„Landgericht“ nach dem gleichnamigen Roman von Ursula Krechel

Literaturverfilmung, Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld), Claire Kornitzer (Johanna Wokalek), Georg Kornitzer (Moritz Hoyer), Selma Kornitzer (Lisa Marie Trense),Drittes Reich, Nationalsozialismus, Justiz, Richter, Jura, Justiziare, Mainz,

„Landgericht – Familiengeschichte (1)“: Richard (Ronald Zehrfeld), Claire (Johanna Wokalek) und ihre Kinder Georg (Moritz Hoyer) und Selma Kornitzer (Lisa Marie Trense) laufen durch eine Bahnhofshalle. / Foto: © ZDF/Walter Wehner

Bequeme Sessel

Todesmeister, kaukasischer Kreidekreis und eine Brisanz, die keine ist aber vielleicht doch

Als Ursula Krechel 2012 für ihren Roman „Landgericht“ den Deutschen Buchpreis erhielt, ahnte niemand, dass gute vier Jahre später ein Zweiteiler bei ZDF ausgestrahlt wird, oder doch?

Schnell verfällt man der romantischen Vorstellung, dass nach Ende einer Diktatur und eines Krieges alles gut wird. Man vergisst nur allzu leicht, dass Rassenverfolgung in der Stunde Null nicht zu Ende ist. Mit eindrucksvollen und einfachen Bildern und Dialogen, zuweilen wurde auch eine Wirkung durch das Weglassen von Worten erzielt, wurde am 30. Januar und 1. Februar 2017 die gleichnamige Verfilmung des Romans „Landgericht“ von Ursula Krechel ausgestrahlt.
     Voller Zuversicht heiraten Claire und Richard Kornitzer, bekommen zwei Kinder, Georg und Selma. Mit 23 Jahren erwirbt Richard den Doktortitel in Jura, ungewöhnlich früh. Seiner Karriere steht nichts mehr im Weg – – – bis die Nazis an die Macht kommen.

Das Drehbuch zum Film verfasste Heide Schwochow, ihr fiel die Entscheidung nach ZDF-Angaben nicht leicht:

Mit meiner Neugier, dem Respekt, ja der Liebe zu dieser Figur wuchs der Entschluss, Ursula Krechels Roman zu adaptieren. Mich interessierte immer mehr die Geschichte der Familie Kornitzer als Ganzes. Ich wusste, das würde mich angreifbar machen. Dieser hochpolitische Roman ist nicht vordergründig als Familiengeschichte gedacht. Aber steckt in diesem privaten Drama nicht gerade die hochpolitische Brisanz?“

Richard Kornitzer, Ronald Zehrfeld, Richter in Deutschland, Landgericht Mainz,Wiedergutmachungspolitik,

„Landgericht – Geschichte einer Familie (2)“: Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) / Foto: © ZDF/Walter Wehner

Zum einen ist der Film hochpolitisch, neben dem Drama der Familie werden Politik aber vor allem die Justiz mit ihren Akteuren entlarvt. Sie sitzen vor, während und nach dem Dritten Reich bequem in ihren Sesseln, sprechen Urteile, können Karriere machen, werden kaum zur Verantwortung gezogen. Schlimmer noch: Haben sie während der braunen Diktatur zahlreiche Todesurteile gesprochen, so verfügen sie schon wieder genau über jene Volksgruppen, die sie zuvor verhöhnt, gedemütigt, in die Konzentrationslager geschickt haben, sie waren Teil der Todesmaschinerie, sie waren beteiligt an „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (Paul Celan „Todesfuge“). Besonders krass wurde das in der Figur Hans Buch, gespielt von Felix Klare, deutlich.
     Von einem „brisanten“ Film kann man nicht sprechen, da alle damaligen beteiligten Justiziare zumeist schon verstorben sind, zumindest aber die Vergehen verjährt sind. Auf weitere Verantwortliche in der Politik trifft dieser Tatbestand ebenfalls zu. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es nur wenige Mutige, die sich mit der Justiz und anderen auseinandersetzen und eine Verurteilung für ihre Verbrechen anstreben. Der bekannteste ist Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen (laut Wikipedia: 1950 bis zu seinem Tod am 01.07.1968). Fritz Bauer gehört dem jüdischen Glauben an, genauso wie Richard Kornitzer, dargestellt von Ronald Zehrfeld. Als Richard von Kuba zurückkehrt, beim Mainzer Landgericht nach ewigem Gezerre seine Arbeit als Richter wieder aufnehmen kann, muss er teilweise genau mit jenen Kollegen zusammenarbeiten, die während der Naziherrschaft dafür gesorgt hatten, dass er sein Amt niederlegen musste, und er fortan sowie seine Frau und seine beiden Kinder der unerbittlichen Verfolgung ausgesetzt sind. Nach seiner Rückkehr aus Kuba übernimmt er einen heiklen Fall, bei dem er buchstäblich ins Schwitzen kommt. Ein Jude ist angeklagt, weil er sich das genommen hat, was seinen Glaubensschwestern und -brüdern zusteht und ihnen das Gestohlene zurück gibt.
    
Andererseits könnte der Film in unseren Tagen kaum brisanter sein, mit dem wiedererstarken des Rechtspopulismus, den autokratischen bis diktatorischen Regierungen im Osten, mit einem Dekret nach dem anderen seit 20. Januar diesen Jahres aus dem Oval Office, der vor dem ausgrenzen einer Glaubensgruppe keinen Halt macht.

Claire Kornitzer, Johanna Wokalek, Ende einer Ehe, Schweigen in der Ehe,

„Landgericht – Geschichte einer Familie (2)“: Claire (Johanna Wokalek) / Foto: © ZDF/Jakub Bejnarowicz

Manchmal ist eine Besetzung einer Filmrolle einem Schauspieler quasi auf den Leib geschneidert, so auch in „Landgericht“ mit Johanna Wokalek, die die Rolle der Claire spielt. Claire und auch ihr Sohn Georg gehen aus dem Dritten Reich moralisch unbeschadet hervor, ja, man könnte auch von Heiligen sprechen. Nichts bringt sie in Versuchung, ist immer auf der Seite der Schwachen und Wehrlosen. Deshalb „muss“ man sie gern haben. Wem es unter barbarischen Verhältnissen gelingt, sich immer „richtig“ zu verhalten, hat (die Leser und) Zuschauer auf seiner Seite. Gleichzeitig ist das auch die Schwäche des Films (und des Romans). Es ist im Grunde unmöglich, dass ein Mensch trotz sehr widriger Umstände moralisch integer bleibt. Dennoch ist die Besetzung eine richtige Wahl gewesen. Einigen ist Johann Wokalek aus der Hauptrolle vom dramatischen Oratorium „Jeanne dˈArc au bûcher“ (deutsch: Johanna auf dem Scheiterhaufen) von Arthur Honegger, dass am 12.05.1938 im Stadtcasino Basel uraufgeführt, und am 06.02.2016 unter der Regie von Reto Nickler mit der Dresdner Philharmonie im Albertinum Premiere feierte, bekannt. Vielen ist sie aus dem Film „Die Päpstin“ nach dem gleichnamigen Roman von Donna Woolfolk Cross (erschienen 1996) noch in guter Erinnerung. Darin spielt sie die Protagonistin Johanna, die aus einer armen Bauersfamilie stammt und es bis auf den Papststuhl schafft. Johanna Wokalek scheint eine Vorliebe für starke „heilige“ Frauen zu haben.
     Ganz besonders stark ist Claire in ihrer Entscheidung, ihre langersehnte Tochter Selma nach England zurückzuschicken. Selma fällt es schwer, nach zehn Jahren Trennung ihre leiblichen Eltern als diese zu akzeptieren. Sie kennt sie kaum. Sie war gerade mal vier Jahre alt
, als ihre Eltern sie und ihren Bruder zu ihrem eigenen Schutz nach Großbritannien schickten. Endlich hat sie zuverlässige Ersatzeltern gefunden, wird sie aus dem wohlbehüteten Leben von ihren leiblichen Eltern herausgerissen.
    
Die Entscheidung von Claire kann man nur mit Hochachtung begegnen. Bertolt Brecht hat eine ähnliche Situation in „Der kaukasische Kreidekreis“ beschrieben. Auch darin möchte die leibliche Mutter ihr Kind zurück haben aber sie lässt es los, um Verletzungen zu vermeiden.

MEHR ZUM THEMA:
> Lesung: Jacky Dreksler: Ist das, weil Sie Jude sind?
> Jodie Picoult: Bis ans Ende der Geschichte
> Lesung: Herta Müller
Weitere Literaturverfilmungen:
> Ferdinand von Schirach: Terror
> Wolfgang Herrndorf: Tschick
> Patricia Highsmith: Carol

Die gelungene Verfilmung des Romans riecht förmlich nach Auszeichnungen. Etliche Nebendarsteller sind mit hochkarätigen Schauspielern besetzt, wie Ester Coen von Barbara Auer, Barbara Dreis von Katharina Wackernagel, Jonathan Roth von Christian Berkel, Philipp Singer von Michael Rotschopf, um nur einige zu nennen.

Und was sagt die Schriftstellerin Ursula Krechel laut ZDF zu der Verfilmung?

Richard Kornitzer „kämpft für das Recht in eigener Sache, verbeißt sich und driftet weiter bis zur Selbstgerechtigkeit, zur Selbstjustiz, die ihn krank und blind macht für die Verstörung seiner Frau Claire und die Entfremdung von seinen Kindern. Er verfehlt sie, ohne es zu mer­ken. Der Richter am Landgericht Mainz hält Gericht über sein Land. Dass er jetzt am Ort des Geschehens im ZDF eine Art von Wiedergutmachung erfährt, ist eine freudige Genugtuung ― für die Romanfigur und seine Autorin.“

Nach wie vor ist der Nationalsozialismus ein Thema. Die junge Bundesrepublik mit ihren Schattenseiten wird häufig vernachlässigt. Daher ist es gut, dass Ursula Krechel sich dem literarisch annäherte und es ist auch gut, dass eine Verfilmung folgte. Der Zeitpunkt für die Ausstrahlung konnte kaum besser sein. Ob zum Zeitpunkt der Verleihung des Deutschen Buchpreises am 08.10.2012 tatsächlich niemand ahnte, dass der Roman vier Jahre später verfilmt wird, sei dahin gestellt. Fakt ist, dass die jüngere deutsche Geschichte in Buchform, Film und Dokumentation fast immer erfolgreich ist.


© read MaryRead 2017

► Bordbuch

Roman, Literaturverfilmung, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Filmrezension,deutscher Buchpreis, 2012,Ursula Krechel: Landgericht
Roman
494 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 193 x 159 x 47 mm
Gewicht: 680 g
erschien: 20.08.2012
Verlag: Jung und Jung
ISBN 978-3-99027-024-0
Preis: 29,90 € (D), 29,90 € (A)

Taschenbuchausgabe:
512 Seiten / Format (H x B x T): 186 x 119 x 26 mm / Gewicht: 412 g
erschien: 09.07.2014 / Verlag: btb
ISBN 978-3-442-74649-1
Preis: 12,99 € (D), 13,40 € (A)

 Home > Bordbuch > Hafenberichte > Speaking-Corner > Rassismus und FaschismusLiteraturmagazin Februar 2017 > Literatursalon: Mordspannung > Literatursalon: Was geht ab? > Literatursalon: Am Ende des Jahres 2017„Landgericht“ nach dem gleichnamigen Roman von Ursula Krechel


Weiteres

Dänemark, Kopenhagen, Memoria, Marionetten,Marionettentheater, Französische Revolution,Kinderbuch, ab 10 Jahre: Taschinski, Stefanie: Caspar und der Meister des Vergessens
Korrekturen

mehr > 06.02.2017

Gedicht, 20. Jahrhundert, literarische Moderne, Familie, Frühling,, Marienstatt, Kloster Marienstatt, Zisterzienserkloster, Wallfahrtsort, Westerwald, an der Nister,Gedicht:
Mombert, Alfred:
Spaziergang

mehr > eingestellt am 06.02.2017

Kunst, Menschenleben,Gedicht,, Siegen, Schuljunge, Statue an der Norschule Siegen, GrundschuleGedicht:
Andreas-Salomé, Lou:
Menschenleben

mehr > eingestellt am 13.02.2017