Bilderbücher und viele Sprachen – Mehrsprachigkeit im Allgemeinen und in Kindergärten

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Prolog

Stellen Sie sich vor, Sie besuchen einen Zoo. Sie schauen sich die Giraffen an, Sie bewundern die großen Elefanten, staunen über die Fertigkeiten der Affen. Bei den Muskelpaketen der Gorillas sind Sie erleichtert, dass diese Tiere sich hinter einer Glaswand befinden, fasziniert beobachten Sie die Menschenaffen beim Entlausen. Sie denken: Affen sind uns Menschen schon ähnlich und noch während Sie in Gedanken Affen und Menschen miteinander vergleichen, stehen Sie plötzlich vor einem Käfig mit Menschen. Sie trauen Ihren Augen nicht, zweifeln an Ihrem Verstand, bitten den Nachbarn, der zufällig neben Ihnen steht, Sie zu kneifen. Der Nachbar erfüllt Ihren Wunsch, aber die Menschen sind immer noch im Gehege. Sie glauben, dass sei nur ein Gedankenspiel? Irrtum. Januar 2007 wurde unter der Leitung von der Verhaltensforscherin Carla Lichtfield in Adelaide (Australien) ein Experiment durchgeführt. Ziel des Experiments war die Untersuchung, wie Menschen sich in einem Gehege verhalten. Deren Verhaltensweisen wurde von den Besuchern bewertet.1 Auffällig war aber völlig unerwartet ein ganz anderer Aspekt: Die Menschen im Gehege verhielten sich zum Teil wie die Affen, mit einem Unterschied, sie sprachen ununterbrochen miteinander. Das ewige Geschnatter der Menschen ging den Affen so sehr an die Nerven, dass die Menschen nachts einen anderen Schlafplatz zugewiesen bekamen, weit entfernt von den Affen.2
    Nun stellen Sie sich vor, dass in dem Gehege Menschen aus deutschsprachigem Raum sich befinden. Worüber würden Sie sich unterhalten? Vermutlich werden Sie sich den anderen Teilnehmern mit Name, Alter und Beruf vorstellen, vielleicht auch noch den Familienstand nennen. Irgendwann würden sie beginnen, über Gott und die Welt zu reden. Aber wie sähe ein Gespräch aus, wenn ein Teilnehmer aus Deutschland käme, ein weiterer aus der Türkei, einer aus aus Russland und einer aus China. Keiner von ihnen beherrscht die Sprache des anderen. Sie wären mehr oder weniger hilflos, es würde sich über die Teilnehmer der Mantel des Schweigens legen. Wie gut wäre es, wenn jemand käme, der alle vier Sprachen kann, der also mehrsprachig ist. Aber was ist Mehrsprachigkeit genau? Wer ist mehrsprachig? Diese Fragen werden nun im folgenden erklärt und erläutert.

In dem ersten großen Teil wird Mehrsprachigkeit im Allgemeinen sowie im Besonderen vorgestellt. Dazu gehört eine grobe Aufteilung, die übergeht in Details. Im zweiten Teil wird auf die Besonderheit von mehrsprachigen Bilderbüchern eingegangen und wie man diese in Kindergärten oder anderen Gruppen einsetzen kann.

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
1 Die vier Wirklichkeiten der Mehrsprachigkeit
1.1 „individuelle“ Mehrsprachigkeit

    1.2 „territoriale“ Mehrsprachigkeit
1.3 „soziale Mehrsprachigkeit“
1.4 „institutionelle Mehrsprachigkeit“
2 Sprachen im Allgemeinen
2.1 Zusammensetzung der Sprache
3 Unterschiede zwischen Ein- und Mehrsprachigkeit
3.1 Was bewirkt Mehrsprachigkeit im Gehirn von Kindern?
3.2 Code-Switching
3.2.1 Funktionen von Code-Switching
3.2.1.1 „Situatives Code-Switching“

            3.2.1.2 „Code-Switching als Identitätsmerkmal“
4 Auswirkungen von Zweisprachigkeit
4.1 Lautsprache und Herausforderungen
4.1.1 Konsonanten und Umlaute: Die ersten Barrieren
4.1.2 Einzelne Worte und Konzepte
4.2 Grammatik und Denkstruktur
4.2.1 Rhetorik
4.3 Sprachstruktur mit ihrer Auswirkung auf Illustrationen in Bilderbüchern
4.3.1 Wie kann man dem begegnen?
4.4 Auswirkungen im Alltag
4.4.1 Mehrsprachigkeit: Eine Herausforderung
5 Themen in zwei- und mehrsprachigen Bilderbüchern
5.1 Elementar- und Wimmelbücher
5.2 Vorstellung Bilderbücher
5.2.1 Farben und Zugehörigkeit
5.2.2 Hörbücher und Bilderbuchkino
5.2.3 Sinnesorgane
5.2.4 Brauchtum
5.2.5 Vorlesen im Dialog
5.2.6 Natur erleben
5.2.7 Mit Bilderbüchern auf Reise gehen
5.2.8 Faszination Märchenwelt
Epilog

Bibliographie
Einzelnachweise

1 Die vier Wirklichkeiten der Mehrsprachigkeit

Weltweit trifft man auf Mehrsprachigkeit.
[WpProQuiz 5]

Man unterteilt die Mehrsprachigkeit in vier „Wirklichkeiten“, die als individuell, territorial, sozial und als institutionell bezeichnet werden. Ein erster Überblick:

1.1 individuelle3aa Mehrsprachigkeit

Die individuelle Mehrsprachigkeit betrifft jede einzelne Person. Beispielsweise kann ein mehrsprachiger Mensch inmitten von Einsprachigkeit leben. Gründe dafür können Auswanderung, Flucht oder ähnliches sein.

 

1.2 territoriale3ab Mehrsprachigkeit

Mit territorialer Mehrsprachigkeit meint man Staatsgebilde, in denen es einzelne Regionen gibt, in denen eine bestimmte Sprache gesprochen, während in den übrigen Gebieten des Landes eine andere gesprochen wird. Ein Beispiel dafür ist das „Saamiland (Sápmi)“4, dass sich von Schweden mit ca. 20.000 Einwohnern, über Norwegen mit ca. 40.000 Einwohnern, über Finnland mit ca. 7.000 Einwohnern und Russland mit ca. 2.000 Einwohnern erstreckt.4b  Saami wird lediglich in Saamiland gesprochen. Weitere Beispiele sind Belgien und die Schweiz. In Belgien gibt es den flamischund französisch sprechenden Teil und eine Minderheit spricht zudem deutsch. Ein Flame muss aber nicht zwangsläufig französisch und deutsch beherrschen, was auch umgekehrt gilt. Ähnlich sieht es auch in der Schweiz aus.5aa

 

1.3 „soziale Mehrsprachigkeit“

Die soziale Mehrsprachigkeit tritt immer als homogene Gruppe hinsichtlich einer Sprache auf, die sich inmitten eines anderen Sprachumfelds befindet.

Beispiel:
Im Zuge des Wirtschaftswunders sind nach Deutschland Gastarbeiter gekommen, die sich 1964 auf 1 Millionen beliefen.6 Innerhalb der Gastarbeiter gibt es größere sprachliche Gruppen, die in den verschiedenen Industriestädten angesiedelt wurden und sind. Häufig verständigen sie sich in ihrer Sprachgruppe über ihre Erstsprache. Die jeweilige mitgebrachte Sprache befindet sich in diesem Fall unter Deutschsprachigen.

 

1.4 „institutionelle Mehrsprachigkeit“3ac

Bei der institutionellen Mehrsprachigkeit handelt es sich unter anderem um die Amtssprache, die von der Alltagssprache abweichen kann. In fast allen afrikanischen Staaten ist die Amtssprache entweder englisch oder französisch, doch die Alltagssprache variiert von Region zu Region und hat auch einen anderen sprachlichen Ursprung als die beiden europäischen Sprachen.

Beispiel Namibia:
Unter der Kolonialherrschaft der Deutschen wurde bis 1920 offiziell nur eine Sprache gesprochen, nämlich deutsch. Nach 1920 wurde Namibia unter das südafrikanische Mandat gestellt. Das hatte zur Folge, dass nun die beiden Sprachen Englisch und Afrikaans für Namibia hinzukamen, wobei für den sozialen Aufstieg Afrikaans von Bedeutung war. In Namibia leben verschiedene Ethnien und nur in den ersten drei Jahren der Grundschulzeit wird in der jeweiligen ethnischen Sprache unterrichtet, danach wird fast ausschließlich in der englischen Sprache der Schulunterricht fortgesetzt. Die jeweilige ethnische Sprache wird nur dann unterrichtet, wenn genügend Teilnehmer dafür vorhanden sind.5ab

Die vier Wirklichkeiten sind ein Rahmen, in denen man die Mehrsprachigkeit einzuordnen versucht, doch allzu oft ist es nicht eindeutig möglich, einen Menschen mit seinen Sprachen in eines der vier „Wirklichkeiten“ zuzuordnen, für eine grobe Zuordnung ist sie jedoch tauglich. Zudem deutet die Einordnung schon an, wie vielschichtig Mehrsprachigkeit ist.

 

2 Sprachen im Allgemeinen

Wenn es innerhalb der Mehrsprachigkeit vier Wirklichkeiten gibt, was macht dann Mehrsprachigkeit aus? Um sich dieser Frage zu nähern, sollte zunächst geklärt werden, wozu der Mensch überhaupt Sprache benötigt und was Sprache ist.

Die erste Frage, wozu der Mensch Sprache benötigt, ist einfach zu beantworten. „Sprache dient der Vermittlung unserer Gedanken, Gefühle, Absichten und Bedürfnisse.“3ba

Die zweite Frage ist nicht mit einem Satz zu beantworten.
Jede Sprache besteht aus zwei Ebenen: Grammatik und einem höchst komplexen System von Symbolen 3bb oder wie Benjamin Lee Whorf es ausdrückt: „ein System der natürlichen Logik“.7 
Alle menschlichen Sprachen haben eine Systematik, die sich anhand der Grammatik zeigt. Jedoch trifft die Systematik nicht immer zu, was sich an den Ausnahmen der Verbbildung und der bestimmten Artikelzuordnung im Deutschen zeigt. Deshalb ist es auch nicht einfach, die deutsche Sprache zu erlernen, zumal es in einigen Sprachen keine Artikel gibt oder am Verb das Tempus wie Präsens oder Futur erkennbar ist, wie in der türkischen Sprache.8 Einige kennen diese Form aus dem Lateinunterricht. Im Lateinischen wird nach einem bestimmten System der Konjugation noch ein Buchstabe oder eine an das Verb gehangen, die zum Ausdruck bringt, welche Person und Zeit gemeint ist.

Kurzfilm mit Cem Özdemir (von den Grünen):
Im folgenden kurzen Filmbeitrag berichtet Cem Özdemir, wie er als Kind mehrsprachig aufgewachsen ist.
mehrsprachICH – Ein Projekt des Goethe-Institut
s“:

 

2.1 Zusammensetzung der Sprache

Um sich dem komplexen System der Sprache anzunähern, haben die Linguisten ein theoretisches Modell entwickelt. Demnach setzt sich eine Sprache aus vier Teilbereichen zusammen, wobei die Sprachkenntnis die Grundlage bildet.

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Erläuterung der Begriffe:
Sprachkenntnis: Eine Sprachkenntnis liegt dann vor, wenn ein Mensch Kenntnisse über Vokabeln, Grammatik und ähnliches verfügt (sie müssen nicht im Bewusstsein des Menschen sein, wie beispielsweise bei Kindern). Dabei reicht es aus, Kenntnisse über eine Sprache zu haben, die aber nicht zwangsläufig angewendet werden muss.
    
Häufig sind Sprachkenntnisse bei Schülern anzutreffen, die eine oder mehrere weitere Sprachen lernen, über Kenntnisse verfügen, aber ansonsten diese Sprachen nicht weiter außerhalb des Unterrichts anwenden.3ca

Sprachkompetenz: Hierunter versteht man, dass ein Mensch über ein Sprachwissen verfügt und diese auch anzuwenden weiß, wie z.B. „das abstrakte Regelwissen“ (Grammatik).

Sprachdominanz: Hierbei handelt es sich um die bevorzugte Sprache zum gegenwärtigen Zeitpunkt eines mehrsprachigen Individuums (hierbei werden Dialekte und ähnliches als eine weitere Sprache anerkannt).

Sprachperfomanz: Zeigt sichim individuellen Sprachgebrauch und den Äußerungen eines Sprechers.“

Wie oben schon erwähnt, ist die Sprachkenntnis eine Grundvoraussetzung für eine Sprache, dabei ist es ohne Belang ob man Kenntnisse über die Grammatik hat oder ob man diese Sprache anwendet.
Auf die Sprachkenntnis bauen sich die drei weitere Sprachbereiche auf.
Sobald ein Mensch spricht oder schreibt, hat er ähnlich wie bei dem einzigartigen Fingerabdruck, eine individuelle Ausdrucksform (Sprachperfomanz).
Die Sprachkompetenz kann erst im Alter von ungefähr ab 7 Jahren erworben werden, da man hierfür über die Sprachkenntnis hinaus noch weitere Fähigkeiten wie Logik benötigt.

Bilingualer Kindergarten:

3 Unterschiede zwischen Ein- und Mehrsprachigkeit

Linguisten unterteilen die Mehrsprachigkeit in verschiedene Ebenen: L 1, L 2…
     L steht für das englische Wort language. Die Unterteilung in verschiedene Ebenen hat damit zu tun, dass man signalisiert, welche Sprache für ein Individuum oder einer Gruppe am bedeutsamsten ist: L 1 steht an oberster Stelle und ist die Sprache, die zu diesem Zeitpunkt die bevorzugte Sprache (dominante Sprache) ist. Die Sprachdominanz kann sich im Laufe eines Lebens ändern.

Beispiel:
Ein Kind wächst in einer Familie
auf in der beispielsweise bevorzugt griechisch gesprochen wird. Das Kind wird griechisch als dominante Sprache haben, kommt es aber in den Kindergarten und trifft dort überwiegend auf deutschsprachige Kinder, so wechselt die Sprachdominanz nun ins Deutsche, weil es sich mit den Gleichaltrigen am ehesten verständigen kann.

Die Aufteilung in L 1, L 2 usw. ist sinnvoll, da mehrsprachige Menschen selten alle ihre Sprachen gleichermaßen viel anwenden. „Die individuellen sprachlichen Fähigkeiten können in den einzelnen Modalitäten Verstehen, Sprechen, Lesen, Schreiben stark variieren.“3ad 
Daraus resultiert die Frage, wer überhaupt mehrsprachig ist.
Sie können anhand der folgenden Fragen feststellen, wen Sie als mehrsprachig einstufen würden.
[WpProQuiz 6]
Dieser Test ist entnommen:
Wiebke Scharff Rethfeldt: Kindliche Mehrsprachigkeit, Grundlagen und Praxis der sprachtherapeutischen Intervention, Georg Thieme Verlag – Stuttgart – New York 2013, S. 20

 

Der Test und das Ergebnis kann Verunsicherung hervorrufen und es stellen sich Fragen:

Wie gut sollte eine mehrsprachige Person ihre Sprachen beherrschen, um als mehrsprachig zu gelten?“3ae
Gilt eine Person nur dann als bilingual, wenn sie ohne Mühe von der einen Sprache in die andere wechseln kann?“3af

Um zu der Gruppe Mehrsprachigkeit zu gehören, hängt es prinzipiell nicht davon ab, inwieweit ein Mensch eine weitere Sprache beherrscht. Im engen Sinn reicht es aus, wenn ein Individuum ein paar Brocken in einer weiteren Sprache kennt, also über Sprachkenntnisse verfügt.

Beispiel:
Ein Schüler wird im Fach Spanisch unterrichtet. Er hat somit Kenntnisse über Vokabeln und kennt Teile aus der Grammatik, doch außerhalb des Unterrichts spricht er kein Spanisch.

Viele würden vom Gefühl her sagen, dass das keine Mehrsprachigkeit sei, sondern man hat diejenigen im Blick, die mühelos von einer Sprache in die andere wechseln können.

Manche mehrsprachige Personen würden sich selbst nicht als mehrsprachig bezeichnen, obwohl sie täglich zwei Sprachen verwenden, da sie ihres Erachtens in der einen Sprache nicht über ausreichende schriftsprachliche Fähigkeiten verfügen.“3ag

 

3.1 Was bewirkt Mehrsprachigkeit im Gehirn von Kindern?

Mehrsprachige Kinder:

Ähnliche Phänomene wie die Ergebnisse im Filmbeitrag dargelegt, hat man auch bei musizierenden Kindern festgestellt. Zum einen ist Musik auch eine Sprache, die mithilfe eines Instruments zum Ausdruck gebracht wird, zum anderen sollte man tatsächlich, wie im Film mehrmals angesprochen, vorsichtig sein mit Rückschlüssen. Fakt ist aber, dass Zwei- und Mehrsprachigkeit für die Kinder, entgegen der Annahme, die lange Zeit Geltung hatte und stellenweise heute noch vertreten wird, kein Lernhindernis darstellt, im Gegenteil, für Kinder kann das ein Vorteil sein.

 

3.2 Code-Switching

Das mühelose wechseln von einer Sprache in eine andere wird als Code-Switching bezeichnet. „Dabei bedeutet ῾Code᾿ sowohl ῾Sprache᾿ (im Sinne einer ausgebauten Schriftsprache) als auch ῾Varietät᾿ (im Sinne von Dialekt).“5ba
Code-Switching ist nicht gleich Code-Switching, sondern es gilt zu unterscheiden zwischen den Sprechern, die über mehr als eine Sprache verfügen und denjenigen, die einzelne Worte, kurze Beschreibungen oder Redewendungen aus einer anderen Sprache entlehnen und diese in ihren Sprachgebrauch integrieren.5bb

Beispiele:
1. Ich bin nach Hause gegangen and she goes away. I don`t know wo sie hingegangen ist.
2. Er schleppte den Computer über das Trottoir, stolperte und ließ den Computer fallen. Shit happens.

Im ersten Beispiel wechselt der Sprecher von deutsch nach englisch und wieder ins Deutsche. Offensichtlich hat der Sprecher Kenntnisse in beiden Sprachen.
     Ganz anders sieht es im zweiten Beispiel aus. Der Sprecher verwendet zwar Begriffe und eine Redewendung aus anderen Sprachen, jedoch sind sie „nur“ entlehnt. Der Begriff „Computer“ stammt aus dem Lateinisch-Englischen und hat längst Einzug genommen in unsere Alltagssprache.
     Das Wort „Trottoir“ stammt aus dem Französischen und wird heutzutage im deutschen Sprachgebrauch nur noch selten verwendet. Im 17. und 18. Jahrhundert, als das Französische in Deutschland hoch im Kurs stand, hat man etliche Worte ins Deutsche übernommen. Einige Relikte gibt es noch im Deutschen wie Serviette und Toilette. Man kann die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts mit den heutigen Anglizismen vergleichen.
     Die Redewendung „Shit happens“ ist dem englischen Sprachgebrauch entlehnt.

Wissenschaftler bezeichnen entlehnte Wörter, die während eines Sprechvorgangs verwendet werden, alsTransferoder alslexikalische Entlehnung“.5bc

Ein individueller Sprecher übernimmt Elemente aus der einen Sprache und passt sie in das System der Sprache ein, d.h. er schaltet nicht in die andere Sprache um…“5bd

 

3.2.1 Funktionen von Code-Switching

Für die Anwendung von Code-Switching gibt es unterschiedliche Gründe, die nun kurz dargelegt werden.

3.2.1.1Situatives Code-Switching5be

Während eines Sprechvorgangs kann der Ort gewechselt werden, beispielsweise geht man mit seinem Gesprächspartner aus einem Gebäude nach draußen oder die Gesprächspartner wechseln, wie beispielsweise spielen Kinder im Kindergarten zusammen, ein weiteres Kind kommt hinzu, ein anderes entfernt sich von der Gruppe; oder das Thema wird gewechselt. Alle drei Faktoren (Ortswechsel, Wechsel des Gesprächspartners und Themenwechsel) können Anlass für Code-Switching sein.5bf

 

3.2.1.2Code-Switching als Identitätsmerkmal5ca

Häufig trifft man bei Zuwanderern das Code-Switching an. Oft sprechen sie mit ihren Landsleuten in ihrer Herkunftssprache über Alltagsgeschehen und bringen so ihre Identität zum Ausdruck. Das geschieht auch dann, wenn die Einheimischen es als Minderheitensprache wahrnehmen. Ein Beispiel dafür sind die Zuwanderer aus der Türkei. Häufig sprechen sie in ihrer Sprache und auch dann, wenn es von ihrem Umfeld nicht gerne gehört wird.
Jedoch gibt es Themen, die in ihrer Herkunftssprache nur schwer zu behandeln sind und wechseln dann während des Sprechvorgangs in die Sprache, die in dem jeweiligen Land dominant ist.5cb
In dem kurzen Filmbeitrag mit Cem Özdemir benannte er die Schwierigkeiten zwischen dem Sprachwechsel. Die türkische Sprache ist eine blumigere Sprache als die Deutsche, sodass es einen vor Herausforderungen stellt, diese mit in die deutsche Sprache zu transferieren.

Die in diesem Zusammenhang bedeutsamsten Funktionen von Code-Switching sind benannt worden. Darüber hinaus gibt es weitere Funktionen, die aber an dieser Stelle nicht relevant sind.

Häufig wird die Frage gestellt, inwieweit Code-Switching für den Spracherwerb hinderlich sein könnte. Die Forschung hat dabei ein sehr eindeutiges und klares Ergebnis: Das Code-Switching ist einelinguistische Kompetenz“.3da Durch das Code-Switching werden anscheinend verschiedene Areale im Gehirn angeregt.
Mehrsprachige Kinder sind schon sehr früh in der Lage, zwischen den einzelnen Sprachen zu differenzieren. Immer wieder konnte beobachtet werden, wie Kinder das Code-Switching sehr gezielt eingesetzt haben.3db
Eine Berufsgruppe ist auf das Code-Switching besonders angewiesen: Simultanübersetzer (Dolmetscher).

Wie Code-Switching NICHT sein sollte:

4 Auswirkungen von Zweisprachigkeit

Wie im Kapitel Zusammensetzung der Sprache erläutert, setzt sich eine Sprache aus Sprachkenntnis, Sprachkompetenz, Sprachperfomanz und Sprachdominanz zusammen.
Für zwei- und mehrsprachige Kinder gilt dies für jede Sprache, die sie können.

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Im Fachwerkhaus sind zwei Sprachen beherbergt, die eine Sprache ist orange-braun (L 1), die andere grau-blau (L 2). Beide Sprachen befinden sich unter einem Dach. Das Haus ist in diesem Fall einen Symbol für einen Menschen, der zwei Sprachen kann. Durch die unterschiedliche Farbgebung der beiden Sprachen soll verdeutlicht werden, dass derjenige über Sprachkenntnisse verfügt und diese zu jederzeit anwenden kann. Außerdem kann er die eine Sprache von der anderen unterscheiden.

 

4.1 Lautsprache und Herausforderungen

4.1.1 Konsonanten und Umlaute: Die ersten Barrieren

Je nach Sprachen verfügen mehrsprachige Kinder über „eine größere Auswahl an Lauten3ea.

Die Buchstaben i, a und u von Männern ausgesprochen sind ohne Schwierigkeiten aus jedem Wort herauszuhören. Doch für etliche Buchstaben gilt das nicht.2ba 
Der Umlaut a hört sich zwischen den Geschlechtern verschieden an. Spricht ein großer Mann diesen Buchstaben aus, so klingt es auch im Normalfall nach einem a, spricht aber eine zierliche Frau diesen Buchstaben aus, klingt es eher nach einem o. Mithilfe unseres Gedächtnisses werden diese Unterschiede ausgeglichen und somit korrigiert, deshalb werden im Alltag die Verschiedenheit nicht wahrgenommen.2bb
Die beiden Buchstaben t und d sind nicht so leicht zu unterscheiden, da der physikalisch- akustische Übergang fließend ist. Trotz alledem können Säuglinge allmählich diese Unterscheidung heraushören.2ca Das gilt auch für die beiden Buchstaben p und b. Wenn man nach dem Laut p zu früh die Stimme einsetzt, ist der Unterschied zum b kaum noch zu hören. Bei p spricht man von einem stimmlosen und bei b von einem stimmhaften Laut.2da 
F und s bereiten ebenfalls Schwierigkeiten. Es handelt sich hier um Reibelaute (Frikative), bei der die Luftströmung ziemlich genau dosiert werden muss. Beim f wird ein großer Luftstrom aus dem Mund nach außen transportiert, während es beim s herausgezischt wird und deshalb auch Zischlaute heißen. Der Luftstrom wird an den Schneidezähnen beendet.2ea 
Die beiden Konsonanten g und k stellen den Menschen vor der Herausforderung, diese richtig zu artikulieren. Für das k „muss der hintere Teil der Zunge hoch und gegen die Gaumenregion gedrückt werden.“2fa

Vergleicht man die beiden Sprachen deutsch und türkisch beispielsweise miteinander, so stellt man fest, dass die beiden Sprachen die Laute: b, d, f, l, m, n, p, r, s, v, z… gemeinsam haben. Die türkische Sprache hat darüber hinaus weitere Phoneme, die es im deutschen Sprachgebrauch nicht gibt und umgekehrt.3eb

Im Japanischen wird zwischen l und r nicht unterschieden, meistens wird anstelle unserem hiesigen l das r eingesetzt. „Nacht“ heißt auf Japanisch „yoru“. Das r in der Mitte wird auch tendenziell als r ausgesprochen. Hingegen wird bei dem Japanischen Wort „arigato“ für „Danke“ der zweite Buchstabe ( r ) eher als l ausgesprochen (=aligato).2ga 
Die deutsche Sprache kennt nur das k und differenziert dabei nicht weiter. Es gibt beispielsweise in der Wahrnehmung des Konsonanten k keinen Unterschied zwischen Kufe und Kiefer. Im arabischen wird dabei sehr wohl unterschieden, für sie existiert nicht nur ein k sondern mehrere. Das arabische Wort für „Hund“ heißt „kalb“ und wird mit einem vorderen k gesprochen, während das arabische Wort für „Herz“, das ebenfalls „kalb“ heißt, mit einem hinteren k gesprochen wird. „Man darf die Laute auf keinen Fall verwechseln!“2gb

Nun ein Ratespiel:
Ppei Pipepep pip pep Poppapapp …“2ha

Konnten Sie erkennen, dass es hierbei um ein beliebtes Kinderlied handelt? Es ist das Lied Drei Chinesen mit dem Kontrabass…, nur anstelle des Auswechselns von Umlauten wurden hier die Konsonanten gleichgestellt,2hb normalerweise kennt man die Varianten: Dra Chanasen mit dam Kantrabass… oder Dre Chenesen met dem Sprachförderung, Bilderbuch, Kinderbuch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik,Kentrebess…. Nicht nur das dieses Lied bei den Kindern sehr beliebt ist, sondern es schult das genaue Hinhören und das Auseinanderhalten der Umlaute.

Eine gute Anleitung für Klein und Groß gibt das Bilderbuch Clown Kallis fröhlicher Sprachzirkus. Ein Mitmach-Bilderbuch zur Sprachförderung von Julia Volmert (Text) und Susanne Szesney (Illustration) aus dem Albarello Verlag.

 

4.1.2 Einzelne Worte und Konzepte

Es sind aber nicht nur die Laute, die zweisprachige Kinder als eine größere Auswahl zur Verfügung haben, sondern sie verfügen zudem über mehr Vokabeln und über zwei Sprachen mit je einer eigenen „natürlichen Logik“.
     Bei den modernen Sprachen wird stillschweigend davon ausgegangen, dass man lediglich einen Begriff von einer Sprache in die andere transferieren muss, aber immer dasselbe gemeint ist. Dem ist aber nicht so.

Die deutsche, ebenso die englische Sprache unterscheiden in ihren Farbkonzepten hell und dunkel, wie hell- und dunkelblau. Diese Farbkonzepte gibt es weder in der russischen noch in der griechischen Sprache. Auf russisch bedeutet Blau синий (sinij), hellblau bedeutet голубой (goluboj) und übersetzt man es wortwörtlich heißt es Lichtblau. Im griechischen bedeutet Blau μπλε (ble), Hellblau bedeutet yαλάζιο (ghalazio).3fa
In beiden Fällen handelt es sich um eigenständige Farbkonzepte vergleichbar mit gelb und grün im Deutschen.3fb
Die Navajos gliedern Formen wesentlich mehr als es in der deutschen Sprache geschieht. Die deutsche Sprache kennt im groben Dreieck, Rechteck und Kreis, Navajos kennen deutlich mehr.3fc

Unterschiedliche Farb- und Formkonzepte haben Auswirkungen auf die Wahrnehmung. Russen und Griechen tun sich schwer, zwischen Blau und Hellblau zu unterscheiden, während die Navajos englisch- oder deutschsprachigen überlegen sind.3fd

Daran knüpft sich die Frage an: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? So lautet der Titel eines der Bücher vom Kommunikationsforscher Paul Watzlawick. Paul Watzlawick legt in seinem Sachbuch dar, dass die Sprache die Wirklichkeit bestimmt, dass es nicht DIE Wirklichkeit gibt, sondern das erst durch Sprache Wirklichkeit entsteht. Er macht es an verschiedenen Beispielen deutlich. Der österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe und Philosoph ist ein Wissenschaftler aus der neueren Zeit. Natürlich gab es vor Paul Watzlawick andere Denker wie Benjamin Lee Whorf, der schon mehrmals erwähnt wurde. Benjamin Lee Whorf war Linguist und seiner Zeit weit voraus. Während seine Kollegen die Ansicht vertraten, dass Mehrsprachigkeit den Menschen schädigt, so entwarf Benjamin Lee Whorf das gegenteilige Bild. In der Mehrsprachigkeit sah er nicht nur eine Chance für das Individuum sondern für Gesellschaften, für die gesamte Menschheit. Auch er ging der Frage nach, inwiefern Sprache eine Realität schafft.

 

4.2 Grammatik und Denkstruktur

Seit geraumer Zeit untersucht und beobachtet man, inwieweit eine Grammatik Auswirkung auf eine Denkstruktur hat. Einer der ersten, der die Auswirkungen untersucht hat, war Benjamin Lee Whorf, der von 1897 bis 1941 lebte. Seine Untersuchungen hat er in dem Werk „Language, Thought and Reality“ (dt. Sprache – Denken – Wirklichkeit) dargelegt. Seine Ergebnisse beziehen sich hauptsächlich aus dem Vergleich zwischen dem amerikanisch-englischen und der Sprache der Hopi-Indianer.

Beispiele, die die Untersuchung von Benjamin Lee Whorf unterstützen:
     Vergleicht man die deutsche und englische Sprache miteinander, die beide aus derselben Sprachfamilie westgermanische Sprache stammen, kann man erkennen, dass die Satzstrukturen im Englischen immer aus Subjekt, Prädikat (und Objekt) bestehen. Im Deutschen hingegen gibt es nur ein Satzteil, der feststeht: das Prädikat ist immer der zweite Satzteil, Subjekt und Objekt können an weiteren Stellen „beliebig“ eingesetzt werden.

Beispiel:
englisch: She goes home because she was very angry.

Deutsch:
1. Sie ging nach Hause, weil sie sehr ärgerlich war.
2. Weil sie sehr ärgerlich war, ging sie nach Hause.
3. Nach Hause ging, weil sie verärgert war.
4. (leicht abgeändert): Sehr ärgerlich ging sie nach Hause.

Nicht nur, dass der Spielraum in der deutschen Sprache Auswirkungen auf die literarische Sprache hat, sondern es gibt auch Spielraum im Denkmuster. Die englische Sprache hat aber den Vorteil, dass man mit einem Wort sehr deutlich etwas zum Ausdruck bringt.
     Vergleicht man bekannte Persönlichkeiten aus den beiden Sprachräumen, so gibt es tendenziell aus dem englischen Sprachraum vor allem Naturwissenschaftler (z.B. Isaac Newton) und Ökonomen (z.B. Adam Smith). Aus dem deutschen Sprachraum fallen einem am ehesten Naturwissenschaftler wie Albert Einstein und Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, sowie Musiker und Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart ein.

Anders sieht es im asiatischen Raum aus.
Man muss über keine direkten Kenntnisse der chinesischen Sprache verfügen um zu sehen, dass deren Schriftbild eine Verbindung zwischen unten und oben, zwischen Erde und Himmel hat. Viele Schriftzeichen haben unten einen langgezogenen Strich, oben eine Spitze.

Beispiel: Shang-Ti
chinesisches Zeichen_shang-ti, Kaiser, König, Gott

Man sieht das chinesische Schriftzeichen Shang Ti oder auch Shàngdì, dass soviel wie „Gott“ (auch: der Schöpfer, der Allmächtige) bedeutet. Das Schriftzeichen setzt sich aus „oben“ und „Kaiser“ zusammen. Vor allem beim „Kaiser“ sieht man die drei Ebenen (Erde, Mensch und Himmel), dargestellt durch die drei waagerechten Striche. Der mittlere senkrechte Strich bildet mit dem obersten Punkt eine Linie, die Verbundenheit zwischen den Ebenen, zwischen Erde und Himmel.
     In der chinesischen Aussprache liegt die Hauptbetonung auf dem a, das i wird nicht ganz so sehr betont.

Zudem sind die Schriftzeichen eine Zusammensetzung aus verschiedenen Wörtern, im Vergleich zur deutschen Sprache.

Beispiel: Migration
chinesisches zeichen für migration

Ähnlich sieht es auch beim Begriff „Migration“ aus. Es setzt sich aus drei Radikalen zusammen: groß (chin. dà), Westen (chin. Xī) und gehen (chin. Qù). Demnach ist es eine Beschreibung von einer größeren Menschenmenge, die in den Westen geht. Vermutlich hat es in der Antike eine größere Völkerwanderung gegeben, gesichert ist ist dies jedoch nicht.

 

4.2.1 Rhetorik

Noch deutlicher wird die Auswirkung der Grammatik in der Argumentationsstruktur.
Die englischsprachigen gehen in ihrer Argumentation direkt auf ihr Ziel zu, sie argumentieren linear. Anders sieht es im semitischen Sprachraum aus: Sie stoßen zunächst einen Gedanken an, führen es aus, geben das nächste Argument, führen es wieder aus usw., d.h. ihre Argumentationsstruktur ist eineparallele Konstruktion5da. „Die ostasiatische Strategie ist spiralförmig angelegt und das Thema wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.“5db Deutsche Argumentationsstruktur verläuft im Zickzack, d.h. „Es wird eine gewisse Freiheit eingeräumt, abzuschweifen und Exkurse zu machen5dc und endet mit einer Schlussfolgerung.

Für mehrsprachige Menschen bedeutet es:

Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, werden durch diese Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Bewertungen geführt.“7b

 

4.3 Sprachstruktur mit ihrer Auswirkung auf Illustrationen in Bilderbüchern

Die unterschiedlichen Grammatiken haben auch Auswirkungen auf Illustrationen in den Bilderbüchern.

Ein großer Teil an Bilderbüchern aus dem orientalischen Raum stellen ihre Illustrationen in sehr kräftigen Farben dar. Dadurch wirken die Bilder mächtig und gewaltig, für de Links oder rechts abbiegendeutschen Betrachter meistens irritierend und stößt eher auf Ablehnung. Ein Beispiel dafür ist Busfahrt ins Ungewisse von Farideh Chalatbarie.
Ganz besonders werden die sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen dem deutschen und orientalischen Sprachraum in der Darstellung von Himmel und Hölle sichtbar. Deutsche Illustratoren kämen nicht so schnell auf die Idee, fratzen- und fischartige Menschen in der Hölle zu malen, fratzenartig ist nicht ungewöhnlich, aber den Menschen als Fisch in der Hölle?
Ein deutscher Künstler würde für den Himmel nicht mit rotem Hintergrund malen und noch weniger würde er es für ein Bilderbuch tun.
Das hat zur Folge, dass deutsche Leser häufig die Erzählungen aus dem Orient mögen, hingegen die Illustrationen eher abgelehnt werden.

 

4.3.1 Wie kann man dem begegnen?

Um Vorurteile und Unbehagen gegenüber Bilderbüchern mit Inhalten aus anderen Kulturräumen zu begegnen, hilft es, den Kindern solche Bücher vorzulesen und zu zeigen. Das setzt jedoch voraus, dass man als Elternteil oder ErzieherIn sich im Vorfeld mit dem Buch beschäftigt und diese nicht sofort auf Seite legt, weil man die Darstellungen nicht ansprechend findet.

Ein Beispiel:
Rezension, zweisprachiges Bilderbuch, ab 4 JahreAls ich das erste Mal das Bilderbuch
Alis Nase von Yekta Kopan in Händen hielt, fand ich die Handlung sowie die Darstellungen eher schwierig und ich legte das Buch zunächst auf Seite. Nach einiger Zeit nahm ich es noch einmal in die Hand und begann, mich mit dem Thema Geruchssinn zu beschäftigen. Desto länger ich mich mit dem Thema sowie mit dem Buch auseinandersetzte, desto mehr stellte ich fest, dass die Aufbereitung hervorragend ist. Natürlich kostet das Zeit und Mühe, aber man kann dafür schon mal sehr belohnt werden.

Andere Bücher hingegen sind in bestimmten Kontexten interessant. Dazu gehören die Bilderbücher von Susanne Böse. An diesen Kinderbüchern ist nichts spektakuläres, aber durch die Zweisprachigkeit und weil in jedem Buch ein Schwerpunktthema mit den dazugehörigen Begriffen in der Fußleiste als Bild und Wort noch einmal herausgehoben werden, eignen sich diese für das Erlernen einer Sprache für Kleinkinder. Diese Bücher sind sehr übersichtlich gestaltet und können beispielsweise im Rahmen von Sprachförderung eingesetzt werden.

Zu einigen Bilderbüchern gibt es Ausmalbilder und Spiele. Auch das sind Möglichkeiten, sich den Bilderbüchern zu nähern. Vorschläge sind bei dem Literaturmagazin read MaryRead unterhalb der Literaturkritiken zum Teil zu finden, andere Vorschläge werden weiter unten beschrieben.

Mehrsprachigkeit ist ein Gewinn für Kinder (mit Wiebke Scharff Rethfeldt, Logopädin):

4.4 Auswirkungen im Alltag

Im allgemeinen steht fest, dass Zwei- und Mehrsprachigkeit von klein auf in keinster Form für den weiteren Bildungsweg hinderlich ist. Dennoch sollte jede Sprachgruppe und Anwendung der Sprachen genau untersucht werden.

Radiye Erol hat in der Dissertation Türkische Jugendliche in Deutschland – Kulturelle Orientierung und Zweisprachigkeit die Auswirkungen von Zweisprachigkeit untersucht. Dabei ist er zu folgendem Ergebnis gekommen:

Ein Kind sollte möglichst eine Sprache gut können.

Zweisprachig aufwachsende Kinder ziehen daraus einen Vorteil, wenn es sich dabei um Prestigesprachen handelt, wie Englisch oder Französisch. Hingegen ist es für ein Kind ein Nachteil, wenn es seine Herkunftssprache zugunsten der vorherrschenden Sprache in seiner Umgebung vernachlässigt. Häufig führt es zu einer verzögerten Sprachentwicklung und zu unterdurchschnittlichen Schulleistungen. Noch fataler sind die Auswirkungen bei „Doppelter Halbsprachigkeit“. Die doppelte Halbsprachigkeit liegt dann vor, wenn weder die Erst- noch die Zweitsprache beherrscht wird. Häufig trifft man auf dieses Phänomen, wenn es sich bei der Erstsprache um eine Minderheitensprache handelt, wie beispielsweise die türkische Sprache in Deutschland.9 Jedoch ist hierbei Vorsicht geboten:

Zwar scheint sich die Problematik von den ʽkindlichen Defizitenʼ auf die ʽunzulänglichen sprachlichen und kulturgesellschaftlichen Bedingungenʼ, die dem Zweitspracherwerb dieser Kinder zugrunde liegen, zu verlagern (vgl. Kracht & Welling 1995, S. 376). Der Begriff der „doppelten Halbsprachigkeit“ erweckt jedoch den Eindruck, ʽ(…) man wüßte bereits ganz genau, was zweisprachige Kinder als ʽganzeʼ Sprache beherrschen müßten, wenn von ʽhalbenʼ Sprachen resp. von ʽzwei mal halbenʼ Sprachen die Rede istʼ. (Kracht & Welling 1995, S. 379)“9b

Die Forschungsergebnisse mögen unbefriedigend sein, da es (noch) an einer genauen Abgrenzung fehlt. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Für ein Kind ist für seinen weiteren Spracherwerb und Bildungsweg von großer Bedeutung, dass es eine Sprache gut beherrscht, unabhängig davon, ob es sich hierbei um die Sprache seiner Herkunft handelt oder um die Sprache aus seiner Umgebung. Zudem ist für ein Kind von Bedeutung, ob seine Sprache wertgeschätzt wird. Um die Wertschätzung der Sprache und somit auch des Kindes kann dadurch vermittelt werden, wenn man „seine“ Sprache in den Alltag miteinbezieht.

 

4.4.1 Mehrsprachigkeit: Eine Herausforderung

Im allgemeinen wird davon ausgegangen, dass es für jedes Wort in der einen Sprache auch einen vergleichbaren Ausdruck in einer anderen Sprache gibt, dass Übersetzungen unproblematisch seien. Das stimmt aber nur bedingt. Es gibt einzelne Vokabeln, die in den Sprachräumen verschiedene Hintergrundsinformationen transportieren.

Beispiel: Küche
Vergleicht man den Begriff Küche mit der französischen und deutschen Sprache, so „ist die Küche im Deutschen traditionell ein Ort, der eher von harter Arbeit geprägt ist (im Sinne von ʹan den Herd gefesselt seinʹ). Im Französischen umfasst der Begriff ʹcuisineʹ einen Platz der Kreativität, einen Ort, an dem sich die Familie trifft – nicht nur um zu essen, sondern auch um beieinander zu sein.“10

Je nach Kontext hat der Begriff „Baum“ in der polnischen Sprache auch die Bedeutung von „Holz“.

Diese Beispiele sind eher harmlos und haben im Normalfall keine besondere Auswirkung, wenn man kein Wissen darüber hat. Jedoch haben unterschiedliche Farb- und Formkonzepte erhebliche Auswirkungen in der Wahrnehmung.3fe Häufig wird Kindern und Erwachsenen, die in Sprachräumen mit anderen Konzepten leben, irrtümlicherweise unterstellt, dass sie nicht in der Lage seien, Farben, Formen und auch anderes zu unterscheiden nach den Kategorien, wie wir sie kennen.

 

Katze und Maus, Witz, SprachenwitzEine Mäusegruppe trifft auf eine Katze. Die mutigste und die schlaueste Maus dreht sich zur Katze und bellt sie an. Vor Schreck läuft die Katze davon. Alle anderen Mäuse sind erstaunt. Die mutige Maus erklärt: „Es ist immer gut, wenn man mehr als eine Sprache kann.“

5 Themen in zwei- und mehrsprachigen Bilderbüchern

In zweisprachigen Bilderbüchern werden zum Teil Themen behandelt, die man aus dem einsprachigen Bereich kennt.

Test: Welche der folgenden Kinderbücher sind ein- bzw. mehrsprachig?
[WpProQuiz 7]

zweisprachiges Bilderbuch, Vorsicht ansteckendBeispiel: Gefühle
Vermittelt werden Gefühle und Bedürfnisse in Bilderbüchern auf zwei Ebenen: Text- und Bildsprache.
     Im zweisprachigen Bilderbuch Der Dachs hat heute schlechte Laune von Moritz Petz wird die Gefühlswelt des Dachses schon im Buchtitel benannt, es handelt sich um schlechte Laune. Dabei wird die grundlegende Frage aufgeworfen, inwieweit man Zwischen grau und rosa-rotschlechte Laune andere spüren lassen darf. Die Antwort wird von Moritz Petz gleich mitgeliefert.
     Noch wesentlich differenzierter wird die Gefühlswelt im einsprachigen Bilderbuch Der Elefant fühlt allerhand von Hans Kuyper besprochen. In diesem Bilderbuch werden verschiedene Emotionen wie Stolz, Einsamkeit und rosa-rote Welt durch kurze Texte mit Reimen und in den Illustrationen dargestellt.

 

5.1 Elementar- und Wimmelbücher

Ein Kind kann das komplexe System der Symbole zunächst durch Bilder kennenlernen. Die Bilderbücher für Kleinkinder reichen von Elementar- bis zu den komplexen Wimmelbüchern.
     Zwischen den Elementar- und Wimmelbüchern gibt es Zwischenstufen, die nicht mehrsprachiges Bilderbuch, mehrsprachiges Kinderbuch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik,Kleinkindeindeutig den beiden Genres zugeordnet werden können. Ein Beispiel dafür ist das mehrsprachige Bilderbuch Zootiere von Adriana Vera-Merz. Hierin wird auf jedem Bild ein Tier mit aufwendigem Hintergrund dargestellt . Zu jedem Tier gibt es eine Frage in deutscher Sprache, die Antwort wird in acht Sprachen gegeben, die farblich voneinander abgesetzt sind.

Die Illustrationen im Wimmelbuch Rundherum in meiner Stadt von Ali Mitgutsch weisen viele Szenen auf. Jede Szene besteht aus mehreren Sequenzen, die von Menschen handeln, die irgendeiner Tätigkeit nachgehen. Jedes einzelne Bild ist in sich abgeschlossen, doch einige Figuren erscheinen auf vielen Darstellungen, die es zu entdecken gilt. Daraus kann man sich Geschichten erschließen, dass die Phantasie des Kindes anregt und für die Sprachförderung sehr nützlich ist. Wimmelbücher kommen gänzlich ohne Worte aus und bieten Kindern großen Gestaltungsraum im Erzählen.
     Eine Art Vorstufe zum Wimmelbuch bildet das zweisprachige Kinderbuch Meine Wörter reisen von Christiane Strauss. Auch hier hat man einzelne abgeschlossene Szenen. Auf dem Pfad des WörterdschungelsViele Gegenstände, Tiere, Handlungen und Zustände wie Dunkelheit, werden mit einem Schlagwort zweisprachig benannt. Hierbei ist die Absicht, möglichst viele Wörter zu benennen. Um aber Zusammenhänge erschließen zu können, muss man quasi um die Ecke denken, dass durchaus herausfordernd sein kann.
     Zu diesem Buch gibt es ein Folgeband mit ähnlichem Aufbau. Ähnlich wie in Meine Wörter reisen so sind auch die Darstellungen in Meine Wörter reisen von Drinnen nach Draußen modern bis abstrakt gemalt.
Ähnlich wie die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch (und anderen Autoren) „zwingen“ auch die beiden Kinderbücher von Christiane Strauss den Betrachter, genau hinzuschauen.
Wimmelbücher sowie die beiden Bücher von Christiane Strauss sind für den erwachsenen Betrachter gewöhnungsbedürftig und stellenweise verwirrend, hingegen hat es auf Kinder eine ganz andere Wirkung. Kinder können in Bildern viel schneller als Erwachsene Zusammenhänge erkennen, da ihre Welt aus Bildern besteht, sie sind darauf angewiesen, aus dem Gesehenen sich die Welt zu erschließen und sind dementsprechend wesentlich mehr geübter darin als Erwachsene.

Bilderbücher, die mit wenigen Worten oder gar gänzlich ohne Worte auskommen, es aber dafür darin eine Menge zu entdecken gibt, bietet die Möglichkeit, ein Kind auf eine Figur oder ähnliches zeigen zu lassen und man fragt, ob es weiß, wie die Figur oder der Gegenstand auf deutsch heißt. Bei zwei- oder mehrsprachigen Kindern kann man zudem nachfragen, wie es in ihrer Sprache heißt. Damit gibt man dem Kind das Gefühl des ernst genommenwerdens auch in seiner Sprache. Und Kinder freuen sich, wenn sie anderen etwas beibringen können. Man begibt sich so gewissermaßen auf Augenhöhe mit dem Kind und man fördert die Erstsprache des Kindes. Sämtliche Bücher über Mehrsprachigkeit zeigen auf: desto besser ein Kind eine Sprache beherrscht, desto leichter kann es eine weitere Sprache lernen.

 

5.2 Vorstellung Bilderbücher

Nach den Elementar- und Wimmelbüchern werden Kinder in dem Erlernen vom komplexen System der Symbole durch Bilderbücher unterstützt. In der Literaturwissenschaft werden Bilderbücher den verschiedenen Genres zugeordnet, doch in der Alltagssprache wird es unter dem allgemeinen Begriff „Bilderbuch“ zusammengefasst. Es gibt zahlreiche Bilderbücher mit sehr verschiedenen Themen und pädagogischen Ausrichtungen.

Eine kleine Auswahl an Bilderbüchern wird nun kurz vorgestellt.

 

5.2.1 Farben und Zugehörigkeit

Im Bilderbuch Helma legt los von Ute Krause steht im Mittelpunkt die Gans Helma, die verzweifelt versucht, ein weißes Ei zu legen. Vor ein paar Jahren hat Hans de Beer mit dem Aber eigentlich ist alles ganz anders, BilderbuchBuch Wer legt das schönste Ei? auf den ersten Blick ein recht ähnliches thematisches Kinderbuch wie Ute Krause geschrieben. In beiden Bilderbüchern geht es darum, die Farben kennen zu lernen. Doch während bei Hans de Beer die Aussage getroffen wird, dass man zwar äußerlich sehr verschieden aussehen kann, aber letztendlich alle gleich sind, so ist es bei Ute Krause der umgekehrte Fall. Die Gans Helma sieht wie alle Gänse aus, aber sie legt ständig verschieden-zweisprachiges Bilderbuch, Kann das weg oder ist das Kunst?farbige Eier nur kein weißes. Sie versucht verzweifelt endlich ein weißes Ei zu legen, um endlich zur Gänsegruppe dazu zu gehören.
     Zwei weitere Kinderbücher haben als thematischen Schwerpunkt die Farben: Der Farbenverdreher von Ulrike Rylance und Die Königin der Farben von Jutta Bauer. In dem erstgenannten zweisprachigen Bilderbuch ist im Anhang die Farbenlehre erläutert und das hat Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik,Bilderbuch, ab 5 Jahreseinen Grund. Die Protagonistin mischt nämlich Farben und der Farbenverdreher ist ihr dabei behilflich. Jutta Bauer ist für ihr Buch mehrmals ausgezeichnet worden. Unter beiden Buchbesprechungen gibt es jeweils einen Link mit weiteren Einsatzmöglichkeiten in Kindergärten (und Zuhause).

Das Bilderbuch Helma legt los von Ute Krause kann auch in größeren Gruppen gezeigt werden, da es als Bilderbuchkino abrufbar ist unter (): VGO-Schule: Bilderbuchkino – Helma legt los (PDF-Datei)

Für das Bilderbuchkino benötigt man das Buch auch in Printform, da der Text im Kino nicht vorhanden ist.

 

5.2.2 Hörbücher und Bilderbuchkino

Das Einsetzen von Hörbüchern in Kindertagesstätten ist eine Möglichkeit, wie man ein- und mehrsprachige Kinder begeistern kann.

Zu einigen Bilderbüchern gibt es Hörbücher, die entweder in Form einer CD oder als Möglichkeit des Herunterladens im Internet vorhanden sind.

Um Hörbücher aus dem Internet herunterladen zu können, muss eine zweisprachige Fassung in Printform vorliegen. Im Buch werden die Internetseite sowie der Code benannt. Hat man auf der Internetseite seinen Code eingegeben, so ist man automatisch freigeschaltet für die eine Geschichte in mehreren Sprachen und kann alle Sprachfassungen auf seinen PC laden. Diese Möglichkeit besteht häufig bei den modernen Bilderbuchklassikern wie Kleiner Eisbär – Lars, bring uns nach Hause! von Hans de Beer.

Beim Kauf der folgenden Kinderbüchern – alle kommen aus dem Edition bi:libri Verlag – liegt eine CD in verschiedenen Sprachen bei:

Rezension, zweisprachiges Bilderbuch, ab 4 Jahre     zweisprachiges Bilderbuch, Vorsicht ansteckend     zweisprachiges Bilderbuch, Kann das weg oder ist das Kunst?   zweisprachiges Bilderbuch, Angenommensein     Rezension, zweipsrachiges Bilderbuch

 

5.2.3 Sinnesorgane

Ein ganz anderes Thema wird in dem Bilderbuch Alis Nase von Yekta Kopan aufgeworfen. Hierbei wird den Kindern die verschiedenen Funktionen der Nase wie Geruchssinn dargestellt und was es bedeuten kann, wenn man die Nase nicht mehr zur Verfügung hat, wie Ali, der seine Nase sucht.
 Rezension, zweisprachiges Bilderbuch, ab 4 Jahre    Die Illustrationen von Alex Pelayo sind für einen deutschen Betrachter etwas ungewöhnlich.

In diesem Bilderbuch kommen zwei Komponenten zusammen, die dafür sprechen, dass Kinder es vorgelesen bekommen sollten und es betrachten können: Zum einen ist es der Name des Protagonisten: Ali. Der Name Ali stammt aus dem arabischen und bedeutet „der Erhabene“ oder „der Hohe“. Es ist ein sehr beliebter Name im arabischen Raum, dass zurückzuführen ist auf Ali ibn Abi Talib, der der Schwiegersohn und Cousin von dem Propheten Mohammed ist. Durch die Namensgebung des Protagonisten im Bilderbuch wird signalisiert, dass türkische und andere arabisch-stammende Familien in Deutschland angekommen sind, dass es längst zur Normalität geworden ist.
     Zum anderen sind es die Illustrationen, die einem Kind die Möglichkeit geben, sich eine weitere Welt zu erschließen.

Mehrere Vorschläge zum Thema Geruchssinn und wie man diesen Sinn bei Kindern fördert, können unter der Buchbesprechung nachgelesen werden.

 

5.2.4 Brauchtum

Einsatz mehrsprachiger Bilderbücher in KiTasDas Bilderbuch Wo holt der Nikolaus seine guten Sachen? von Silvia Hüsler kann im Rezension, mehrsprachiges Bilderbuchweitesten Sinne zu den mehrsprachigen Kinderbüchern gezählt werden.
     Wie schon der Titel besagt, handelt es sich in diesem Bilderbuch um die Herkunft der einzelnen Zutaten wie Orangen und Zimt, die zu jeder Nikolausfeier dazu gehören. Dabei unternimmt der Nikolaus eine Reise fast um die ganze Welt. KiKinderbuch, zweisprachiges Bilderbuch, Erstlesebuch, abschied nehmen, freundschaft,nder lernen dadurch die verschiedenen Kulturen kennen und auch die Legende über den Heiligen Nikolaus.

In Lenas größter Wunsch von Ingrid Annel geht es rund um die Vorweihnachtszeit.
     Das besondere an diesem zweisprachigen Buch sind die Illustrationen von Eulalia Cornejo, die einerseits das typische von deutschen Vorstellungen zeigt, andererseits sind Elemente vorhanden, die eher a-typisch sind wie ein großer gelber Weihnachtsbaum mit sehr wenigen Ästen.

 

Bei allen Spielen sollte eine Regel beachtet werden: one person, one language.
     „One person, one language“ bedeutet, dass eine Person eine einzige Sprache mit einem Kind (oder mehreren Kindern) spricht.
     Für die Sprachorientierung eines Kindes kann diese Devise sehr hilfreich sein, vor allem dann, wenn ein Kind eine neue Sprache erlernt. Zudem verhindert man auf diese Weise eine Sprachverwirrung.10b

 

5.2.5 Vorlesen im Dialog

Einige Sprachtherapeuten begrüßen es, wenn Code-Switching trainiert wird. Das Bilderbuch Sinan und Felix von Aygen-Sibel Çelik kann dabei im deutsch-türkischen eine Hilfestellung sein.

Viele Kinder lieben es vorgelesen zu bekommen. Ein Teil der mehrsprachigen Alles BananeBilderbücher bieten sich an, diese im Dialog vorzulesen, weil die Dialoge beispielsweise von vornherein in zwei Sprachen geschrieben sind. Das Bilderbuch Sinan und Felix von Aygen-Sibel Çelik bietet sich aus folgenden Gründen besonders gut an:

Die Handlung ist für Kinder nichts Ungewöhnliches, da sie tagtäglich erlebt wird.
Der Dialog zwischen Felix und Sinan sind auf Deutsch und Türkisch. Der Junge Sinan spricht mit seinem Freund Murat auf Türkisch, Felix spricht mit Sinan auf Deutsch.
Türkische Redewendungen, die zum Teil im Text vorkommen, sind in einem gesonderten Kasten in deutscher Sprache übersetzt, die Aussprache im türkischen ist abgesetzt in roter Schrift.
Rollentausch: Als deutscher Leser erwartet man, dass Sinan Schwierigkeiten mit dem Verständnis der deutschen Sprache haben könnte, doch es ist Felix, der Sinan teilweise nicht versteht. Dass löst bei Felix folgende Gefühle aus:

a) Er wird wütend
    Fragen an die Kinder:
Wer von euch hat schon erlebt, dass er nichts verstanden hat?
    Wie hast du dich dabei gefühlt?

b) Felix kommt sich doof vor
     Frage an die Kinder:
Wie seid ihr euch vorgekommen, wenn ihr nichts verstanden habt?

Wichtige Wörter aus der alltäglichen türkischen Sprache sind in vierzeilige Sprüche integriert, die man sich gut merken, wie zum Beispiel:

Trifft man einen, den man mag,
sagt man „Hallo!“ und „Guten Tag!“
Begrüßung steht auf dem Programm.
Auf Türkisch sagt man sichSelam!“ 

Fazit: Kinder bekommen durch das Vorlesen dieses Buches mit, dass es einerseits bei Menschen keine guten Gefühle auslöst, wenn sie nichts verstehen, andererseits bekommen sie vermittelt, dass man wichtige Worte aus der Erstsprache seines Freundes lernen kann. Sie begreifen, dass es Sprachbarrieren gibt, die es zu überwinden gilt.

 

5.2.6 Natur erleben

Einige mehrsprachige Bilderbücher vermitteln die Natur mit einem anderen Blick wahrzunehmen oder geben sachdienliche Hinweise.

Im Kinderbuch Otto, die kleine Spinne von Guido van Genechten wird über eine sehr liebe Au revoir und Goodbye, mehrsrpachiges BilderbuchSpinne erzählt. Hierbei bietet es sich an, vor Ort mit den Kindern Spinnen anzuschauen, da man sie überall findet. Anhand von „Anschauungsmaterial“ kann den Kindern erklärt werden, wie viele Beine eine Spinne hat, was sie gerne frisst und dergleichen. Kinder werden so auf Insekten sensibilisiert und lernen, dass nicht alle Tiere, die als eklig empfunden werden auch gleichzeitig unnütze Tiere sind, sondern im Gegenteil.

 

5.2.7 Mit Bilderbüchern auf Reise gehen

Die Verlegerin und Autorin Claudia von Holten hat mit ihrer Tochter zusammen das Buch Der allerschönste Platz geschrieben. Die unterschiedlichen Tiere bevorzugen verschiedene Rezension, zweisprachiges BilderbuchPlätze in London. Im Bilderbuch ist eine Stadtkarte von London abgedruckt, in der die bevorzugten Plätze der Tiere enthalten ist. Dabei lernen Kinder nicht nur die Tierwelt in London kennen, sondern auch die Stadt selber. In Norddeutschland hat man das Kinderbuch zum Anlass genommen, eine ähnliche Geschichte, kombiniert mit der Tierwelt in Hamburg, zu verfassen und zu illustrieren.
     Eine der Lieblingsorte im zweisprachigen Bilderbuch ist ein Café in dem Scones gegessen werden. Das Rezept über die Scones ist im Buch abgedruckt. Die Scones können mit den Kindern zusammen gebacken werden. Jede Region hat seine eigene Spezialitäten und Vorlieben.
     Mit Kindern gemeinsam sich auf Entdeckungsreise zu machen, kann sehr spannend Die schönste oder die anstrengendste Zeit im Jahrwerden.

Mit dem Bilderbuch Leyla und Linda feiern Ramadan von Arzu Gürz Abay können Kinder sich in die Türkei verführen lassen. Neben dem Kennenlernen von eines der größten Religionsfeste in der muslimischen Welt wird auch einiges über Istanbul vermittelt. Man glaubt, vieles über die Türkei zu wissen, am Ende des Buches jedoch werden selbst Erwachsene überrascht sein.

 

Märchen, Der Froschkönig,5.2.8 Faszination Märchenwelt

Bis heute hält die Debatte an, inwiefern Märchen für Kinder hilfreich sind oder ob sie gar eine schwarze Pädagogik vermitteln. Sämtliche Untersuchungen zeigen aber, dass Kinder Märchen brauchen. Zum einen dienen Märchen der Kulturvermittlung, zum anderen Zwischen Tradition und Moderne, zweisprachiges Bilderbuchbieten sie Kindern Identifikationsmöglichkeiten. Zwei Märchenbücher im mehrsprachigen Bereich sind von besonderer Bedeutung: Prinzessin Sharifa und der mutige Walter, nacherzählt von Anne Richter und Prinzessin Ardita von Silvia Hüsler. Das erstgenannte Kinderbuch enthält ein Märchen aus Ägypten und die Legende aus der Schweiz über Wilhelm Tell. Das letztgenannte ist an die albanische Erzähltradition angelehnt.

Vor Rezension, zweisprachiges Bilderbuch, deutsch - albanischeinigen Jahren hat es ein Projekt zu Die Bremer Stadtmusikanten in 20 Sprachen gegeben. Die Kinder hatten die Aufgabe, ein Bild zu diesem Märchen zu malen. Zu­dem haben die beiden Herausgeber sich in der Literaturwelt umgeschaut und haben festgestellt, dass zwar Die Bremer Stadtmusikanten nicht nur bei den Gebrüdern Grimm vorhanden ist, sondern das es in vielen Ländern in unterschiedlichen Variationen existiert. Diese haben sie zusammengetragen und es in der Fassung des jeweiligen Landes gelassen. Ergänzt wurden diese durch die Darstellungen von den Kindern. Solch ein Projekt ist im Grunde mit zahlreichen Märchen denkbar.

Märchen aus unterschiedlichen Teilen der Welt kann man beispielsweise hier finden (): Märchenbasar (Märchen aus aller Welt)  

 

Epilog

Mehrsprachige Bilderbücher sind für alle Kinder von Vorteil. Sie können ihre Sprach­kenntnisse erweitern und ihre Fähigkeit in Codeswitching trainieren. In vielen Vorle­sesituationen und Spielmöglichkeiten können einzelne Vokabeln aus verschiedenen Sprachen integriert werden. Zudem gibt es in den mehrsprachigen Bilderbüchern im Vergleich zu einsprachigen Kinderbüchern ein höheres Angebot in das Kennenlernen von Kulturen und auch die Frage nach Identität und Ähnlichem.

Mehrsprachige Bilderbücher lassen sich häufig gut in den Alltag integrieren, und zwar mehr als man zunächst vermuten würde. Unter etlichen Rezensionen von zwei- und mehrsprachiger Kinderliteratur bei read MaryReadLiteraturmagazin online sind weitere Anregungen für Spiele, Malen und Bastelmöglichkeiten.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Claudia Bröcher
© read MaryRead 2016

Ankerlichtung

 

Bibliographie

Colin Baker:
Zweisprachigkeit zu Hause und in der Schule
Ein Handbuch für Erziehende
Verlag auf dem Ruffel – Engelschoff 2007

Ruth Berger:
Warum der Mensch spricht.
Eine Naturgeschichte der Sprache
Eichborn Verlag – Frankfurt am Main 2008

Radiye Erol:
Türkische Jugendliche in Deutschland – Kulturelle Orientierung und Zweisprachigkeit
Dissertation – Köln 2001

Maria Riehl:
Sprachkontaktforschung.
Eine Einführung
narr Verlag 2014

Wiebke Scharff Rethfeldt:
Kindliche Mehrsprachigkeit.
Grundlagen und Praxis der sprachtherapeutischen Intervention
Georg Thieme Verlag – Stuttgart – New York 2013

Benjamin Lee Whorf:
Sprache – Denken – Wirklichkeit.
Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie
Rowohlt Taschenbuch – Reinbek bei Hamburg 1997 (21)

Link  (): 
https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/sprachbeschreibung_tuerkisch.pdf,

Home > Ankerlichtung > Morsecode > Literaturmagazin: Sonderausgabe Nr. 1 – 2017  Bilderbücher und viele Sprachen – Mehrsprachigkeit im Allgemeinen und in Kindergärten


Einzelnachweise:

1  ():  Vgl. ORF – News: „Menschen-Zoo in Australien, zuletzt besucht am 12.09.2016

2 Ruth Berger: Warum der Mensch spricht. Eine Naturgeschichte der Sprache, Eichborn Verlag – Frankfurt am Main 2008, S. 11
2ba, 2bb S. 75 ff.
2ca S. 28
2da S. 52
2ea S. 93
2fa S. 33
2ga, 2gb S. 65 f.
2ha, 2hb S. 91

3aa, 3ab, 3ac, 3ad, 3ae, 3af, 3ag Wiebke Scharff Rethfeldt: Kindliche Mehrsprachigkeit, Grundlagen und Praxis der sprachtherapeutischen Intervention, Georg Thieme Verlag – Stuttgart – New York 2013, S. 19 – 25
3ba, 3bb S. 13
3ca  S. 37
3da, 3db  S. 42 f.
3ea, 3eb  S. 88 f.
3fa, 3fb, 3fc, 3fd, 3fe  S. 51

4, 4b Jürg Glauser (Hrsg.): Skandinavische Literaturgeschichte, Verlag J.B. Metzler – Stuttgart, Weimar 2006, S. 447

5aa, 5ab Claudia Maria Riehl: Sprachkontaktforschung. Eine Einführung, narr Verlag 2014 (3), S. 65 f.
5ba, 5bb, 5bc, 5bd, 5be, 5bf  S. 21 – 25
5ca, 5cb  S. 28
5da, 5db, 5dc  S. 166

6 Vgl. Hermann Kinder, Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Deutscher Taschenbuch Verlag – München, 2000, S. 529, Spalte 2

7, 7b Benjamin Lee Whorf: Sprache – Denken – Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie, Rowohlt Taschenbuch – Reinbek bei Hamburg (21), S. 7 / 20

8   (): Vgl. Erkan Gürsoy: Sprachbeschreibung Türkisch, Universität Duisburg – August 2010, S. 8ff., PDF-Datei, zuletzt besucht am 12.09.2016   

9, 9b Radiye Erol: Türkische Jugendliche in Deutschland – Kulturelle Orientierung und Zweisprachigkeit – Dissertation – Köln 2001, S. 49ff.

10, 10b Colin Baker: Zweisprachigkeit zu Hause und in der Schule. Ein Handbuch für Erziehende, Verlag auf dem Ruffel – Engelschoff 2007, S. 5 / S. 66

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