Gruppe 47: Erstes Treffen am Bannwaldsee

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Erste Gehversuche der jungen deutschen Literatur

Unbeabsichtigt wird im Sommer 1947 ein Umbruch in der deutschen Literaturszene eingeleitet, der bis heute nachhaltig ist.

Allem voran sind es die Zensur-Behörden der Alliierten, die zum Umbruch und Umdenken in der noch sehr jungen deutschen Literatur beitragen. Hans Werner Richter und Alfred Andersch brachten aus ihrer amerikanischen Kriegsgefangenschaft die Idee der ZeitschriftDer Ruf“ mit nach Deutschland. Bis Sommer 1947 können sie sechzehn Ausgaben herausbringen, bei der 17. Ausgabe schlägt die Zensur-Behörde so stark zu, dass die beiden zu dem Schluss kommen, dass sie diese Ausgabe unmöglich herausbringen können. Aufgeben kommt für sie jedoch nicht in Frage und so entwickelt Hans Werner Richter eine Idee von einer neuen Literaturzeitschrift. Er weiß auch schon, wie er sie nennen möchte: Der Skorpion. Aber auch hierbei bekommt er arge Schwierigkeiten mit der Zensur und so sollte es bei der Nullnummer bleiben.

Hans Werner Richter:
    Etwas mußte geschehen, um jene jungen Talente und Begabungen zusammenzuhalten, die sich um den »Ruf« zusammengefunden hatten, ein Kreis von Leuten, die sich in ihrer Mentalität, in ihren Auffassungen und Absichten von denen unterschieden, die das Gestern oder Vorgestern vertraten. Aber wie konnte man sie zusammenhalten?“1aa 

Im weiteren Verlauf des Sommers sollte Hans Werner Richter eine Antwort auf seine Frage finden.
     Die Verlegerin Inge Stahlberg lädt Autoren zu einem Treffen vom 26. bis 28. Juli 1947 auf das Gut der Gräfin Degenfeld nach Altenbeuern ein, bei Inge Stahlberg sollte auch die Zeitschrift „Der Skorpion“ verlegt werden.2aa Zu den Gästen gehören unter anderem Hans Werner Richter und Ilse Schneider-Lengyel. Der älteste unter den Teilnehmern ist Rudolf Alexander Schröder (er ist zu dem Zeitpunkt 69 Jahre alt), der den Vortrag „Vom Beruf des Dichters in der Zeit“ hält. In seiner Einleitung hebt er vor allem sich selbst hervor, zitiert eine Charakterbeschreibung über ihn von dem Germanisten Josef Nadler, der auch Mitglied der NSDAP war. Josef Nadler beschreibt ihn in seinem Werk „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ (4 Bände, 1912 – 1928):

Seine Grundhaltung ist die des Stadtbürgers, der vor den Toren sein Landgut baut: Staatsbewusstsein, Heldenverehrung, Ehrfurcht des Brotes, Gottesandacht.“3 

Nach diesem Vortrag wird hitzig diskutiert, vor allem die jüngeren Schriftsteller sind empört, auch Hans Werner Richter und Ilse Schneider-Lengyel sind alles andere als erbaut, dennoch sollte es zu einem Schlüsselerlebnis für die Gründung der Gruppe 47 werden. Das Rahmenprogramm der Tagung in Altenbeuern gefällt Hans Werner Richter ausgesprochen gut und schreibt einen Brief am 8. August 1947 an Ilse Schneider-Lengyel:

Jedoch glaube ich, dass die literarischen Kräfte, die dort [in Altenbeuern] zu Wort kamen bis auf wenige gute Ansätze alle noch ganz im Anfang ihrer Entwicklung stehen. Sie bedürfen noch viel Kritik und viel Führung, ehe sie für eine Veröffentlichung die notwendige Reife besitzen. Als Mitarbeiter für eine literarische Zeitschrift würden ihre Kräfte nicht ausreichen.“ 2ba 

Hierbei werden schon die Weichen der Rollenverteilung für die zukünftige Gruppe 47 gestellt. Hans Werner Richter lässt keinen Zweifel daran, wer diese Gruppe führen wird, kein Gedanke an seinen Mitstreiter und Mitherausgeber von „Der Ruf“, Alfred Andersch. Das „alte Prinzip“ – einer führt, die anderen folgen – ist sehr tief bei ihm verankert, umgekehrt gilt das auch für den Großteil der Gruppenmitglieder, die ihm bereitwillig die Führungsrolle überlassen. Nur wenige durchschauen das „alte Prinzip“, stellen es infrage, Martin Walser gehört zu den Wenigen. Dabei kritisiert Hans Werner Richter das „alte Prinzip“ sehr scharf, spricht davon, dass neue Formen gefunden werden sollen, sodass ein Drittes Reich niemals mehr möglich wird.
     Ilse Schneide-Lengyel freut sich, dass das erste Treffen, bei dem es in erster Linie um die weitere Vorgehensweise der Zeitschrift „Der Skorpion“ gehen soll, bei ihr abgehalten werden soll.

Venus im poseidischem Gewässer

In München steigen am 6. September 1947 sechzehn Schriftsteller in den Zug nach Weilheim, von dort aus geht es mit einem aufgetriebenem LKW (es gab keine Zugverbindung) zum Bannwaldsee weiter.4aa Gerade am Bannwaldsee angekommen springt Isolde Kolbenhoff nackt in den See, Ilse Schneider-Lengyel besitzt ein Fischgut, einige schauen beschämt weg, andere blicken der „jungen Venus“ nach.

Hans Werner Richter erinnert sich später:
    Ich hatte auf meinen handgeschriebenen Postkarten gebeten, noch nicht veröffentlichte Manuskripte mitzubringen. Fast alle sind dieser Aufforderung gefolgt. Da sie alle literarische Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens sind, gibt es auch keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge, dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung verratend. Anfang ist alles in dieser Zeit und in diesen Tagen. Worauf es ankommt, ist die Mitteilung, ist dem Anderen, Nächsten zu zeigen, was man denkt und was man kann, Ersatz für eine literarische Kommunikation, die noch nicht besteht.“1ba 

In den ersten Stunden ihrer Zusammenkunft debattieren sie über den weiteren Verlauf der Zeitschrift „Der Skorpion“. Anschließend lesen einige aus ihren mitgebrachten Texten vor. Der erste ist Wolfdietrich Schnurre, der seinen Text vorträgt:

Das Begräbnis (Auszug) 1ca

Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Klopft´s.
[…]
Liegt der Brief da; weiß mit schwarzem Rand.
Muß einer gestorben sein, denk ich.
[…]
Reiß den Brief uf, setz mich, putz mir die Brille.
So.
Richtig, ne Traueranzeige. Ich buchstabiere:
VON KEINEM GELIEBT, VON KEINEM GEHASST, STARB HEUTE NACH LANGEM, MIT HIMMLISCHER GEDULD ERTRAGENEM LEIDEN: GOTT.
Klein, darunter:
Die Beisetzung findet heute nacht in aller Stille auf dem St.-Zebedäus-Friedhof statt.
[…]
Zieh mein Paletot an, klapp n Kragen hoch und geh runter zur Tür.
´s pladdert.
Den Schirm, denk ich. Aber den Schirm hat Emma.
»Nacht«, sag ich und mach zu hinter mir.
Alles wie immer draußen. Glitschiger Asphalt, bißchen Laternenlicht; paar Autos, paar Fußgänger; auch die Straßenbahn fährt.
Frag ich einen: »Schon gehört – Gott is gestorben.«
Sagt der: »Nanu; heut erst?«
[…]

Erstveröffentlichung: „Ja. Zeitung der jungen Generation“, Berlin 1948, Nr. 3, S. 5 © by Marina Schnurre 2ca

Diese Erzählung ist vielversprechend, nicht nur für den Autor selbst, sondern für die Gruppe insgesamt, ja, sogar für die gesamte Nachkriegsliteratur. Mit neuen Stilmitteln kombiniert mit Sprachmitteln, die schon zuvor in der Weimarer Republik von Irmgard Keun in ihrem Debütroman „Gilgi, eine von uns“ (1931) und von Alfred Döblin in seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) in die Literatur einführten. „Gott“ als Metapher für alles Lebendige und Menschliche hat eine neue Qualität erreicht, wurde bisher „Gott“ als Synonym für Kirche verwendet. Makaber-ironisch bringt Wolfdietrich Schnurre das Leben und die Ideen auf den Punkt. Die Teilnehmer am Bannwaldsee sind begeistert, vor allem, weil er nicht ins kafkaeske verfällt. Davon ermutigt liest er am nächsten Tag noch einen Text, aber das geht gründlich in die Hose, es findet keinerlei Zustimmung.
     Nicolaus Sombart liest aus seinem Prosastück „Begegnung der Generationen“, Walter Kolbenhoff aus seiner Kurzgeschichte „Die Reise nach Hannover“5, 2da Wolfgang Bächler liest aus seinen Gedichten „Die Zisterne“ und „Die Erde bebt noch“ und Ilse Schneider-Lengyel liest ihr Gedicht „Gott der Schläge“ vor. Heinz Friedrich liest aus seinem Text „Die Straße Nirgendwo“, Walter Kolbenhoff und Wolfdietrich Schnurre lesen gemeinsam „Kunst und Künstler. Eine Kontroverse“, und Heinz Ulrich liest ein Kapitel aus seinem Roman „Manfred“.6 

Bächler: Die Erde bebt noch

Hans Werner Richter gibt seine Eindrücke später wie folgt wider:
    So hocken wir im Kreis herum auf dem Fußboden in Ilse Schneider-Lengyels Wohnstube, manche mehr liegend als sitzend, hören zu, angestrengt, konzentriert, und nur selten geben wir unserer Zustimmung oder unserem Mißfallen durch Kopfnicken, Lachen oder irgendwelche Gesten Ausdruck. Es gibt keine Zwischenrufe, keine Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweilige Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sagte ich: »Ja, bitte zur Kritik. Was habt Ihr dazu zu sagen?«“1bb 

Trotz der unterschiedlichen Charaktertypen ist es ihnen möglich, auf der literarischen Ebene sich hart anzugehen, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, von links nach rechts und umgekehrt gewälzt, neu überprüft, nachgespürt und genauestens überprüft, ob nicht doch noch das „Alte“ darin versteckt ist, anschließend wird vertraut miteinander geplaudert. Die Abgeschiedenheit des Fischguts hat vielleicht dazu beigetragen, eher kann man davon ausgehen, dass sie alle gespürt haben, hier geschieht etwas Neues und das sie alle von der neuen Art profitieren werden.

Maria Friedrich, geborene Eibach, und spätere Ehefrau vom dtv-Verleger Heinz Friedrich berichtet in der Gazette „Die Epoche“ am 28.09.1947:4ab
    Als sie zusammentrafen, wußte man sofort: Dies sind Leute, die von ihrer Zeit geprägt sind. Nicht nur in ihren Worten, sondern auch in ihrer Kleidung, in ihren Bewegungen und der Art, die Dinge an sich herankommen zu lassen, trat das in Erscheinung.
    
Es blieb alles zwanglos und beweglich. Man fand schnell zueinander. Fast alle hatten im Ruf geschrieben. Das war ein Ausgangspunkt. Man war sich darüber klar, daß diese neue Zeit anders lebt und erlebt und deshalb anders schreiben muß, daß eine Umwertung einsetzen muß, um ohne Ressentiment dem Leben gerecht zu werden.
    
Diese Voraussetzung bietet nur Möglichkeiten, engt in nichts ein. Das wurde klar, als es zum Diskutieren kam. Es wurde hart diskutiert, aber vom Lebendigen und Produktiven her. Nichts endete in dialektischen Sackgassen.“2ea 

Mehr zur Gruppe 47:
> Martin Walser und die Gruppe 47
> Der Ruf

Häufig wird der Gruppe 47 nachgesagt, wer hierbei teilnimmt, hat es geschafft. Für das erste Treffen gilt das für den Großteil nicht, von manchen ist es nahezu unmöglich, ihre Lebensdaten zu recherchieren, andere sind völlig in Vergessenheit geraten. Die Teilnehmer der ersten Stunde stellen zwar die Weichen für die zukünftige Struktur, sind aber kaum Nutznießer davon.

Die Nachkriegszeit ist geprägt von Hunger und staatlich verordneter Lebensmittelrationen. Umso glücklicher sind die Teilnehmer, dass es bei der Gastgeberin an Essen nicht mangelt. Walter Kolbenhoff sagt später:

Am Bannwaldsee angekommen, sahen wir das Haus, in dem wir alle schlafen sollten, ein einsam am See gelegenes kleines Haus. Wie wir die Nacht verbracht haben, weiß ich nicht, die meisten schliefen auf dem Boden, Richter als Häuptling natürlich kriegte ein Bett. Aber wir schliefen auf dem Boden. Dann kam das zweite Problem. Schlecht ausgeschlafen, hungrig, immer noch müde, wollten wir frühstücken. Was? Da hatte Frau Schneider-Lengyel für gesorgt, die war schon um vier aufgestanden, auf´n See rausgerudert und hatte Hechte und Barsche, und ich weiß nicht, wie die Fische heißen, gefangen. Die wurden gebraten, dann aßen wir jeder ein Stück Fisch, das war das erste Frühstück der Gruppe 47.“4ac 

Und was ist mit dem Fischgut?

Das Haus von Ilse Schneider-Lengyel steht noch, anstelle der Wiesen gibt es seit Jahrzehnten ein Campingplatz, der zu den schönsten im Allgäu gilt.
     Zum 50jährigen Jubiläum plante man ein großes Festival,7 aber über das Festival wurde anscheinend nicht berichtet oder es hat erst gar nicht stattgefunden. Trotz intensiver Recherche konnte diesbezüglich kein Anhaltspunkt für das Stattfinden gefunden werden.

Teilnehmer des ersten Treffens 2fa

Walter Maria Guggenheimer (08.01.1903 – 16.06.1967), Literaturkritiker und Übersetzer (aus dem Französischen)
Walter Hilsbecher (09.03.1917 – 30.11.2015) Schriftsteller und Rundfunksprecher
Isolde Kolbenhoff, Journalistin und Übersetzerin
Walter Kolbenhoff (20.05.1908 – 29.01.1993) Schriftsteller und Rundfunkredakteur
Friedrich Minssen (26.02.1909 – 25.07.1988) Romanist
Hans Werner Richter (12.11.1908 – 23.03.1993) Schriftsteller
Toni Richter, Ehefrau von Hans Werner Richter
Ilse Schneider-Lengyel (10.01.1903 / 1910 – 03.12.1972), Lyrikerin und Literaturkritikerin
Wolfdietrich Schnurre (22.08.1920 – 09.06.1989) Schriftsteller
Nicolaus Sombart (10.05.1923 – 04.07.2008) Schriftsteller
Heinz Ulrich (1912 – ???) Schriftsteller
Franz Wischnewski (unbekannt)
Freia von Wuehlisch (unbekannt)
Holtmann, Mitarbeiter des Pallas-Verlags

Zum Nachhören

Erstes Treffen der „Gruppe 47“ – Es gab Fisch zum Frühstück

Zwei Häuser und zwei Ortschaften stehen für Anfang und Ende der Gruppe 47. Am Bannwaldsee im Allgäu begann, was als einflussreichste Literatengruppe die junge Bundesrepublik prägte. In der fränkischen „Pulvermühle“ traf sich die Gruppe 47 zum letzten Mal.

Von Susanne Lettenbauer
www.deutschlandradiokultur.de, Länderreport
Hören bis: 20.07.2017 14:30

– Daniela Walter –
© read MaryRead 2017

► Ankerlichtung

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Einzelnachweise:

Herausgeber Volker Bohn: Deutsche Literatur seit 1945, Suhrkamp Verlag – Frankfurt am Main 1993
1aa: S. 72
1ba, 1bb: S. 74
1ca: S. 74 ff.

Vgl. Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47, Rowohlt Taschenbuch Verlag – Reinbek bei Hamburg 2004
2aa: S. 32
2ba: S. 33
2ca: S. 36
2da: S. 35
2ea: S. 39 f.
2fa: S. 34

3: Rudolf Alexander Schröder: Vom Beruf des Dichters in der Zeit, Merkur – Juni 1947, 1. Jahrgang, Heft 6

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Deutsche Verlags-Anstalt – München 2012
4aa, 4ab, 4ac: S. 23

5 (): Walter Kolbenhoff: Die Reise nach Hannover (Text kann auszugsweise nachgelesen werden), zuletzt abgerufen am 17.04.2017

6 (): Vgl. Universität Göttingen: Literarisches Leben 1947, zuletzt abgerufen am 17.04.2017 

7 (): Rainer Schauer: „Literatourismus“: Das Haus, in dem sich einst die Gruppe 47 gründete, soll jetzt Touristen locken, Die Zeit – 16.05.1997, zuletzt abgerufen am 17.04.2017

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