Rezension zu „Stadt am Meer“ von Joanne Schwartz

Lettland, Kraftwerk, Fluss, Landschaft, Flussufer

Foto: Lettland, © Simone Jawor

Fast versunken: Kohlebergbau

Wenn man so will, ist das Bilderbuch „Stadt am Meer“ von Joanne Schwartz den Gezeiten nachempfunden, es lebt vom Wechsel zwischen Über- und Untertage.

Erzählt wird das Kinderbuch aus der Sicht eines Jungen in der Ich-Perspektive, der in einem Bergbaugebiet aufwächst, sein Vater arbeitet in einem der Kohlebergwerke. Die Familie lebt in einfachen Verhältnissen, das wird einem vor allem durch die Illustrationen von Sydney Smith vermittelt, insbesondere durch die doppelseitigen, fast schwarzen Bilder, die etwas sehr bedrohliches haben, nur am unteren Bildrand ist ein schmaler heller Streifen, der Stollen, worin die Bergarbeiter
in gebückter Haltung ihrer Tätigkeit nachgehen. Dieses Bild ist mehrmals in dem
Bilderbuch zu sehen, der Stollen wird dabei aber immer kleiner, vermutlich soll es den wirtschaftlichen Rückzug aus dem Kohlebergwerk verdeutlichen.
     Die ersten Darstellungen wirken schnoddrig, so als seien sie in Eile hin gekritzelt worden, bei genauerer Betrachtung wird einem klar, dass hier jemand nicht nur eine Vorliebe für Details hat sondern auch Stimmungen einfangen kann. Zu einem der eindrucksvollsten Bilder gehört, wie am Tag die Sonne aufs Meer scheint. Zudem kann man in sämtlichen Bildern Kohlenstaub entdecken, ohne dass es im Text explizit genannt wird.
    
Markant an diesem Kinderbuch ist, dass die Sprache sehr einfach gehalten ist, ein Teil der Bilder wirken ebenfalls überschaubar, und doch ist es abwechslungsreich, mal wird durch kurze Bilderfolgen der Betrachtungsfluss unterbrochen, mal sind die Leser*innen gefragt, die die Erzählung fortsetzen.
    
Ein ruhiges Kinderbuch, fast gewöhnlich, um es in all seiner Pracht genießen zu können, braucht man Zeit.

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Auf der Leipziger Buchmesse 2019 wurde es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. In der Begründung heißt es unter anderem:

Durch den Kontrast von sonnenglitzerndem, lichtdurchflutetem Tag und dem dumpfen Schwarz des Bergbaus verleiht Sydney Smith dem Buch immense Spannung. Obwohl der Text sie nicht nennt, schwingen in den eindrücklichen Bildern Bedrohung und Angst mit, die gebannt weiterblättern lassen: Wird der Vater am Abend unversehrt aus der Tiefe zurückkehren? Ein atemberaubendes Porträt einer vergangenen Zeit, das ein poetisches Licht auf einen selten gewordenen Beruf wirft.“

Aber das ist bislang nicht die einzige Auszeichnung. Radio Bremen und Die Zeit kürten es im April 2018 zum Luchs des Monats (Luchs 375), im gleichen Monat wurde es von Deutschlandfunk in die Liste der Die besten 7 Bücher für junge Leser aufgenommen wie unter anderem auch „Karl Marx – Ein radikaler Denker“ von Wolfgang Korn und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeichnete es August 2018 von ihrer Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AjuM) mit dem LesePeter aus.

Nur eine Frage bleibt offen, eine entscheidende: Ist das Bilderbuch für Kinder geeignet? Einerseits spricht die einfache Sprache dafür, andererseits sind die Bilder in ihrer Abfolge so komplex, dass diese vermutlich von Kindern eher nicht verstanden werden. Kinder bräuchten Menschen, die ihnen einiges über den Bergbau erklären und auch darüber hinaus. Fraglich ist ebenfalls, ob die Bilder von dem kanadischen Illustrator überwiegend Erwachsene ansprechen und weniger die Kinder.

© read MaryRead 2019

Kinderbuch

Rezension, Buchbesprechung, LiteraturkritikJoanne Schwartz: Stadt am Meer
Illustration: Sydney Smith
Originaltitel: Town Is by the Sea
Übersetzung aus dem Englischen: Bernadette Ott
Bilderbuch
Alter: ab 6 Jahre
52 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 286 x 218 x 12 mm
Gewicht: 410 g
erschien: 21.02.2018
Verlag: Aladin 
ISBN 978-3-8489-0144-9
Preis: 18,00 € (D), 18,50 € (A)

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