Martin Walser las aus „Statt etwas oder Der letzte Rank“

Comedia, Theater Comedia, Köln, Denis Scheck, März 2017,

Haarnadelkurven

Verzerrtes Bild, Berufung und weshalb man nochmals Karl May lesen sollte

Stichwort Martin Walser – wurde vor Kurzem 90 Jahre alt, ein sehr ernster Mensch, vielleicht schon mit puritanischen Zügen – ein Bild, dass man sich aus seinen Werken, Beiträgen in den Medien und der Darstellung durch andere, sich erschlossen hat. Doch dieses Bild über ihn bricht in Bruchteilen von Sekunden zusammen, wenn man ihn live erlebt, wie am vergangenen Mittwoch (29.03.2017) im Theater „Comedia“ in Köln.

Comedia“ liegt in der Südstadt von Köln, ist ausgestattet mit einer schönen urigen Bar, dahinter ist das Foyer mit Zugängen zu den Bühnen. Erwartungsgemäß füllte sich das Foyer von Minute zu Minute, der Büchertisch mit den Werken von Martin Walser stand bereit, allem voran sein neuer Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“.
     Martin Walser betrat in Begleitung von Denis Scheck die Bühne – alt ist er geworden. Zuvor wurden sie vom Direktor des Literaturhauses Köln herzlich begrüßt. Zwischen dem Schriftsteller und Literaturkritiker entfaltete sich ein Gespräch vom Feinsten, es war fast privat. Kein Wunder, hatten die beiden erst vor Kurzem sehr viel Zeit während der Filmarbeit „Mein Diesseits – Unterwegs mit Martin Walser“ verbracht.
    
„Über S E X habe ich nie geschrieben“, behauptete Martin Walser. Man reibt sich die Augen, besser gesagt die Ohren – was geht denn hier ab? Nach kurzem hin und her konnte Denis Scheck den Beweis liefern, dass der schwergewichtige Schriftsteller der Gegenwart mindestens in einem Buch über Sex geschrieben hat. Martin Walser lächelte verschmitzt, wieder so etwas, was man von ihm nicht erwarten würde, nach all den erbitterten Auseinandersetzungen mit Marcel Reich-Ranicki.
Zufall oder nicht, als Martin Walser in Köln seine Lesung gab, streiften die beiden den Schriftsteller Karl May, der einen Tag später vor vor genau 105 Jahren gestorben ist. Man ist erstaunt, Martin Walser ist von Karl May begeistert, bezeichnete ihn gar als einen politischen Schriftsteller. Dem vorangegangen ist die Frage seitens Denis Scheck, was es mit dem Beruf des Schriftstellers auf sich hat und zitierte aus „Meßmers Gedanken“:

Den Beruf des Schriftstellers ergreift man nicht,
vom Beruf des Schriftstellers wird man ergriffen.“

Ganz so sieht es Martin Walser heute nicht mehr und revidiert sein Aphorismus: Als Leser schlittert man in diesen Beruf hinein.
     Der erste Grundstein für seinen Beruf (neben seinem Lesen) wurde 1949 gelegt, als er am Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe in Tübingen auf der Bühne stand und der Süddeutsche Rundfunk dabei war. Kurz danach begann er für die Rundfunkanstalt zu arbeiten, war glücklich über sein erstes eigenes verdientes Geld.
    
Als zehnjähriger liest man Karl May, Karl May, Karl May…“ so Martin Walser, dass der hochpolitisch ist, nimmt man in dem Alter noch nicht wahr, aber „lesen Sie Karl May noch mal!“

Mehr zu Martin Walser:
> Martin Walser wird 90 Jahre alt
> Martin Walser und die Gruppe 47

Nächstes Stichwort: Religion oder die Frage: Was haben Schriftsteller und Religion gemeinsam? – „Beide verklären die Welt, erklären sie aber nicht“ gab Martin Walser zur Antwort. – Wer kann schon die Welt erklären? Gut so, dass noch niemand den Stein des Weisen gefunden hat und Antwort lieferte auf die Frage „Was die Welt im Innersten zusammenhält“, jegliche Religion wäre überflüssig ebenso jeder Schriftsteller und das wäre durchaus bedauernswert.
     Und dann wagte es Denis Scheck doch, das heikle Thema anzusprechen. Zunächst gab Martin Walser die Erklärung, dass all seine Romane ein Happy End haben – er kann nicht anders, weil er seine Figuren liebt. „Ich kann mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen ohne sie zu lieben.“ Das scheint nicht immer und auch nicht für jeden Leser ersichtlich zu sein, man denke nur an den Rummel beim erscheinen des Romans „Tod eines Kritikers“, aber das ist eine ganz andere Geschichte.
    
Dann stand Martin Walser auf, trat an den Lesepult, las aus einem Roman. Übrigens: „Rank“ stammt aus der Mundart vom Bodensee und bedeutet „Kurve“, aber „Kurve“ ist kein schönes Wort, bemerkte Martin Walser.
Mit seinen erlesenen Textstellen gab er einen Querschnitt des Romans wider, seinen psychologischen und philosophischen Ausführungen wie „Die literarische Hölle gibt es. Und darum gibt es auch den literarischen Himmel.“ (aus: Statt etwas oder Der letzte Rank, S. 61) folgte man bereitwillig, seine klare und betonte Lesart machte einem das Zuhören leicht, das Denken hingegen blieb jedem selber überlassen. Um die Fülle der Gedankengänge nachvollziehen zu können, besorgt man sich am besten sowieso den neuen Roman.

– Jeanette Koch –
© read MaryRead 2017

► Bordcafé

Das literarische Quartett, März 2017, Roman,Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank
Roman
gebunden
Format (H x B x T): 210 x 134 x 17 mm
Gewicht: 279 g
erschien: 03.01.2017
ISBN 978-3-498-07392-3
Verlag: Rowohlt
Preis: 16,95 € (D), 17,50 € (A)

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