Poetica 2017: Die Seele und ihre Sprachen

Die Seele und ihre Sprachen, Universität Köln, Festival der Weltliteratur,

Seelensuche im Schnelldurchlauf

Wo sitzt die Seele? „Unlocatable!“, sagt Eleni Sikelianos aus den USA, die erste vortragende Autorin des Abends und lacht, aus Verlegenheit oder über die Unsinnigkeit der Frage. Am 9. Januar startete in Köln zum dritten Mal die Poetica, das Festival für Weltliteratur. Zwischen dem 9. und dem 14. Januar des noch frischen Jahres 2017 wurde in mehreren Veranstaltungen mit internationalen Autoren in Zeiten der abbrechenden Dialoge und der besorgniserregenden Ablehnung des Fremden und der Verhärtung von Positionen, die internationale Literatur diskutiert und gefeiert. So fragten sich Autoren aus zahlreichen Ländern nach der Seele und ihren Sprachen, so das Motto der diesjährigen Veranstaltungsreihe.
     Bei der Auftaktveranstaltung an der Universität zu Köln wurden nach bewährtem Konzept die teilnehmenden Autoren kurz vorgestellt, indem zwei mal aus ihrem Werk gelesen wurde, einmal von den Autoren selbst in der Originalsprache, anschließend nochmals in deutscher Übersetzung. Schließlich wurden die Verfasser in einem Kurzinterview zum jeweiligen Text oder zur Sprache der Seele befragt. Kuratorin der Poetica 3 und Moderatorin der Auftaktveranstaltung war Monika Rinck. Die Abfolge der Autoren wurde gerahmt und unterbrochen von Begrüßungen, Einschüben und Schlussworten sowie musikalischen Darbietungen.

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Ist die Seele immer nur der Ort von Krankheit, Verletzung und Trauma? Die israelische Autorin Zeruya Shalev zeigte die Seele in ihrem Vortrag als einen höchst individuellen Ort von Schmerz. Die Seele, so die Autorin, spricht grundsätzlich in langen Sätzen. Seele ist „frictionated“, fand Maricela Guerrero aus Mexiko, die Poesie aber sei ein Mittel sich um die Seele zu kümmern, die eigene und die fremden. Eher handfeste Eingrenzungen der Thematik nahm Stefan Weidner vor, der als Übersetzer von Ibn-Arabi ins Deutsche den alten Seelenbegriff einer ihm fremden Kultur über die Vielzahl der entsprechenden Worte und ihren Kontext erschließen musste. Die türkische Autorin Nurduran Duman beendete schließlich die Vorstellung der ersten Autorengruppe.
     Die anschließende als „Pause“ titulierte Phase, stellte allerdings keinerlei Leergang dar, sondern füllte die Lücke zwischen den beiden Gruppen vorgestellter Autoren mit Ausführungen von Professor Günter Blamberger und Professor Heinrich Detering. Sie führten ihre gebannten Zuhörer von Eichendorff und Silvia Plath bis hin zu Aretha Franklin („Aretha ist Bob Dylans Wagner!“) und vom Blues des letzten Jahres bei der Poetica 2 zum Soul der diesjährigen Veranstaltung.
     Nach diesen Aus-, Ab- und Umschweifungen ging es mit der nächsten Autorengruppe in die zweite Runde. Sehr konkret wurde von der in Paris lebenden Gila Lustiger zum Thema Seele gelesen und gesprochen, die mit ihrem Beitrag auf die Terroranschläge in Paris Bezug nahm (2016 für ihren Essay zum gleichnamigen Thema den Horst-Bingel-Preis bekam) und die Notwendigkeit und Herausforderung offener Kommunikation über alle großen und kleinen Grenzen hinweg sowie den Respekt vor dem Menschen in jeder Lebenslage ins Zentrum ihrer Überlegungen stellte. Javier Bello aus Chile verfolgte einen völlig anderen Ansatz: den der Zertrümmerung von Sprache (wie Glassplitter) zu Ruinen. Ein besonders bemerkenswerter Gast unter vielen bemerkenswerten Gästen war Galsan Tschinag aus der Mongolei, der nicht nur mit seinem hervorragenden Deutsch beeindruckte (er studierte in den 60er Jahren in Leipzig), sondern vor allem mit dem ihm eigenen Wandern zwischen den Welten in seinen verschiedenen Tätigkeiten, als preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer einerseits, als Schamane der Tuwa andererseits. Im Gespräch auf diese unterschiedlichen Welten angesprochen erklärte er, dass es in jeder dieser Welten schlechtes gäbe und er daher seine Aufgabe darin sehe als eine Art Lehrer oder Ratgeber in der jeweiligen Welt immer das zu geben, was in ihr von Nöten sei. Es folgten zur Abrundung des Abends der österreichische Autor Michael Donhauser und die deutsche Autorin Angelika Meier, die das Thema Seele nochmals auf den Punkt brachten: Seele sträubt sich gegen jede Fassbarkeit (Donhauser), und sie erduldet viel, aber arbeitet nicht (Meier). Es ist immer Spaß und Verzweiflung wenn die Poesie der Seele Ausdruck verleiht, aber keine Arbeit (frei nach Kafka).

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

Bordbuch

Das ganze Programm von Poetica 2017

9. Januar: Auftaktveranstaltung mit den Autoren der Poetica: ›Die Seele und ihre Sprachen‹

10. Januar:
– Kurzvorträge mit Diskussion: ›Ein Hauch, ein Klang, ein Körper‹
– Lesungen und Gespräche mit Gila Lustiger und Zeruya Shalev: ›Erschütterung‹, ›Schmerz‹ und ›Die Schuld der anderen‹

11. Januar:
– Literarische Werkstatt mit Monika Rinck
– Lesungen und Gespräche mit Michael Donhauser, Nurduran Duman und Eleni Sikelianos: ›Die Lebenden, die Toten, die Liebe und die Jahreszeiten‹

12. Januar:
– öffentliche Diskussion: ›Geführte Seelenwanderung: Zum Übersetzen von Gedichten‹
– mit Javier Bello, Maricela Guerrero, Angelika Meier und Galsan Tschinag: ›Am Randstrich der Seele‹ – Lesungen und Gespräche

13. Januar:
– Lesung und Gespräch mit Stefan Weidner: ›Der Übersetzer der Sehnsüchte‹
– mit Chris Fesch, Monika Rinck, Michael Schmidt und Franz Tröger, Sancta-Clara-Keller: ›Suff und Seele – Lieder für die letzte Runde‹

14. Januar: Szenische Installation mit den Autoren der Poetica: ›Die Seele und ihre Sprachen: Poetry Meets Scenery‹

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