„Mein weißer Frieden“ von Marica Bodrožić

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Die Abwesenheit des Krieges

Wie kann man überhaupt ein Buch schreiben über etwas, das im Kern unbeschreibbar, weil unbeschreiblich ist? Viel wird seit Dekaden geschrieben und gesagt über das Schweigen in der Literatur, das Darstellen des Unsagbaren in Sprache.
     Auch in Mein weißer Frieden wird viel geschwiegen, an der Oberfläche des Beobachtbaren und unterhalb des Gesagten. Thema des Romans, der kein klassischer Roman mit einer klaren Handlungslinie sein will,
ist aber weniger das Schweigen, als vielmehr die Abwesenheit.

Es ist in erster Linie die Abwesenheit der Ich-Erzählerin, die in den 90er Jahren den Krieg auf dem Balkan nicht miterlebt hat. Sie muss sich nun von außen und mit zeitlichem Abstand dem Thema nähern, es einkreisen, um es fassen zu können. Nun eignet es der modernen Kriegsliteratur bzw. ihren Rezipienten unter den ‚Dabeigewesenen‘ mit der sinngemäßen Feststellung „Wer den Krieg nicht erlebt hat, der darf auch nicht darüber schreiben, schon gar nicht urteilen“, Autoren ohne konkreten Kriegskontakt mundtot machen zu wollen. Es handelt sich um eine Schutzbehauptung, sie schützt von einer anderen Meinung. Die Abwehr vermeintlicher Nestbeschmutzer und selbstgefälliger Beobachter von imaginierten Logenplätzen aus, steht im Vordergrund. Dabei darf man über den Krieg schreiben, jeder hat das Recht, vielleicht sogar eine Verantwortung, sofern nicht Wahrheit noch Stil verunglimpft werden. Aber kann man überhaupt darüber schreiben? Die Ich-Erzählerin gerät in ihren Gesprächen und Erlebnissen weniger an den Krieg als an seine Grenzen, denn aus ihrer Abwesenheit vom Krieg resultiert die schlichte Abwesenheit eines Krieges in ihr. So ist die Frage möglicherweise nicht, ob jemand über den Krieg zu schreiben vermag, der nicht teilgenommen hat, sondern ob es jemand vermag, der vom Krieg nicht affiziert wurde und ohne Schatten auf der Erinnerung und der Zukunft zu leben versteht. Die Deutschen sprachen dem deutschen literarischen Exil ab über den Zweiten Weltkrieg und das mit ihm marschierende Grauen schreiben zu können, dabei lag auch über ihren Leben der Schatten des Krieges, der Nationalsozialismus hatte sie entwurzelt und bedroht. Die Erfahrung der Geflohenen war unmittelbar und fundamental. Die Ich-Erzählerin hat das Grauen dieses Krieges auf dem Balkan nur gestreift. Sie fühlt den Krieg nicht in sich, sondern um sich herum im Kontakt zu den Menschen ihrer Vergangenheit. Ihr selbst bleibt nur, die Konsequenzen zu beobachten: die Zerrüttung des Individuums, die Zerrüttung der Gemeinschaft, die Verkehrung der Geschichte und die Verführung durch einfache Muster ebenso wie das Beharren darauf. Kann man auf dieser Basis darstellen?
     Die Ich-Erzählerin beobachtet auf ihren Wanderungen, reflektiert mit Blick auf allerlei Zitate verschiedener Intellektueller zum Thema Krieg und stellt allen Gesprächspartnern in der alten Heimat Fragen, stellt Gegenwart und Vergangenheit nebeneinander auf und lässt sie sich gegenseitig kommentieren. Oft bleiben schon einfache Antworten aus, Gesprächspartner verweigern sich oder vermeiden die eigentliche Aussage, deuten an – auch durch Schweigen –; die Beharrlichkeit der Fragen kratzt am Nimbus der Abwesenheit und schnell wird klar: nur in der Ich-Erzählerin ist der Krieg wirklich abwesend, denn das Erlebte verbietet das Fragen. Die verführerischen Muster sind die letzte Bastion des Nicht-Hinterfragbaren, sie fordern keine Antworten. So führt gerade die Anwesenheit zum Schweigen, das doch Abwesenheit suggerieren soll. Anlass ihres Besuchs an den Orten der Kindheit ist der Selbstmord des Cousins. Hat er sich erhängt weil er das Schweigen nicht mehr ertragen konnte? Wie übermächtig anwesend mag der Krieg in ihm gewesen sein?

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Marica Bodrožić schreibt in leichter Hand einen lyrischen Roman an der Schnittstelle von Erinnerungsliteratur (Familien- und Kindheitserinnerungen), Reiseliteratur (Reise der erwachsenen Erzählerin an die verschiedenen Orte der Kindheit und der einstigen Heimat), Kriegsbericht (Namen und Ereignisse, politische und historische Hintergründe) und Essay über die Implikationen und Konsequenzen von Krieg, voller Fragen über die Konsequenzen dieser scheinbaren Abwesenheit eines unverkennbar anwesenden Krieges. Und doch ist es auch kein Kriegsbuch geworden, sondern ein Buch über das Menschsein sowie die Abwesenheit und Unerklärlichkeit des Menschlichen. Trotz der allgemeinen Dimension der Reflexion und den verschiedentlich eingeflochtenen historischen Überblicke, ist es ein persönliches Buch geworden über die Position eines Menschen relativ zur Möglichkeit über Krieg zu schreiben, ohne dass dieser sich in die Person eingeschrieben hätte. Das Motiv des Schreibens durchzieht den Roman wie eine immer kurz wieder ertönende Note.
     Die Mühlen dieses Krieges mahlen langsam, aber stetig, über das eigene Verstummen hinaus. Sie zermahlten die aufgeklärte Zivilisation Europas noch einmal, zermahlten ein Jahrhunderte altes Gefüge des Neben- und Miteinander und schließlich wieder und immer weiter das Individuum. Der Krieg mag für das bloße Auge abwesend sein, doch das Echo seiner Mühlen verklingt nicht, es wird wach gehalten von den schweigsam lauschenden Ohren der zerbrochenen Gemeinschaft.

So ist ein Buch über die Abwesenheit des Krieges in keiner Weise weniger erschütternd als eine Beschreibung von Granaten, Bombentrichtern und Schützengräben, denn es macht wieder einmal deutlich, dass es zwar eine erkennbare Differenz gibt zwischen Krieg und der Abwesenheit von Krieg, aber eine vielleicht noch größere Differenz zwischen der Abwesenheit von Krieg und Frieden.

Simone Jawor
© read MaryRead 2015

Belletristik

 

roman, rezension, buchbesprechung, literaturkritik, lyrischer roman,jugoslawienkrieg,balkankriegMarica Bodrožić: Mein weißer Frieden
lyrischer Roman
336 Seiten
gebunden
erschien: 25.09.2014
Verlag: Luchterhand
ISBN 978-3-630-87394-7
Preis: 19,99 € (D), 20,60 € (A)

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