Rezension zu „Tonio Kröger“, „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann

Rezension, Erzählungen

Homosexualität und Faschismus

Thomas Mann setzt sich früher als viele andere seiner Kollegen mit Themen wie Homosexualität und mit Faschismus auseinander. In dem Erzählband „Tonio Kröger / Mario und der Zauberer“ wird in der erstgenannten Erzählung die Homosexualität aus der Sicht eines junges Mannes beschrieben, in der zweitgenannten Erzählung wird eine Beobachtung seitens des Autors in Italien verarbeitet.

Tonios Mutter ist eine feurige Dunkelhäutige, der fordernde Vater ist durch und durch diszipliniert und pflichtbewusst. Tonios Familie ist wohlhabend. Obwohl er der Sohn eines Konsuls und Firmenbesitzers ist, wird Tonio aufgrund seiner Hautfarbe und seines ungewöhnlichen Vornamens von seinen Mitschülern eher gemieden. Die Erfahrungen mit seinen Mitschülern ziehen sich wie ein roter Faden durch seinen weiteren Lebensweg, immer auf der Suche nach einem Platz der Zugehörigkeit.
     Mario hingegen wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, ist von Beruf Kellner, kennt seinen Platz in der Gesellschaft und ist moralisch ein gefestigter junger Mann.

Die Erzählung „Tonio Kröger“ hat als Ausgangspunkt Deutschland, später verändern sich die Schauplätze. „Mario und der Zauberer“ hat als Handlungsort Italien am Meer.
     Tonio und Mario können als Charakteren kaum unterschiedlicher sein.
    
In der erstgenannten Erzählung wird durchgängig aus der Sicht eines Personal-Erzählers über den Lebenslauf – fast wie eine Biografie – von Tonio berichtet, der die Literatur kennt, einen jungen Mann liebt, durch Europa reist, immer auf der Suche nach ihm gemäßen Wohnort.
    
Der Protagonist in der letztgenannten Erzählung ist im Verlauf der Handlung lange Zeit im Hintergrund, fast überliest man diese Szenen und er rückt erst am Ende mit seinem Wesen in den Vordergrund. Über Mario und den Zauberer wird aus der Sicht eines Ich-Erzählers geschrieben. Der Ich-Erzähler ist Beobachter und Beteiligter zugleich, jedoch ist er weder der Zauberer noch Mario, sondern ein Vater, der mit seinen Kindern in Italien Urlaub macht.

Die Erzählung „Tonio Kröger“ ist 1903 und „Mario und der Zauberer“ im Jahr 1930 erstmals erschienen. 
     In „Tonio Kröger“ findet man keinen politischen Hinweis, nichts deutet auf den bevorstehenden Ersten Weltkrieg hin, im Gegenteil, der
französische Tanzlehrer ist geachtet, französisch zu sprechen ist im Bildungsbürgertum eher eine Auszeichnung. Erstaunlich ist, dass Thomas Mann Anfang des 20. Jahrhunderts die Homosexualität anspricht, indem sich Tonio in den 14-jährigen Mitschüler Hans Hansen verliebt.
    
Ein Jahr vor der Veröffentlichung von „Mario und Zauberer“ erhält Thomas Mann den Literaturnobelpreis (1929). Er lässt in diesem kurzen Werk immer wieder durchblicken, was er vom Faschismus hält: NICHTS. Er verachtet diese politische Haltung und bezeichnet diese als rückwärtsgewandt.
    
Benito Mussolini kommt 1926 in Italien zur politischen Macht, nutzt den Wahlsieg der Faschisten und errichtet eine Diktatur. „Mussolini erstrebt die Adriaherrschaft, die Hegemonie im Mittelmeerraum und der Erweiterung der ital(ienischen
) Kolonien in Afrika.“1   
     Obwohl Thomas Mann zu diesem Zeitpunkt noch nichts über den Verlauf der Nationalsozialisten in Deutschland wissen kann, zeigt er dennoch, wie sich die Gesellschaft im alltäglichen Miteinander verändert und
anhand des Zauberers führt er dem Leser vor, dass Manipulationen offen und für jeden sichtbar stattfinden kann. Der Zauberer lässt buchstäblich das Publikum nach seiner Nase tanzen.

Tonio muss hilflos die Sticheleien seiner Mitschüler ertragen. Er hat niemanden, der ihm zur Seite steht.
     Bei Thomas Mann wird ein Jugendlicher aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, sein französischer Kollege und Zeitgenosse Jacques de Lacretelle beschreibt das zunehmende Mobbing von Mitschülern gegen David Silbermann aufgrund seiner jüdischen Glaubenszugehörigkeit.
    
Beide Schriftsteller beschreiben eines der grundlegenden Vorurteile gegenüber dem Anderssein und weder in der Erzählung von Thomas Mann noch im RomanSilbermann“ gibt es für die beiden Betroffenen eine Lösung. Beide Heranwachsende müssen die Vorurteile und Ausgrenzungen ertragen.
    
Trotz das die beiden Schriftsteller unabhängig voneinander ihr jeweiliges Werk geschrieben haben, gibt es Parallelen: Es sind männliche Jugendliche, die ihre jeweilige nationale Literatur gut kennen. Beide stammen aus wohlhabenden Familien. Weder ihr nationales Geschichtsbewusstsein noch der ökonomisch gut ausgestattete Hintergrund kann sie vor dem Unheil bewahren, die Brüchigkeit des Bürgertums wird an beiden Figuren deutlich.
    
Über Mario erfährt der Leser nicht, wie es ihm in seiner Kindheit und Jugend ergangen ist, aber als der Zauberer ihn demütigt, findet er einen drastischen Ausweg, er vollendet das, was Tonio nicht gelingt.
    
Zwischen Mario und Tonio gibt es ebenfalls Parallelen. Beide Vornamen sind typisch italienisch, beide werden in der Öffentlichkeit Bloß gestellt. Die Bloßstellung geschieht jedoch aus unterschiedlichen Anlässen.

Beide Erzählungen haben ihre jeweilige Brisanz: in „Tonio Kröger“ ist es die Homosexualität, in „Mario und der Zauberer“ der Faschismus.
     Während die Erzählung über Tonio es für den Leser hilfreich ist, wenn er Kenntnisse über die deutsche Literaturgeschichte hat, die Handlung eher vor sich hinplätschert und nur durch die Brisanz des Themas sowie die geistreiche Wortwahl die Erzählung rettet, braucht man in „Mario und der Zauberer“ keine besonderen Vorkenntnisse. Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf und ist so spannend, dass man es an einem Stück liest. Die Vorstellung des Zauberers dauert ungefähr 2½ Stunden. In dieser Zeit hat man auch die Erzählung gelesen.

© read MaryRead 2014

► Schatztruhe

Homosexualität und FaschismusThomas Mann:
Tonio Kröger
Mario und der Zauberer
Erzählungen
128 Seiten
Taschenbuch
47. Auflage: Oktober 2011
Verlag: S. Fischer
ISBN 978-3-596-21381-8
Preis: 5,95 € (D), 6,20 € (A)

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1 Hermann Kinder, Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Deutscher Taschenbuchverlag München 2000, S. 437


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