Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Geistesblitz, gelb, orange, grau-weißer Raum, Mensch, Strichmännchen, Fragezeichen

Kinder verlieren

Klaus Cäsar Zehrer schreibt über den Preis von Genialität und Ehrgeiz

Seit seiner Popularisierung hat der Genie-Begriff verschiedene Facetten angenommen: vom Künstler, der eine besondere – also geniale – Art die Welt zu schauen sein eigen nennt und dessen Aufgabe es ist, diese Erkenntnisse in Form von künstlerischen Erzeugnissen einem breiteren und beklagenswert weniger genialen Publikum zugänglich zu machen, bis hin zum versierten Sprach- und Gedächtniskünstler, begnadeten Kopfrechner oder einer Person, die besonders schnell die Zusammenhänge zwischen einzelnen Informationen erkennen kann. Was bleibt ist die entweder erhöhte oder abgesonderte, jedenfalls vereinzelte Position, die spezielle Sicht auf die Dinge, die bisweilen gerne herangezogen wird, um eventuelle charakterliche Ausnahmeerscheinungen zu erklären. Das Genie gilt als sonderbar…
     Der erste Roman von Klaus Cäsar Zehrer trägt den Titel „Das Genie“ und ist dem Leben von William James Sidis gewidmet. Zehrer beginnt jedoch mit der Ankunft von dessen Vater Boris Sidis in Amerika, bevor es überhaupt viele Buchseiten später zur Geburt des kleinen Billy kommt. Der Leser lernt die Hintergründe und Familienverhältnisse im Hause Sidis ausgiebig kennen. Und was für Verhältnisse das sind!
    
Der Vater, Boris, selbst ein Mann, der mit dem Etikett „Genie“ zu versehen wäre und sich lange damit schwer tut einen Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht zuletzt weil er praktisch ausnahmslos menschlich aneckt. Von hohen Idealen und erschütternden Erfahrungen getrieben, findet er endlich Eingang in die akademische Welt. Stets mehr Theoretiker des Geistes als Praktiker des Lebens, reibt sich der ehrgeizige und angesehene Psychologe schließlich im Fernkampf mit und vor allem gegen den verhassten Sigmund Freud völlig auf. Aber auch die Mutter Sarah, selbst weit davon entfernt als Genie gelten zu können, kämpft um ihren Platz in der Welt mit eiserner Verbissenheit. Durch unbändigen Wissensdurst und lodernden Arbeitseifer erkämpft sie sich die Heirat, ein eigenes Studium und einen Doktorgrad. So entrinnt sie den ärmlichen Familienverhältnissen denen sie entstammt, hin zu Ruhm und Wohlstand und bildet das im Alltag verwurzelte, lebenstüchtige Pendant zu ihrem Mann. Beide Elternteile erklären die Bildung zum Leitmotiv ihrer Handlungen, ihre Ehe erweist sich als einvernehmliche Zweckgemeinschaft zur wechselseitigen Optimierung. Dies wird mit rastloser Unermüdlichkeit betrieben, die sich zusehends zu kompromisslosem Ehrgeiz steigert. Boris unbedingte Wahrheitsliebe und pazifistische Grundhaltung verhindern nicht oder begünstigen sogar seinen zunehmenden Starrsinn.
    
In dieses Elternhaus wird William James, genannt Billy, hineingeboren. Was die Mutter anfangs an Mütterlichkeit aufzubringen versucht, wird vom Vater verboten und diskreditiert, an diesem Kind wird Wissenschaft betrieben: jeder Tag an dem das Kind nicht trainiert und optimiert wird, ist ein verlorener Tag. Verlorene Tage gibt es im Hause Sidis nicht. Mit dem scheinbaren Erfolg der Methode schwinden die Skrupel der aufstiegsfixierten Mutter völlig. Stolz beginnen die Eltern den Wunderknaben herumzuzeigen. Ein jahrelanges Schaulaufen, ein Treiben durch den akademischen Betrieb und Spießrutenlaufen mit der Presse kennzeichnen Billys Lebensweg von Kindesbeinen an. Schon bevor das kleine Kind beginnt in mehreren Sprachen mit Zitaten um sich zu werfen, eigene Abhandlungen zu schreiben oder Kalendertage im Kopf auszurechnen, ist dem Leser längst klar, dass das nicht gut ausgehen kann.
    
Den Eltern hingegen erschließt sich das Problem des heranwachsenden Billy nicht. Fehlende menschliche Wärme scheint beiden schon in der Ehe nicht aufzustoßen. Dass das Kind ihrer bedürfen könnte, dass es ferner an Freiheit oder Selbstentfaltung mangelt, scheint kein Thema. Billy macht – so lange er klein ist – was verlangt wird, sonnt sich im Lob, wird überheblich. In der elitären Erziehung der Eltern kommen Benimmregeln, Höflichkeit, körperliche Ertüchtigung ebenso wenig vor wie die Möglichkeit, dass das Kind vielleicht irgendwann einmal eigene oder gar anders geartete Ziele im Leben verfolgen könnte, als die fleißigen Eltern mit zahllosen akademischen Titeln stolz zu machen. Der Leser begleitet Billy, wie er ins Straucheln gerät, wie er erkennen muss, dass die Unterstützung der Eltern vom Erfolg abhängt. Letztlich steht er, der junge Mann, der nicht gelernt hat Freunde zu gewinnen oder mit Frauen umzugehen, vor der Herausforderung sich seinen Weg selbst zurecht zu legen, seinen eigenen Weg zu finden und dabei möglichst unentdeckt zu bleiben.
    
Aber hält das Buch was es verspricht? Immerhin wird im Titel ein „Genie“ versprochen! Und die Eltern tun wahrlich einiges um ein solches hervorzubringen. Man kann unmöglich leugnen, dass dem Leser durch Familie Sidis eine besondere Weltsicht eröffnet wird. Das geballte Wissen und die besonderen Fähigkeiten der Figuren Boris und Billy, lassen die Bezeichnung durchaus zu. Das sprichwörtlich wundersame Verhalten dieser sogenannten Genies passt ebenso ins Bild. Und doch tut man sich schwer. Auf den ersten Blick ist es keine extreme Geschichte, die hier erzählt wird, die Erziehungsmethode ist weder herausragend grausam, noch sind die Eltern furchtbare Menschen mit abstrusen Motiven. Alle Bestandteile der Handlung kommen in anderen Familien millionenfach vor: Ehrgeiz und Bildungsversessenheit der Eltern, der Versuch Kinder nach eigenen Vorstellungen zu formen, Kinder die Probleme haben sich sozial anzupassen, Selbstfindung in der Pubertät. Die Liste ließe sich fortsetzen… Und doch treten die einzelnen Aspekte hier komprimiert zusammen und die Grausamkeit zeigt sich erst in der Langzeitperspektive: in Billys Verhalten, dass den elterlichen Vorstellungen völlig entgegenläuft und in den wenigen Momenten des Romans, in denen die Figur Billy wirklich dazu kommt von seinem Inneren zu erzählen. Wer keine Freunde hat, die fragen, kommt nicht oft in die Verlegenheit sich zu offenbaren. Es fällt immer wieder schwer in Billy trotz seiner Intelligenz ein Genie zu sehen, wenn man als Leser von Beginn an mit der Lupe verfolgen kann, was ihm vorenthalten wurde und was er nicht beherrscht. In das Staunen über die Errungenschaften der Sidis-Erziehungsmethode mischt sich von Beginn an ein fader Beigeschmack.
    
Im Vergleich entpuppt sich die geschmähte Verwandtschaft nicht nur als lebenstüchtig, sondern auch als in vielerlei Hinsicht klüger. Schon früh zeichnet sich ab, dass Billys jüngere Schwester von der relativen Vernachlässigung durch die Eltern profitiert, weil sie ihr eine verhältnismäßig normale Kindheit ermöglicht, während sich alle Aufmerksamkeit auf das Genie konzentriert. Selbst als der Hoffnungsträger zum Sündenbock wird, ist und bleibt er doch Repräsentant der Sidis-Erziehungsmethode, für die Eltern wie für die Öffentlichkeit.
    
Die kuriosen Charaktere, die außergewöhnliche Handlung mit all ihren Volten wie auch die Sprache Zehrers machen dieses Buch außerordentlich lesenswert. Im Anhang gibt Zehrer darüber hinaus Auskunft über seine Quellen und verweist auf die authentischen Schriftstücke der historischen Personen Boris und William James Sidis, deren Geschichte er mit seinem Roman nachspürt. Die Elterngeneration strebt nach dem Außergewöhnlichen, die Kinder wünschen sich nichts als Normalität und beides scheint gerade außer Reichweite zu rücken, sobald man seine Hand danach ausstreckt. Mit jeder neuen Entwicklung hofft der Leser auf eine Erlösung für den geplagten William. Es muss doch möglich sein, für einen so intelligenten Menschen! Aber kann es für jemanden, der so sehr aus der Welt hinauserzogen worden ist wie William James Sidis überhaupt eine Erlösung geben?

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

► Rezensionen

Roman, Diogenes, Umarmung, nackter KörperKlaus Cäasar Zehrer: Das Genie
Roman
gebunden, Leinen
656 Seiten
Format (H x B x T): 189 x 128 x 33 mm
Gewicht: 498 g
erschien: 23.08.2017
Verlag: Diogenes
ISBN 978-3-257-06998-3
Preis: 25,00 € (D), 25,70 € (A)

E-Book: 21,99 € (D, A)

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