Rafik Schami wird 70 Jahre alt

Erzähler, Tausendundeine Nacht, Orient, Die OliveDie Olive

Auf seiner Reise durch Italien entdeckt der Erzähler aus dem Land der Tausendundeine Nacht Märchen auf einem der zahlreichen Hügel einen Olivenhain. Schon von Weitem ist der Hain zu erkennen, mit seinen zahlreichen schmalen silbrigen Blättern. Er spaziert darauf zu und desto mehr er sich dem annähert, desto mehr kann er sehen, dass die Olivenbäume schon ein gewisses Alter auf dem Buckel haben, sie sind knorrig, weit verzweigt. Als Suheil Fadél den Olivenhain erreicht, überfällt ihn die Versuchung, eine Olive zu pflücken und von ihr zu kosten, obgleich er den bitteren Geschmack kennt. Aber welche soll er nehmen? Er lässt seine Augen schweifen bis eine Olive seine Aufmerksamkeit erhascht. Bedächtig, fast ehrfurchtsvoll geht er zu dieser Olive, betrachtet sie von allen Seiten. Schön ist sie, entspricht dem Ideal. Suheil schaut sich um, beobachtet ihn auch keiner? Seine Hand greift in Bruchteilen von Sekunden zur Olive, reißt kurz daran und steckt sie sich in seine Hosentasche. Schnell läuft er weiter. Am Stadtrand von Caltanisetta setzt er sich auf eine Bank. Er atmet kurz durch, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Wie ein Lausbube kommt er sich vor. Dann greift er in seine Hosentasche, holt vorsichtig die Olive heraus. Und wieder schaut er sie sich von allen Seiten an. Sie ist ungewöhnlich groß, ungefähr die Hälfte einer Pflaume. Er fühlt die glatte Haut der Frucht, Rafik Schami, Frankfurter Buchmesse, 2015ihre dunkle violette Farbe, fast schwarz ist sie. An einer Stelle glaubt er eine Farbänderung zu sehen, sie scheint an der Stelle heller zu sein. Suheil zieht seine Brille ab, legt sie auf die Bank, führt die Olive näher an seine Augen heran. Auf der Olivenhaut spiegelt sich sein Gesicht. Irritiert schaut er sein Spiegelbild an. Alt bin ich geworden, denkt er, als er seine Falten im Spiegelbild sieht, meine Tränensäcke sind groß. Wie viele Tränen werde ich nicht geweint haben, obwohl es Gründe gab? fragt er sich. Vielleicht habe ich deshalb so große Tränensäcke, ich hätte öfters weinen sollen, Gründe dafür hat es viele gegeben. Er schiebt den Gedanken auf Seite, blickt auf. Vor sich sieht er die weißen Häuser, umrandet im üppigen Grün. Auch in dieser Stadt waren mal die Araber, doch dann kamen die Normannen und übernahmen das Zepter. Er fragt sich, ob man noch Spuren von den Arabern hier finden kann. Als die Araber diese Stadt beherrschten, waren sie für zahlreiche europäische Gelehrte ein Vorbild, sie bewunderten deren Medizin, die Architektur und natürlich die Mathematik. Mit einem Mal gab es das Nichts, die Null. Dass das Nichts solch eine hohe Bedeutung hat, ohne die sich vieles nicht errechnen lässt, konnte sich vorher kein Europäer vorstellen. 1787 stattete ein Dichter dieser Stadt einen kurzen Besuch ab. Er schrieb in seinem Reisebericht darüber und erzählt darin, wie die fruchtbaren Flächen, die Berg- und Hügelketten, gegeneinander laufen. Er nannte es als „eine ununterbrochene Masse von Fruchtbarkeit
     Dass die Europäer den Arabern einiges zu verdanken haben, wird in den hitzigen Debatten über die Flüchtlinge vergessen. Stattdessen prangern deutsche Intellektuelle die Politik von Angela Merkel an, weil sie es im vergangenen Jahr gewagt hat, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen. Befürchtet wird von den Intellektuellen, dass es zu viele seien, dass die deutsche Gesellschaft quasi überrannt werden würde. Was für ein Unsinn! Kleine Staaten nehmen proportional zu ihrer Bevölkerung deutlich mehr Flüchtlinge auf, obgleich sie finanziell deutlich schlechter dar stehen als die Deutschen. Sein Herz ist bei den zahlreichen Flüchtlingen und er denkt an die Zeit, als er aus Damaskus floh, über Umwege nach Deutschland kam. In Heidelberg konnte der Damaszener Freund sein Chemiestudium zum Abschluss bringen, anschließend promovierte er in diesem Fach. Er ist dankbar, dass er in Deutschland eine zweite Heimat gefunden hat. Umso schrecklicher ist für ihn die Vorstellung, dass verzweifelte Menschen an den europäischen Grenzen wie vor einer unüberwindbaren Mauer stehen, dass sie keine Bleibe finden. Lieber diskutiert man in Brüssel und in den Hauptstädten Europas darüber, wer und wie viele aufnehmen soll. Während dessen bleiben die Gestrandeten allein mit ihren Gedanken und Nöten. Die Grenzen des reichen Kontinents sind nach Osten hin verschlossen, zahlreiche Geflohene versuchen ihr Glück über das Mittelmeer. Nahezu täglich lauten die Schlagzeilen: Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrunken. Darin eingestreut werden die Nachrichten, in denen europäische Schiffe Gekenterte retten konnten. Das stimmt ihn zornig und traurig. Menschen sind doch keine Ware. Wo bleibt die Humanität? Wo ist der Mut von der Kanzlerin aus dem Geburtstagsgrußvergangenen Jahr?
    
Bei so viel Widersinn schüttelt er seinen Kopf, was er auf der Olive sieht. Er hat es gar nicht bemerkt, dass er seinen Kopf schüttelte. Seine Aufmerksamkeit widmet er wieder der Olive und dem, was er darin sieht. Soll er vorsichtig hinein beißen, um zu probieren, wie sie schmeckt? Diesen Genuss möchte er sich für später aufheben.
    
Stattdessen holt er sein Taschenmesser hervor, schneidet die Olive in zwei Hälften. Vorsichtig schält er den Kern aus dem Fruchtfleisch. Er legt den Kern in die Mitte seiner Handfläche. Oliven bestehen aus 23 Chromosomenpaaren, genauso wie beim Menschen. Selbst Teile des menschlichen Gehirns hat man die Bezeichnung Olivenkern gegeben, lateinisch Nucleus olivaris. Er schmunzelt bei dem Gedanken. Er fragt sich, was wohl sein Kern ist. Vielleicht die Mischung der Anteile der Charakteren in seinem Roman Sophia oder Der Anfang aller Geschichten, der im vergangenen Jahr erschien. Aber auch diese Frage schiebt er auf Seite. Rafik Schami will nicht heute darüber nachdenken. Nein, nicht heute und auch nicht morgen, vielleicht am übernächsten Tag, wenn sein siebzigster Geburtstag vorüber ist, die Gratulanten ihre Glückwünsche überbracht haben.

Karin Baum
© read MaryRead 2016

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