Liveticker: Zweiter Tag vom Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017

Zweiter Tag, Liveticker, Klagenfurt am Wörthersee, Österreich, Leseraum,

41. Tage der deutschsprachigen Literatur, Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017 / Foto: © Johannes Puch

Nachdem gestern die Literaturkritiker bei einem Schriftsteller sich einig waren, John Wray hat gute Aussichten für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2017, stellt sich heute die Frage, inwiefern er ernstzunehmende Konkurrenz bekommen könnte. Zugleich scheitern sich an John Wray auch die Geister: passt er in das Format oder nicht? Problem: Es gibt kein Format.

Inhaltsverzeichnis:

Eröffnung

Tag 1: Donnerstag

Tag 2: Freitag
> 6. Lesung: 10.00 Uhr Ferdinand Schmalz
> 7. Lesung: 11.00 Uhr Barbi Markovic
> 8. Lesung: 12.00 Uhr Verena Dürr
> 9. Lesung: 13.30 Uhr Jackie Thomae
> 10. Lesung: 14.30 Uhr Jörg-Uwe Albig

Tag 2, Freitag, 7. Juli

Heute lesen:

6. Lesung: 10.00 Uhr Ferdinand Schmalz
7. Lesung: 11.00 Uhr Barbi Markovic
8. Lesung: 12.00 Uhr Verena Dürr

Pause

9. Lesung: 13.30 Uhr Jackie Thomae
10. Lesung: 14.30 Uhr Jörg-Uwe Albig

6. Lesung: 10.00 Uhr Ferdinand Schmalz

Liveticker, Klagenfurt am Wörthersee, Österreich

41. Tage der deutschsprachigen Literatur, Autor: Ferdinand Schmalz / Foto: © Johannes Puch

Ferdinand Schmalz, geboren als Matthias Schweiger, wurde 1985 in Graz geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Wahlfach Philosophie. Vor allem ist er durch seine Dramen bekannt. Eingeladen wurde er von Sandra Kegel.

Ferdinand Schmalz liest aus dem Text „Mein Lieblingstier heißt Winter“, (): Text – PDF

Krankheit, Tod, Trauer und Apokalypsen sind in diesem Jahr beim Bachmann-Wettbewerb die vorherrschenden Themen. Auch Ferdinand Schmalz hat das Sterben als Thema, trägt es akzentuiert vor, er weiß wie man Zuhörer bei der Stange hält. Magischer Realismus durch und durch.

Hildegard Elisabeth Keller: Herr Schmalz ist eine Figur. Er weiß, wie man eine Figur erschafft. Der gute alte Ördön von Horváth freut sich, heute mit dabei sein zu können.

Meike Feßmann: Ein echter Theatermann. Der Anfang erscheint zunächst billig, doch dann kommt eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Klamauk. Der natürliche Tod, hier: Krankheit Krebs, ist zuweilen der grausamere, da er nicht sichtbar ist.

Hubert Winkels: Er generiert sich über die Sprache, entwickelt eine kleine Philosophie. Sämtliche Aggregatzustände werden zu Körpern mit eigenen Dimensionen. Dominant sind die Metaphern aus dem Bereich der Jagd. „Ich habe ein bisschen Ulrich Seidel herausgehört.“ Die Welten werden immer enger, spitzt sich zu.

Sandra Kegel: Ein makelloser Text. Eine Schauergeschichte.

Stefan Gmünder: Kann ein Chauffeur ein schlechter Mensch sein? „Ich nehme ihm das nicht ab.“ Es rockt an den Stellen, wo Hitze und Kälte aufeinander treffen.

Michael Wiederstein: So ganz überzeugend findet er den Text nicht.

Klaus Karstberger: Alles geht aus der Setzung der Sprache hervor. In diesem Text ist alles, einfach alles glaubhaft, hat eine unglaubliche Präsenz. Zuweilen sagen solche Texte mehr über die Realität, als die sogenannten realistischen Texte. „Ich küre ihn jetzt schon…“ Dass er ein Dramatiker ist, braucht er nicht mehr zu beweisen.

Hubert Winkels: Mit dem sprechendem Ei haben wir im vergangenem Jahr einen Text ausgezeichnet.

Sandra Kegel: Ein anarchisches Schauermärchen, es wird ein perfektes Selbstmord-Kunstwerk inszeniert.

 

 

7. Lesung: 11.00 Uhr Barbi Markovic

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41. Tage der deutschsprachigen Literatur, Autorin: Barbi Markovic / Foto: © Johannes Puch

Geboren wurde Barbi Markovic 1980 in Belgrad, lebt seit 2000 in Wien. Sie wurde für den Roman „Superheldinnen“ 2016 mit dem Alpha Literaturpreis und 2017 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet. Eingeladen wurde sie von Klaus Karstberger.

Barbi Markovic liest aus dem Text „Die Mieter“, (): Text – PDF

Sie hat von vornherein einen schlechten Stand, da sie offensichtlich erkältet ist und das Lesen durch Husten unterbrochen wird. Somit kommt der Zuhörer immer wieder raus.
      Das mystische, dass für Serbien und angrenzende Staaten üblich ist, dringt hier Satz für Satz, Wort für Wort durch.

Hubert Winkels: Man ist auf einer parabolischen Bahn und die Spannung wird genau hierauf verlagert. Gerhard kann man sehr schnell als Dr. Marbuse gleichsetzen, man kann es auf politische Systeme, Diktaturen lesen, man kann es metaphysisch deuten. Somit bekommt der Text etwas sehr Langweiliges. Ihm stört die zu grobe Parabolik.

Sandra Kegel: Das interessante an dieser Anordnung ist die unheimliche Wohnung, die Heimstatt und Rückzugsort normalerweise, nach innen funktioniert das Leben wie eine Sekte.

Meike Feßmann: Sie findet den Text durchaus realistisch, Ironie und Ernst kann man nie auseinander halten. Aber Evi und Marta wird herunter gebetet, was das ganze langweilig macht.

Stefan Gmünder: Damals hat Reinald Maria Goetz auch eine Wohnung, die im schwarzen Loch verschwindet genommen (in ihrem Vorstellungsvideo hat sie Bezug zu Reinald Goetz und seinem Auftritt 1983 beim Bachmann-Wettbewerb genommen), dass aber durchgefallen ist, sieht es hierbei ganz anders aus.

Michael Wiederstein: Langweilig, langweilig, langweilig. Es hätte Potential, dass aber nicht genutzt wurde.

Hildegard Elisabeth Keller: Es gibt Kraftzentren. Der Showdown zwischen den beiden Schwestern, die eine, die an dem Alten festhält und die andere, die aufbrechen will zu neuen Ufern, sind höchst interessant.

Klaus Kastberger: Die Wohnung, die Parabel steht in einer langen Tradition. Es passiert nichts zwischen den Figuren, vermittelt ihm das Gefühl, einen anderen Text gelesen zu haben, es geschieht eine Menge zwischen den Geschwistern.

Michael Wiederstein: „Wir haben gestern Herrn Goetsch vorgeworfen, dass er klassisch erzählen würde, dass kann man hier auch vorwerfen.“

Sandra Kegel: Hierin werden große Fragen verhandelt. „Wurzelloser Rettich“, ein interessantes Bild, ein Rolling Stone, den wird sie nicht mehr vergessen.

 

 

8. Lesung: 12.00 Uhr Verena Dürr

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41. Tage der deutschsprachigen Literatur, Autorin: Verena Dürr / Foto: © Johannes Puch

Verena Dürr liebt die Musik. Geboren wurde sie 1982 in Wien. Ihr Studium der „medienübergreifenden Kunst“ an der Universität für Angewandte Kunst schloss sie, nach einem kurzen Ausflug an das Institut für „Sprachkunst“, 2011 ab. 2014 gewann sie den Hautnah-Lyrikwettbewerb, ausgerichtet von Radio Ö 1. Eingeladen wurde sie von Klaus Kastberger.

Verena Dürr liest aus dem Text „Memorabilia“, (): Text – PDF

„Das Trockenblumengesteck aus Edelweiß, Enzian und der orangefarbenen Lampionblume Physalis Alkegengi, unter einer Glasglocke gekonnt arrangiert, wirkt antik…“ so könnte man auch die Autorin beschreiben. Sie wirkt bieder, intellektuell und langweilig, doch schaut man ihre () Website an, bekommt man ein ganz anderes Bild vermittelt.

Meike Feßmann: Kunstobjekte werden dem Kreislauf des Marktes entzogen um so den Wert zu steigern. Es gibt keine Figur, durchaus ein gutgeschriebener Text, aber es geht über eine journalistische Arbeit nicht hinaus.

Hubert Winkels: Die gewisse Tonlosigkeit, entsinnlicht, grandios, da es sich hierbei um einen fiktiven Text handelt. Effekte gibt es in Halbsätzen. Sehr hohe Präzision, gut gemacht.

Hildegard Elisabeth Keller: Der Berg gehört zur Schweiz, hierin ist er ein Tresor, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Faszinierend findet sie die Kälte, Natur versteinert bzw. strahlt Kühle aus; innere Werte sind bezifferbar. Faszinierend gemacht. Herr Kastberger ist ein guter Professor, der Verena Dürr eingeladen hat, er fordert die Literaturkritiker und Zuhörer heraus.

Michael Wiederstein: Hier funktioniert die Mottenkiste der Popkultur, die er gestern bei einem kritisiert hat. Man kann weder der Höhle noch dem Text richtig trauen, das zu einander sehr gut passt.

Sandra Kegel: Erzähler ist völlig emotionslos. Aber ist es nicht die Ökonomie, die die verrücktesten Effekte herstellt?

Stefan Gmünder: Hier geht es um eine besondere Art von Wirtschaft. Der Text hat aber zu viel Kopf, trotz, dass er gut ist.

Hubert Winkels: Die Wirklichkeit wird hier in all seiner Kälte auf den Punkt gebracht. Reine Spekulationswelt, darin haben Effekte keinen Platz, man hat keinen emotionalen Bezug zum Kunstobjekt.

Klaus Kastberger: Der Text ist jenseits klassischer Erzählweise, mit einfacher Strategie und einfachen Sätzen wird hinter die Kulissen des Kunstmarktes geschaut.

Meike Feßmann: Es ist ihr zu billig, dass der Kunstmarkt davon lebt, dass man künstlich Werte steigert.

 

 

9. Lesung: 13.30 Uhr Jackie Thomae

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41. Tage der deutschsprachigen Literatur, Autorin: Jackie Thomae / Foto: © Johannes Puch

Die in derzeit in Berlin lebt wurde 1972 in Halle / Saale geboren. Jackie Thomae schreibt in verschiedenen Genres. Ihr Debütroman „Momente der Klarheit“ erschien 2015. Eingeladen wurde sie von Hubert Winkels.

Jackie Thomae liest aus dem Text „Cleanster“, (): Text – PDF

Ihre Art zu lesen und auch ihr Stil hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Melanie Raabe.
Sie hat was sehr Erfrischendes, eine Sprache aus unserer Zeit und ein ziemlich cooles Thema: Emanzipation (nicht der Frauen, sondern der Männer, mehr oder weniger).

Meike Feßmann: Zwei Gruppen treffen aufeinander: Migration und die wohlsituierte Gemeinschaft. Die wohlsituierte Frau braucht in ihrem Haushalt Unterstützung im Bereich putzen, engagiert einen Mann mit Migrationshintergrund. Sie ist freundlich, denn prallen zwei Welten aufeinander. Die Gefahr besteht in den Fettnäpfchen, gut erzählt, aber zu glatt.

Klaus Kastberger: Der Text hat eine gewisse Leichtigkeit (Dringlichkeit fehlt, könnte aus einer einer Serie wie „Sex and the City“ stammen) und man sollte es nicht zu sehr überfrachten. Schön ist die Rollenumkehrung.

Sandra Kegel: Das Stück hätte das Potential von zwei starken Porträts aus verschiedenen Milieus. Realistisch erzählt, genauso ist das, verliert aber, es scheitert an dem traumatisiertem Mann (versteckt sich unter dem Tisch) auf das nicht näher eingegangen wird, Normalität wird zu schnell hergestellt.

Hubert Winkels: Es reicht vollkommen, dass er für einen Moment unter dem Tisch sitzt, um deutlich zu machen, dass er aus einem völlig anderem Hintergrund stammt, dass er überfordert ist.

Hildegard Elisabeth Keller: Die Struktur ist sehr gelungen, eine plausible Struktur. Dennoch bleibt die Dringlichkeit auf der Strecke. Text verliert sich zu oft an Nebenschauplätzen, aber anderes hätte sie gerne mehr gewusst, wie beispielsweise, weshalb zeigt die Frau ihn nicht an.

Michael Wiederstein: Der Text ist sehr gelungen vorgetragen worden. Es ist gut, dass hierbei die nächste Generation der Dienstleistungsgesellschaft beschrieben wird, genau das, was Literatur machen sollte. Die bigotte Gesellschaft wird hier deutlich: Moralisch ist man schnell dabei, etwas zu bewerten, aber putzen (oder ähnliches) will man nicht.

Stefan Gmünder: Politische Korrektness und die Brüche darin hätten noch deutlicher herausgearbeitet werden können.

Klaus Kastberger: Es ist indifferent, was der Text erzählen will. Die Unsicherheit auf beiden Seiten wird gut beschrieben. Der „Clash of cultures“ kommt hierbei zusammen.

Hubert Winkels: Es gibt eine Konzentration auf eine einzige Szene. Ein Nebenschauplatz ist die Großmutter des Putzers, die annimmt, dass es ihm gut geht, in Wirklichkeit geht es ihm ganz und gar nicht gut. Absolut gut pointiert in wenigen kurzen Sätzen.

Meike Feßmann: Originell in der Verknüpfung über das Smartphone mit seinen unterschiedlichen Seiten und Auswirkungen.

Hubert Winkels: Sie kann Dialoge, was man nur selten hier antrifft.

 

 

10. Lesung: 14.30 Uhr Jörg-Uwe Albig

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41. Tage der deutschsprachigen Literatur, Autor: Jörg-Uwe Albig / Foto: © Johannes Puch

Der vielversprechende Schriftsteller, Jörg-Uwe Albig, wurde 1960 geboren. Er wurde von Meike Feßmann eingeladen.

Jörg-Uwe Albig liest aus der Novelle „In der Steppe“, (): Text – PDF

Nach dem Roman „Ueberdog“ mit den Engeln wird das Himmlische in der Figur Maria Magdalena fortgesetzt.
Die Figur Gregor kennt man schon aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung„, nur das hierbei sich Gregor seiner Illusion bewusst ist und ihr sich dennoch hingibt, aber auch er liegt auf dem Rücken.

Klaus Kastberger: Viel zu dick aufgetragen, völlig übertrieben, an Mut mangelt es dem Text nicht.

Hildegard Elisabeth Keller: Nicht umsonst heißt sie Madeleine und Gregor. Hier ist viel Spirituelles, setzt auf eine unerhörte Fülle von Adjektiven, klanglich wird viel gespielt.

Sandra Kegel: Überfrachtet, eine Dreiecksgeschichte (Gregor, Kapelle und Pfarrer) hätte sie gut gefunden, aber das unbedingte einflößen von Kafka und Proust zerstört den Text.

Stefan Gmünder: Immerhin geht es um eine Liebe, auch wenn es eine abwegige ist. Ziemlich abgedreht, ein gewöhnungsbedürftiger Text, aber er findet den Text nicht verkehrt.

Hubert Winkels: Das Problem ist hierbei die allumfassende Liebe, Planeten, die eigene Geburt, das Leben … Der Text kann viel, aber all das kann er nicht auffangen. „To much von allem.“

Michael Wiederstein: Ein schönes Bild ist die Kapelle in einer Stadt mit bedeutungslosen Gebäuden. Eine Weiterentwicklung von Kafka ist gut angelegt, läuft aber ins Leere.

Meike Feßmann: Erste Liebesgeschichte des Bachmann-Wettbewerbs und wird wohl die einzige bleiben, eine erkaltete Liebe, ein Text über eine Depression, überträgt seine enttäuschte Liebe zur Judith auf die Kapelle. Der Text hat viele, sehr viele starke Bilder. Perspektivwechsel ist das Thema von Jörg-Uwe Albig, hier ist es sogar ein Wechsel vom Belebten zum Unbelebten. Enttäuschend, dass man in dieser Runde keine klassische Liebesgeschichte mehr versteht.

Hildegard Elisabeth Keller: Wo steht im Text etwas von einer Trennung? Gregor soll depressiv sein?

Michael Wiederstein: An Trennung kann er sich auch nicht erinnern.

Klaus Kastberger: Depression ist ein gutes Stichwort, aber „der macht mich depressiv, weil er mir keinen Raum mehr lässt“, viel zu überfrachtet. Kein Mensch hat sämtliche Elemente des menschlichen Körpers im Kopf, Herr Albig war fleißig und hat gegoogelt, aber unnötig. Für einerLiebesgeschichte passt hier nichts zusammen.

Meike Feßmann zu Klaus Kastberger: Sie mögen nur ironische Liebesgeschichten aber keine pathetischen.

Hildegard Elisabeth Keller: Fairness sollte hierbei weiterhin aufrecht erhalten werden.

 

Kurze Zusammenfassung des gestrigen und heutigen Tages:

John Wray und Ferdinand Schmalz haben sehr gute Aussichten auf einen der Preise, Verena Dürr und Jackie Thomae haben ebenfalls Chancen.

© read MaryRead 2017

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