„Weg sein – hier sein“ eine Anthologie

Anthologie, Texte aus Deutschland, Flucht, Vertreibung, Verfolgung, Syrien, syrische Schriftsteller, Fotos: Mathias Bothor,

Von Brücken und Brettern, die die Welt bedeuten

Der Zufall legte ein rotes Buch in die Hände der Rezensentin. Sie schloss ihre Finger darum und nahm es mit nach Hause, weil sie es lesen wollte. Dort angekommen legte sie es weg, weil sie es nicht lesen wollte. Das Buch versuchte sich um sie zu legen, wie gute Bücher es tun müssen, doch sie sträubte sich, wand sich unter ihm heraus und schob es weg. Es rächte sich, indem es ihr seither auf den Schultern sitzen blieb. Sie tat ihm unrecht und wusste es, dafür rächte es sich.
     Ein Buch über Flucht und Vertreibung, Verlust und Schmerz, Exil und Heimat. Das MUSS interessant sein! Mit Autoren, die mehrheitlich aus Syrien kommen. Das MUSS man lesen! Zu behaupten es könnte anders sein, das geht nicht! Man liest so viel über Syrien, da sollte man wirklich mal etwas aus Syrien lesen. Aber kann man das? Kann man noch etwas aus Syrien lesen, wo man doch allerorts nur über Syrien liest. Kann man das Wort „Flucht“ überhaupt noch ertragen? „Du musst!“, sagt das Buch. „Ich will nicht mehr!“, sagt die Rezensentin. „Du bist blöd!“, sagt das Buch und bohrt ihr seine Buchdeckelkante in die Schulter. Das Buch hat Recht.

Über dem Aufgang zur Bühne leuchtet das Schild „Achtung, Falle!“, die Rezensentin zögert, linst durch einen Spalt im Vorhang. Im Zuschauerraum befinden sich Buchbürger und Aposteln ebenso wie Chaoten und Ignoranten, aber so ziemlich alle rollen eine selbstgeschnitzte Moralkeule zwischen ihren nervösen Händen. Die Rezensentin muss schlucken, nimmt das Buch wieder zur Hand, wie so oft in letzter Zeit. Sie können keine Freunde sein, aber von sich stoßen kann sie es auch nicht, weil sie ihm unrecht täte. Das Buch drängt sich erst auf, saugt den Leser ein und stößt ihn weg, treibt ihn fort und lockt ihn doch zurück. Es ist ein Buch für gewisse Stunden. Es lässt den Leser leer und sprachlos zurück, lässt Gehirn und Zungenspitze taub werden.
     Die Menschen sind keine große Familie und sie verstehen einander nicht, meist interessieren sie sich nicht einmal füreinander und wenn sie es doch versuchen sollten, steht am Ende der kleine oder große Tod. Bücher sind eine Brücke, heißt es, doch machen Brücken auch Abgründe einsichtig? Die geschilderten Erfahrungen sind vielfältig und vielschichtig, aber sie werden zu Begleitern der Personen, denen sie sich eingeschrieben haben. Nicht nur den Schreibern, auch den Lesern.
    
Das „Achtung, Falle!“-Schild flackert und verlischt. Es spielt keine Rolle was man vor Publikum sagt, irgendjemand wird immer aufheulen. Die Rezensentin tritt auf die andere Seite des Vorhangs, das rote Buch in der Hand. Die Bezeichnung „Betroffenheitsliteratur“ ist despektierlich gemeint. Was soll’s? Ja, der Leser bleibt betroffen zurück. Das ist nicht überraschend, weil es die Eigenart gut geschriebener Literatur ist, Menschen dahin zu treffen wo es zu spüren ist. Diese Betroffenheit ist ein willkommener Gast, man erwartet sie von aller Literatur in irgendeiner Weise. Dieses Buch will gelesen werden, von jenen, die sich der Erfahrung stellen möchten. Niemand MUSS das Buch gut finden, schon gar nicht, weil die meisten Autoren aus Syrien stammen, aber man kann es gut finden, in der Sache spricht nichts dagegen. Wahrscheinlich wird es einfach passieren, sobald man es in die Hand nimmt.

Das rote Buch heißt Weg sein – hier sein und ist zur vergangenen Frankfurter Buchmesse 2016 erschienen. Es ist eine Anthologie mit Texten von neunzehn in ihren Heimatländern bekannten Autorinnen und Autoren, es enthält Gedichte und Prosa, die diese Autoren nun auch für Deutschsprachige zugänglich machen sollen. Den Autoren werden auf diesem Wege die literarische Existenz außerhalb der eigenen Sprache sowie der Zugang zu einem neuen Lesepublikum ermöglicht.

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

► Belletristik

 

Anthologie, Buchbesprechung, Literaturkritik, Rezension, Syrien, Flucht,Diverse Autoren: Weg sein – hier sein
Texte aus Deutschland
Vorwort: Sherko Fatah
Fotos: Mathias Bothor
Anthologie
256 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 236 x 160 x 25 mm
Gewicht: 593 g
erschien: 20.10.2016
Verlag: Secession Verlag für Literatur
ISBN 978-3-905951-97-4
Preis: 24,00 € (D), 24,70 € (A)

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