„Gräser der Nacht“ von Patrick Modiano

 

Erinnerung an die Stadt der Liebe

Roman, Paris, Frankreich, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Algerien, Algerien - Frankreich Konflikt

Foto: © Simone Jawor / Collage: © Ute Fischer

Manchmal reicht ein Lied aus, das man zufällig im Radio hört, um eine Lawine von Erinnerungen auszulösen. Oder man schlendert durch die Straßen einer Stadt oder einem Stadtteil und man gewinnt den Eindruck, als würden die Steine der Hauswände einem Geschichten erzählen, die eigenen Erlebnisse tauchen fetzenweise aus den Tiefen des Gedächtnisses an die Oberfläche auf und plötzlich stellt sich die Frage: Wie war das damals?
     Der Protagonist Jean spaziert im neuen Roman Gräser der Nacht von Patrick Modiano durch Paris, in der Stadt, in der er die Liebe kennenlernen konnte. Jean versucht diese Erinnerungen zu einem Bild zusammenzufügen, doch dabei gibt es Puzzleteile, die nicht passen wollen und so begibt er sich auf Spurensuche.

Patrick Modiano verbindet im Roman die Vergangenheit eines Menschen mit der Gegenwart. Jean ist der Ausgangspunkt, aber der Mittelpunkt ist seine verflossene Liebe Dannie. Desto mehr er versucht herauszufinden, wer Dannie wirklich war, desto mehr Einzelfäden hält er in der Hand, die scheinbar nicht zusammenpassen wollen aber wie man durcheinander gekommene Wollknäuel entwirren will, entstehen zunächst viele Endfäden und immer wieder muss man Knoten entwirren, um am Ende aus einem Wust eine Ordnung zu erhalten.
     Jean gerät beim durchwandern von Paris sowie in seinen Erinnerungen immer wieder an Knotenpunkte, die er für sich entwirrt. Dabei muss er die verschiedenen Erkenntnisse mit dem vergangenen Bild über seine Liebe zurechtrücken. Aber in jedem Menschen wohnt ein Zauber inne, dass nicht erklärt werden kann, Fragen bleiben offen.

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Die Stadt Paris wird dem Leser durch den Blickwinkel von Jean dargestellt. Der Hauch des Flairs wird durch die Zeilen transportiert und Patrick Modiano erzählt fast leichtfüßig, dennoch macht es nachdenklich.
     Die Handlung wechselt zwischen inneren Monologen und Dialogen, dazwischen gibt der Ich-Erzähler Erklärungen über seine damaligen Erlebnisse. Somit ist der Text nicht monoton und man kann sich gut in die Charaktere hineinfühlen.

Patrick Modiano ist einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart, hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten und in diesem Jahr ist er mit dem Literaturnobelpreis gekrönt worden.

Sein Stil erinnert einen an Siegfried Lenz. Beide beschäftigen sich immer wieder mit der jüngeren Vergangenheit. Siegfried Lenz hat dabei vor allem das Dritte Reich und seine Auswirkungen im Blick, Patrick Modiano hat die Auswirkungen der Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Algerien zum Thema. Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden großen Gegenwartsautoren besteht in der Erzählperspektive. Der deutsche Schriftsteller bevorzugt den auktorialen Erzähler, der Französische den Ich-Erzähler. Beide erzählen fesselnd und überlassen dem Leser eine Schlussfolgerung.

Ein leises Rauschen entsteht, wenn der Wind durch das Gras weht und es entsteht ein inneres Rauschen, wenn man sich mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt.

 © read MaryRead 2014

Belletristik

 

Roman, Buchbesprechung, Rezension, Literaturkritik, Nobelpreis für Literatur 2014Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Originaltitel: L´herbe des nuits
Übersetzung aus dem Französischen: Elisabeth Edl
Roman
176 Seiten
gebunden
erschien: 12.11.2014
Verlag: Hanser
ISBN 978-3-446-24721-5
Preis: 18,90 € (D), 19,50 € (A)

Angaben zum Taschenbuch:
184 Seiten / erschien: 22.04.2016 / Verlag: dtv / ISBN 978-3-423-14494-0
Preis: 9,90 € (D), 10,20 € (A)

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