Ernst Wilhelm Lotz: Hart stoßen sich die Wände in den Straßen …

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Hart stoßen sich die Wände in den Straßen …

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
In einem wild gekochten Fieberland geboren.
Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.

– Ernst Wilhelm Lotz –

aus: Ernst Wilhelm Lotz: Wolkenüberflaggt, V. Jugend, Kurt Wolff Verlag 1917

schwarz-weiß Foto, Dichter, Schriftsteller* 06.02.1890, Culm an der Weichsel, Deutschland / Polen
† 26.09.1914, Bouconville,
Frankreich

Ernst Wilhelm Lotz ist vor allem für seine expressionistischen Gedichte bekannt.
     Nach seiner Schulzeit beginnt er in Berlin eine Ausbildung zum Buchhändler, doch die Lehre bricht er bald wieder ab. Seit Sommer 1913 arbeitet er als freier Schriftsteller, schließt Freundschaften mit dem Maler und Schriftsteller Ludwig Meidner, Kurt Hiller und mit dem Lyriker Ernst Stadtler. Im selben Jahr erscheint seine erste Gedichtsammlung „Und schöne Raubtierflecken … Ein lyrisches Flugblatt“. Das Gedichtband „Wolkenüberflaggt“ wird posthum 1917 vom Kurt Wolff Verlag herausgegeben.

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