François Villon: Die Ballade von den Galgenbrüdern

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Die Ballade von den Galgenbrüdern

Ihr Brüder seht, hier werden wir gehängt,
ist keiner da, der uns sein Mitleid schenkt?
Gott wird es euch vergelten mit dem Gold
der Ewigkeit, wenn ihr uns nicht mehr grollt.
Seht her, gleich baumeln wir, fünf Kameraden,
und wenn wir auch den Leib noch in der Sonne baden,
den fetten Leib, genährt mit Fleisch und Weizenbrot;
bald frißt uns auf mit Haar und Haut der Tod.
Verspottet nicht dies elende Geschick,
Gott wird uns bald in Jesu Namen
erlösen von dem Galgenstrick,
von allem Übel, Amen!

Wir hängen dann für die Gerechtigkeit
und daß ihr unsre Brüder seid, verzeiht!
Nicht jeder auf der Welt hat kaltes Blut,
nicht jedem tut dies faule Leben gut.
Seid nicht erbost auf unsre Sünden
und bittet Gott, daß wir in seinen Schoß einmünden.
Seht, wie der Tod uns an den Kragen fährt,
seht, wie sein Griff uns schon am Halse schwärt.
Verspottet nicht dies elende Geschick,
Gott wird uns bald in Jesu Namen
erlösen von dem Galgenstrick,
von allem Übel, Amen!

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Der Regen hat den Kopf uns blank rasiert,
seht wie uns in der Sonne friert,
wie uns die Raben Stück für Stück vom Bauch
mit ihren spitzen Schnäbeln hacken und wie auch
die Elstern nicht mehr faul nach unsren Därmen sind.
Wir schaukeln hin und her im Abendwind,
wie Äste, die voll roter Äpfel hangen,
wir sind im Nebel schon wie blauer Rauch zergangen.
Verspottet nicht dies elende Geschick,
Gott wird uns bald in Jesu Namen
erlösen von dem Galgenstrick,
von allen Übeln, Amen!

Zuletzt möge man diesen Stoßseufzer noch hören:
Herr Jesu, der Du Gnade ausschenkst allen;
errett uns aus des Teufels Höllenkrallen.
Ach, der fährt gut, der früh am Leben hängt
und nicht wie wir vom Strick so eingezwängt.
Wann wird wohl unser Herz erlöset sein?
Ihr Brüder, bittet Gott, er möge uns verzeihn!

– François Villon –
Nachdichtung von Paul Zech

Zum Hören:

* 1431, Paris, Frankreich
† nach 1463, Frankreich

französischer Dichter, Mittelalter, Wanderer, Flüchtender, Blume, Verwegen, Dieb, Kumpane, François Villon hatte jede Menge auf dem Kerbholz, für einige seiner Missetaten wurde er nicht belangt, entweder weil niemand sicher sein konnte, dass er dahinter steckte oder weil er der Staatsmacht geschickt aus dem Weg ging. Und er liebte es, seine Mitmenschen zu foppen, doch eines Tages im November 1462 wurde es zu seinem Verhängnis. Nach einem gutgezechten Abend lief er mit seinen Kumpanen durch die Straßen und in der damaligen Zeit war es unter hoher Strafe nicht erlaubt, nach dem Angelusläuten noch zu arbeiten. Der französische Dichter und seine Kumpanen sahen in einer Amtsstube noch Licht, das Fenster war geöffnet. Aus lauter Lust, die Arbeitenden zu foppen, schrien sie „Aufhören, Ihr Feierabendschänder!“ Im Handumdrehen war eine Prügelei im Gange, bei der ein Polizeisergeant anwesend war und der Magister durch einen Dolch einen heftigen Kratzer abbekam. Der Magister nicht blöd, macht daraus zuerst einen Mord, später einen Mordversuch. Somit bekam die Polizei den armen Tropf François Villon auf dem Silbertablett serviert, denn eine Rechnung war noch aus früherer Zeit offen. Obgleich der Dichter den Magister nicht angerührt hatte, wurde er dennoch angeklagt und gefoltert. Unter der Folter gestand er so ziemlich alles, was die Polizei hören wollte. Um seinen Kopf buchstäblich aus der Schlinge zu ziehen, gedenkt er eine Appellation beim Parlament einzureichen. Eigentlich wurde dieser Weg nur selten eingeschlagen, da er meist ohne Erfolg war, aber seine Ballade und noch einiges mehr hat wohl Eindruck geschunden, am 3. Januar 1463 unterschrieb er den Gnadenspruch. Anschließend wurde er zwar freigelassen, aber er wurde für die nächsten zehn Jahre aus der Stadt Paris verbannt, was wirklich für ihn übel war.

Quelle: Paul Zech: Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon, S. 162 ff., Deutscher Taschenbuch Verlag

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