„Die Dämmerung der Steppengötter“ von Ismail Kadare

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Wenn Legenden zum Alptraum werden

Der Wahrheit eine Stimme geben, Einblicke in das Maxim-Gorki-Institut und sind die Geschundenen immer nur Opfer?

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Studierende große Freiheiten genießen, ebenso hartnäckig ist die Vorstellung, dass Aufstände und Revolten von der Studentenschaft ausgehen. Nichts von alledem trifft auf die heutigen Studenten zu, noch weniger trifft es auf Studenten der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten zu. Eindrücklich erzählt der albanische Schriftsteller Ismail Kadare aus der Ich-Erzählperspektive, wie es den Studenten der Literaturwissenschaften am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau ergeht.

Der Winter ist allgegenwärtig, die Flure sind lang, deren Wände grau. Überall Kälte. Jedes Wispern kann ein Anzeichen von Verrat sein. Lautlos überdeckt der Schnee den Roten Platz. Die Eiskristalle bohren sich tief in die Haut, der Dunst deines Atems gibt deinen Standpunkt preis.

Der Roman ist Teil der zwanzig bändigen albanischen Werkausgabe mit dem Titel „Muzgu i perëndive të stepës“ aus dem Jahr 2007. Übersetzt wurde der Roman von Joachim Röhm, wobei die Einordnung des Genres eher schwierig ist. Im Nachwort berichtet der Übersetzer über die Entstehung des Romans „Die Dämmerung der Steppengötter“, es gibt verschiedene Fassungen, die Novelle „Der Festausschuss“ ist mit aufgenommen worden, auch die Erzählung „Ein Sommer in Dubulti“ aus dem Jahr 1972, erschienen in der Literaturzeitschrift „Nëntori“. „Die Dämmerung der Steppengötter“ ist eher eine Sammlung aus Novellen und Erzählungen als ein Roman, lediglich der Ich-Erzähler und der Handlungsort ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch, ansonsten gibt es keine weitere durchgehende Handlung. Nichts desto trotz sind die Bilder von Ismail Kadare nachhaltig, die albanische Historie und die Legenden werden geschickt in die Sowjet-Realität eingewoben. Dunkelgrau und mächtig ist das das Maxim-Gorki-Institut, die langen Flure sind kalt und leer, die Zimmer des Studentenwohnheims sind klein und auf das Nötigste reduziert und selbst das wird nicht gewährleistet. Im Winter fallen regelmäßig die Heizungen aus. Sieben Stockwerke zählt das Studentenwohnheim, hierarchisch geordnet, in den unteren Etagen sind die Erstsemestler untergebracht, in den nächsten Etagen hausen die Studenten, die schon einige Zeit dort verbracht haben. Melancholisch-drückend wird mit dem Sozialismus abgerechnet, zentnerschwer liegt die unsichtbare Last auf dem Ich-Erzähler, der immer auf der Hut vor den Spitzeln sein muss, zu sehr weicht seine Sichtweise von der Propaganda ab. Ganz besonders deutlich wird es, als er zufällig das Manuskript „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak entdeckt. Auch im Tauwetter unter der Regierung Nikita Chruschtow wurde es für den russischen Schriftsteller zum Spießrutenlauf. Laut Der Spiegel vom 07.03.2016 übergab Boris Pasternak am 20.05.1956 dem italienischen Literaturagenten Sergio DAngelo sein Manuskript mit dem Kommentar „Hiermit sind sie zu meiner Hinrichtung eingeladen“. Ihm war demnach sehr bewusst, dass sein Roman Sprengkraft besaß. Und tatsächlich: Marc von Lüpke beschreibt in seinem Artikel „Sie sind zu meiner Hinrichtung eingeladen“ den weiteren Verlauf. CIA-Agenten ließen das Manuskript in russischer Sprache drucken, verteilten sie bei der erstbesten Gelegenheit bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel unter den Sowjetbürgern. Am 23. Oktober desselben Jahres verkündete die schwedische Akademie, dass Boris Pasternak den Literaturnobelpreis erhalten soll. Die Studenten des Maxim-Gorki-Institut aber auch das gesamte russische Volk müssen sich den ganzen Tag aus Radiosendern und anderen Medien die demütigenden Worte, Hassreden über Boris Pasternak anhören. Die propagandistische Hetzjagd steigert sich fast minütlich, aber genauso schnell verschwindet sie aus den Medien. Boris Pasternak wird zwar nicht hingerichtet, aber er stirbt bald darauf am 30. Mai 1960.

Doch die Stimme rief weiter nach mir, monoton, beharrlich. Aber ich bin doch gar kein Doktor, dachte ich verschlafen, wie kommt ihr nur auf die Idee?“
(aus: Ismail Kadare: Die Dämmerung der Steppengötter, S. 125)

Der Journalist von der Washington Post, Peter Finn und Petra Couvée gaben das Buch „Die Affäre Schiwago“ heraus. In dem Sachbuch, dass am 08.03.2016 im Theiss Verlag erschien, wird detailliert die Rolle des CIA und der Sowjet-Regierung beschrieben.

»Boris Pasternak ist in die Rolle eines Agenten der internationalen Bourgeoisie geschlüpft und hat so …«“
(aus: Ismail Kadare: Die Dämmerung der Steppengötter, S. 127)

Man könnte sagen, dass der Autor des Buches ein ewiger Anwärter auf den Literaturnobelpreis ist. Maxim Biller behauptete ironisch in der Sendung „Das literarische Quartett“ im Oktober 2016, dass nicht Bob Dylan den renommierten Preis bekommen wird, sondern Ismail Kadare. Sein Pech sei, so Maxim Biller, dass er aus Albanien stammt. Der Gast der Sendung, Thomas Glavinic sagte, dass dieses Buch den Literaturkritikern gefällt, weil man es versteht, aber komplex sei es weniger.

Ismail Kadare weiß, wovon er schreibt, wäre er doch fast selber als Student der Literaturwissenschaft fast am System zerbrochen, nur mit Mühe brachte er sein Studium zu Ende. Für seine Werke wurde er mehrmals ausgezeichnet, 2005 erhielt er den Man Booker International Prize, 2015 den Jerusalem Prize.
     Den Bruch zwischen dem albanischen Enver-Hoxha-Regime und der sowjetischen Chrutschow-Regierung 1961 musste er miterleben und verarbeitet es in seinem Roman, plötzlich durften die Albaner keinen privaten Kontakt mehr zu den Russen pflegen.

Die Wände haben Ohren. Mann kann sich verlieben, mit jungen Frauen durch die Stadt schlendern, aber die Liebe leben – ist nicht möglich. Eine vorsichtige zärtliche Berührung kann dein Verhängnis sein. Die Götter sind die Staubkörner der Steppen.

Mit großem Gespür für den sowjetischen Alltag, mit russisch-melancholischen Bildern, die vergleichbar sind mit Fjodor Dostojewski, und albanisch-märchenhaften Steppengöttern wird das sogenannte Tauwetter Chrutschows entlarvt ohne die Würde der Bevölkerung anzutasten. Leser bekommen durch die Brille des Ich-Erzählers Einblicke in das Gorki-Institut sowie in die leicht zerbrechlichen politischen Beziehungen der Sowjetunion in den 1950er und 1960er Jahre, mehr noch: die Verfolgungsangst vor angeblichen Feinden, die nichts Besseres zu tun haben, als Krankheitserreger auf die Ackerböden in Russland zu verteilen, wird mit Humor und Augenzwinkern – wenn es nicht so tragisch wäre – quittiert, die Diktatur mit ihrem Verfolgungswahn lächerlich gemacht. Gleichzeitig sind die Veränderungen des Protagonisten in den fünf Kapiteln verwoben. Er ist Opfer aber ist er auch ein Verräter?

Ein feinfühliger realistischer Roman über das Innenleben eines großartigen albanischen Erzählers.

– Andrea Müller –
© read MaryRead 2017

Bordbuch

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Originaltitel: Muzgu i perëndive të stepës
Übersetzung aus dem Albanischen: Joachim Röhm
Roman
208 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 174 x 92 x 20 mm
Gewicht: 331 g
erschien: 20.09.2016
Verlag: S. Fischer
ISBN 978-3-10-038414-0
Preis: 20,00 € (D), 20,60 €

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