„Bis ans Ende der Geschichte“ von Jodi Picoult

Monster, Menschenfresser und Heilige

Monster, Menschenfresser und Heilige

Jodi Picoult beschäftigt sich in ihrem neuen Roman Bis ans Ende der Geschichte mit der Auswirkung des Dritten Reichs auf einzelne amerikanische Personen. Der Roman besteht aus drei Einzelteilen, die jeweils eigenständig und dennoch miteinander verwoben sind.

Sage Singer – die Protagonistin des Romans ist eine junge Frau mit einer langen Narbe im Gesicht, verursacht durch einen Unfall, der drei Jahre zurückliegt und bei dem ihre Mutter ums Leben kam. Nicht nur das Sage Singer versucht, ihre Narbe zu verbergen, dass ihr Gesicht verunstaltet, sondern sie leidet auch unter Schuldgefühlen, glaubt, dass ihre beiden Geschwister sie für den Tod der Mutter verantwortlich machen. Um mit ihren Schuldgefühlen irgendwie zurecht zu kommen, besucht sie eine Trauer-Therapie-Gruppe. Dort lernt sie einen alten Mann kennen, Josef Weber. Sage findet Gefallen an ihm, vielleicht ist sie ein wenig verliebt, obwohl sie eine Affäre mit dem verheirateten Mann Adam hat. Adam arbeitet in einem Beerdigungsinstitut. Dort hat Sage ihn kennengelernt, als die Beerdigung ihrer Mutter vorbereitet wurde.
     Eines Tages äußert Josef Weber einen delikaten Wunsch: Er möchte, dass Sage ihm dabei hilft, seinem verkorksten und schuldbeladenen Leben ein Ende zu setzen. Während des Dritten Reichs hat er sich als SS-Mann schuldig gemacht. Er sagt:

Ich werde auf den anderen Namen nicht reagieren. Denn am liebsten wäre ich die Person nie gewesen…
Aber das ist nicht wahr. In jedem von uns steckt ein Ungeheuer, in jedem von uns steckt ein Heiliger. Die wahre Frage ist die, welchen von beiden wir befördern und welcher den anderen vernichten wird
. (S. 138)

Josef Weber lebt unbescholten in den USA, ist allseits beliebt, dass er im Dritten Reich keine ruhmreiche Rolle hatte, ahnt niemand. Seine Aussage über sich selbst sowie über sein gegenwärtiges Dasein bestätigt die Ansicht von der Philosophin Hannah Arendt, die in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ aufzeigt, dass Verbrecher des Nationalsozialismus nicht wie Ungeheuer, wie ein Monster aussehen, sondern ganz gewöhnliche Bürger sind. Die Aussage von Josef Weber, dass in jedem von uns ein Ungeheuer und ein Heiliger steckt ist etwas, was wir nicht wahrhaben wollen. Man hält allzu stark daran fest, dass wir moralisch gefestigte Menschen seien. Dem ist entgegen zu halten: Niemand von uns weiß, kann voraussehen, wie er handeln würde, wenn eine menschenunwürdige Diktatur, wenn eine Todesmaschine eingeschaltet wird. Wenn wir Glück haben, sind wir auf der Seite der Guten, der moralisch gefestigten, die auch dann Menschen das Leben retten, wenn unser eigenes Leben dadurch in Gefahr gerät. Wir glauben, dass wir zu jederzeit frei entscheiden können, ob wir zu einem Monster oder zu einem Heiligen werden. Die Neurobiologie zeichnet ein ganz anderes Bild: Wir können meistens gar nicht frei entscheiden. Josef Weber sagt zu Sage Singer:

Was ich Ihnen damit sagen möchte, ist, dass diese Wahrheit immer Gültigkeit hat. Es könnte auch Ihnen so ergehen. Sie denken: niemals. Sie denken: ich nicht. Aber wir sind in jedem Moment dazu in der Lage, etwas zu tun, womit wir am wenigsten gerechnet hätten. Ich wusste immer, was ich tat und wem ich es antat. Das wusste ich sehr gut. Denn in jenem schrecklichen, wunderbaren Momenten war ich die Person, die alle anderen sein wollten.“ (S. 150)

Nur allzu schnell neigt der Mensch dazu, von sich anzunehmen, dass er niemals zu einem Mörder wird, dass er niemals menschenunwürdiges Verhalten unterstützen wird. Im Milgram-Experiment hat der Psychologe Stanley Milgram untersucht, inwiefern und unter welchen Bedingungen der Mensch bereit ist, zu einem Mörder zu werden. Das Ergebnis ist so niederschmetternd, die Versuchspersonen haben den Rest ihres Lebens unter dem Ergebnis gelitten, sodass solch ein Experiment juristisch verboten wurde. Niederschmetternd war, dass unabhängig vom sozialen Status, unabhängig von Bildung, unabhängig von Beruf und auch sehr religiöse Menschen bereit waren, durch einen Elektrostoß einen Menschen zu ermorden. Nur ein sehr geringer Teil der Versuchspersonen widerstanden der Anordnung des Mordes. Ein paar Versuchspersonen brachen beizeiten das Experiment ab.

Sage Singer wendet sich nach dem Bekenntnis von Josef Weber an das US-Auschwitz Resistance 280, Quelle: WikipediaJustizministerium, da sie der Auffassung ist, dass ein Mörder auch nach vielen Jahren durch ein Gericht verurteilt werden muss. Nach kurzem Zögern nimmt das Ministerium seine Ermittlungen auf, der Historiker und Justizangestellte Leo Stein bringt bei den Ermittlungen Ungeheuerliches zutage, unter anderem das Sage`s Großmutter im KZ Auschwitz als jüdische Gefangene war und ihre beste Freundin wahrscheinlich durch Josef Weber im KZ und im Beisein der Großmutter erschossen wurde. Ihre Großmutter lebte als Kind in Polen. Die Familie wurde aufgrund ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit von den Nazis verfolgt und umgebracht. Die Großmutter hatte schon vor Beginn des Faschismus begonnen, eine fiktive Geschichte zu schreiben. Ausschnittsweise wird die fiktive Geschichte der Großmutter von Jodie Picoult erzählt, die erst im Verlauf des Gesamtromans einen Zusammenhang ergibt. Mit der fiktiven Geschichte beginnt der Roman, der den Leser neugierig macht.

Mein Vater wurde nicht müde, mir die Wünsche für seine eigene Beerdigungszeremonie zu schildern. »Ania«, pflegte er zu sagen, »keinen Whiskey auf meiner Beerdigung. Ich möchte den besten Brombeerwein. Und keine Tränen, denk dran. Und ich möchte unter Trompetenfanfaren und umschwirrt von weißen Schmetterlingen in die Erde hinabgelassen werden.« Eine echte Persönlichkeit, mein Vater. […]“ (S. 7f.)

Der Steuereintreiber heißt nicht zufällig mit Vornamen Baruch. Im Alten Testament unter den Apokryphen ist ein ganzes Buch nach ihm benannt. Darin ist beschrieben, wie Geld eingesammelt, dass für die Priester von Jerusalem bestimmt ist, konfisziert und nach Babel gebracht wird. Da das Volk Gott nicht gehorcht hat, wird es von dem himmlischen Vater zu einem Bußgebet aufgefordert und als Strafe den Feinden übergeben. Gott macht sie allein für die Unterdrückung des eigenen Volkes verantwortlich.
     Die fiktive Geschichte, die Lebensgeschichte von Josef Weber sowie die schrecklichen Erlebnisse der Großmutter während des Dritten Reichs finden bei der Protagonistin Sage Singer eine Verbindung.

Selten hinterlässt ein Roman solch einen tiefen zwiespältigen Eindruck wie „Bis ans Ende der Geschichte“ von Jodi Picoult. Einerseits ist der Roman geschickt aufgebaut, drei Geschichten zu einer werden zu lassen, ist klug gemacht. Die Frage nach der persönlichen Schuld und die Frage, ob man alles verzeihen kann oder gar muss, schwingt mal offen, mal zwischen den Zeilen mit. Andererseits gibt es zwei Aspekte, die das Gegenteil sind: Zum einen sind es die Beschreibungen von Brutalität und deren Auswirkungen. Es gibt keine Notwendigkeit zu beschreiben, wie eine Gehirnmasse aussieht beim Erschießen eines Menschen. Ebenso gibt es keine Notwendigkeit das Handeln des Kannibalen in der fiktiven Geschichte der Großmutter bis ins letzte Detail zu benennen. Das ist ein Ergötzen an Brutalität und hat nichts mehr mit Analyse, mit Verstehen-Wollen zu tun, vielmehr ist es wie in einem schlecht gemachten Horrorfilm.
     Lukas Bärfuss sagte vor Kurzem in einem Interview mit der taz bezüglich der terroristischen Anschläge in Paris: „Aber wir sollten uns eingestehen, dass uns Gewalt nicht nur empört, sondern auch fasziniert.
     Die Empörung über das Dritte Reich wird von der amerikanischen Schriftstellerin deutlich benannt. Sie scheint aber auch von den Gewalttaten fasziniert zu sein, nur so lässt sich die detailgenauen Beschreibungen von Gewaltausübungen seitens der SSSoldaten und des Menschenfressers erklären.

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Zum anderen ist der Roman eine Abrechnung mit den Deutschen hinsichtlich des Umgangs mit Nazideutschland. Jodie Picoult ignoriert die Entwicklung der Deutschen und deren Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. Sie geht offensichtlich von einem veralteten Standpunkt aus. Es ist nicht zu leugnen, dass sich Deutschland in den 1950er bis in die 1970er Jahre mit ihrer Vergangenheit schwer getan haben und vielleicht gibt es auch bis heute in Teilen eine Ignoranz.
     Jedes Urteil und jede Verurteilung sollte auf Basis der Gerechtigkeit beruhen, das bedeutet im Falle des Romans, dass man sich nicht nur auf Quellen stützt, die kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, sondern sich auch die gegenwärtige Auseinandersetzung genau anschaut.

Das Urteil über das heutige Deutschland und dessen Umgang mit seiner braunen Vergangenheit sowie die schauderhaften Beschreibungen des Schreckens lassen den klugen Romanaufbau und die Frage nach Schuld in den Hintergrund treten. Schade.

 © read MaryRead 2015

Belletristik




Monster, Menschenfresser und HeiligeJodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte
Originaltitel: The Storyteller
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Elfriede Peschel
Roman
gebunden
560 Seiten
erschien: 31.08.2015
Verlag: C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10217-6
Preis: 19,99 € (D), 20,60 € (A)

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