Dossier: Birgit Birnbacher

Dossier, türkis, rechtecke

Birgit Birnbacher, made by © read MaryRead

INHALTSVERZEICHNIS:
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Grundbausteine der poetischen Sprache
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Wir ohne Wa(h)l
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Vorerst letzte Auszeichnung

> Werke (bis einschließlich Bachmann-Wettbewerb 2019)
> Auszeichnungen (bis einschließlich Bachmann-Wettbewerb 2019)

Einzelnachweise

Abtauchen, eintauchen und zurück zur Oberfläche

Schaut man auf die Schriftstellerkarriere von Birgit Birnbacher könnte man den Eindruck gewinnen, dass sie bisher einfach durchmarschiert ist, doch von einfach kann keine Rede sein, sie hat es bisher nur klug angestellt. Zunächst verfasste sie kurze Texte, näherte sich dann allmählich einem Roman.

Grundbausteine der poetischen Sprache

Zehn jahrelang arbeitete Birgit Birnbacher mit geistig-behinderten Menschen, unter anderem mit Autisten. All jene, die mit Autisten zu tun haben, wissen, dass Inselbegabungen wie im Spielfilm „Rain Man“ mit Dustin Hoffmann eher selten sind, vielmehr können sie sich häufig ihrer Umwelt kaum mitteilen. Sie benötigen geregelte Tagesabläufe, Ordnung und eine reizarme Umwelt, laute und andauernde Geräusche sowie grelle Farben mögen Autisten nicht besonders gern. Ihr Gehirn kann die Reizüberflutung nicht nach wichtig und unwichtig sortieren, für sie sind alle Geräusche und Farben gleichwertig, dass macht sie empfindlich gegenüber der Welt und so ziehen sie sich in ihre eigene Welt zurück, sich ihrer Umgebung mitzuteilen fällt ihnen schwer. Sie haben andere Mittel, die aber erst mal entschlüsselt werden müssen.

Im Schreiben von Birgit Birnbacher, die am 16. Juli 1985 in Schwarzach geboren wurde,1a liegt einer der Schlüssel in der Arbeit mit geistig-behinderten Menschen, nicht nur, dass 2013 mithilfe ihrer Tätigkeit das Kinderbuch über Autismus „Mal lichterloh, mal wasserblau“ entstand und im Verlag Edition Tandem erschien,2  sondern auch das Abtauchen in eine andere Welt – man kann durchaus von einem Markenzeichen sprechen – wie sie während der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mit ihrem Text „Der Schrank“ ein weiteres Mal unter Beweis stellte. Die Ich-Erzählerin träumt davon, sich im Schrank zu verstecken, für alle unsichtbar zu werden. In einem ihrer ersten Prosastücke „Die Tant`“ wird auch jemand versteckt, nämlich die Tante, die im Austragshaus wohnt. Sie wird nach einem mehr oder weniger erzwungenem Schwangerschaftsabbruch im wahrsten Sinne des Wortes verrückt und kann nur bei der Familie bleiben, weil es dieses Gebäude gibt. Mit dieser Kurzgeschichte beteiligte sich die österreichische Schriftstellerin am Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich zum Thema „Familie“. Nora Gomringer und Reto Hänny wählten ihn zum Text des Monats September 2012.3 Danach erschienen weitere kurze Texte in Anthologien und Literaturzeitschriften. Während dieser Zeit arbeitete Birgit Birnbacher weiterhin hauptsächlich als Behindertenpädagogin in der Kinder- und Jugendarbeit, des öfteren verlegte sie ihren Arbeitsplatz ins Ausland, arbeitete unter anderem nach Indien und Äthiopien.4a   

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Urmünder“ von Katharina Schultens

Wie bei sämtlichen Schriftsteller*innen kann man auch bei ihr nicht genau zwischen biografischem Einfluss und dichterischer Freiheit trennen.
     Was sie auch immer dazu bewogen hat, die Schullaufbahn früh abzubrechen, einfach wird es für sie danach nicht gewesen sein, hat aber vielleicht zur Sensibilität für Außenseiter beigetragen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie nach ihrem Schulabbruch den fragenden Blicken ausgesetzt war, wie man mit hinter vorgehaltener Hand über sie sprach, einige werden ihr offen das Entsetzen ausgesprochen, etliche werden ihr ein verkorkstes Leben prophezeit haben. Der verbale und nonverbale Spießrutenlauf. Woher sie anschließend ihre Kraft und Stärke gezogen hat, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, vorstellbar ist jedoch, dass sie sich in ihre eigene Welt zurückgezogen hat und möglicherweise ist sie dann auch in eine andere Stadt gezogen. Dass sie über eine innere Kraft und Stärke verfügt, wird im Interview mit Litradio deutlich, sie steht dazu, dass negative Kritik ihr etwas ausmacht und sie macht klar, dass man sich das nicht so zu Herzen nehmen soll, ein Ammenmärchen ist. Aber ihre Kraft und Stärke zeigt sich auch in ihrem weiteren Lebenslauf. Sie holte ihre Matura nach, studierte anschließend in Salzburg Soziologie und Sozialwissenschaften.5a,4b 2011 wurde ihre erste Prosa in der Anthologie für junge österreichische Autorinnen „momente“, herausgegeben von Friederike Goldschmid und Clara Aimée Toth, veröffentlicht. Ein vorsichtiger Durchbruch gelang ihr fünf Jahre später mit dem Roman „Wir ohne Wal“, erschienen im Verlag Jung und Jung, derselbe Verlag, der auch die Trägerin vom Deutschen Buchpreis 2012 („Landgericht“), Ursula Krechel zu seinen Autorinnen zählen darf.

Wir ohne Wa(h)l

In den zehn Episoden in „Wir ohne Wal“ erzählen junge Menschen über die Sicht der Dinge. Sie alle leben in derselben tristen Kleinstadt, am Himmel schwebt ein Ballonartiger Wal, wollen irgendwie anders sein als die anderen, führen letztendlich dasselbe langweilige Leben wie alle anderen Stadtbewohner. Der Titel des Romans lässt auch die Lesart „Wir ohne Wahl“ durchaus zu. Beim Hildesheimer Festival für junge Literatur (08.06. – 11.06.2017) erwähnte Birgit Birnbacher im Interview mit Litradio, dass alle Figuren im Roman scheitern und zwar nicht, weil sie einen Fehler begehen, sondern weil sie ihr Leben nicht in die Hand nehmen aus der Sorge heraus, dass sie scheitern könnten. Dabei bevorzugt die Autorin Charakteren, die sich entscheiden, die etwas Unvorhergesehenes tun, so äußerte sie sich im Filmbeitrag für das Finale vom Alpha-Literaturpreis (2017).
     Für ihren Debütroman wurde sie mehrmals ausgezeichnet, zuerst mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung am 17. November 2016 im Frankfurter Literaturhaus (dotiert mit 15.000 €), 2017 mit dem Jahresstipendium des Landes Salzburg und im gleichen Jahr kam sie auf die „Shortlist“ für den Rauriser Literaturpreis.1b  

In der Begründung der Jürgen-Ponto-Stiftung heißt es:

Sachlich und poetisch zugleich, hart und weich, realistisch, doch auch ins Irreale gleitend – schöner Roman über junge Menschen in erstaunlich sicherer Sprache.“6 

Die Literaturkritiker sind bei diesem Roman hin- und hergerissen. Einerseits finden sie die poetische Sprache als gelungen, andererseits ringen sie darum, ob man es überhaupt als Roman bezeichnen kann. Eine ausführliche Besprechung gibt es auf der Bloggerseite „Zeilensprünge“, die das Für und Wider gut darstellen. Oliver Pfohlmann von der Neuen Zürcher Zeitung ist zwar vom Roman angetan, findet jedoch, dass er zu viel ausgezeichnet wird und führt dabei unter anderem den Theodor-KörnerFörderpreis ins Feld. Das entspricht aber nicht ganz den Tatsachen. Den Theodor-Körner-Förderpreis erhielt die Autorin im April 2016 für den Text „Ich in anderem Shirt“,7 der Roman „Wir ohne Wal“ erschien jedoch ein paar Monate später im August 2016.
     Außerdem wurde Birgit Birnbacher am 18. März 2015 mit dem Rauriser Förderungspreis (dotiert mit 4.000 €) für „Ein Badewasserrest“ gewürdigt.8 

Vorerst letzte Auszeichnung

Wie oben schon erwähnt, las Birgit Birnbacher beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb am Freitag, den 28. Juni aus ihrem Text „Der Schrank“. Die Juroren waren durchaus davon angetan, völlig überzeugt, dass sie vor Jubel von den Stühlen aufgesprungen wären, waren sie aber nicht. Bei der Punktvergabe für die Shortlist (die in diesem Jahr zum ersten Mal veröffentlicht wurde) zeigt es sich, sie nahm dabei lediglich Rang vier von möglichen sieben ein, sie war hinter Julia Jost, Sarah Wipauer und Katharina Schultens. Im ersten Wahldurchgang am Sonntag (30.06.2019) wurde sie von den beiden Juroren Hildegard Elisabeth Keller und Michael Wiederstein nominiert, sie lag gleich auf mit Yannic Han Biao Federer. Erst durch die Stichwahl wurde sie zu einer knappen Siegerin.
     Stefan Gmünder, der sie zum Wettbewerb eingeladen hatte, sprach in seiner Laudatio über die frisch gekürte Bachmann-Preisträgerin (dotiert mit 25.000 €), dass sie in „Der Schrank“ der Asche eine Sprache gibt, die aufbricht und zu singen beginnt.
    
Vielleicht kann Birgit Birnbacher nun mit dem Preisgeld entspannt ihren Roman „Der geheime Name“ zu Ende bringen, sofern er nicht schon druckreif beim Verlag liegt, immerhin gab es im vergangenen Jahr schon einen Auszug in „Literatur und Kritik“ (Nr. 527).5b Und ganz vielleicht können wir dann nochmals „Der Schrank“ lesen, dann eingebettet in dem Roman.

© read MaryRead 2019

Ankerlichtung

Werke (bis einschließlich Bachmann-Wettbewerb 2019):

2011: Beitrag in: momente

2012: Die Tant`, in: Anthologie zum Schreibwettbewerb des Literaturhaus Zürich

2013: Mal lichterloh, mal wasserblau (Kinderbuch), in: Edition Tandem

2014: winterhart (Prosa), in: Anthologie X (Verlag Neues Leben)
2014: Ein Badewasserrest, in: SALZ (Nr. 159, MEHR.SPRACHEN)

2015: Rote Riesen, in: Lichtungen 144
2015: aber wir, in: Anthologie Beziehung.Krisen.Herd. Anthologie zum Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb (Verlag Louisoder)
2015: Zwei Jahre, in: Konezpte

25.08.2016: Wir ohne Wal (Roman), Verlag Jung und Jung
2016: Häuser von oben (Erzählung), in: manuskripte 212
2016: (Ohne Titel). (Über Peter Laubichler), in: Menschen aus Salzburg (Herausgeber: Arno Kleibel, Jochen Jung, Otto Müller Verlag)

2017: Die Dvorzak hat den Dritten eingeführt, in: SALZ (Nr. 170, Nahaufnahmen 23)

2018: Der geheime Name (Romanauszug), in: Literatur und Kritik (Nr. 527)
2018: Wir müssen reden!, in: SALZ (Nr. 171, FRÜHE JAHRE)
2018: Nacktmull Valley, in: SALZ (Nr. 172, Was Tiere tun)
2018: Lyrics von Lehen, in: SALZ (Nr. 173, lass rauschen. (Über) Songs schreiben)
2018: Waschbeton und Gras (Auszug), in: SALZ (Nr. 174, Nahaufnahmen 24)
2018: dinge, die leben, in: SALZ (Nr. 174, Nahaufnahmen 24)

2019: Der Schrank (Prosa, Bachmann-Wettbewerb)

Auszeichnungen (bis einschließlich Bachmann-Wettbewerb 2019):

11.01.2015: Literaturpreis „Irseer Pegasus“ (gemeinsam mit: Ulrich Effenhauser), für: aber wir, (Dotierung: 2.000 €), verliehen im: Kloster Irsee (Allgäu)9
18.03.2015: Rauriser Förderungspreis, für: Ein Badewasserrest (Dotierung: 4.000 €)

26.04.2016: Theodor-Körner-Förderpreis, für: Ich in anderem Shirt
17.11.2016: Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, für: Wir ohne Wal (Dotierung: 15.000 €), verliehen im: Literaturhaus Frankfurt am Main

2017: Jahresstipendium Land Salzburg, für: Wir ohne Wal (Dotierung: 10.000 €)
2017: „Shortlist“ für den Rauriser Literaturpreis, für: Wir ohne Wal

30.06.2019: Ingeborg-Bachmann-Preis, für: Der Schrank (Dotierung: 25.000 €), verliehen in: Klagenfurt

Literaturkritiken (Wir ohne Wal) zum Nachlesen:

> Zeilensprünge (): Die Tristesse der Kleinstadtjugend: Birgit Birnbachers „Wir ohne Wal
>
Oliver Pfohlmann (): Generation Whatsapp, NZZ – 29.11.2016

Birgit Birnbacher: Wir ohne Wal
Roman
gebunden
182 Seiten
Format (H x B x T): 191 x 123 x 2 mm
Gewicht: 242g
erschien: 25.08.2016
Verlag: Jung und Jung
ISBN 978-3-99027-089-9
Preis: 18,00 € (D), 18,00 € (A)

 Home > Ankerlichtung > Lebensbilder > Bachmann-Wettbewerb > Dossier: Birgit Birnbacher


Einzelnachweise:

1a, 1b: Vgl. Austria Forum (): Birgit Birnbacher, zuletzt besucht am 08.07.2019

2: Angaben laut Koch, Neff und Volckmar

3: Vgl. Birgit Birnbacher (): Die Tant`, Literaturhaus Zürich, zuletzt besucht am 08.07.2019

4a, 4b: Vgl. Prosa Nova (): Birgit Birnbacher, zuletzt besucht am 08.07.2019 

5a, 5b: Vgl. Bachmann-Preis: Birgit Birnbacher, ORF

6: Vgl. News (): Ponto-Stiftung vergibt Literaturpreis an Birgit Birnbacher, Geest-Verlag, zuletzt besucht am 30.06.2019

7: Vgl. () Theodor Körner Fonds, zuletzt besucht am 08.07.2019

8: Vgl. Rauriser Literaturtage (): Birgit Birnbacher, zuletzt besucht am 08.07.2019

9: Schwaben Akademie Irsee (): Birgit Birnbacher erhält Literaturpreis „Irseer Pegasus“ (Pressemitteilung), zuletzt besucht am 11.07.2019


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