Blogbuster-Preis 2017

Literaturpreis, Literaturblogger, Blogger, Deutscher Buchpreis, Bachmann-Wettbewerb, Literaturhaus Hamburg,

Auszeichnung mithilfe von Literaturbloggern

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, am 21.10.2016 mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space, taten sich 15 Paten, allesamt Literaturblogger, zusammen, um so etwas ähnliches wie eine Mischung aus dem Deutschen Buchpreis und Bachmann-Wettbewerb auf die Beine zu stellen. Jeder Autor, der ein unveröffentlichtes Werk in der Schublade (ausgenommen sind E-Books und Selfpublishing) liegen hatte, dass keinem Genreliteratur entsprach (gemeint sind unter anderem Jugendliteratur, Kriminalroman etc.) konnte bei den Blogger-Paten sein Romanmanuskript einreichen. Der Blogger musste von einem Text überzeugt werden, um überhaupt für den Wettbewerb zugelassen zu werden, also ganz im Sinne einer Buchbesprechung nur wird diese nicht veröffentlicht, man muss sich für die Ablehnung nicht rechtfertigen. Insgesamt wurden 252 unveröffentlichte Werke eingereicht. Jeder Blogger-Pate nannte seinen Favoriten, ähnliche Praxis wie in Klagenfurt, somit kamen 15 Titel auf die Longlist.

Bloggerin Katharina Herrmann von Kulturgeschwätz:
Ich hätte nicht erwartet, so viele gute Texte mit tollen Ideen zu bekommen. Bei einigen davon erschließt sich mir nicht, warum sie nicht bereits von einem Verlag veröffentlicht worden sind.“

Neben den Blogger-Paten gibt es die Fachjuroren: der Literaturkritiker Denis Scheck, der gleichzeitig der Vorsitzende der Jury ist, Literaturagentin Elisabeth Ruge, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse, der Initiator des Wettbewerbs und Literaturblogger Tobias Nazemi sowie Tom Kraushaar vom Klett-Cotta/Tropen Verlag. Die teilnehmenden Literaturblogs wurden von Tobias Nazemi, der mindestens einen Artikel bei PR-Journal bisher veröffentlichte, nach Hochwertigkeit und Reichweitenstärke ausgesucht, vielleicht hat auch die Vernetzung in den sozialen Netzwerken geholfen oder die kursierenden Toplisten über Literaturblogger. Einige der Paten stehen zufällig mindestens seit Frühjahr 2015 bei Facebook im Kontakt mit Tobias Nazemi.

Aus den 15 Titeln der Longlist wurden am 11. April 2017 drei Titel für die Shortlist verkündet.

Tom Kraushaar sagte:
Wir hatten eine sehr lebhafte Jury-Diskussion und freuen uns, dass am Ende drei interessante und gleichzeitig sehr unterschiedliche Autoren mit ihren Manuskripten in der Finalrunde sind.“

Kurze Vorstellung der drei Finalisten

Shortlist-Kandidaten, Chrizzi Heinen, Torsten Seifert, Kai Wieland

von li nach re: Chrizzi Heinen, Torsten Seifert, Kai Wieland / Foto: © Blogbuster

Chrizzi Heinen, geboren 1978 in Köln, ist promovierte Musikethnologin und Künstlerin, hat bisher Comics und Cartoons erstellt, Radiofeatures und Hörspiele sind weitere Betätigungsfelder von ihr. Sie wurde vom Blog Zeilensprünge vorgeschlagen.
     Ihr Roman handelt von von „Freundschaft, Liebe, Stadtleben“, so die Zusammenfassung von Blogbuster und einem mysteriösem schwarzen Loch.

Kai Wieland wurde am 18.06.1989 in Backnang geboren, ist Medienkaufmann, hat nach seiner Ausbildung Buchwissenschaft an der LMU in München studiert, arbeitet seit 2016 in einem Verlag in Stuttgart. Er wurde vom Blog Lust zu Lesen vorgeschlagen.
     In seinem Manuskript „Ameehrikah“ spielt sich die Handlung in einem schwäbischen Dorf ab, also einer Umgebung, die ihm vertraut ist.

Torsten Seifert wusste schon mit sechs Jahren, dass er Schriftsteller werden will. Er selber kann sich an diese Aussage zwar nicht erinnern, wohl aber seine Eltern. Geboren wurde er in Görlitz, spielt gerne Badminton, arbeitet als Werbetexter und ab und zu für PR-Journal. Torsten Seifert wurde vom Blog 54books vorgeschlagen.
     In seinem Abenteuerroman sucht ein US-Gesellschaftsreporter nach dem „sagenumwobenen Autor B. Traven“, so die Zusammenfassung von Blogbuster.

Verleihung: Neuer Wein in alten Schläuchen

Im Hamburger Literaturhaus wurde am Abend des 4. Mai 2017 der erste Blogbuster-Preis verliehen. Die drei Autoren und ihre Blogger-Paten waren zugegen, ebenso die Fachjury. Nach der Begrüßung übernahm Denis Scheck die Moderation. Er stellte fest, dass allein in Deutschland über 700 Literaturpreise vergeben werden. Fast beiläufig richtete er die Frage an den Initiator Tobias Nazemi, weshalb noch ein weiterer Preis hinzukommen soll. Eine verhängnisvolle Frage, wie sich noch herausstellen wird. Außerdem stellt der Literaturkritiker von der Sendung „Druckfrisch“ fest, dass etliche Literatursysteme, auch hierzulande, überaltert sind, nicht mehr up to date. Eine dahin geplauderte Phrase, da er sie selbst ad absurdum führt. Aber nun der Reihe nach.
     Alle drei Autoren gaben den Inhalt ihres Buches zunächst durch einen Kurzfilm wider, anschließend lasen sie, nach einem kurzen Gespräch mit Denis Scheck und ihrem Blogger-Paten, einen kurzen Ausschnitt aus ihrem Roman vor.

Der eintönig anmutende Text über „Das schwarze Loch“ von Chrizzi Heinen ist ungewöhnlich, ja, sogar gewagt, ganz nach dem Geschmack von Lesern, die etwas Neues erwarten. Es verführt den Leser dazu, sich mit dem theoretischen physikalischen Phänomen auseinanderzusetzen, sich über die Wirkung auf den Menschen bewusst zu werden. Obwohl „Das schwarze Loch“ nicht im Zentrum des Romans steht, vielmehr ist es die Stadt mit ihren Bewohnern, so die Blogger-Patin von Zeilensprünge, so neigt dennoch der Rezensent sich an dem Phänomen abzuarbeiten. Im Textausschnitt ist der Handlungsort 1-€-Laden mit der Beinahe-Diktatorin Olivia, die all ihren Kunden jeglichen Gebrauch von Handys, Smartphones, Laptops, den Umgang mit Schreibutensilien jeglicher Art, das Rauchen und ähnliches untersagt, während sie genüsslich sich genau diesem Verbot widersetzt.

Hingegen ist der historisch-biografische Roman „Der Schatten des Unsichtbaren“ von Torsten Seifert langweilig, da gewöhnlich. Eine Brise Horror, der Skandaljournalist Leon Borenstein beschreibt die Szene eines mögliche Selbstmörders, wie dessen Gehirn über der beigen Couch verteilt liegt, gewürzt mit dem bislang ungeklärten Schriftsteller B. Traven. Ziemlich genau werden die kleinsten Handlungen und Gedankengänge des Protagonisten benannt. Die Theorie von Charlie Chaplin über einen guten Film, der von Andeutungen und der Phantasie des Zuschauers lebt, hat Torsten Seifert noch nicht verinnerlicht. Der unter dem Pseudonym arbeitende Schriftsteller B. Traven hält etliche in Atem. Anscheinend möchte jeder herausfinden, wer sich dahinter verbirgt. Kennt man ja. Aktuell ist der oder die Verfasserin von dem Roman „Meine geniale Freundin“ im Fokus der Aufmerksamkeit. Angeblich soll es einem Journalisten gelungen sein, die wahre Identität aufgedeckt zu haben. Der anschließende Aufruhr in der Literaturwelt macht vor allem eines deutlich: Der Leser liebt Geheimnisse, ähnlich wie man als Kind dem Zauber vom Christkind erliegt und der verfliegt, sobald man die Realität kennt.
     Nicht zufällig wurde im Gespräch über den Roman von Torsten Seifert der Vergleich mit Volker Weidermann und seinem historischem Essay Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ hergestellt. In der Literatur beschritt der Autor von „Der Schatten des Unsichtbaren“ keinen neuen Weg.

Gerne zugehört hat man Kai Wieland mit seinem Romanausschnitt „Ameehrikah“. Still und unaufgeregt erzählt Frieda einem Chronisten seine Lebensgeschichte, aber mit jedem weiteren Wort, den Kai Wieland verlas, wurde die Neugier geweckt, nahm zu, wurde in den Sog des Dorfes der schwäbischen Alb gezogen. Ehrlich und schonungslos erzählt der Bauer über den Umgang mit seinen beiden erfolgreichen Söhnen, wie er später zu ihnen steht. Das Panorama eines Dorfes, dass mit den Folgen eines Krieges zurecht kommen muss und in dem nicht geschriebenen, dem ungesagten Wort der Bewohner, liegt die Kraft des Romans.

Denis Scheck, Lars Birken-Bertsch, Tom Kraushaar, Torsten Seifert, Tobias Nazemi, Tilman Winterling, Elisabeth Ruge

von li nach re: Denis Scheck, Lars Birken-Bertsch, Tom Kraushaar, Torsten Seifert, Tobias Nazemi, Tilman Winterling, Elisabeth Ruge / Foto: © Blogbuster

Den Bloggern eine Stimme geben, die Aufmerksamkeit auf die Literaturblogger lenken, sei das Ziel dieses Preises, so der Initiator Tobias Nazemi, da sie vom etablierten Journalismus eher müde belächelt werden, dabei kann sich die Qualität der Blogger-Community sehen lassen. Tom Kraushaar fügte hinzu, das sie den Bloggern ihr Vertrauen geschenkt haben, die die Auswahl für die Longlist trafen. Letztendlich war das Vertrauen so groß, dass man für die beiden letzten Instanzen der Entscheidungen der Fachjury aus dem „alten Literatursystem“ überließ, die die Kandidaten für die Shortlist und den Preisträger Torsten Seifert benannten. Dem Preisträger winkt eine Printausgabe beim Klett-Cotta Verlag.
     Die neuen Medien sollen endlich die Würdigung erfahren, die ihnen gebührt, war das allgemeine Credo der Preisvergabe. Um diese zu unterstreichen, übergibt man die Auserkorenen den Methoden des „alten Literatursystems“, dabei soll man gar nicht den neuen Wein in alten Schläuchen abfüllen, aber das ist wohl allen Teilnehmern nicht bewusst.
Bei der schieren Masse von hiesigen Literaturpreisen bewirkt jeder weitere Literaturpreis das Gegenteil von dem, was es bewirken sollte: Desto mehr Literaturpreise, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass Hinz- und Kunz-Autoren ausgezeichnet werden und die mit tatsächlicher Qualität in dem Dschungel nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen gebührt; weder ist eine Zunahme von literarischer Qualität zu verzeichnen, noch wird von den Juroren neuartige Literatur belohnt, wie der Abend im Literaturhaus Hamburg ein weiteres Mal bewiesen hat.

Mehr zu Denis Scheck:
Gespräch und Autorenlesung: Martin Walser las aus „Statt etwas oder Der letzte Rank“

Zu befürchten ist, dass sich diese Literaturauszeichnung einreihen wird in die lange Kette der schon vorhandenen, ein vergleichbares Ritual wie beim Bachmann-Wettbewerb erzeugen wird: Bei jeder Vergabe werden einige Magazine den Vorgang kritisieren, daran ändern wird sich aber nichts und ähnlich wie beim Deutschen Buchpreis, wird man sich über die Preisträger wundern, das regelmäßige Echo mancher Journalisten wird gewiss sein; zu bequem sind die ausgetretenen Pfade des herkömmlichen Literatursystems. An und für sich wäre das nicht verwerflich, wenn man ganz lapidar dazu stehen würde, dass man das Rad derzeit nicht neu erfinden kann.

Übrigens: „Die 14 Leseproben der Longlist stehen unter () Blogbuster-Preis in verschiedenen eBook-Formaten zum kostenlosen Download zur Verfügung.“

Hannah Tiger –
© read MaryRead 2017

Bordbuch

 Home > Bordbuch > Hafenberichte > Ausgezeichnet > Blogbuster-Preis 2017


Ähnliche Beiträge:

Literaturfestival
Lit.Cologne 2017:
Anthony McCarten und Rufus Beck bringen Licht in die Geschichte

Moderator Philipp Schwenke, Literaturschiff, Köln, Gespräch, Theaterstück, Humor in der Physik, History Channel,

Rezension
Lesch, Harald: Die Entdeckung des Higgs-TeilchensOder wie das Universum seine Masse bekam

Naturwissenschaft, Astronomie, Sachbuch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik,

Rezension
Galassi, Jonathan: Die Muse
Zerzauste Wahrheit

Roman, Dichterin, amerikanische Dichterin,Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Verlag, amerikanischer Verlag, Frankfurter Buchmesse,

roman, rezension, buchbesprechung, literaturkritik, lyrischer roman,jugoslawienkrieg,balkankriegRezension
Bodrožić, Marica:
Mein weißer Frieden
Die
Abwesenheit des Krieges

Anlass ihres Besuchs an den Orten der Kindheit ist der Selbstmord des Cousins. Hat er sich erhängt weil er das Schweigen nicht mehr ertragen konnte? Wie übermächtig anwesend mag der Krieg in ihm gewesen sein mehr >
von Simone Jawor / 25.11.2015 / lyrischer Roman

Print Friendly, PDF & Email