„Kleiner Spaziergang“ von Chen Chih-Yuan

Riga, Lettland, blaue Stadt, in der Dämmerung, Abends in Riga,

Foto: © Simone Jawor

Der kleine Fisch im Ozean

Ein irritierendes Bilderbuch mit phantastischen Welten, Unterbrechungen der Eintönigkeit und eine wunderschöne Reise

In einem nahezu ausgestorbenen Ort besorgt ein Mädchen Eier für die Mutter. Den Ort erlebt sie auf ihre eigene Weise.

Das Bilderbuch „Kleiner Spaziergang“ irritiert, weil es so gar nicht in unsere Vorstellungswelt passt, weil Hsiae-Yū nichts von einem niedlichen Mädchen hat, weil das Mädchen teilweise in kurzen Sequenzen wie entrückt ist, als sei sie nicht mehr Teil der Realität sondern einer imaginären Welt. Sie ist allein. Sie trägt einen oliv-grünen Pullover und einen dunkelbraunen Rock. An den Füßen trägt sie Flippers.
     Und dann entdeckt sie eine Katze, die aber lediglich nur eine Schattenkatze ist, die auf einem Hausdach spaziert. Das Mädchen folgt ihr, indem sie auf der Schattenkante des Hausdaches balanciert. Solche „Spiele“ zeugen entweder von Kreativität oder Armut, vielleicht gehört auch beides zusammen.
     Auf dem Buchumschlag steht, dass das Kinderbuch aus Taiwan stammt. Und vielleicht liegt auch hierin der Grund für die Irritation. Der kleine Inselstaat vor China ist uns eher als eine quirlige und bunte Insel geläufig, das versucht, seine Demokratie gegenüber China zu behaupten. Würde der Zusatz nicht auf dem Buchcover sein, würde man die Handlung eher in einem der Vororte der Megastädte von China einordnen. Der taiwanische Schriftsteller und Zeichner Chen Chih-Yuan lebt in Taipeh, der größten und modernsten Stadt im Norden von Taiwan. Aufgewachsen ist er in dem kleine Ort Pingdong. Durchaus denkbar, dass dieser kleine Ort für ihn als Vorlage für das zweisprachige Bilderbuch diente.

Die Eintönigkeit der Illustrationen wird zweimal unterbrochen. Das Mädchen findet eine Brille, setzt sich diese auf ihre Nase und nimmt ihre Umgebung nur noch verschwommen wahr. Die vielen Häuser sind zwar erkennbar, aber sie sind nicht scharf voneinander abgegrenzt. Das großflächige Bild ist grau-weiß – aber nicht langweilig, im Gegenteil, hierbei verweilt man gerne, ruhig und still sind die Häuser, so als würde eine dicke Schneedecke jeden Lärm verschlucken. Inwiefern man diese Szene auch als politische Lesart verstehen kann (etliche Staaten haben um die Jahre 2005 / 2006 die diplomatischen Beziehungen zum Inselstaat abgebrochen, dafür mit China aufgenommen) und die Brille eine Anspielung auf den ehemaligen chinesischen Präsidenten Hu Jianto ist, sei dahin gestellt, auszuschließen ist es auf jeden Fall nicht.
     Es scheint, als sei diese Darstellung mit Siebdruck erstellt worden, so wie alle Schatten in diesem Buch. Die Schatten bestehen aus zahlreichen Punkten, die an manchen Stellen verdichtet sind, an anderen Stellen sind sie weit verstreut und erzeugen so ein unscheinbares Eigenleben.
     Merkwürdig ist jedoch, dass das Mädchen zwar die Brille aufbehält, aber ihre Umgebung wieder klar wahrnimmt, so als hätte der Zeichner vergessen, ihr die Brille wieder abzunehmen.
     Auch bei der weiteren Unterbrechung der Eintönigkeit ist es die besondere Blickweise des Mädchens. Sie findet eine blaue Murmel, schaut hindurch und sie sieht den Straßenzug in blauen Mädchen und Mauer, der Blick hinter der Mauer,braun, olivgrün,Schattierungen und sie kommt sich dabei vor, als sei sie in einem „großen weiten Meer“. Diesen Eindruck kann man auch gewinnen, es ist wie in einem Fantasy, dass sich im Meer abspielt. Dazu passt der Name des Mädchens, denn übersetzt bedeutet Hsiao-Yū „kleiner Fisch“ und so kommt sie sich auch vor, wie ein kleiner Fisch im Ozean.
     Und auch hierbei, ähnlich wie bei dem verschwommenen Bild, entdeckt man beim genauen Hinsehen immer mehr Details, Realität und Phantasie gehen ineinander über.
     Insgesamt sind die Illustrationen eher nüchtern, jedes Detail für sich betrachtet könnte auch von einem europäischen Illustrator stammen. Die Gesamtheit jedoch ist für uns eher ungewöhnlich. Andererseits geht Chen Chih-Yuan einen eigenständigen Weg, fernab von Massenproduktion. Sein Kollege, Tae-Jun Lee ist in seinem Bilderbuch „Wann kommt Mama?“ einen ähnlichen Weg gegangen. Üblicherweise sind Bilderbücher aus dem asiatischen Raum, um es vorsichtig auszudrücken, farbenfroh bis kitschig.
     Ähnlich wie die Darstellungen so ist auch die Sprache nüchtern, ohne große Emotionen. Häufig ist das Mädchen in ihre eigenen Gedanken versunken, führt innere Monologe. Die inneren Monologe werden zweimal in einen Dialog überführt, einmal zu Beginn, als sie ihre Mutter um Erlaubnis für einen Spaziergang bittet, das weitere Mal, als sie mit dem Verkäufer kurz spricht, um die Eier zu kaufen.
     Die Zahl zwei hat im asiatischen Raum eine besondere Bedeutung, sie stellt einen Gegensatz dar, häufig dargestellt in Yin und Yang. In der philosophischen Tradition geht man davon aus, dass in jedem Teil auch der Gegensatz vorhanden ist, vergleichbar mit einem bösen Menschen, der einen klitzekleinen guten Kern hat und in jedem guten Menschen steckt auch etwas Böses.

Das Bilderbuch stellt eine Herausforderung dar, aber das gilt vor allem für Erwachsene, Kinder hingegen werden sich spielend darin wiederentdecken, da sie im Spiel häufig Realität und Phantasie miteinander verbinden. Obwohl das Mädchen die meiste Zeit über allein ist, spürt man keine Einsamkeit. Es genügt sich selbst, ja, auch die Trostlosigkeit scheint auf sie keinerlei Auswirkungen zu haben, im Gegenteil, es scheint so, als würde es sie zu phantastischen Reisen anspornen. Beim Betrachter und Leser löst sie auch kein Mitleid aus, nur Irritationen, das vor allem daran liegt, dass es für uns Europäer so ungewöhnlich ist, weil wir uns kaum vorstellen können, das Kinder ohne Spielzeug auskommen und dennoch spielen können. Ihre Eltern sind weder arm noch reich, sie sind weder übertrieben fürsorglich noch ist ihnen ihre Tochter gleichgültig, sie sind „normal“. Der Verkäufer ist sehr nett, freundlich, bietet ihr ein Bonbon an. Nirgendwo lauert Gefahr aber eine „heile Welt“ ist es auch nicht. Im ersten Teil haftet noch etwas kindliches an ihr aber seitdem sie die Brille trägt, wirkt sie sehr erwachsen ohne altklug zu sein. Sie hat vor nichts Angst, alles ist für sie normal, nichts irritiert sie, nichts kann sie aus der Ruhe bringen, jeder Versuch, sie ärgern zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Sie ist ein starkes Mädchen ohne das sie dies unter Beweis stellen muss, man weiß es einfach.

Es ist kein Kinderbuch, dass einem auf Anhieb nicht unbedingt zusagt aber wie so oft, wenn man die Bereitschaft mitbringt, sich darauf einzulassen, sich damit zu beschäftigen, kann man auf eine schöne Reise mitgenommen werden.

– Alice Haase –
© read MaryRead 2017

Kinderbuch

Bilderbuch, zweisprachiges Bilderbuch, deutsch - chiinesisch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, TaiwanChen Chih-Yuan: Kleiner Spaziergang
Titel der Originalausgabe: Hsiao-Yū San Bu
Illustrationen: Chen Chih-Yuan
Zweisprachig: Deutsch – Chinesisch
Bilderbuch
Alter: ab 4 Jahre
40 Seiten
erschien: 26.01.2010
Verlag: Baobab
ISBN 978-3-905804-32-4
Preis: 15,90 € (D)

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