Nikolaus Lenau: Bitte

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Foto: © Otto Raddatz

Bitte

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Weil′ auf mir, du dunkles Auge,
Uebe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Das du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

– Nikolaus Lenau –

Das Gedicht „Bitte“ ist Gemeinfrei.

 

Ölgemälde von Friedrich Amerling* 13.08.1802 in Csatád, Königreich Ungarn
† 22.08.1850 in Oberdöbling (heute ein Stadtteil von Wien), Österreich

Sehnsucht oder Überforderung?

Das Gedicht von Nikolaus Lenau klingt zunächst etwas ungewöhnlich, denn er trägt eine „Bitte“ an die Nacht vor, die das lyrische Ich schützen soll, zugleich soll es von der übrigen Welt trennen.

Wann genau der ungarisch-österreichische Dichter die acht Verszeilen verfasst hat, ist unbekannt, erschienen ist es zum ersten Mal 1832, 1834 wurde es in die Gedichtsammlung „Erstes Buch“ unter der Rubrik „Sehnsucht“ aufgenommen.1
     Seine Literatur wird der Romantik zugeordnet. Nimmt man lediglich den zeitlich-historischen Faktor als Ausgangspunkt, so werden die Texte von Nikolaus Lenau als spätromantische aufgefasst, doch dies sollte kein alleiniges Kriterium sein, um sein Gedicht „Bitte“ einzuordnen.
    
Die Nacht wird vom lyrischen Ich als Magie aufgefasst, ja, sie wird gar personifiziert, sodass die Nacht einem Magier gleichgestellt wird. Offenbar traut das Ich dem Nacht-Magier sogar zu, dass es in der Lage ist, jegliche menschliche Regungen vom Ich fernzuhalten. Das Thema „Nacht“ sowie das phantastisch-dämonische lässt den Gedanken zu, dass es sich hierbei um einen Text der sogenannten Nachtseite handelt und es zu der Berliner Romantik gezählt werden kann.
    
Im Lenau-Klub in Berlin wurde dieses und weitere Gedichte gern und oft gelesen. Theodor Fontane wurde von einem Freund in diesen Klub eingeladen und bekam als eines der ersten Gedichte genau dieses rezitiert.2
    
Sehnsüchtig nach dem Dunklen, vielleicht sogar nach dem Dämonischen zu schielen, mag für so manch einen befremdlich sein. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass Nikolaus Lenau damit den Zeitgeist traf, er galt als einer der modernsten Dichter seiner Zeit.3  Zudem ist es die Zeit nach den Napoleonischen Kriegen die erst 1814 / 1815 auf dem Wiener Kongress beendet wurden. Dem folgte ein politisch-gesellschaftlicher Konservatismus, begleitet von einer strengen bis sehr strengen Zensur. Zugleich forderten etliche Menschen des Landes ein Mitspracherecht in der Politik und die Aufhebung der Stände. Nikolaus Lenau befand sich in einer Zwickmühle, gehörte er doch als Graf dem Adelsstand an, welches mit zahlreichen Privilegien ausgestattet war, andererseits befürwortete er den Aufruf nach Veränderung. Auf diesem historischen sowie biografischen Hintergrund lässt sich das Gedicht dahingehend lesen nach dem Motto „lasst mich alle in Ruhe“, „ich will nichts mehr sehen und hören“, mit anderen Worten: das lyrische Ich ist überfordert, sehnt sich nach der Nacht, die Ruhe verspricht.

© read MaryRead 2019

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Einzelnachweise:

1: Vgl. zeno.org (): Nikolaus Lenau, Gedichte, zuletzt besucht am 13.03.2019

2: Vgl. Helga Bemmann: Theodor Fontane, Ullstein Buchverlage – Berlin 1998, S. 28

3: Erwin Laaths: Geschichte der Weltliteratur. Eine Gesamtdarstellung, Gondrom Verlag, Bindlach – 1988, S. 553


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