Deutscher Jugendliteraturpreis 2016

bilderbuch, kinderbuch, jugendbuch,jugendjury,kindersachbuch,frankfurt, frankfurter buchmesse 2016,vivian pekovic,Deutscher Jugendliteraturpreis 2016 │Foto: © Susanne Grebe

Ein Jubiläum und die Meisterbriefe

Zwischen Rückschau und Aktualität, Historie und Neuerung

Alles scheint so zu sein, wie jedes Jahr. Man betritt den Harmonie-Saal vom Congress-Center der Frankfurter Buchmesse, im Hintergrund läuft leise Musik, die Besucher gehen zu ihren Plätzen. Allmählich füllt sich der Saal.

Pünktlich um 17.30 Uhr betrat Vivian Perkovic, die derzeit für das Bayerische Fernsehen als Reporterin und Moderatorin arbeitet, die Bühne. Mitgebracht hat sie drei Kinder – Jan Dirk, Hannah und Luis – die Vorlesewettbewerbs-Sieger aus den Niederlanden, Brandenburg und Hessen.

Am Freitag, den 21. Oktober 2016 feierten nicht nur die Gewinner der jeweiligen Sparte des Deutschen Jugendliteraturpreises sondern auch die Verleihung selbst. Sie wurde zum 60. Mal zelebriert. Zeit für eine Rückschau. Die Moderatorin hielt zwischen den einzelnen Kategorien mit Dr. Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kurze Rückschauen auf die vergangenen Preisverleihungen.
     Das erste Kinderbuch, dass am 26. April 1956 den Deutschen Jugendbuchpreis bekam, Der glückliche Löwe von dem amerikanischen Kinderbuchautor und Illustrator Roger Antoine Duvoisin fand Eingang in das diesjährige Mottobild. Gestaltet wurde das Bild zum 60-jährigen Jubiläum von dem Preisträger aus dem vergangenen Jahr David Wiesner. David Wiesner integrierte noch weitere Bilderbuch-Preisträger in das Mottobild hinein.

Bevor ein Gewinner einer Sparte bekannt gegeben wurde, zeigte man alle sechs Nominierungen im Schnelldurchlauf und fasste sie kurz zusammen.
edward-van-de-vendel-neben-ralf-kleindiek     In der Sparte Bilderbuch wurde das Buch Der Hund, den Nino nicht hatte von dem niederländischen Schriftsteller Edward van de Vendel als hervorragend gesehen. Die Illustrationen sind von Anton van Hertbruggen, übersetzt ins Deutsche wurde es von Rolf Erdorf.

Die Begründung der Jury:
Nino wünscht sich einen Hund, aber er bekommt keinen. Doch sind der kindlichen Phantasie zum Glück keine Grenzen gesetzt, und so kann Nino mit einem imaginierten Hund umherziehen und wilde Abenteuer erleben. Zum Geburtstag bekommt er doch noch einen Hund; nur verhält sich dieser ganz anders als das Tier in Ninos Vorstellung. Der Junge kann mit ihm zwar Spaß haben, muss seine Ansprüche aber anpassen, und der imaginierte Vierbeiner fehlt ihm letztlich.
     Wie Edward van de Vendel erzählerisch hierfür eine Lösung findet und Anton van Hertbruggen diese illustratorisch umsetzt, zeigt die ganze Meisterschaft dieses etwas anderen Hundebilderbuches. Es ist in erdigen Farben gehalten, wodurch alles wie in einem Dämmerzustand wirkt. Das passt zu Nino und seiner Phantasie, das passt aber auch zu dem Wald, in dem der Junge seine Abenteuer erlebt. Van de Vendels knapper Text gibt dem Illustrator in seinem Erstlingswerk große Freiheit, und dieser gestaltet mit seinen Bildern die eigentliche Geschichte, die kindliche Wünsche und Träume sichtbar macht.“

Edward van de Vendel, geboren 1964 in Beesd/Niederlande, arbeitete zunächst als Lehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er wurde u.a. mit dem Goldenen Kuss und dem Silbernen Griffel ausgezeichnet. Seine Bücher sind in zwölf Sprachen übersetzt.

Aus dem Pool der Gewinner der vergangenen 60 Jahre sind einige Werke unvergessen wie Swimmy (1965) von Leo Lionni, Jim Knopf und der Lokomotivführer (1961) von Michael Ende, Rundherum in meiner Stadt (1969) von Ali Mitgutsch, Krabat (1972) von Otfried Preußler, Als Hitler das rote Kaninchen stahl (1974) von Judith Kerr, Oh, wie schön ist Panama (1979) von Janosch, Sofies Welt (1994) von Jostein Gaarder, Blueprint (2000) von Charlotte Kerner, Die Bücherdiebin (2009) von Markus Zusak, Rico, Oskar und die Tieferschatten (2009) von Andreas Steinhöfel, Die Tribute von Panem (2010) von Suzanne Collins, Tschick (2011) von Wolfgang Herrndorf, Das Schicksal ist ein mieser Verräter (2013) von John Green.

In der Sparte Kinderbuch überraschte es einen nicht, dass die saudi-arabische Autorin Hayfa Al Mansour für das Buch Das Mädchen Wadjda die Auszeichnung erhielt. Zuerst kam das Buch als Film heraus. Darin handelt es sich um ein Mädchen, dass Fahrradfahren lernen möchte, doch in Saudi-Arabien ist das für das weibliche Geschlecht nicht vorgesehen ja, es gibt dort die vorherrschende Meinung, das Fahrradfahren für Mädchen eine Unfruchtbarkeit auslöst. Für die Autorin und Filmemacherin war es eine Herausforderung, den gleichnamigen Film zu drehen, zum einen, da sie eine Frau ist, zum anderen das Thema. Der Film musste abgeschirmt von der Öffentlichkeit gedreht werden, wie Hayfa Al Mansour in verschiedenen Interviews erzählte.
     Man kann die Auszeichnung auch als ein politisches Statement seitens der Jury bewerten, aber sie begründete es mit folgenden Worten:

Begründung der Jury:
Das Mädchen Wadjda ist das erste Kinderbuch der saudi-arabischen Autorin und eine Adaption ihres gleichnamigen Spielfilms. Die elfjährige Wadjda ist ein energisches und mutiges Mädchen, das Regeln und Konventionen nicht einfach hinnehmen will. Sie macht sich ihre eigenen Gedanken über das Leben in Riad im Allgemeinen und das von Frauen im Besonderen. Warum darf sie nicht so wie ihr bester Freund Abdullah Fahrrad fahren? Nichts wünscht sie sich sehnlicher als das grüne Fahrrad im Laden um die Ecke. Doch für Mädchen gehört sich das in diesem Land nicht.
     Ein Leben in engen Grenzen, Einblicke in die Problematik der Zweitfrau, die Stellung des Mannes in der arabischen Welt – die Autorin weiß, wovon sie schreibt. Das grüne Fahrrad wird zum Symbol für Rebellion, Freiheit und Gleichberechtigung. Die spannende und berührende Geschichte führt in eine fremde Welt, sie schärft die Wahrnehmung für den arabischen Kulturraum und wirbt um Verständnis und Verstehen. Sie zeigt, was Freiheit meint und wie wichtig es ist, sie zu verteidigen.“

Hayfa Al Mansour

© Foto: Tobias Kownatzki / RazorFilm

Hayfa Al Mansour, geboren 1974, machte ihren Bachelor-Abschluss in Literatur und ihren Master in Regie- und Filmstudien. Sie ist die erste Regisseurin Saudi-Arabiens und zugleich eine der wichtigsten Filmschaffenden des Königreichs. Sie engagiert sich für die Rechte der Frauen.

Den Preis nahm stellvertretend die Übersetzerin Catrin Frischer entgegen.

Einige Bücher wurden in den vergangenen 60 Jahren mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis zwar ausgezeichnet und sie sind auch noch lieferbar, aber daran erinnern tut sich kaum noch jemand. Zu nennen sind: Ich habe sieben Leben (1973) von Frederik Hetmann (nur als E-Book erhältlich), Wir pfeifen auf den Gurkenkönig (1973) von Christine Nöstlinger, Oma (1976) von Peter Härtling (nur als E-Book erhältlich), In 300 Jahren vielleicht (1984) von Tilman Röhrig, Die Wolke (1988) von Gudrun Pausewang, Abschied von Rune (1988) von Marit Kaldhol, Krokodil im Nacken (2003) von Klaus Kordon, Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof (2004) von Alois Prinz, Simpel (2008) von Marie-Aude Murail, Der Boxer (2013) von Reinhard Kleist.

joke-van-leeuwenEin Kernstück des Abends war der Auftritt der niederländischen Schriftstellerin Joke van Leeuwen. Sie bot ein sprachliches Kabarett, stellte Begriffe aus dem Deutschen und Niederländischen vor, die ähnlich klingen aber eine feine andere Bedeutung haben. Ein Beispiel dafür: Das Meer und der See sind zwar verschiedene Gewässer, aber wenn die Niederländer am Strand eines Zees sitzen, schauen die Deutschen auf Ebbe und Flut. Schlendern die Deutschen hingegen an einer Uferpromenade eines Sees entlang, so suchen die Holländer ein Café am Meer auf. Prompt bekommt die Zeile „lechts und rinks kann man leicht verwechseln“ aus dem Gedicht lichtung von Ernst Jandl eine weitere Bedeutung.

Im Bereich Jugendbuch wurde Mädchenmeute von Kirsten Fuchs als Gewinnerin benannt.

Begründung der Jury:
Ein Abenteuerbuch mit weiblichen Protagonistinnen, das hat in der Jugendliteratur Seltenheitswert. Hier erleben wir sieben Mädchen, die sich bei einem Sommercamp im Wald begegnen. Doch das Camp erweist sich als dubiose Angelegenheit und die Gruppe beschließt, auf eigene Faust Abenteuerurlaub zu machen. Mit ihrer Ich-Erzählerin, der 15-jährigen Charlotte Nowak, führt Kirsten Fuchs in die Wälder des Erzgebirges, eine Kulturlandschaft mit eigenen Geschichten. Sagengestalten werden lebendig, die Mädchen erleben Grusel und reale Ängste, Gemeinschaft und Auseinandersetzungen. Fuchs erzählt ihre Geschichte dramaturgisch geschickt in einer knappen, in Bildern und Konstruktion sehr lebendigen Sprache. Ein großer Reiz des Buchs liegt in der unterschiedlichen Charakterisierung der sieben Figuren. Und Charlotte, die vivian-perkovic-kirsten-fuchs-staatssekretaer-ralf-kleindiekanfangs schrecklich Schüchterne, wächst schließlich über sich hinaus. Selbstironie und Humor sowie mit fortschreitender Handlung zunehmende Reflexion gibt die Autorin ihrer Hauptfigur mit und gestaltet auch dadurch einen großartigen Spannungsbogen.“

Kirsten Fuchs, geboren 1977 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), gewann 2003 den Berliner Literaturwettbewerb Open Mike. Sie ist in der Berliner Lesebühnen- und Slamszene bekannt und schreibt regelmäßig für Das Magazin.

Die Vergabe des Deutschen Jugendliteraturpreis von 1974 hat Auswirkungen bis auf den heutigen Tag. Michael Ende wurde damals für seinen Märchen-Roman Momo ausgezeichnet. Das kleine Mädchen mit ihren zerzausten Haaren möchte die Menschen vor den Zeitdieben bewahren, doch die kommen trotzdem in das kleine beschauliche Örtchen. Mithilfe einer Schildkröte gelingt es Momo, den Menschen ihre Zeit zurückzugeben. In den 1970er Jahren wurde die Beschleunigung als etwas wahrgenommen, der man etwas entgegen setzen sollte. Aber wie Vivian Perkovic so schön treffend feststellte: Vergleicht man die Zeit von heute mit der Zeit vor 40 Jahren, so lebten die Menschen in den 1970er Jahren mehr als Spaziergänger, während man heute einen Marathon in Lichtgeschwindigkeit läuft. Das Buch von Michael Ende hat auf jeden Fall nichts an Aktualität verloren. Die Figur Momo wird seit 1996 an die Preisträger, neben der Preissumme, vergeben.

Wie passend wäre es gewesen, wenn man in dem Jahr, in dem der 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz begangen wird, den Literaturpreis an den französischen Schriftsteller Jean Paul Mongin für sein Kindersachbuch Leibniz oder die beste der möglichen Welten vergeben hätte. Doch es kam anders. Stattdessen wurde Kristina Gehrmann für Im Eisland ausgezeichnet. Es handelt sich hierbei um eine Graphic Novel Trilogie, die sich mit der Expedition von Sir John Franklin auseinandersetzt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die sehr genaue Recherche seitens der Autorin, dass die kristina-gehrmann-im-gespraech-mit-vivian-perkovicExpedition selbst betrifft aber auch die Mode jener Zeit. Ein ähnliches Buch wurde auch 1967 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis beehrt. Damals war es das Sachbuch Das Rätsel Nordwestpassage von Kurt Lütgen.

Begründung der Jury:
Im Frühjahr 1845 brachen unter dem Kommando von Sir John Franklin zwei Schiffe aus England auf, um den Seeweg zwischen dem Nordatlantik und dem Nordpazifik zu finden. Diese Expedition zur Entdeckung der Nordwestpassage endete tragisch. 129 Teilnehmer starben im Packeis.
     Kristina Gehrmann hat für ihre auf drei Bände angelegte Graphic Novel viele Originalquellen ausgewertet. Die Autorin gestaltet ein anschauliches Panorama des Lebens an Bord, in dem alle Schichten vom Kommandanten bis zu den Schiffsjungen vorgestellt werden. Ausführlich wird der Alltag der Mannschaften geschildert, der durch schwere körperliche Arbeit geprägt ist, aber auch Abwechslung bietet durch Musik, Theateraufführungen und eine Bordbibliothek. Die Schwierigkeiten der Expedition deuten sich bereits in diesem ersten Band an, als Krankheitsfälle auftreten und ein Toter zu beklagen ist. Ebenso werden die Sorgen der Kapitäne über den Ausgang der Unternehmung thematisiert. Die detailgetreuen und realistischen Schwarz-Weiß-Illustrationen orientieren sich in der Gesichterdarstellung am Manga-Stil. Die ausgeprägte Mimik der Figuren ermöglicht einen tiefen Einblick in das Seelenleben der Besatzungsmitglieder.“

Kristina Gehrmann, wuchs in Nordrhein-Westfalen auf. Sie malt und zeichnet schon ihr ganzes Leben lang und arbeitet heute als Vollzeit-Illustratorin. Sie wohnt in Hamburg.

Leider wurde an dem Abend keines der Bücher in der Rückschau auf 60 Jahre erwähnt, die zwar den Preis bekommen haben aber längst in Vergessenheit geraten und auch nicht mehr lieferbar sind. Eines davon ist das Kinderbuch Schlimmes Ende (2003) von dem britischen Jugendbuchautor Philip Ardagh, übersetzt von Harry Rowohlt und ein weiteres Kindersachbuch ist Sonnenfresser. Wie Pflanzen leben (2001) von Susanne Paulsen.
     An und für sich ist das kein Alter für Bücher, erschreckend, wie schnell sie trotz Auszeichnung noch nicht einmal mehr lieferbar sind. Zwar hatte die Süddeutsche Zeitung 2010 unter der Rubrik Junge Bibliothek das erstgenannte Buch noch einmal herausgebracht, doch seitdem ist es nicht mehr zu bekommen.

Die Jugendjury entschied sich für Sommer unter schwarzen Flügeln von Peer Martin.

Begründung der Jugendjury:
Brandaktuell: Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11. 2. 2016).
     In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und mit ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt.“

peer martin

© Foto: Catherine Martin

Peer Martin, geboren 1968 in Hannover, arbeitete nach einem Studium der Sozialpädagogik mehrere Jahre mit Jugendlichen in Berlin, Brandenburg und Vorpommern, zuletzt auf der Insel Rügen. Diese Erfahrungen und die Gespräche mit einem syrischen Freund inspirierten ihn zu seinem ersten Roman. Er lebt mit seiner Familie in Québec / Kanada.

 

Den Sonderpreis für das Gesamtwerk erhielt Klaus Kordon und aus dem Publikum hörte man Stimmen wie „Na endlich!“

Unter anderem begründet die Jury es mit folgenden Worten:
Das umfangreiche Werk Klaus Kordons steht im engen Zusammenhang mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Sein Vater starb im Zweiten Weltkrieg, seine Mutter als er 13 Jahre alt war. Er wuchs in Kinder- und Jugendheimen der DDR auf. Seine Heimat war und ist Berlin. Als Exportkaufmann lernte er auf klaus-kordon-im-gespraech-mit-vivian-perkovicDienstreisen verschiedene Länder der Welt kennen – ein Privileg für einen DDR-Bürger. Doch die wachsende Unzufriedenheit über Einschränkungen demokratischer Rechte führte letztlich zu dem Versuch, mit seiner Familie die DDR zu verlassen. Dies endete mit der Inhaftierung im Staatssicherheitsgefängnis in Berlin. Über diese Zeit berichtet Klaus Kordon in seinem Roman Krokodil im Nacken. Nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik widmete er sich seit 1980 hauptberuflich dem Schreiben. Ein Glück für die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur!

Mehr als 90 Kinder- und Jugendbücher hat Klaus Kordon geschrieben, viele wurden in andere Sprachen übersetzt. Einige haben den Weg in die Schulen als Klassenlektüre gefunden. Er erzählt Geschichten für Menschen jeden Alters. Diese spielen häufig in Berlin, aber auch auf anderen Kontinenten. Mit seinen Romanen baut Klaus Kordon literarische Brücken in andere Welten. Hervorzuheben sind dabei seine einzigartigen historischen Romane, die komplizierte geschichtliche Zusammenhänge verständlich machen. Ihre besondere Qualität besteht darin, dass die Fakten akribisch recherchiert sind und der Autor aus der Perspektive der unmittelbar betroffenen Zeitgenossen erzählt. So wird den Leserinnen und Lesern einerseits deutlich, welchen Einfluss politische Umstände auf Lebensläufe haben, und andererseits werden sie herausgefordert, für ihr eigenes Leben Entscheidungen zu treffen und es bewusst zu gestalten. Klaus Kordon gelingt es, eindrucksvoll deutlich zu machen, wie schwierig der Weg zur Demokratie ist, die ohne Freiheit nicht möglich erscheint. Dieses hohe Gut zu verteidigen und zu bewahren liegt dem Autor am Herzen. Und es lag auch jenen am Herzen, die vor 60 Jahren den Deutschen Jugendliteraturpreis ins Leben gerufen haben.“

Die Laudatio hielt Regina Pantos, Vorsitzende der Sonderpreisjury.

preisträger vom deutschen jugendliteraturpreis 2016, auf der weißen Couch,Sechzig Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis lädt zu einer Rückschau ein, aber wenn man von Niemandem ein kritisches Wort hört, sollte man hellhörig werden. Es gab nur Lobeshymnen, man ist der Überzeugung, dass der Preis jung bleibt. Wie immer, so gilt auch hier: alles eine Frage der Ansicht. Im Laufe der 60 Jahre wurde zwar das eine oder andere geändert und ja, es ist begrüßenswert, dass eine Jugendjury seit 2003 integriert ist, dennoch sollte man nicht meinen, dass die Besten unter den Besten ausgewählt werden. Manch eine Entscheidung hängt von politischer Aktualität ab, wobei man hierbei gerne den kritischen Mainstream wählt, zum anderen geht es manchmal auch darum, jemanden auszuzeichnen, der in der Vergangenheit „übersehen“ wurde aber von der Literaturkritik als positiv bewertet wurde. Der Zeitgeist sowie die persönlichen Vorlieben der Jurymitglieder ist letztendlich ausschlaggebend für eine Entscheidung oder Gegenentscheidung. Einen objektiven Maßstab wird zwar von vielen gewünscht, kann es aber nicht geben. Schade ist nur, dass man es von Niemandem hört, vermittelt wird eine Objektivität und man gaukelt vor, dass Literatur denselben Maßstäben wie Naturwissenschaften unterworfen sei, was natürlich Blödsinn ist. Literatur ist ein Ausdruck von Kreativität, das zum Glück weder nach mathematischen Berechnung unterliegen kann noch helfen hier einem Statistiken weiter. Und so gibt es in aller Regelmäßigkeit Unkenrufe im Land. Manchmal sind sie irritierend, manchmal kann man darüber lächeln und manchmal erscheinen sie einem als Pseudogeschwätz.
     Je nach persönlicher Vorliebe freut man sich über eine Preisverleihung oder man ist enttäuscht. In einigen Kritiken wirft man der Jury bzw. dem Konzept vor, dass sie wenig Mut für neuartige Literatur aufweisen. Ab kommendem Jahr wird der Versuch unternommen, dem entgegenzusteuern und es wird im Wechsel einen Sonderpreis für neue Talente als Autoren, Übersetzer und Illustratoren geben. Der Preis wird voraussichtlich mit 10.000 € dotiert sein. 2017 wird das neue Talent als AutorIn gesucht.

Klaus Kordon sprach in seiner Dankesrede davon, dass ein Literaturpreis so etwas wie ein Meisterbrief sei. Man kann es so sehen, vielleicht muss man es so betrachten, denn welche Bewertungsmesslatte haben ansonsten Autoren? Ein Literaturpreis ist etwas Besonderes (trotz Kritik) und ist zumindest ein Zeichen davon, dass man von der Literaturkritik wahrgenommen wird.

Wir gratulieren allen Gewinnern sehr herzlich.

Hannah Tiger
© read MaryRead 2016

Bordbuch

 

 

bilderbuch, abenteuer, geburtstag,Edward van de Vendel:
Der Hund, den Nino nicht hatte
Originaltitel: Den hondje dat Nino niet had
Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf
Bilderbuch
Alter: ab 3 Jahre
40 Seiten
erschien: 02.02.2015 / Verlag: Bohem Press
ISBN 978-3-85581-552-4
Preis: 14,95 € (D), 15,40 € (A)
fahrrad fahren, saudi-arabien,rolle der frau im arabischen raum,Hayfa Al Mansour:
Das Mädchen Wadjda
Originaltitel: Wadjda
Übersetzung aus dem Englischen: Catrin Frischer
Alter: ab 10 Jahre
304 Seiten
gebunden
erschien: 24.09.2015
Verlag: cbt
ISBN 978-3-570-16378-8
Preis: 12,99 € (D), 13,40 € (A)
Jugendbuch, Abenteuerroman,Kirsten Fuchs: Mädchenmeute
Roman
Alter: ab 14 Jahre
464 Seiten
gebunden
erschien: 27.01.2015
Verlag: Rowohlt
ISBN 978-3-87134-764-1
Preis: 19,95 € (D), 20,60 € (A)
Auch als Taschenbuch erhältlich:
erschien: 12.03.2016 / Verlag: Rowohlt  / ISBN 978-3-499-21758-6
Preis: 9,99 € (D), 10,30 € (A)
nordatlantischer seeweg, expedition,

Kristina Gehrmann: Im Eisland
Die Franklin-Expedition (Bd. 1)
224 Seiten
Taschenbuch
Alter: ab 8 Jahre
erschien: 03.03.2015
Verlag: Hinstorff
ISBN 978-3-356-01901-8
Preis: 16,99 € (D), 17,50 € (A)

arabischer frühling,syrien, flucht nach deutschland, jugendroman,Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln
Roman
Alter: ab 16 Jahre
528 Seiten
gebunden
erschien: 18.02.2015
Verlag: Oetinger
ISBN 978-3-7891-4297-0
Preis: 19,99 € (D), 20,60 € (A)

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