„Die große Wörterfabrik“ von Agnès de Lestrade

Geisweid, Krupp Stahl,ThyssenKrupp , Stahlwerk, Siegen,

Schönste Liebeserklärung der Welt

Wenn die Sprache kostet, das legendäre Babylon gesichtslos bleibt, können Worte aus dem Müller weiterhelfen.

Täglich sprechen wir mit unserer Familie, Freunden, Nachbarn, zuweilen auch mit uns selbst. Es gibt Wörter, die fast immer vorkommen, daneben gibt es seltene Worte und ganz seltene Worte. Wir reden und reden, aber woher kommen eigentlich die Wörter?

Im Bilderbuch „Die große Wörterfabrik“ sortiert Agnès de Lestrade die Worte in wertvoll und weniger wertvoll, da jedes Wort seinen Preis hat, einige sind sehr günstig, andere hingegen sehr Turm Babel, Sprachverwirrung, gesichtslose Fabrik,teuer. Die Worte werden in der Fabrik produziert, anschließend werden sie verkauft.
     Zunächst könnte man meinen, was soll denn das?, Wörter gehören allen Menschen, die muss man nicht kaufen. Das gilt aber auch für die Sonne, das Wasser und die Luft. Für die Bereitstellung von Trinkwasser muss man bezahlen, stellenweise gilt das auch inzwischen für die Luft, wie in Mexiko und China. So abwegig ist die Idee von der Wörterfabrik demnach nicht. In unserem Wortschatz sind zudem Worte, die nicht durch natürlichen Umgang entstanden sind, sondern von Instituten und Denkfabriken entwickelt wurden. Man denke nur an Wörter wie „Verteidigungsministerium“ anstelle von „Kriegsministerium“, „alternative Fakten“ anstelle von „Lügen“ oder „Griechenlandkrise“ anstelle von „Bankenkrise“. Wohin das führen kann, wird von Valeria Docampo auf den ersten Seiten dargestellt. Die Wörterfabrik ist metall-dunkel mit Zahnrädern, von der Architektur her sieht es aus wie der Turm zu Babel, nur dass dieser Turm nicht am einstürzen ist, sondern auf der Spitze ein gesichtsloser menschenähnlicher Kamin steht, dessen Rauch aus unzähligen Buchstaben zusammengesetzt ist. Man kennt die Legende vom Turmbau zu Babel. Die Menschen wollten einen Turm bauen, der so hoch sein sollte, dass man mit Gott im Himmel in Berührung kommt. Doch dann bricht der Turm zusammen, anschließend entsteht die berühmte Sprachverwirrung, keiner konnte mehr seinen Nachbarn verstehen. Mal abgesehen davon, dass die Sprachenvielfalt der Menschheit gut getan hat und wir heute eher beklagen, dass nahezu wöchentlich eine Sprache von diesem Erdball verschwindet und damit eine ganze Kultur dem Untergang geweiht ist, hat der babylonische Turm im Kinderbuch tatsächlich Bauchredner, surreal,was Erschreckendes, vor allem eines: Immer dort, wo Produkte verkauft werden, teilt sich die Menschheit in arm und reich auf, die einen müssen notfalls im Müll nach weggeschmissenen Wörtern wühlen, andere leben im Überfluss. Dort wo die Fabrik steht, fällt jede Menge Staub zu Boden und so sind die Illustrationen von Brauntönen durchzogen. Die armen Menschen tragen im Bilderbuch kirschrote und weiße Kleidung, selten sitzen sie auf einem Stuhl, meistens sind sie in Bewegung oder sitzen auf einem Geländer.
    
Paul und Oskar sind in Marie verliebt. Der erstgenannte musste sehr lange nach Wörtern suchen und fand drei Worte, die seine Liebe zu Marie ganz und gar zum Ausdruck bringt. Nein, nein, nicht was Sie jetzt denken, so etwas Gewöhnliches wie „Ich liebe dich“ oder „I love you“ käme ihm gar nicht in den Sinn, oder besser gesagt, die kann er sich nicht leisten. Zuerst ist man über seine Worte irritiert, man rechnet damit, dass Marie ihn nun in die Wüste schickt, doch schaut man sich seine drei Worte genauer an, so erkennt man, dass er das schönste Liebesgeständnis der Welt macht, hingegen ist das Liebesgeständnis von dem reichen Oskar langweilig weil alltäglich und nichtssagend.

Worte kaufen zu müssen, um überhaupt sprechen zu können, ist surreal (das aber auch für Wasser und Luft ebenso gilt), die Bilder von Valeria Docampo drücken dies eindrücklich aus. Bauchredner und Buchstabensuppe bekommen dadurch eine ganz neue Bedeutung, entsprechen aber wesentlich eher dem Sinn, als wie wir sie gebrauchen. Ein besseres Bilderbuch über Worte und der Umgang mit der Sprache ist kaum möglich.

– Eva Wespe –
© read MaryRead 2017

► Kinderbuch

Kinderbuch, ab 3 Jahre, Bilderbuch, Buchbesprechung, Literaturkritik, Rezension,Agnès de Lestrade: Die große Wörterfabrik
Originaltitel: La grande fabrique de mots
Übersetzung aus dem Französischen: Anna Taube
Bilderbuch
Alter: ab 3 Jahre
40 Seiten
Format (H x B x T): 248 x 251 x 10 mm
Gewicht: 420 g
erschien: 02.07.2010 (inzwischen 11. Auflage)
Verlag: mixtvision
ISBN 978-3-939435-26-6
Preis: 14,90 € (D), 15,40 € (A)

 

Buchtrailer:

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