„Die Würde ist antastbar“ von Ferdinand von Schirach

Schirach_Die Wuerde ist antastbar

made by © read MaryRead

Geht es Ihnen gut?

Viel wird über die Menschenwürde gesprochen, häufig wird sie eingefordert. Wenn eine Wirtschaftsdelegation nach China oder Russland fährt und der amtierende Bundeskanzler ist mit an Bord, soll dieser deutlich bei seinen chinesischen oder russischen Amtskollegen auf die Menschenrechte hinweisen. Oder es wird an die zahlreichen Frauen im Nahen Osten, Pakistan oder Afghanistan gedacht. Mitten in diesem Denken irritiert der Titel Die Würde des Menschen ist antastbar. Solch ein Buchtitel von den meisten anderen Schriftstellern würde in den Buchhandlungen versauern, verstauben und vergessen. Bei dem Juristen Ferdinand macht dieser Titel hingegen neugierig.

Das Buch Die Würde ist antastbar ist eine kleine Sammlung von Essays zu unterschiedlichen Themen, die Ferdinand von Schirach im Zeitraum zwischen Februar 2010 bis September 2013 im Der Spiegel veröffentlicht hat. Jeder dieser Essays macht nachdenklich und zwischendurch freut man sich, dass jemand den Mut hat, Fragen zu stellen, die man selber stellen möchte, aber da man nicht als Unwissender entlarvt werden will, lässt man das Fragen, doch der Autor stellt sie, wie in der Abhandlung „Verstehen Sie das alles noch?“ Darin stellt Ferdinand von Schirach 77 Fragen, wieIst es Zufall, dass Frau Merkel wichtige Entscheidungen gern zwischen Fußballspielen mitteilt?“1, „Werden Rating-Agenturen eigentlich auch herabgestuft?“1b, „Stimmt es, dass Herr Schäuble bereits als Kind die Fläche eines Oktagons im Kopf ausrechnen konnte?“1c Schon allein der Begriff Oktagon kann einen geistigen Schwindel auslösen, noch mehr die Vorstellung, dass jemand in der Lage sein soll, die Fläche eines Achtecks im Kopf auszurechnen.
     Im Essay Die Würde der Fürchterlichsten wird der Vorstellung nachgegangen, inwiefern es sinnvoll sein kann, dass die Polizei einem Verbrecher die Folter androhen darf, wenn dadurch ein Menschenleben vor dem Tod gerettet werden kann. Dieser Vorstellung ist der Jurist in seinem letzten Roman Tabu ebenfalls nachgegangen, lediglich der Hintergrund ist ein anderer. Im Roman sowie im Essay bezieht Ferdinand von Schirach eine klare und deutliche Stellung, mit einer nachvollziehbaren und vernünftigen Begründung.Schirach_Die Wuerde ist antastbar_Zitat
     Der Auftakt seines neuen Buches stellt die nüchterne Frage: „Darf ein einzelner Mann oder eine Regierung wirklich als Ankläger, Verteidiger und Richter in einer Person entscheiden, wer lebt und wer stirbt?“1d Die meisten demokratisch gesinnten Menschen würden die Frage mit einem klaren „Nein!“ beantworten, doch im Fall von Osama bin Laden scheint die Gewaltenteilung einer Demokratie nicht mehr zu gelten, denn als der Talibanführer in der Nacht zum 02.05.2011 von amerikanischen Soldaten erschossen wird, brechen in den USA Jubelschreie aus und Angela Merkel beglückwünscht den amerikanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Barack Obama. Der Essay Die Würde ist antastbar ist ein Playdoyer für die Einhaltung der Menschenrechte, insbesondere des Artikel 1 unseres Grundgesetzes2, mit Erläuterung, weshalb diese immer gelten sollten.

Das private Leben gibt der Schriftsteller so gut wie nie in der Öffentlichkeit preis. Fragen zu einer möglichen Partnerschaft oder Familie bleiben ohne Antwort, wie in der Talkrunde mit Bettina Böttinger in der Sendung „Kölner Treff“ im WDR am 29.08.20143  erkennbar ist. Dennoch gibt er zu einzelnen Familienmitgliedern, wie zu seinem Großvater, Statements ab und erläutert im Essay Du bist, wer du bist, weshalb er keine Antworten zu seinem Großvater geben kann.

Mehr  von Ferdinand von Schirach:
> Tabu

Ferdinand von Schirach ist ein Verfechter der Menschenwürde und scheut sich nicht, das Verhalten von Politikern infrage zu stellen. Er scheut sich nicht, Fragen zu stellen, die den meisten von uns auf der Seele liegen und er scheut sich auch nicht, Stellung zu seiner Familiengeschichte zu beziehen.
     Beim Lesen wird in vielen Zeilen deutlich, wie wichtig ihm die Einhaltung der Menschenrechte ist, man erkennt, dass ihm alltägliche Themen förmlich unter den Nägeln brennen. Er beweist, dass er zur gebotenen Ernsthaftigkeit einen feinen Humor besitzt, wie die Vorstellung darüber, was noch kommen könnte und schreibt mit einem Augenzwinkern „zu Hause müssen vor dem Sex umfangreiche Hygienevorschriften beachtet werden.“1e Im Essay Reine Menschen, reine Luft macht er deutlich, was er von den neuen Nichtrauchergesetzen hält und wie sehr diese ins Private eingreifen. Bei alldem hat er den Leser im Blick und stellt ihm die Frage: „Geht es Ihnen gut?“1f  

 © read MaryRead 2015

Belletristik


Geht es Ihnen gutFerdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar
Essays
144 Seiten
gebunden
erschien: 08.08.2014
Verlag: Piper
ISBN 978-3-492-05658-8
Preis: 16,99 € (D), 17,50 € (A)

Angaben zum Taschenbuch:
144 Seiten / Taschenbuch / erschien: 07.12.2015 / Verlag: Piper
ISBN 978-3-492-30772-7

Preis: 8,99 € (D), 9,30 € (A)

Home > Rezensionen > Belletristik > Esprit Bücherbord > Literaturmagazin: Ostern und FinnlandThema: Philosophie > „Die Würde ist antastbar“ von Ferdinand von Schirach


1, b, c, d, e, f Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar, Piper – München – Zürich 2014, S. 19 – 21 / S. 6 / S. 95 / S. 23
2 
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
3 
Vgl. http://www1.wdr.de/fernsehen/unterhaltung/koelnertreff/sendungen/journalistinjuristunderfinder100.html (diese Seite ist nicht mehr verfügbar, festgestellt am 13.01.2016)


Weiteres

Roman, Paris, Frankreich, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Algerien, Algerien - Frankreich Konflikt, HochzeitRoman:
Modiano, Patrick: Gräser der Nacht
Erinnerung an die Stadt der Liebe

mehr > 31.12.2014

Ich habs gefunden, HeurekaBilderbuch, ab 5 Jahre:
Kuhlmann, Torben: Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus
Ich hab`s gefunden
!
mehr >  20.12.2014  

Kriminalroman, ab 12 Jahre, Rassismus, Rezension, Literaturkritik, BuchbesprechungKriminalroman, ab 12 Jahre:
Boie, Kirsten: Schwarze Lügen

Ausgestoßene Teenager
Melody ist unfreiwillig im Besitz des Geldes aus dem Bankraub und wird  …
mehr >  16.12.2014