„Die kurze Freiheit“ von Petra Milz

Volksaufstand DDR, 17. Juni 1953, Kinderbuch, Jugendroman, Ostberlin,Nominierung für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2014,

Foto: © Simone Jawor

Deutsche Geschichte funktioniert nicht immer

Pubertierende erlebt den Volksaufstand der DDR in Berlin, Nominierung für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis und was hat Klaus Kordon mit Petra Milz zu tun

Dass die DDR nicht gerade ein Synonym für Freiheit ist, hat sich herumgesprochen. Dennoch haben sich die meisten Bewohner in der sozialistischen Diktatur eingerichtet und es sollte nur zweimal in der DDR-Geschichte zu einem ernsthaften Volksaufstand kommen (1953 und 1989).

Petra Milz erzählt die Geschichte über die 1950er Jahre in der DDR aus der Perspektive der Ich-Erzählerin, Jette, die mit 13 Jahren von ihrer Mutter aus Sicherheitsgründen von Erfurt zur Verwandtschaft nach Berlin gebracht wird. Der Vater von Jette wurde wegen einer Lappalie verhaftet; die drei Tanten entpuppen sich als angenehme Zeitgenossen.
     Bis auf wenige Sequenzen, die Verhaftung des Vaters und der Besuch eines amerikanischen Clubs in West-Berlin, das anschließend mit Androhung von Strafen sanktioniert wird, sowie der heimliche Einkauf von Schuhen aus dem Westen, ist es der typische Muff der 1950er Jahre, was man auch aus der BRD kennt. Die deutsche Schriftstellerin versucht zwar die Stimmung der DDR einzufangen und scheitert damit grandios. Durchgehend ist Jette in Aktion, Schulschwänzen, sich verlieben und entlieben und wieder neu verlieben und sich den Geheimnissen hinzugeben; also der ganz normale Wahnsinn einer Pubertierenden, die unter ihren drei Tanten große Freiheit genießt, und so verweilt die Autorin nicht in einzelnen Szenen, vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass Petra Milz auf biegen und brechen alle Ideen unterbringen will. Man muss schon ein sehr aufmerksamer Leser sein, um zu verstehen, dass Jette in der DDR aufwächst, die Mauer noch nicht steht. Erst zum Schluss hin, als Jette fast zufällig in den Volksaufstand am 17. Juni 1953 hineingerät, kommt so etwas wie Spannung auf, der aber auch nur von kurzer Dauer ist.
     Über die inneren Vorgänge des Mädchens erfährt man nichts. Man weiß nicht, wie sehr sie unter der Verhaftung des Vaters leidet, ob sie begreift, was es für sie und ihre Mutter bedeutet. Es wird auch nicht klar, ob sich Jette wirklich in den jungen Mann, der sich im Kellerverlies versteckt hält, verliebt oder ob es nur um eine Schwärmerei handelt. Da die inneren Vorgänge gänzlich fehlen, gibt es für den Leser keinen Grund, Partei für Jette zu ergreifen, sie auf ihrem Weg zu begleiten, man hat weder Sympathie noch Antipathie für sie und selbst als sie in den Strudel des Volksaufstands gerät, der plötzlich da ist, als hätte es keinen Vorlauf mit immer weiteren Normerhöhungen am Arbeitsplatz gegeben, als wären die Menschen wie durch Zauberhand über Nacht unzufrieden geworden, verfliegt die Spannung, wie ein kurzer kaum wahrnehmbarer Windhauch.

Locker flockig wird die Geschichte im Jugendjargon der 1980er Jahre erzählt, der Verlag legt sich vorsichtshalber nicht fest ob es ein Roman oder eine Erzählung sein soll, die Protagonistin nimmt anscheinend nahezu gefühllos das Leben so wie es ist, die weder zu einer Rebellin geboren wurde noch als Angepasste.
     Das Buch endet mit einem umfangreichen Glossar a la Lexikoneinträge für Unwissende vom Mars, in dem auch noch jedes Wort, dass vermeintlich nicht mehr in unserem Alltag zu finden ist, erklärt wird. Der Verlag oder die Autorin traut der Jugend im digitalen Zeitalter wenig zu, indem es anscheinend keine Eltern und Großeltern mehr gibt, die aus ihrer Kindheit erzählen, indem keine Informationsquellen mehr vorhanden sind. Das selbstständige erarbeiten und herantasten wird dem Leser genommen, das Begleitmaterial für Lehrer ist wahrscheinlich nahezu unnötig.
     Selbstverständlich hat jeder Verlag das Recht dazu, ein Buch von seiner schönsten Seite zu präsentieren und es hat auch etwas Verlockendes: Ein Jugendbuch über den Volksaufstand und es war zudem für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2014 nominiert. Damals trug das Manuskript den Titel „Die unsichtbare Grenze“. Diese Nominierung ist nicht unbedingt ein Kennzeichen von qualitativ wertvoller Literatur, sondern eher ein Zeichen davon, dass deutsche jüngere Geschichte immer geht und das gilt nicht nur für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis.

Das Debüt „Die kurze Freiheit“ von Petra Milz ist gut gemeint, aber ihr fehlt es an literarischem Handwerkszeug. Mit vergleichbaren renommierten Schriftstellern wie Klaus Kordon, der zahlreiche historische Jugendromane über das 20. Jahrhundert verfasste und im Herbst 2016 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises erhielt, kann sie es keinesfalls aufnehmen.

– Zora Held –
© read MaryRead 2017

Kinderbuch

Kinderbuch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Berlin 1953,Petra Milz: Die kurze Freiheit
Berlin 1953
Alter: ab 12 Jahre
176 Seiten
Taschenbuch
Format (H x B x T): 187 x 123 x 13 mm
Gewicht: 190 g
erschien: 30.09.2016
Verlag: Hase und Igel
ISBN 978-3-86760-196-2
Preis: 6,95 € (D), 7,15 € (A)

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