21.01.2016: Kölner Botschaft

Navid Kermani, Frank Schätzing, Wolfgang Niedecken, Mariele Millowitsch,Norbert Blüm,,Präsident des 1. FC Köln – Werner Spinner,Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki,Moderatorin Bettina Böttinger,Alexander Kluge,ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft ÖTV,Kölner Dom,Bonner Oberbürgermeister Ashok SridharanWenn anstelle eines bunten Nachthimmels die Gewalt vorherrscht

Einige niederrheinische Bürger ergriffen das Wort aber nur einer wird dafür ausgezeichnet

Am 21. Januar 2016 erschien in mehreren großen Zeitungen am Niederrhein auf der ersten Seite eine Botschaft mit prominenten Unterzeichnern, u.a. Navid Kermani, indem vier Forderungen gestellt wurden, die im Bezug zu den Ereignissen der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte stehen.

Inhalt:
> Aspekte der Botschaft
> Auswirkungen der Botschaft
> Zum Weiterlesen

Nach der herzlichen Begrüßung der Flüchtlinge im Herbst 2015 und der vielen tausenden helfenden Hände nahm die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland zu, nationalsozialistische Gruppierungen wie die Pegida wurden immer häufiger im öffentlichen Raum genannt, deren Einfluss auf die Berichterstattung stieg. Ebenso nahmen die Übergriffe und Gewalttaten gegen Ausländer zu.
     Die Nacht vom 31. Dezember 2015 auf den 1. Januar 2016 brachte das Fass fast zum Überlaufen. Zunächst wurde einige Tage später bekannt, dass es auf der Kölner Domplatte zu zahlreichen sexuellen Übergriffen auf Frauen gekommen ist und als dann mitgeteilt wurde, wer für die Übergriffe verantwortlich sein soll (nordafrikanische Männergruppen) führte dies zu einer aggressiven Berichterstattung; einige wenige sahen darin schon das Unheil aufziehen, da es allzu sehr an die Weimarer Republik erinnerte, dass in das Dritte Reich mündete. Plötzlich gab es keine größere Stadt mehr in Deutschland, die nicht von einem ähnlichen Phänomen betroffen war.
    
Ab ungefähr Mitte Januar 2016 erschienen die ersten moderaten Artikel über die Vorkommnisse, die ernsthaft und sachlich nach den Gründen suchten. Am 21. Januar erschien dann die Kölner Botschaft in dem Kölner Stadt-Anzeiger, Rheinische Post, Express und General-Anzeiger, jeweils auf der ersten Seite der Ausgabe. Die Botschaft begann damit, was es für die Kölner bedeutet, ein Teil dieser Großstadt am Rhein zu sein, worauf sie stolz sind, was sie bekümmert, welche Eigenschaften sie mitbringen, kurzum, was den Kölner Lokalpatriotismus ausmacht. Schnell wird klar, dass jeder Kölner angesprochen werden soll, vom Fußballfan bis hin zur bürgerlichen Mitte, von Alten bis Jungen. Anschließend wird darin die Silvesternacht kurz skizziert mit den Konsequenzen, die es seit jener Nacht gibt. Interessant hierbei ist, dass der dschihadistische Terror mit den Gewalttaten der Rechtsextremen in einem Atemzug genannt werden. Danach werden vier Forderungen aufgestellt mit jeweiliger Erläuterung.

 

Aspekte der Botschaft

Ein paar Aspekte aus der Kölner Botschaft sollen nun etwas genauer betrachtet werden.

In der ersten Forderung Kein Tolerieren von sexueller Gewalt wird darauf hingewiesen, dass es ein stärkeres Bewusstsein von Respekt gegenüber Frauen geben sollte, dass sexuelle Gewalt nicht erst mit einem Übergriff beginnt, sondern schon zuvor mit Worten und Handlungen der Herabwürdigung, dass es eine höhere Sensibilität für das Thema wünschenswert wäre. Unter anderem wird in der Botschaft deutlich darauf hingewiesen, dass der höchste Anteil von sexueller Gewalt in eigenen Familien und im Bekanntenkreis anzutreffen ist. Hierbei wird verdeutlicht, dass Übergriffe auf Frauen nicht erst seitdem es arabische Männergruppen hierzulande gibt, verübt wird, sondern ein Dauerthema seit jeher ist. Ein ähnlicher Tenor ist auch in der zweiten Forderung Kampf gegen Bandenmäßige Kriminalität anzutreffen. Zunächst wird Bezug zu der Nacht genommen, um dann darauf hinzuweisen, dass enthemmte Jugendgruppen (durch Alkohol und / oder Drogen) an den Wochenenden bei vielen größeren Menschenansammlungen zu finden sind und das unabhängig von National- oder Religionszugehörigkeit. Unterstrichen wird dies mit der Aussage in der vierten Forderung Schluss mit fremdenfeindlicher Hetze – Deutschland bleibt ein gastfreundliches Land: „Müssen wir darauf hinweisen, dass auch die Massenvergewaltigungen von Musliminnen im Bosnienkrieg nicht dem Christentum oder einer christlich geprägten Kultur angelastet werden dürfen?“

Aus dem Forderungskatalog geht zum einen hervor, dass Frauen zu allen Zeiten und in allen Regionen dieser Welt mit sexueller Gewalt leben müssen, dass sie dem tagtäglich weltweit ausgesetzt sind. Zum anderen gilt, dass man die Täter nicht einer Nation oder Religion zuordnen kann, da sie aus allen gesellschaftlichen Bereichen stammen. Unterzeichnet wurde die Kölner Botschaft von prominenten wie Navid Kermani, Frank Schätzing, Wolfgang Niedecken, Mariele Millowitsch und Norbert Blüm, aber auch von dem Präsidenten des 1. FC Köln – Werner Spinner -, dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, der Moderatorin Bettina Böttinger, dem Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, der ehemaligen Vorsitzenden der Gewerkschaft ÖTV – Monika Wulf-Mathies und dem Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan und noch einigen anderen.

 

Auswirkungen der Botschaft

Zurzeit ist es wahrscheinlich noch zu früh, um die Auswirkungen der Kölner Botschaft zu ermessen. Festzuhalten ist aber jetzt schon, dass die Botschaft schon am nächsten Tag nach ihrem Erscheinen in den niederrheinischen großen Zeitungen in sämtlichen Medien besprochen wurde, sie ist nicht klanglos untergegangen. Außerdem gab der Kölner Stadt-Anzeiger am 27.09.2016 bekannt, dass Navid Kermani für diese Botschaft mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen am 8. März 2017 beehrt werden soll.

Die Frage stellt sich, weshalb nur ein einziger Initiator und Unterzeichner der Botschaft ausgezeichnet wird. Was ist mit den anderen? Von außen lässt sich schwer beurteilen, wer von den Unterzeichnern den größten Anteil an dieser Botschaft hat, das können aber auch die (den Preis vergeben) nicht beurteilen. Sicherlich gehört Navid Kermani derzeit zu einen der bekanntesten Gesichter in Deutschland, spätestens seit der Rede bei der Vergabe des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 18.10.2015, aber auch andere Unterzeichner sind nicht minder bekannt wie Frank Schätzing oder Norbert Blüm. In dem Schriftsteller Navid Kermani ist seine Prominenz sowie seine nicht-deutsche Herkunft vereint und man kann somit ein Zeichen des Wohlwollens setzen. Gleichzeitig kann aus dem Wohlwollen eine Weltanschauung zementiert werden, da eine Gleichberechtigung zwischen deutscher und nicht-deutscher Herkunft (was das auch immer bedeuten soll) nur unzureichend vorhanden ist. Um der Kölner Botschaft den Platz zuzuordnen, den es gebührt, müssten alle Unterzeichner diesen Preis erhalten. Mit einseitigen Auszeichnungen wird eine gesellschaftliche Spaltung unterstützt und nicht entgegen gewirkt.

Daniela Walter
© read MaryRead 2017

Ankerlichtung

Zum Weiterlesen:
(): Kölner Botschaft
(₪, PDF-Datei): 
Navid Kermani: Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Home > Ankerlichtung > Knotenpunkte > Literaturmagazin Januar 2017 > 21.01.2016: Kölner Botschaft


Ähnliche Beiträge:

Autorenlesung Navid Kermani in Siegen     jugendroman, weltklassiker, utopie, sciencefiction, roman     Literaturgeschichte_Russell_11 Juli 1916    

Print Friendly

Schreibe einen Kommentar