beschreiben. Chrétien de Troyes mit seiner Artusdichtung, das Rolandslied“, die zahlreichen Troubadoure, Molière mit seinen Dramen, Jacques Rousseau, Simone de Beauvoir sind ein paar Beispiele aus der Vergangenheit. Catherine Millet, Patrick Modiano, Grégoire Delacourt und Michel Houllebecq sind ein paar Beispiele aus der gegenwärtigen Literatur. Im FORUM der Frankfurter Buchmesse 2017 mit seinem Ehrengast Frankreich könnte jede horizontale, vertikale und diagonale Strebe in einem der Regale für einen der genannten und ungenannten Autoren, für eines ihrer Prosa stehen. Klare gerade Linien der Durchgänge durch das Labyrinth machen die Vielfalt der Literatur deutlich: Bibliothèque national de France ist neben der Abteilung für Comic, dass wiederum an die Satire, vor allem mit Charlie Hebdo vertreten, an die Bilderbücher und Kunst angrenzt sowie mit Schautafeln über die französische Verlagsgeschichte. Integriert ist ein Café mit französischen Spezialitäten, ein Literaturpodium mit Autorenlesungen, ein großes Regal mit Literatur aus sämtlichen Sprachräumen bestückt und eine Tischgruppe mit emsig arbeitenden jungen Leuten. Der angenehme frische Holzgeruch, der durch das gesamte Forum, oder wie die Franzosen es nennen „Le cabinet de lecture“, wabert, vermittelt einem, dass die Franzosen angekommen sind in der heutigen Zeit, dass Umweltbewusstsein ein Bestandteil auch ihrer Gegenwart ist.

Obgleich die Regale auf eine Durchlässigkeit verweisen, hat man an keiner Stelle im Forum die Möglichkeit, den gesamten Raum zu überblicken. Das grazile wirkt zerbrechlich, man traut sich kaum die Regale zu berühren, weil man befürchtet, dass diese umfallen könnten. Das zerbrechliche, das brüchige ist ein fester Bestandteil der Literatur, so wie im Roman, manche sehen es auch als eine Erzählung, „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Darin wird das ganze Drama des Mittelstands mit all seine skurrilen Figuren deutlich, keiner von ihnen ist ein klassischer Held, dennoch hat man sie gern. Nicht nur, dass sie eine neue Form für eine Autobiografie gefunden hat, sondern auch zeigt, dass die „vielen Facetten der Wirklichkeit“ zu Verlustängsten und Verwirrung führen können. Vielleicht wird in dem Roman „Traumhafte Kindheit“ von Catherine Millet die dünne Schicht der Zivilisation, der Kultur noch deutlicher, wie schnell diese verschwindet. Auch dieser Roman hat einen autobiografischen Charakter, sie selber muss Gewalt in ihrer Familie mit ansehen. Letztendlich trennt uns vom Chaos nur eine dünne Schicht, die zu jederzeit hinweggefegt werden kann, die terroristischen Anschläge unserer Gegenwart machen es uns sichtbarer als uns lieb sein kann. Frankreich ist hierin ein gebeuteltes Land, innerhalb der EU musste es die größten Anschläge verkraften. Dennoch bleibt neben dem Mitleid die Frage, mit welcher Rechtfertigung erschießt man fast alle vermeintlichen Terroristen? Mit Rechtsstaat hat das nicht mehr viel zu tun, vielmehr mit Leitung von Gefühlen, die zwar verständlich sind, aber kein Maßstab sein sollten.

Trotz des Wohlfühlcharakters des Forums kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kolonialisierung sich in keinem der Regale widerspiegelt, kein großes Thema darstellt, nur wer Zeit mitbringt, kann den einen oder anderen Autor aus ehemaligen oder noch bestehenden Regionen Frankreichs aus „Übersee“ mitbekommen. Dabei ist Algerien, um eine konfliktreiche Beziehung zu benennen, ein Bestandteil der Vergangenheit aber auch der Gegenwart, auch heutzutage noch sind Algerier Menschen „zweiter Klasse“, doch all das kann man nur mit hoher Bereitschaft und Engagement entdecken.

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Am Freitag Abend (13.10.2017) fand „Das literarische Quartett“ im Pavillon der Franzosen statt, passenderweise im Bereich des Literaturpodiums. Diese Sendung feierte im Sommer sein dreißigjähriges Jubiläum. Das Ambiente und auch der Ort sind eine würdige Bühne für „Das literarische Quartett“. Für uns deutsche Leser ist es Usus, sich der Literatur auch aus anderen Kulturräumen zu widmen, während die Franzosen das weniger handhaben. Jedoch ist es kein Grund, dass der deutsche Leser sich erhaben fühlen könnte. Seit ungefähr der Zeit der Romantik, in der etliche französische und englische Literatur ins Deutsche übersetzt wurde, gehört es zum Selbstverständnis der Deutschen, was aber den Faschismus in seiner schlimmsten Ausprägung nicht verhinderte.

Obgleich Kritikpunkte an das französische Forum angebracht sind, lohnt ein Besuch dennoch. Literatur und Kunst sind eng miteinander verwoben, Comic und Satire haben einen deutlich höheren Rang im französischen Selbstverständnis als hierzulande, etwas, was wir von den Franzosen lernen können.

– Johannes Tulpen –
© read MaryRead 2017

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