Gespräch über den Roman „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Lebensbrüche, Bruch im Eis, Pflanze wächst durch Eis, Österreich,Bergwelt, Schwanenteich, Siegen,

Gegenentwurf

Einfache Sprache drückt das Leben von Andreas Egger aus; wie viel kann der Mensch ertragen, bis er zerbricht?

In unregelmäßigen Abständen trifft sich der Literaturkreis der kfd in Siegen. Dieses Mal wurde der Roman „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler besprochen. Üblicherweise geben alle TeilnehmerInnen zu Beginn ein kurzes Statement und schildern ihre ersten Eindrücke.

Irgendwo in den Alpen, in einem kleinen Bergdorf lebt Andreas Egger, der ohne Eltern aufwächst, von einem Ehepaar aufgenommen wird. Sein Pflegevater ist brutal. Im jungen Erwachsenen-Alter zieht der Protagonist in eine eigene abgelegene Hütte.

GABI: Ich habe das Buch zum zweiten Mal gelesen und ich habe es auch beim zweiten Mal genauso gerne gelesen wie beim ersten Mal und war wieder genauso beeindruckt von der Persönlichkeit des Helden. Ich finde den Stil und Inhalt gut gemacht, ein sehr gelungener Roman. Ich hatte keine Ahnung von der Brutalität in den Dörfern, einen ersten kleinen Eindruck davon bekam ich vor einiger Zeit durch das Lesen von Ulla Hahn.

EVA: Ich habe es auch zum zweiten Mal gelesen. Auch mich hat es sehr berührt, gefallen hat mir die ausgefeilte Sprache. Ich wurde richtig traurig, was musste dieses Kind durchmachen. Dieser Mistkerl hat überhaupt keine Skrupel das Kind zu schlagen! Ich fragte mich immerzu: Was passiert mit der Seele dieses Kindes? Ich bewundere ihn, da er mit seinem Leben recht gut zurecht gekommen ist. Zum Schluss sagt er in etwa: Es war vieles gut. Er haderte nie mit seinem Leben, er hat immer weiter gemacht und glaubte, dass er oft Glück hatte.

MARIANNE: Ich schließe mich meinen Vorrednerinnen an. Dieser einfache Mensch und die einfache Sprache gehören zusammen. Ich habe mir die Frage gestellt: Ein ganzes Leben, hat der Titel im Vergleich zum Inhalt seine Berechtigung oder nicht? Was ist ein ganzes Leben? In den Todesanzeigen liest man „ein erfülltes Leben“. Gibt es einen Unterschied zwischen erfülltem und einem ganzen Leben?

In der Abgeschiedenheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Gewalt an Kindern Alltag, das Verhalten der Erwachsenen wird nicht hinterfragt, im Gegenteil, sie gelten als unanfechtbare Respektpersonen, die mit Kindern nahezu alles mögliche anstellen dürfen. Wie weit das gehen konnte, wird im Roman aus der Sicht des auktorialen Erzählers dargelegt.

 CLAUDIA: Mich hat es sehr an das österreichische Bergvolk erinnert, auch mit dieser Härte und überhaupt, mit allem Drum und Dran. Ich glaube, der hat es nicht ganz so massiv wahrgenommen, wie wir es heute tun, da die Brutalität der Erwachsenen üblich war und wahrscheinlich haben viele Kinder dies erlebt. Sie sprachen zwar nicht darüber und sie werden es nicht gut gefunden haben, aber es war für sie Alltag, zuweilen ist der Umgang der Erwachsenen mit den Kindern bis heute von Schlägen und ähnlichem geprägt. Der Roman ist ein Gegenentwurf zu „Heidi“ von der schweizerischen Schriftstellerin Johanna Spyri, dass 1880 erschien.
     Trotz das Andreas Egger ein „Krüppel“ ist – in seiner Kindheit hatte er im Winter, nach dem Verlust seiner Eltern und auf der Suche nach einem neuen Zuhause bei seiner Wanderschaft einen Unfall – wurde er als Soldat für den Zweiten Weltkrieg nach Russland geschickt, dort geriet er in die Gefangenschaft.
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HILDEGARD: Ich bin von dem Roman ebenfalls begeistert. Dieses einfache Leben, was man vielleicht noch aus der Kindheit her kennt, vor allem, wenn man auf einem Bauernhof aufwuchs, wo es um das Wesentliche ging, fasziniert mich bis heute. Das Selbstverständnis des Protagonisten, der Russland überlebt und andere schlimme Geschichten, der bis in den Hüften im Schnee steht, fragte ich mich: Wie kommt man da wieder heraus?
     Ich habe gerade noch mal die folgenden Zeilen nachgelesen:

»Wo warst du denn so lange?«, rief er. »Es gibt doch so viel zu erzählen. Du würdest es nicht glauben, Marie! Dieses ganze, lange Leben!«“ (S. 172)

Es ist nicht alles Bestens, aber es ist gut. Ein wunderbares Gefühl. Ich zolle große Anerkennung für den Mann, aber auch für den österreichischen Schriftsteller. Ich habe es sehr gerne gelesen.

MARIANNE: Ich sehe gewisse Parallelen zwischen dem „Der erste Lehrer“ von Tschingis Aitmatov, den Klassiker, den wir im vergangenen Jahr gelesen haben und diesem Mann im Roman von Robert Seethaler.

GILTRAUD: Es eine ganz klare Sprache. Eine Frage, die ich mir während des Lesens stellte, war: Was ist mir wichtig? Ich bewundere diejenigen, die über sich selber im hohen Alter sagen, dass sie ein zufriedenes Leben hatten, trotz widriger Lebensumstände.
     Ich würde einen Unterschied zwischen einem „ganzen“ und einem „erfüllten“ Leben machen. Unter einem erfüllten Leben stelle ich mir mehr vor, als wie unter einem ganzen Leben, mehr, als Andreas Egger erlebt hat.

MARIANNE: Du meinst, dass man von einem erfüllten Leben sprechen kann, wenn jemand eingebunden ist in die Gesellschaft und / oder Gemeinschaft?

GILTRAUD: Das weniger. Aber sein Leben ist so traurig, erst der Verlust seiner Eltern, dann die brutalen Pflegeeltern, dann findet er endlich seine Liebe, lebt mit Marie zusammen und dann wird sie von einer Lawine überrollt. Sein Leben ist gekennzeichnet von Katastrophen und deshalb kann ich nicht von einem erfüllten Leben sprechen. Dennoch steht er immer wieder auf, Krüppel sein hin oder her, er scheut sich vor keiner Tätigkeit.

MARIANNE: Interessant ist der Gegensatz zwischen Andreas Egger und seinem Pflegevater, der erstgenannte zufrieden trotz allem, der andere verbiestert obwohl er alles hat.

In seinem letzten beruflichen Lebensabschnitt wird Andreas Egger Wanderführer. Dafür ist er bestens geeignet, da er sich zum einen in den Bergen hervorragend auskennt, zum anderen hat er ausreichend Lebenserfahrung, um die verschiedenen Typ-Menschen richtig einschätzen zu können, sie vor Gefahren zu bewahren, gleichzeitig ihnen deutliche Grenzen setzen kann, um weder sich selbst noch die gesamte Gruppe in Gefahr zu bringen.

GABI: Wenn man die Natur so hautnah erlebt, angesichts der Naturgewalten, der Majestät der Berge, ist der Mensch im Vergleich dazu winzig klein, du bist als Fremder auf eine Gruppe angewiesen. Wenn man nach Süddeutschland kommt, in der Ferne die Alpen sieht, wird man bei diesem Anblick schon ehrfürchtig.

HILDEGARD: Heutzutage fragt man, welche Träume jemand hat, was man verwirklichen will, aber das Leben kommt anders als man es sich als junger Mensch vorstellt. Er ist mir sehr sympathisch.

CLAUDIA: Ob er mir sympathisch ist? Nein, ich könnte mit ihm einen Abend verbringen, am zweiten Tag würde ich mit ihm einen Rappel bekommen, da seine Weltvorstellung eine ganz andere ist als meine. Er lebt in beengten Verhältnissen, über den Tellerrand schauen ist schwierig. Deutlich wird es, als er im Rattenloch im Schulgebäude vegetiert, eine Ersatzlehrerin kommt, die die Schüler unterrichtet und er sich über die Lautstärke der Kinder aufregt. Die Lehrerin hält nichts vom autoritären Erziehungsstil, er hingegen hält daran fest. Aus meiner Sicht ist er ein Erzkonservativer, damit käme ich nicht zurecht. Der hat mit Sicherheit vieles über die Natur zu erzählen, und vieles davon fände ich sehr interessant, aber alles darüber hinaus würde ich nicht aushalten. Bemerkenswert ist, dass er mit sich selber sehr gut zurecht kommt, niemanden braucht. Auch seine Gedankengänge während seiner Kriegsgefangenschaft sind tiefgreifend, sein Verhalten ist clever.

MARIANNE: Heutzutage haben wir in der Erziehung Gegensätze: Auf der einen Seite die Helicopter-Eltern, die wohlbehüteten Kinder, auf der anderen Seite die Kinder, die der Gewalt ihrer Eltern ausgesetzt sind.

CLAUDIA: Jeder Zeitgeist hat seine eigenen Vorstellungen von Erziehung, das sollte man den heutigen Eltern nicht zum Vorwurf machen.

Lesezeichen, kfd, Frauengemeinschaft, Literaturkreis,GILTRAUD: Inzwischen klaffen die Vorstellungen über Erziehung zwischen den Generationen soweit auseinander, es trennen Welten zwischen Elterngeneration und den heutigen Eltern, also die Kinder von der Elterngeneration, sodass es häufig zu Zwistigkeiten kommt.

HILDEGARD: Obwohl eine ganze Generation den Krieg erlebt hat, gingen die Menschen unterschiedlich damit um.

MARIANNE: Die einen sind daran zerbrochen und andere gingen gestärkt daraus hervor.

HILDEGARD: Woran liegt es, dass die einen am Leben scheitern, andere die Kraft finden und aufrecht durchs Leben gehen? Andreas Egger hat ein ausgeprägtes Selbstvertrauen.

EVA: Er kann alles mit sich selbst ausmachen. Das ist seine Stärke.

GILTRAUD: Er hat ein gesundes Selbstvertrauen.

CLAUDIA: Wenn man in früher Kindheit Schlimmes erlebt, hat man vielleicht bessere Chancen auch im Erwachsenenalter mit Vielem zurecht zu kommen. Diejenigen, die erst später in ihrem Leben einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, sind eventuell weniger dagegen gewappnet und kommen dementsprechend weniger gut damit zurecht.

GABI: Das hat aber einen Harken. Kinder aus Gewaltfamilien tragen schwer daran.

CLAUDIA: Andreas Egger wird mit dem Existentiellen konfrontiert. Er verliert schon sehr früh seine Eltern und überlebt es. Vielleicht liegt darin sein Geheimnis.

GABI: Es gibt die einen, die dadurch stark werden, andere zerbrechen daran.

CLAUDIA: Er bezahlt einen hohen Preis. Er lebt in einer Höhle, im Rattenloch im Schulgebäude…

GABI: Trotzdem geht er stark heraus.

CLAUDIA: Nehmen seine Nachbarn ihn nicht als Versager wahr?

GABI: Er ist ein starker Mann.

CLAUDIA: Wir haben den Vorteil, dass wir sein ganzes Leben kennen, aber seine Nachbarn…

HILDEGARD: Hochachtung vor dem Autor, dem es gelingt, dass man als Leser den Protagonisten eher positiv wahrnimmt.

CLAUDIA: Er ist ein zerbrochener Mensch, weiß aber meisterhaft sein Leben in die Hand zu nehmen.

HILDEGARD: Wie viele Facetten dieser Roman hat …

EVA: Sehr ergiebig, trotz der Kürze des Buches.

– Vanessa Sturm –
© read MaryRead 2017

► Bordbuch

 

Roman, Wandern, Buchbesprechung, Rezension, Literaturkritik, Bergwelt, Gegenentwurf Heidi,Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Roman
186 Seiten
Broschur
Format (H x B x T): 186 x 126 x 17 mm
Gewicht: 174 g
erschien: 15.01.2016
Verlag: Goldmann
ISBN 978-3-442-48291-7
Preis: 9,99 € (D), 10,30 € (A)

 

Termine und Titel der nächsten Bücher:

09.03.2017 „Im Licht der Lagune“ vom Hanns-Josef Ortheil,
27.04.2017 „Das Mädchen Wadjda“ von Hayfa Al Mansour,
01.06.2017 „ Gilgi, eine von uns“ von Irmgard Keun

Ort: Weidenauer Straße 28 a / 57078 Siegen
Beginn: 19.00 Uhr

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