„Schöner als die Einsamkeit“ von Yiyun Li

Roman, Vier Leben, ein Todesfall und ein Literaturstreich

Foto: © Simone Jawor

Nur in einem Drama legte ein alter Mann
die Hand auf die rauhe Rinde eines Baums
und betrauerte im Voraus seinen Tod;
im echten Leben war der Schmerz um sich selbst
so sprachlos
wie das dämmrige Licht in Großvaters Augen.“
(S. 140)

Vier Leben, ein Todesfall und ein Literaturstreich

Yiyun Li lässt in ihrem zweiten Roman Schöner als die Einsamkeit zwei konträre Welten aufeinanderprallen, die beim näheren Hinsehen nicht so gegensätzlich sind, wie man meinen könnte. Hierin wird das Sprichwort „Man nimmt sich selber immer mit.“ ganz besonders deutlich.

Beim zweiten Roman von der chinesisch-amerikanischen Autorin Yiyun Li kommt man in die Versuchung, die Protagonisten nicht nur in ihren Lebensgeschichten wahrzunehmen, sondern sie auch als Stellvertreter für einen Staat, für eine Institution oder Religionsgruppe zu betrachten. Ganz besonders ist man bei Ruyu, die kalt, herzlos und arrogant daher kommt, versucht, sie mit dem chinesischen Staat zu vergleichen. Interessanterweise ist es aber genau Ruyu, von der eine Faszination ausgeht, ohne sie wäre der Roman nur halb so spannend. Ruyu wächst als Waise bei Großtanten auf, die dem Katholizismus angehören, die irgendwo auf dem chinesischen Land, abgekehrt von der Welt leben, wohlhabend, kalt und gefühllos sind; die demnach dem Klischee entsprechen und es verständlich wird, weshalb ein Staat zur Auffassung kommt, dass „Religion Opium für das Volk ist“, wie Karl Marx es ausdrückte.
     Die beiden Großtanten legen in ihrer Erziehung großen Wert darauf, dass Ruyu sich als etwas Besonderes, als ein hervorragendes Mitglied wahrnimmt. Von kleinauf trichtern sie ihr ein, dass sie eines Tages im Namen Gottes Großes vollbringen wird. Und tatsächlich: Ruyu ist etwas Besonderes. Sie ist intelligent, geht in all ihrem Handeln strategisch vor, ist eine sehr schöne Frau, hält sich die Menschen vom Leib. Ihre stark ausgeprägte Distanziertheit sowie ihre Arroganz sind Anlass, sie als Mörderin zu verdächtigen.
     Für ihre Umwelt stellt sie eine Herausforderung dar: einige meiden sie so gut es geht, andere suchen ganz besonders ihre Nähe. Der fast gleichaltrige junge Mann Boyang verliebt sich in sie, doch Ruyu scheint es entweder nicht wahrzunehmen oder es ist ihr gleichgültig, obgleich sie ihn durchaus zu schätzen weiß und es Situationen gibt, in denen man annimmt, dass sie sich jeden Augenblick umdreht und ihn küsst. Auch die Amerikanerin Celina sucht ihre Nähe, will sie gar als Freundin haben, doch Ruyu lässt sich nicht einfangen, sie ist wie eine wilde Stute, die sich weder vom Reichtum noch von Sicherheit locken lässt.

Zitate, RomanWichtig war nur, dass Celia keine Mühe gescheut hatte, um Ruyu kennenzulernen, und wenn nicht Celia – daran zweifelte Ruyu keine Sekunde –, dann wäre jemand anders willens gewesen, genau das zu tun.“
(S. 47)

 

Oberflächlich betrachtet, könnte der Roman „Schöner als die Einsamkeit“ in Hollywood kreiert worden sein. Die Mischung aus Liebe, Verrat, Eifersucht und Intrigen sind typische Merkmale für verkaufsträchtige Kinofilme, wenn, ja wenn es nicht an einer politischen Auseinandersetzung festgemacht werden würde. Das Massaker am 4. Juni 1989, drei Tage nachdem Ruyu in Beijing eintraf, um dort eine weiterführende Schule zu besuchen, auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat für viele Studenten ein Nachspiel, die sogenannten Rädelsführer werden zum Tode verurteilt, andere können ihr Studium nicht fortführen. Im Roman ist es Shaoi, die ein Studium-Verbot auferlegt bekommt; eine Zukunft hat sie somit nicht mehr. Kurz danach wird sie vergiftet. Seit der Vergiftung lebt sie in einer geistigen Umnachtung, bis sie etwa 20 Jahre später daran stirbt. Als junge Frau ist sie stark und selbstbewusst, setzt sich leidenschaftlich für die Demokratisierung ihres Landes ein, scheitert jedoch am Staat, am Duckmäusertum der meisten Bürger. Sie hat bis zu der Vergiftung nur noch Spott für ihre Umwelt übrig. Seitdem sie vergiftet wurde, kann sich Shaoi ihrer Umwelt nicht mehr mitteilen, ist apathisch, lebt nur noch wie eine leere Hülle, nichts ist mehr von ihrer Persönlichkeit übrig geblieben. Über alldem schwebt die Frage: Wer hat sie vergiftet? War es der lange Arm des Staates, die Mutter von Boyang, die sich mit Chemie bestens auskennt? Wollte sie vielleicht auch Selbstmord begehen, weil sie keine Zukunft mehr sah? Oder war es doch Ruyu, um sich an ihr zu rächen, da sie von ihr sexuell missbraucht worden ist?
Yiyun Li_Schoener als die Einsamkeit
     Das zwanzigjährige Dahinsiechen von Shaoi kann durchaus als Metapher für China gesehen werden. Bevor im Sommer 1989 es zu dem Massaker kam, gab es Anzeichen für Hoffnung, dass sich China in allen Richtungen öffnet, die aber auf dem Platz des Himmlischen Friedens zunichte gemacht wurden, begraben werden mussten.
     Der Tod von Shaoi bringt einen Stein ins Rollen, ist Ausgangs- und Mittelpunkt des Romans. Der langjährige Freund Boyang erfährt von ihrem Tod, kümmert sich um die Bestattung, informiert seine beiden früheren Freunde – Ruyu und Moran – per Mail. Bei allen drei findet daraufhin eine Rückschau statt, wobei es bei Moran, die inzwischen in den USA lebt, am ausgeprägtesten ist. Auch Ruyu lebt inzwischen in den USA als sie vom Tod Shaoi`s benachrichtigt wird.
     Moran und Ruyu haben sich nie wirklich nahe gestanden, dennoch gibt es in ihren Biografien Ähnlichkeiten. Beide Frauen sind in ihren Ehen gescheitert, beide bevorzugen das Alleinsein, dass schöner ist als die Einsamkeit, um sich dem Leben nicht mehr stellen zu müssen, wovon sie zutiefst enttäuscht wurden. Ruyus Leben ist von kleinauf von Einsamkeit geprägt, Moran hingegen hat in ihrer Kindheit und Jugend aufgrund ihrer lebenslustigen, offenen und sympathischen Art Freundschaft und Anerkennung genossen, doch seit der Vergiftung von Shaoi hat sich ihr Leben grundlegend geändert. Plötzlich musste sie alles infrage stellen, auch ihre liebgewordenen Mitmenschen, anderen zu vertrauen wird nun zu einem Balanceakt.

Der Roman Schöner als die Einsamkeit besteht aus Rückschau und Gegenwart, wird abwechselnd aus der Sicht der vier Protagonisten Shaoi, Ruyu, Moran und Boyangerzählt, unterlegt mit einem auktorialen Erzähler.
     Die drei Frauen leben in ihren Jugendjahren in einer Art Wohn- / Hausgemeinschaft, lassen einen vom Ausgangspunkt betrachtet, an die Erzählung Die Arche (Fangzhou, 1983) von Zhang Jie erinnern. In der Erzählung leben drei Frauen in einer Wohngemeinschaft, eine von ihnen gerät mit dem chinesischen Staat in Konflikt. Doch während in der Erzählung Dreh- und Angelpunkt die gemeinschaftliche Wohnung ist, in der Schwierigkeiten reflektiert und verarbeitet werden,1  so findet es im Roman von Yiyun Li an verschiedenen Orten statt.
Shaoi wird im Roman „Schöner als die Einsamkeit“ in ihren Ansichten von Teilen aus der Verwandtschaft unterstützt, durchaus auch von ihren Eltern insbesondere von ihrem Vater. Ruyu kann die politischen Vorstellungen von Shaoi nicht teilen, widersetzt sich aber ähnlich wie sie den Regeln. Während Shaoi aus revolutionären Gründen sich den Regeln widersetzt, so ist es bei Ruyu eine rationale Entscheidung: Sie kann keinen Grund erkennen, weshalb sie bis ins letzte Detail den Anordnungen ihrer Schule folgen sollte. Moran hingegen ist zu feige, ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen.

Wie schon in ihrem Debüt Die Sterblichen so wird auch in diesem Roman das Opfer nicht als mitleiderregend dargestellt. Shaoi wird zwar vergiftet, aber sie entspricht nicht einer typischen Opferrolle. Sie kann rücksichtslos und gnadenlos sein. Ruyu wurde von ihren Großtanten in die Familie von Shaoi geschickt, in der Absicht, dass das Waisenkind eine weiterführende Schule besuchen kann. Shaoi kennt die Situation von Ruyu und sagt nach einem sehr entspannten Nachmittag am Abend dennoch:

Zitate, Roman»Wir reden nicht davon, was sie brauchen« sagte Shaoi, neigte sich vor und fixierte Ruyu. »Ich will wissen, ob du sie magst – oder irgendjemand anders.«
»Warum sollte ich
»Ja warum!«, sagte Shaoi. »Wie ist es, wenn man nur Verachtung für die Welt übrig hat
»Ich verachte niemanden
»Hast du überhaupt irgendwelche Gefühle
»Ich weiß nicht, warum du fragst, und ich weiß nicht, wonach du fragst«, sagte Ruyu, und als Shaoi den Blick nicht von ihrem Gesicht abwandte, schloss Ruyu die Augen.
»Nur weil ich deine gefühllose Haltung zur Welt sehr außergewöhnlich finde. […]« […]
»Ich habe dich nicht darum gebeten, hierherzukommen und hier zu wohnen. Ich war nicht damit einverstanden, dass meine Eltern dich aufgenommen haben«, sagte Shaoi.“ (S. 175 f.) 

Shaois Ansichten über Politik und menschliches Verhalten sind radikal, lassen keine anderen Gedanken und Ideen zu, sie ist davon überzeugt, dass nur sie die richtige Anschauung hat und behandelt viele als Fußabtreter. Ruyu ist für sie ein Dorn im Auge, glaubt sich im Recht, als sie sie sexuell missbraucht.
     Auch die gutmütige Moran hat ihre Schattenseiten ebenso Boyang. Doch Moran und Boyang verlieren nicht grundsätzlich ihre Menschlichkeit und Mitgefühl, während Ruyu Humanität erst in den USA kennenlernt und erst dadurch in die Lage versetzt wird, Mitgefühl zu entwickeln. Ruyu`s Emotionen sind verkümmert, bei den anderen drei sind sie in verschiedenen Graden verhärtet.
Die Emotionen der vier Protagonisten können allegorisch aufgefasst werden, man kann das Verkümmern und Verhärten der Gefühle auf das sozialistische System übertragen. Jedoch ist hierbei Vorsicht geboten, denn für die Gefühlslage kann nicht allein ein Staat verantwortlich gemacht werden. Wenn dem so wäre, müsste man zu dem Schluss kommen, dass auch Demokratien nicht das Richtige sind, da auch dort Menschen mit emotionalen Verhärtungen leben.

In ihrem zweiten Roman ist Yiyun Li ein genialer Literaturstreich gelungen: Einige Stellen des Romans lassen zwei Lesarten zu (Übertragung auf den Zustand des Staates China), andere machen deutlich, was geschehen kann, wenn Menschen sich gegenseitig, ob absichtlich oder unabsichtlich, verletzen, aber der Roman zeigt auch, dass Chancen zur Veränderung bestehen, nichts bleibt, wie es ist. Das interessante an dem Roman ist, dass der Leser ziemlich genau weiß, welche Passagen im Roman als Allegorie aufzufassen sind und wann die Person, die Figur in all seinen Facetten gemeint ist. Dieser geniale Literaturstreich konnte Yiyun Li zum einen durch die verschiedenen Erzählperspektiven erreichen, zum anderen haben die unterschiedlichen Auffassungen vom Leben jeweils ihre Weisheiten. Boyang wird beispielsweise klar:Jede Frage, auf die man eine Antwort sucht, fällt unweigerlich auf einen selbst zurück, ein Bumerang, der einen ins Fleisch schneidet.“ (S. 216
    Ein Roman, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

– Marion Hahn –
© read MaryRead 2016

Belletristik


Roman, Vier Leben, ein Todesfall und ein LiteraturstreichYiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Originaltitel: Kinder than Solitude

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Anette Grube
Roman
gebunden
352 Seiten
erschien: 24.09.2015
Verlag: Carl Hanser
ISBN 978-3-446-24906-6
Preis: 22,90 € (D), 23,60 € (A)

Leseprobe (): Hanser Verlag (pdf-Datei)

Home > Rezensionen > Belletristik > Esprit Bücherbord > Literaturmagazin > „Schöner als die Einsamkeit“ von Yiyun Li


1  Vgl. Reinhard Emmerich (Hrsg.): Chinesische Literaturgeschichte, Verlag J.B. Metzler 2004, S. 368


Ähnliche Beiträge:

Sachbuch Geschichte, Der Schlüssel zur Gegenwart     Roman, Asiatische Gelassenheit

Print Friendly, PDF & Email