„Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid

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Wann, wenn nicht jetzt?

Ein brillanter Roman über den Terrorismus, der uns mehr zu sagen hat, als es auf den ersten Blick scheint.

Vierzig Jahre ist es her, dass der Deutsche Herbst die Bevölkerung, Politik und Polizei in Atem hielt. Sucht man nach einer Antwort auf die Frage, wieso konnte die Baader-Meinhof-Gruppe später RAF entstehen, werden einem vielfältige Angebote gemacht. Sicherlich hat die Erschießung von Benno Ohnesorg einen großen Anteil daran. Ulrike Edschmid greift in ihrem Roman „Das Verschwinden von Philip S.“ diese Erschießung auf und die daraus resultierende Bewegung „2. Juni“. Philip S. zieht 1967 aus der Schweiz nach Berlin, schließt sich dort der APO-Bewegung an, beteiligt sich an Demonstrationen. Eigentlich ist er Filmemacher, führt zunächst ein unauffälliges Leben.

Der Roman geht zum einen der Frage nach, wie ein Mensch sich radikalisieren kann, welche äußeren und inneren Faktoren braucht es, um aus einem Bürgerlichen einen Revolutionär zu machen. Zum anderen stellt sich auch die Frage, inwiefern nahestehende Menschen, im Roman ist es seine Lebensgefährtin, den Wechsel registrieren können, wo verläuft die rote Linie. Und dann wabert auch noch die Frage zwischen den Zeilen, ab wann gibt es für die Beteiligten kein zurück mehr. Zu diesen Fragestellungen gibt es umfangreiche Sachbücher, Ulrike Edschmid gelingt es in einem schmalen Band nicht nur diesen Fragen nachzugehen sondern durch Rückblick und Spurensuche der Lebensgefährtin Einblicke in das Leben eines Terroristen zu liefern. Von Beginn an schafft es die Schriftstellerin eine Spannung aufzubauen, indem sie die Widersprüchlichkeit des menschlichen Daseins eindrücklich in kurzen, knappen Worten schildert. Der Protagonist ist so einer. Er wirkt bedächtig, reif, seinem Alter auf jeden Fall weit voraus, das nicht nur durch sein äußeres Erscheinungsbild erzeugt wird. Zugleich „treibt ihn eine verborgene Eile an“, ist gehetzt, saugt jeden Lebenstropfen auf, möchte nichts Fundamentales verpassen.
     Der allgemeine Vorwurf gegenüber den Terroristen lautet Verantwortungslosigkeit. Man macht dies vor allem an den beiden Frauen, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin fest. Beide Frauen haben Kinder, die sie im politischen Strudel verlassen. Vor allem Ulrike Meinhof hat lange gezögert, der Abschied von ihren Kindern ist ihr nicht leicht gefallen. Philip S. lernt in Berlin die Ich-Erzählerin kennen, die ein Kind hat. Obgleich das Kind nicht sein eigenes ist, kümmert er sich liebevoll darum, so, als sei es sein eigenes.
    
Philip S. nimmt die Welt wie eine Filmkamera wahr. Mal zoomt er eine Begebenheit sehr nah heran, mal schwenkt er sie herum, immer auf der Suche nach einem Thema aber auch um die Grenzen einer Kamera auszuloten. Er bevorzugt das experimentelle filmen. „Bruchstücke interessieren ihn mehr als eine Story.“ (S. 27) Bei seinem ersten Film interessiert er sich vor allem für die Vereinzelung der Menschen, ihre Verstrickungen sowie für ihre Einsamkeit. Für ihn sind es undurchschaubare und bedrohliche metaphysische Mächte und mal noch ist er der Überzeugung, dass diese „durch keine Revolution aufgehoben werden kann.“ (S. 34)
    
Im Roman fallen zwei Temporis zusammen: Auf der einen Seite der Blick durch das Objektiv, die Kreativität, die Freude am Erschaffen eines Kunstwerks, auf der anderen Seite die politische Dimension. Schlag auf Schlag werden Gesetze erlassen, Polizei bekommt immer krassere Anweisungen, die Rasterfahndung wird „erfunden“. Es wird vor allem eines deutlich: die Hilflosigkeit auf allen Seiten. Niemand weiß, wie man mit der neuen Situation umgehen soll. Die einen wollen durch Polizeigewalt die Bevölkerung schützen, die anderen wollen ebenfalls die Bevölkerung schützen, vor allem vor der Politik.

Ulrike Edschmid setzt sich nicht zum ersten Mal mit dem linken Terrorismus auseinander. Ihr Buch „Frau mit Waffe. Zwei Geschichten aus terroristischen Zeiten“ schlug Mitte der 1990er Jahre hohe Wellen. Darin werden die beiden Frauen, Astrid Proll und Katharina de Fries beschrieben, beide fliehen vor dem Zugriff durch die Polizei, Astrid Proll flieht nach London, Katharina de Fries nach Paris. In ihrem jeweiligen selbstgewählten Exil führen sie ein unauffälliges Leben, haben mit politischer Gewalt nichts mehr am Hut. Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, Astrid Proll wird gefasst und für eine mehrjährige Haftstrafe verurteilt.
     Parallelen zwischen dem Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ und „Nachdenken über Christa T.“ von Christa Wolf kommen nicht von ungefähr. Marcel Reich-Ranicki schreibt in seiner Literaturkritik in Die Zeit (23.05.1969) über „Nachdenken über Christa T.“ nicht nur überraschenderweise eine sehr positive Kritik, sondern er fasst den Kern mit folgenden Worten zusammen:

Eine Biographie soll rekonstruiert und somit ein mehr oder weniger dunkler Sachverhalt aufgedeckt werden. Der Beauftragte des Autors sammelt fleißig Material und findet auch allerlei, doch nie genug. Am Ende bekennt er sich zur Niederlage, denn, so hören wir mit schöner Regelmäßigkeit, eines Menschen Weg und Wesen lassen sich niemals gänzlich erfassen und darstellen. Christa Wolf erspart uns die Reprise dieses Spiels, das ihrige findet auf einer anderen Ebene statt.“1

Besser könnte man auch kaum den Roman von Ulrike Edschmid zusammenfassen. In beiden Werken lernen die Protagonisten die Liebe kennen, bei Christa Wolf ist es eine Frau, bei Ulrike Edschmid ein Mann, in beiden Fällen steht diese jedoch nicht im Vordergrund, bilden vielmehr den Rahmen. Außerdem haben beide Autorinnen die Erzählperspektive der Frau eingenommen, bei Christa Wolf ist es die Person, die es tatsächlich erlebt, bei Ulrike Edschmid ist es diejenige, die an der Seite von Philip S., die seine Lebensgefährtin war und nach Jahren zurückblickt.

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Die Autorin verwebt biografisches, sie engagiert sich Ende der 1960er Jahre in der Studentenbewegung und hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert, mit Fiktion, gibt dem Leser mehr als einen Denkansatz an die Hand. Für den Roman ist sie mit dem Johann-Jakob-Christoph von Grimmelshausen-Preis (2013), Preis der SWR-Bestenliste (2013) und mit dem Johann Friedrich von Cotta-Literatur- und Übersetzerpreis der Landeshauptstadt Stuttgart (2014) ausgezeichnet worden.

Zugegeben. Es ist nicht ihr neuester Roman dennoch passt er nicht nur zu dem traurigen 40jährigen Jubiläum des Deutschen Herbstes sondern auch in unsere Zeit. Auch wir stehen seit der Bundestagswahl vor mehr als einer Herausforderung, vor allem, weiß derzeit niemand so genau, wie man mit der AfD-Partei umgehen soll, es gibt kein Rezept. Außerdem müssen wir seit Jahren mit dem islamischen Terrorismus leben, auch hierbei gibt es durchaus Parallelen zur RAF. Es werden wieder Gesetze beschlossen, wieder auf Kosten der Freiheit und wieder sind etliche damit einverstanden. Wieder applaudiert man, wenn ein Terrorist von seitens der Polizei erschossen wird und es sind erschreckend viele, bei dem man angeblich keine Wahl hatte. Wieder gilt der Ausnahmezustand, wie in Frankreich, der immer noch andauert und wieder finden es die meisten völlig normal. Wann, wenn nicht jetzt, sollte man sich ausführlich mit dem linken Terrorismus beschäftigen? Ulrike Edschmid gibt mithilfe ihres brillanten Romans eine ausgezeichnete Möglichkeit damit zu beginnen.

– Vanessa Sturm –
© read MaryRead 2017

► Belletristik

Roman, Terrorismus, RAF, Rote Armee Fraktion, Deutscher Herbst, Fotograf, Buchbesprechung, Literturkritik, RezensionUlrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S.
Roman
gebunden
157 Seiten
Format (H x B x T): 203 x 129 x 19 mm
Gewicht: 284g
erschien: 08.03.2013
Verlag: Suhrkamp
ISBN 978-3-518-42349-3
Preis: 15,95 € (D), 17,99 € (A)

Auch als Taschenbuch erhältlich:
Format (H x B x T): 190 x 120 x 14 mm
Gewicht: 172g
erschien: 07.03.2014
Verlag: Suhrkamp
ISBN 978-3-518-46535-6
Preis: 8,00 € (D), 8,30 € (A)

E-Book: 7,99 € (D, A)

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1 Marcel Reich-Ranicki (): Christa Wolfs unruhige Elegie, Die Zeit – 23.05.1969, zuletzt besucht am 27.09.2017


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