„Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ von Rafik Schami

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Foto: © Susanne Grebe / Collage: © Ute Fischer

Die Sehnsucht des Brückenbauers

In diesen Tagen ist Syrien ein Kriegsschauplatz, für uns weit weg und doch ganz nah. Zerstörung wohin man blickt, Tausende und Abertausende auf der Flucht. Navid Kermani appellierte im vergangenen Jahr an die Regierungen und die Bevölkerung, endlich in diesem Konflikt einzugreifen. Und Rafik Schami? Kein polterndes Wort, kein Aufruf, stattdessen ein Roman. Ein Roman über die Menschen in Syrien und über den Sieg der Liebe in Sophia oder Der Anfang aller Geschichten.

Rafik Schami zum Thema Frieden in Syrien (3sat, 19.01.2016):

Facettenreich wird im Roman die Geschichte eines Gestrandeten, eines Flüchtlings, die Geschichte von Salman Baladi erzählt. Obwohl Salman Baladi längst in Rom Fuß gefasst hat, ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, verheiratet mit der Wissenschaftlerin aus einer angesehen italienischen Familie, einen Sohn hat, treibt ihn die Sehnsucht nach Syrien zurück. Das Flehen seiner Frau, nicht nach Syrien zu reisen, vernimmt er zwar, kann ihn aber dennoch nicht von seinem Vorhaben abhalten. Warum setzt er sich freiwillig der Gefahr aus?
     Salman Baladi ist bodenständig, ist längst ein assimilierter Italiener, dennoch ist er ein Getriebener, immer wieder flackert in ihm etwas auf. Er ist krank, sehr krank sogar, eine Krankheit, die nur Flüchtlinge befällt, wogegen keine Tabletten, kein Mediziner und kein Psychologe helfen kann. Die Diagnose lautet: SEHNSUCHT. Als er glaubt, die Gelegenheit sei günstig, kehrt Salman Baladi in seine Heimat zurück. Dabei offenbart sich, dass er aus einer christlichen Familie stammt, die Eltern sich um ihre Kinder kümmern, für sie immer da sind, gleichgültig was geschieht. In Deutschland würde man es als geordnete Verhältnisse bezeichnen. Es zeichnet sich im Roman ein schwelender Konflikt ab, zwischen Muslimen und Christen.
    
Durch die Wirren des Krieges, die wir tagtäglich in den Nachrichten präsentiert bekommen, kennen wir vor allem die beiden Konfliktparteien mit den Anhängern von Assad gegen die Islamisten und Gemäßigten, man kennt den Konflikt zwischen den beiden großen muslimischen Gruppen Sunniten und Shiiten, dass in Syrien eine kleine christliche Religionsgemeinschaft lebt, entzieht sich meistens unserer Wahrnehmung. Die Christen leben in einem Viertel von Damaskus. Berührung zwischen den beiden Vertretern der Weltreligionen gibt es nur selten.

Der Roman besteht aus klassischen Elementen, aus einem Helden – Salman Baladi – und seinem Gegenspieler – Elias. Salman Baladi gerät unter Verdacht und wird als Staatsterrorist Nummer 1 dem Geheimdienstoffizier und von seinem Cousin Elias landesweit gesucht. Während er untertaucht, erfährt man, weshalb er als junger Mann das Land verlassen musste.
     Typisch orientalische Stilmittel findet man unter anderem in der Beschreibung der Liebe zwischen Aida und Karim. Aida ist Christin und Karim ist Muslim. Beide sind schon im fortgeschrittenen Alter, als sie sich auf die Partnerschaft einlassen. Diese Liebe bleibt nicht nur trotz der Anfeindungen von allen Seiten bestehen, sondern sie ist auch intensiv, sehr intensiv. Karim lebt im Jasminweg. Jasmin ist im Orient eine sehr beliebte Pflanze, deren Aromen in der Parfumindustrie nicht wegzudenken ist. Sein Haus ist auf einer alten Klosterruine gebaut worden, in seinem Garten sind noch Reste der Ruine. Zudem kursiert über das Anwesen eine Legende über eine Liebe zwischen Fadi und Fatima, die vor einigen hundert Jahren gelebt haben sollen, unterschiedlichen Religionen angehörten und deshalb dafür getötet wurden. Kurios ist, dass die Legende bei den heutigen Bewohnern noch sehr lebendig ist, romantisiert wird und man mit Unverständnis über das Todesurteil spricht. Gleichzeitig können sie die Liebe zwischen Aida und Karim nicht akzeptieren. Die Widersprüchlichkeit des Menschen wird zwischen der Legende und dem heutigen Verhalten exemplarisch.
Über Fatima kursiert tatsächlich eine Legende, ein Mythos Die Hand der Fatima. Ihr Symbol sind fünf Finger, die unter anderem als ein Segen gedeutet wird. Bis heute ist es im arabischen Kulturraum üblich, sie als Talisman bei sich zu tragen.
    
Fadi stammt aus dem Arabischen und bedeutet übersetzt Erlöser oder Retter.
Für Fatima und Fadi – Märtyrer der Liebe – wurde ein Grab gebaut, dass sich auf dem Gelände von Karim befindet.
     Trotz aller Verschiedenartigkeit zwischen den beiden Weltreligionen, so gibt es dennoch etliche Übereinstimmungen, in vielem liegen die beiden Religionen gar nicht soweit auseinander, ebenso wenig im alltäglichen Umgang miteinander.

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Neben den Themen Flucht und Verfolgung ist die Liebe ein Thema, dass im Roman in zahlreichen Facetten dargelegt wird. Vieles davon entspricht dem, was wir über die orientalische Liebe zu wissen glauben, sinnlich und erotisch.
     Eines beherrscht Rafik Schami besonders gut, genau dann eine Rückblende oder einen Wechsel des Handlungsortes einzubringen, wenn es sehr spannend ist, ein Mittel das an die Märchen von Tausendundeine Nacht erinnert.

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Den aus Syrien stammenden Schriftsteller kann man als Brückenbauer bezeichnen. Rafik Schami hüpft zwischen den Staaten und Kontinenten, so als sei es ein Katzensprung von Heidelberg nach Rom, von Rom nach Damaskus, zwischen den Zeiten der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart, wie eine Zeitmaschine. Den roten Faden verliert er dabei nicht. Ebenso gelingt es ihm mit Leichtigkeit zwischen Roman, Kriminalroman und Spionagethriller zu wechseln. Wenn es bislang keinen erfolgreichen arabischen Kriminalroman in Europa gegeben hat, so ist Sophia oder Der Anfang aller Geschichten der erste.
     Zwischen Historie, Kulturen und Religionen wird anhand von dem Protagonisten die Sehnsucht nach Heimat deutlich, eine Sehnsucht die für all jene, die noch nie über eine Flucht nachdenken mussten, kaum nachvollziehbar ist und doch bleibt diese Geschichte nach dem Zuklappen des Buches einem präsent, mehr noch, die Schicksale der heutigen Flüchtlinge können einem nicht mehr gleichgültig bleiben.

© read MaryRead 2016

Belletristik

 

Roman, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Italien,Rafik Schami: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten
Roman
mit Lesebändchen
480 Seiten
erschien: 19.08.2015
Verlag: Hanser
ISBN 978-3-446-24941-7
Preis: 24,90 € (D), 25,60 € (A)

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