„Hexensaat“ von Margaret Atwood

Theater, Gefängnis, Nebel, Herbst, kahle Äste, Impression,

Eine dramatische Rache

Eine Gewürzmischung aus Klassiker, Tragödie und Intrigen. Alles was ein unterhaltenswerter Roman braucht?

Vorab Literaturkritiken sehen, hören oder lesen kann darüber entscheiden, inwiefern man ein Buch in die Hand nimmt oder nicht. In der Sendung „Das literarische Quartett“ vom 05.05.2017 besprachen Thea Dorn, Christine Westermann, Volker Weidermann und Claus Peymann unter anderem den Roman „Hexensaat“ von Margaret Atwood. Deren Resümee viel Bescheiden aus, um es vorsichtig auszudrücken, demnach kein Anlass, um den Roman zu lesen. Dabei handelt es sich genau um jene kanadische Schriftstellerin, die mit „Der Report der Magd“ ein Kultbuch schuf, die sich für Umweltschutz engagiert, seit das Oval Office täglich die Welt mit Schlagzeilen versorgt, nimmt sie an Demonstrationen gegen den derzeitig amtierenden amerikanischen Präsidenten teil, die im Oktober 2017 für ihren Einsatz mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird. Grund genug, um sich mit ihrem neuen Roman zu befassen.
     Grundlage des Romans ist das Drama „Der Sturm“ von William Shakespeare, intertextuelle Kenntnisse und Fähigkeiten sind nicht vonnöten, Schaden kann es dennoch nicht. Wobei Grundlage ist vielleicht auch zu viel gesagt, eher sieht der Regisseur Felix Philipp (zwischendurch legt er sich das Pseudonym Mr. Duke zu) in dem Stück die Möglichkeit, sich nach zwölf Jahren an ehemalige Mitarbeiter und Weggefährten, die ihn, den legendären Theatermacher mithilfe von Intrigen von heute auf morgen vor die Tür gesetzt haben, seinen schwachen Moment, seine dreijährige Tochter war gerade gestorben, ausnutzten.

Mehr zu Margaret Atwood:
> Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017

Rache kann süß sein, vor allem dann, wenn man wie Felix diese minutiös planen und die Gegner mit ihren eigenen Waffen schlagen kann, ja, mehr noch, wenn es einem dabei gelingt, auch noch ein Kunstwerk zu erschaffen, wenn man zur gleichen Zeit ein Theaterstück in zweierlei Gewand, an zwei unterschiedliche Adressaten aufführt und das an einem Ort, wo ein normaler Theaterbesucher sich niemals hin verirren würde: in einem Gefängnis.
     Rache kann einem das Überleben sichern. Nachdem Felix alles verloren hat, verkriecht er sich quasi in ein Rattenloch, arbeitet sich allmählich aus seiner Depression mit Zügen von Schizophrenie wieder heraus, übernimmt im Gefängnis die Aufgabe, den Inhaftierten das Lesen und Schreiben näher zu bringen.
    
Rache kann ein Motor sein. Sehr früh wird für den Leser deutlich, dass der ehemalige Regisseur, der seit jeher für ungewöhnliche Aufführungen bekannt ist, der eine Kleinstadt zu Ruhm brachte, all jenen das Leben schwer machen möchte, die für seine Schmach verantwortlich sind.

Mit einer großen Portion Humor sowie einer klugen Strategie kann der Leser an der Gestaltung des Racheplans teil haben, man bleibt immer an dem Protagonisten dran, erfährt nebenbei was sich hinter Kulissen von Theatern abspielt, und selbst wenn man aus moralischen Gründen nichts von Rache hält, so hofft man dennoch, dass Philipp Felix wieder in ein gesellschaftliches Leben zurückkehren wird. So weit, so gut. Bis hierher wird man gut unterhalten, aber dem folgt der Absturz. Die einzelnen langatmigen Stellungnahmen am Ende des Romans kann man sich schenken, ruinieren gar den Roman. Es verfällt in Klischees. Margaret Atwood hat sich mit gekonnten Inszenierungen auseinandergesetzt, sicherlich hat sie sich auch mit diversen Programmen für die Wiedereingliederung von Häftlingen beschäftigt aber eben wahrscheinlich nur theoretisch. Konzepte zur Wiedereingliederung sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen und es liegt in der Natur der Sache, dass diese besonders erfolgreich dargestellt werden, dass die Arbeit mit Häftlingen mühsam und ein steiniger Weg für alle Beteiligten ist und das es hierfür keinen Stein des Weisen gibt und auch nicht mit einem Fingerschnippen einen Straftäter zu einem guten Menschen macht, müsste auch der Autorin klar sein.

Der Handlungsort ist nicht ganz zufällig gewählt worden aber dieser stellt lediglich den Rahmen dar, dass dort Straftäter sind, ist eigentlich Nebensache und es wäre gut gewesen, wenn die Schriftstellerin dabei geblieben wäre, es wirkt aufgesetzt. Sofern es einem gelingt, über diesen Makel hinweg zu schauen oder in diesem Falle: zu überlesen, so ist der spannende Roman lesenswert.

– Vanessa Sturm –
© read MaryRead 2017

► Belletristik

Roman,, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, William Shakespeare,Margaret Atwood: Hexensaat
Originaltitel: Hag-Seed
Übersetzung aus dem kanadischen Englisch: Brigitte Heinrich
Roman
gebunden
316 Seiten
Format (H x B x T): 222 x 146 x 31 mm
Gewicht: 545g
erschien: 11.04.2017
Verlag: Knaus
ISBN 978-3-8135-0675-4
Preis: 19,99 € (D), 20,60 € (A)

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