Martin Luther: Etliche Fabeln aus Esopo verdeudscht

Übersetzung, Lucas Cranach, Das goldene Zeitalter, nackte Menschen, Paradies, schwimmen, Tanz

Mit dem Bild „Das goldene Zeitalter“ von Lucas Cranach dem Älteren

INHALTSVERZEICHNIS:
sampt einer schönen Vorrede
> I Torheit: Vom Han vnd Perlen
> II Hass: Vom Wolff vnd Lemlin
> III Vntrew: Vom Frosch vnd der Maus
> IV Neid: Vom Hunde vnd Schaf
> V Geiz: Vom Hunde im Wasser
> VI Freuel: Gewalt> VII Diese Fabel ist auff ein ander Weise also gestellet
> VIII Vom Diebe
> IX Vom Kranich vnd Wolffe
> X Vom Hund und der Hündin
> XI Von D Mogenhofer
> XII Vom Esel vnd Lewen
> XIII Von der Stadmaus vnd Feldmaus
>
XIV Vom Raben vnd Fuchse

sampt einer schönen Vorrede / von
rechtem Nutz vnd Brauch desselben
Buchs / jedermann wes Standes er auch ist / lüstig vnd dienslich zu lesen

Dis Buch von den Fabeln oder Merlin / ist ein hochberümbt Buch gewesen / bey den allergelertesten auff Erden / sonderlich vnter den Heiden. Wiewol auch noch jtzund die Warheit zu sagen / von eusserlichem Leben in der Welt / zu reden / wüsste ich ausser der heiligen Schrifft / nicht viel Bücher / die diesem vberlegen sein solten / so man Nutz / Kunst vnd Weisheit / vnd nicht hochbedechtig Geschrey wolt ansehen / Denn man darin vnter schlechten Worten / vnd einfeltigen Fabeln / die allerfeineste Lere / Warnung vnd Vnterricht findet (wer sie zu brauchen weis) wie man sich im Haushalten / in vnd gegen der Oberkeit vnd Vnterthanen schicken sol / auff das man klüglich vnd friedlich / vnter den bösen Leuten in der falschen argen Welt / leben müge.
     Das mans aber dem Esopo zuschreibet / ist meins achtens / ein Geticht / vnd vieleicht nie kein Mensch auff Erden / Esopus geheissen / Sondern / ich halte /es sey etwa / durch viel weiser Leute zuthun / mit der zeit Stück nach Stück zuhauffen bracht / vnd endlich etwa durch einen Gelerten / in solche Ordnung gestelt / Wie jtzt in Deudscher sprach / etliche möchten / die Fabel vnd Sprüche / so bey vns im brauch sind / samlen / vnd darnach jemand ordentlich in ein Buch fassen / Denn solche feine Fabeln in diesem Buch / vermöcht jtzt alle Welt nicht / schweig denn ein Mensch / erfinden. Drumb ist gleublicher / das etliche / dieser Fabeln fast alt / etliche noch elter / etliche aber new gewesen sind / zu der zeit / da dis Büchlin gesamlet ist / wie denn solche Fabeln pflegen / von jar zu jar zuwachssen / vnd sich mehren / Darnach einer von seinen Vorfaren vnd Eltern höret vnd samlet.
    
Vnd Quintilianus / der grosse scharffe Meister vber Bücher zu vrteilen / helts auch dafür / das nicht Esopus / sondern der allergelertesten einer in griechischer Sprach / als Hesiodus / oder desgleichen / dieses Buchs Meister sey / Denn es dünckt jn / wie auch billich / vnmüglich seyn / das solcher Tolpel / wie man Esopum malet / vnd beschreibet / solte solch Witz vnd Kunst vermügen / die in diesem Buch vnd Fabeln funden wird / vnd bleibt also dis Buch eines vnbekandten vnd vnbenanten Meisters. Vnd zwar / es lobet vnd preiset sich selbs höher / denn es keines Meisters name preisen köndte.

MEHR VON MARTIN LUTHER ÜBER ÄSOP:
> Tischreden: Von Aesopo

Doch mögen die / so den Esopum zum Meister ertichtet haben / vnd sein leben dermassen gestellet /vieleicht Vrsach gnug gehabt haben / nemlich / das sie als die weisen Leute / solch Buch / vmb gemeines Nutzes willen / gerne hetten jederman gemein gemacht (Denn wir sehen / das die jungen Kindern / vnd jungen Leute / mit Fabeln vnd Merlin leichtlich bewegt) vnd also mit lust vnd liebe zur Kunst vnd Weisheit gefürt würden / welche lust vnd liebe deste grösser wird / wenn ein Esopus / oder dergleichen Larua oder Fastnachtputz fürgestellet wird / der solche Kunst ausrede oder fürbringe / das sie deste mehr drauffmercken / vnd gleich mit lachen annemen vnd behalten. Nicht allein aber die Kinder / sondern auch die grossen Fürsten vnd Herrn / kan man nicht das betriegen / zur Warheit / vnd zu jhrem nutz / denn das man jnen lasse die Narren die Warheit sagen / dieselbigen können sie leiden vnd hören / sonst wöllen oder können sie / von keinem Weisen die Warheit leiden /Ja alle Welt hasset die Warheit / wenn sie einen trifft.
     Darumb haben solche weise hohe Leute die Fabeln erticht / vnd lassen ein Thier mit dem andern reden /Als solten sie sagen / Wolan / es wil niemand die Warheit hören noch leiden / vnd man kan doch der Warheit nicht emberen / So wöllen wir sie schmücken / vnd vnter einer lüstigen Lügenfarbe vnd lieblichen Fabeln kleiden / Vnd weil man sie nicht wil hören /durch Menschen mund / das man sie doch höre /durch Thierer vnd Bestien mund. So geschichts denn /wenn man die Fabeln lieset / das ein Thier dem andern / ein Wolff dem andern / die Warheit sagt / Ja zuweilen / der gemalete Wolff oder Beer / oder Lewe im Buch / dem rechten zweifüssigen Wolff vnd Lewe einen guten Text heimlich lieset / den jm sonst kein Prediger / Freund noch Feind lesen dürffte. Also auch ein gemalter Fuchs im Buch / so man die Fabeln lieset / sol wol einen Fuchs vber Tisch also ansprechen /das jm der Schweis möchte ausbrechen / vnd solte wol den Esopum gern wöllen erstechen oder verbrennen. Wie denn der Tichter des Esopi anzeigt das auch Esopus / vmb der Warheit willen ertödtet sey / vnd jn nicht geholffen hat / das er in Fabeln weise / als ein Narr / dazu ein ertichter Esopus / solche Warheit die Thier hat reden lassen / Denn die Warheit ist das vnleidlichste ding auff Erden.
    
Avs der Vrsachen / haben wir vns dis Buch fürgenomen zu fegen / vnd jm ein wenig besser Gestalt zu geben / denn es bisher gehabt / Allermeist vmb der Jugend willen / das sie solche feine Lere vnd Warnung vnter der lieblichen gestalt der Fabeln / gleich wie in einer Mummerey oder Spiel / deste lieber lerne / vnd fester behalte. Denn wir gesehen haben / welch ein vngeschickt Buch aus dem Esopo gemacht haben /die den Deudschen Esopum / der fürhanden ist / an tag geben haben / welche wol werd weren einer grossen Straffe / als die nicht allein solch sein nützlich Buch / zu schanden vnd vnnütz gemacht / sondern auch viel Zusatz aus jrem Kopff hinzu gethan / Wiewol das noch zu leiden were.

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> Eva Wespe: Die Schnecke und die Barmherzigkeit
> Bilderbuch: Hans Kuyper: Der Elefant fühlt allerhand
> Bilderbuch: Anja Mikolajetz: Das Herz des Affen

Darüber so schendliche vnzüchtige Bubenstück darein gemischt / das kein züchtig / from Mensch leiden / zuuor kein jung Mensch / one schaden lesen oder hören kan / Gerad / als hetten sie ein Buch in das gemein Frawen haus / oder sonst vnter lose Buben gemacht / Denn sie nicht den Nutz vnd Kunst in den Fabeln gesucht / sondern allein ein Kurzweil vnd Gelechter daraus gemacht / Gerade als hetten die Hochweisen Leute jren trewen grossen vleis dahin gericht /das solche leichtfertige Leute solten ein Geschwetz vnd Narrenwerck aus jrer Weisheit machen / Es sind Sew vnd bleiben Sew / für die man ja nicht solt Berlen werffen.
     Darumb so bitten wir alle frome Hertzen / wöllen denselbigen Deudschen schendlichen Esopum ausrotten / vnd diesen an sein stat gebrauchen / Man kan dennoch wol frölich sein / vnd solcher Fabel eine des Abends vber Tisch mit Kindern vnd Gesind nützlich vnd lüstiglich handeln / das man nicht darff so schampar vnd vnuernünfftig sein / wie in den vnzüchtigen Tabernen vnd Wirtsheusern / Denn wir vleis gethan haben / eitel feine reine nützliche Fabeln / in ein Buch zubringen / dazu die Legend Esopi.
    
Was sonst nutz vnd nicht schedliche Fabeln sind /wöllen wir mit der zeit auch / so Got wil / leutern vnd fegen / damit es ein lustiger vnd lieblicher / doch erbarlicher vnd züchtiger vnd nützlicher Esopus werde /des man one Sünde lachen vnd gebrauchen könde /Kinder vnd Gesind zu warnen vnd vnterweisen auff jr zukünfftiges Leben vnd Wandel / Daher er denn von anfang ertichtet vnd gemacht ist.

Vnd das ich ein Exempel gebe der Fabeln wol zu gebrauchen / Wenn ein Hausvater vber Tisch wil Kurtzweil haben / die nützlich ist / kan er sein Weib / Kind / Gesind fragen / Was bedeut diese oder diese Fabel? vnd beide sie vnd sich darin üben. Als die fünffte Fabel vom Hund mit dem Stück Fleisch im Maul / bedeutet / wenn einem Knecht oder Magd zu wol ist / vnd wils bessern / so gehets jm / wie dem Hund / das sie das gute verlieren / vnd jenes bessere nicht kriegen. Item / wenn sich ein Knecht an den andern hengt / vnd sich verfüren lesst / das jm gehe /wie dem Frosch an der Maus gebunden / in der dritten Fabel / die der Weihe alle beide fras / Vnd so fort an in den andern Fabeln mit lieb mit leid / mit drewen vnd locken / wie man vermag.
     One das wir müssen das vnser bei jnen thun.

I Torheit

Vom Han vnd Perlen

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> Bilderbuch: Ute Krause: Helma legt los

Ein Han scharret auff der Misten / vnd fand eine köstliche Perlen. Als er dieselbigen im Kot soligen sahe /sprach er / Sihe / du feines Dinglin / ligstu hie so jemerlich / Wenn dich ein Kauffmann fünde / der würde dein fro / vnd du würdest zu grossen Ehren komen. Aber du bist Mir / vnd Ich dir / kein nütze / Ich neme ein Körnlin oder Würmlin / vnd lies eim alle Perlen. Magst bleiben wie du ligst.

Lere
Diese Fabel leret / das dis Büchlin bey Bawren vnd groben Leuten vnwerd ist / wie denn alle Kunst vnd Weisheit bey den selbigen veracht ist / wie man spricht / Kunst gehet nach Brod. Sie warnet aber / das man die Lere nicht verachten sol.

II Hass

Vom Wolff vnd Lemlin

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> Bilderbuch: Stephan Brülhart: Leopold und der Fremde

Ein Wolff vnd Lemlin kamen on gefehr beide / an einen Bach zu trincken. Der Wolff tranck oben am Bach / das Lemlin aber / fern vnten. Da der Wolff des Lemlins gewar war / lieff er zu jm / vnd sprach / Warumb trübestu mir das Wasser / das ich nicht trincken kan? Das Lemlin antwortet / Wie kan ich dirs Wasser trüben / trinckestu doch vber mir / vnd möchtest es mir wol trüben? Der Wolff sprach / Wie? Fluchstu mir noch dazu? Das Lemlin antwortet / Ich fluche dir nicht. Der Wolff sprach / Ja dein Vater thet mir für sechs Monden auch ein solchs. Du wilt dich Vetern. Das Lemlin antwortet / Bin ich doch dazumal nicht geborn gewest / wie sol ich meins Vaters entgelten? Der Wolff sprach / So hastu mir aber mein Wiesen vnd Ecker abgenaget vnd verderbet. Das Lemlin antwortet / Wie ist das möglich, hab ich doch noch keine Zeene? Ey sprach der Wolff / vnd wenn du gleich viel ausreden vnd schwetzen kanst / wil ich dennoch heint nicht vngefressen bleiben / vnd würget also das vnschüldig Lemlin / vnd frass es.

Lere
Der Welt lauff ist / wer Frum sein wil / der mus leiden / solt man eine Sache vom alten Zaun brechen / Denn Gewalt gehet für Recht. Wenn man dem Hunde zu wil / so hat er das Leder gefressen. Wenn der Wolff wil / so ist das Lamb vnrecht.

III Vntrew

Vom Frosch vnd der Maus

MEHR ZUM THEMA:
> Bilderbuch: Torben Kuhlmann: Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus
> Bilderbuch: Ulrike Fischer: Max fährt mit

Eine Maus were gern vber ein Wasser gewest / vnd kundte nicht / Vnd bat einen Frosch vmb Raht vnd Hülffe. Der Frosch war ein Schalck / vnd sprach zur Maus / Binde deinen Fuss an meinen Fuss / So will ich schwimmen / vnd dich hinüber zihen. Da sie aber auffs Wasser kamen / tauchet der Frosch hinuntern /vnd wolt die Maus ertrencken / In dem aber die Maus sich wehret / vnd erbeitet / fleuget ein Weihe daher /vnd erhasschet die Maus / zeucht den Frosch auch mit heraus / vnd frisset sie beide.

Lere
Sihe dich für / mit wem du handelst. Die Welt ist falsch vnd vntrew vol. Denn welcher Freund den andern vermag / der steckt jn in Sack. Doch schlecht Vntrew allzeit jren eigen Herrn / wie dem Frosch hie geschicht.

IV Neid

Vom Hunde vnd Schaf

Der Hund sprach ein Schaf für Gericht an vmb Brod /das er jm gelihen hette. Da aber das Schaf leugnet /berieff sich der Hund auff Zeugen / die musste man zu lassen. Der erste Zeuge war der Wolff / der sprach /Ich weis / das der Hund dem Schaf Brod gegelihen hat / Der Weihe sprach / Ich bin dabey gewest. Der Geir sprach zum Schaf / Wie tharstu das so vnuerschampt leugnen? Also verlor das Schaf seine Sache /vnd musste mit schaden zur vneben zeit seine Wolle angreiffen / damit es das Brod bezalet / das es nicht schüldig worden war.

Lere
Hüt dich vor bösen Nachbarn / oder schicke dich auff Gedult / wiltu bey Leuten wonen / Denn es gönnet niemand dem andern was Guts / das ist der Welt lauff.

V Geiz

Vom Hunde im Wasser

Es lieff ein Hund durch einen Wasserstrom / vnd hatte ein stück Fleisch im Maule / Als er aber den schemen vom Fleisch im Wasser sihet / wehnet er / es were auch Fleisch / vnd schnappet girig darnach. Da er aber das Maul auffthet / empfiel jm das stück Fleisch / vnd das Wasser fürets weg. Also verlor er beide /dãs Fleisch vnd schemen.

Lere
Man sol sich benügen lassen an dem / das Gott gibt. Wem das wenige verschmahet / dem wird das Grösser nicht / Wer zu viel haben wil / der behelt zu letzt nichts / Mancher verleuret das gewisse / vber der vngewissen.

VI Freuel

Gewalt.

MEHR ZUM THEMA:
> Bilderbuch: Claudia und Annika von Holten: Der allerschönste Platz (oder wie man friedlich miteinander leben kann)

Es geselleten sich ein Kind / Ziegen vnd Schaf zum Lewen / vnd zogen mit ein ander auff die Jaget / in einen Forst / Da sie nu einen Hirs gefangen / vnd in vier Teil gleich geteilet hatten / sprach der Lewe / Ir wisset / das ein Teil mein ist / als ewrs Gesellen / Das ander gebürt mir / als eim Könige / vnter den Thieren / Das dritte wil ich haben darumb / das ich stercker bin / vnd mehr darnach gelauffen vnd geerbeitet habe / denn jr alle drey / Wer aber das vierdte haben wil /der mus mirs mit gewalt nemen. Also mussten die drey für jre mühe / das Nachsehen / vnd den schaden zu Lohn haben.

Lere
Fare nicht hoch / Halt dich zu deines Gleichen / Dulcis inexpertis cultura potentis Amici. Es ist mit Herrn nicht gut Kirsschen essen / sie werffen einen mit den Stielen. Vlpia L. Si non fuerint. Das ist ein Geselschafft mit dem Lewen / wo einer allein den Genies / der ander allein den Schaden hat.

VII Diese Fabel ist auff ein ander Weise also gestellet.

Ein Lewe / Fuchs vnd Esel iagten mit einander / vnd fiengen einen Hirs. Da hies der Lewe den Esel das Wilpret teilen / Der Esel macht drey Teil / des ward der Lewe zornig / vnd reis dem Esel die Haut vber den Kopff / das er blutrüstig da stund / Vnd hies den Fuchs das Wilpret teilen / Der Fuchs sties die drey Teil zusamen / vnd gab sie dem Lewen gar. Des lachet der Lewe / vnd sprach / Wer hat sich so leren teilen? Der Fuchs zeiget auff den Esel / vnd sprach / Der Doctor da im rotten Parret.

Diese Fabel leret zwey Stücke
Das erste / Herrn wollen vorteil haben / vnd man sol mit Herrn nicht Kirsschen essen / sie werffen einen mit den Stilen / Das ander / Felix quem faciunt aliena pericula cautum. Das ist ein weiser Man der sich an eines andern Vnfal bessern kan.

VIII Vom Diebe.

Es freiet eins mals ein Dieb / vnd seine Nachbarn waren frölich auff seiner Hochzeit / den sie hoffeten /er würde hinfurt from werden. Da kam ein klüger man dazu / vnd als er sie so in freuden sahe / sprach er /Sehet zu / seid nicht allzu frölich. Die Sonn wolt auch ein mal freien / Des erschrack alle Welt / vnd ward so vngedultig / das sie auch in der Himel fluchet vnd schald.Es fragt Jupiter aus dem Himel / Was das fluchen bedeutet. Da sprach alle Welt / Wir haben jtzt ein einige Sonne / vnd die thut vns mit jrer Hitze so viel zu leide / das wir schier alle verderben / Was wil werden wenn die Sonne mehr Sonnen zeugen wird?

Diese Fabel zeigt der Welt
Man darff den Teuffel vber die Thür nicht malen /Gris schlecht gern nach gramen / Ein Dieb zeugt den andern. Hilff frome Leute mehren / Der Bösen ist sonst zu viel. Mancher schalck wird durch fromme Leute gefördert / der darnach seines Gleichen an sich zeucht / Landen vnd Leuten sehr schedlich ist / Darumb sihe dich für / wem du rahten oder helffen solt /An frembden Kindern vnd Hunden (spricht man) ist das Brod verloren.

IX Vom Kranich vnd Wolffe.

Da der Wolff eins mals ein Schaf geiziglich fras /bleib jm ein Bein im Halse vber zwerch stecken /dauon er grosse Not vnd Angst hatte / Vnd erbot sich gros Lohn vnd Geschenck zu geben / wer jm hülffe. Da kam der Kranich / vnd sties seinen langen Kragen dem Wolff in den Rachen / vnd zoch das Bein eraus. Da er aber das verheissen Lohn foddert / sprach der Wolff / Wiltu noch Lohn haben / Dancke du Gott /das ich dir den Hals nicht abgebissen habe / du soltest mir schencken / das du lebendig aus meinem Rachen komen bist.

Diese Fabel zeigt
Wer den Leuten in der Welt wil wol thun / der mus sich erwegen Vndanck zuuerdienen / Die Welt lohnet nicht anders / denn mit Vndanck / wie man spricht. Wer einen vom Galgen erlöset / Dem hilfft derselbige gern dran.

X Vom Hund und der Hündin.

Eine schwangere Hündin / bat mit demütigen Worten / einen Hund / das er jr wolt sein Heuslin gönnen / bis sie geworffen hette / Das that der Hund gerne / Da nu die jungen Hündlin erwuchsen / begert der Hund sein Heuslin wider / aber die Hündin wolte nicht / Zu letzt drewet jr der Hund / vnd hies sie das Heuslin reumen / Da ward die Hündin zornig / vnd sprach / Bistu böse / so beis vns hinaus.

Diese Fabel zeigt
Wenn die Laus in grind komet / so macht sie sich beschissen / Sihe wie du des Bösen los werdest / wens vberhand kriegt. Der Teufel ist gut zu Gast zu bitten /Aber man kan sein nicht wol los werden.

XI Von D Mogenhofer.

Es begegenet einmal ein schinder dem grossen doctor N Mogenhofer / grusset yhn vnd sprach / Gott ehre das handwerck / lieber freund / Der doctor sprach wie bistu meines odder ich deines handwercks / Der Schinder sprach / Yhr seid ein Jurist / vnd ich ein schinder So schinde ich todte hünde / vnd yhr schindet lebendige leute.

Grobe
vnuernunfftige leute sol man verachten vnd yhn nicht antworten.

XII Vom Esel vnd Lewen.

Der Esel ward auch ein mal Bawrkündig / vnd als er einem Lewen begegnet / grüsset er jn hönisch / vnd sprach / Ich grüsse dich Bruder. Den Lewen verdros der hönissche Grus / dacht aber bey sich selbs / Was sol ich mich an dem Schelmen rechen / Ich schelte oder zureisse jn / so lege ich kein Ehre ein / Ich wil den Narren lassen faren.

Lere
Hoc scio pro certo / quod si cum stercore certo /Vinco uel uincor / semper ego maculor. Wer mit eim Dreck rammelt / Er gewinne oder verliere / so gehet er beschissen dauon.

XIII Von der Stadmaus vnd Feldmaus.

Ein Stadmaus gieng spaciren / vnd kam zu einer Feldmaus / die thet jr gütlich / mit Eicheln / Gersten / Nüssen / vnd womit sie kund. Aber die Stadmaus sprach / du bist eine arme Maus / was wiltu hie in Armut leben / Kome mit mir / ich will dir vnd mir gnug schaffen / von allerlei köstlicher Speise. Die Feldmaus zog mit jr hin / in ein herrlich schön Haus /darin die Stadmaus wonet / vnd giengen in die Kemnoten / da war vol auff / von Brod / Fleisch / Speck / Würste / Kese / vnd alles / da sprach die Stadmaus / Nu iss vnd sey guter ding / solcher Speise hab ich teglich vberflüssig.
     In des kömpt der Kelner / vnd rumpelt mit den Schlüsseln an der thür / Die Meuse erschracken vnd lieffen dauon / Die Stadmaus fand bald jr Loch / Aber die Feldmaus wüsste nirgend hin / Lieff die wand auff vnd abe / vnd hatte sich jres Lebens erwegen.
    
Da der Kelner wider hinaus war / sprach die Stadmaus / Es hat nu kein Not / las vns guter ding sein. Die Feldmaus antwortet / Du hast gut sagen / du wusstest dein Loch fein zu treffen / dieweil bin ich schier für Angst gestorben. Ich wil dir sagen was die meinung ist / Bleibe du eine reiche Stadmaus / vnd fris Würste vnd Speck / Ich wil ein armes Feldmeuslin bleiben / vnd mein Eicheln essen / Du bist kein Augenblick sicher für dem Kelner / für den Katzen / für so viel Meusefallen / vnd ist dir das gantze Haus feind / solchs alles bin ich frey vnd sicher in meinem armen Feldlöchlin.
    
In grossen Wassern fehet man grosse Fissche /Aber in kleinen wassern fehet man gute Fisschlin. Wer Reich ist hat viel Neider / Sorge / Fahr.

XIV Vom Raben vnd Fuchse.

Ein Rab hatte einen Kese gestolen / vnd satzte sich auff einen hohen Baum / vnd wolte zeren / Als er aber seiner art nach nicht schweigen kan / wenn er isset /höret jn ein Fuchs vber dem Kese kecken / vnd lieff zu / vnd sprach / O Rab / nu hab ich mein lebtag nicht schöner Vogel gesehen / von Feddern vnd Gestalt /denn du bist. Vnd wenn du auch so eine schöne Stimme hettest zu singen / so solt man dich zum Könige krönen / vber alle Vögel.
     Den Raben kützelt solch Lob vnd Schmeicheln /fing an / wolt sein schönen Gesang hören lassen / vnd als er den Schnabel auffthet / empfiel im der Kese /den nam der Fuchs behend / fras jn / vnd lachet des thörichten Rabens.

Hüt

dich wenn der Fuchs den Raben lobt / Hüt dich für schmeichlern / so schinden vnd schaben etc.

 

Quelle: Martin Luther: Etliche Fabeln aus Esopo von D. M. Luther verdeutscht , in: Fabeln. Heidelberg 1924, S. 3–11, S. 5-8. Entstanden 1530. Erstdruck: Jhena (Christian Rödingers Erbern) 1557, Gesamtausgabe der Werke.

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