Rezension zu „Leopold und der Fremde“ von Stephan Brülhart

Stephan Bruelhart: Leopold und der Fremde

Foto: © Otto Raddatz / made by © read MaryRead

Habe Mut!

s ist müßig, darüber nachzudenken, wann und wo Vorurteile ihren Anfang nehmen. Das Nachdenken über den Beginn und Kausalitäten der Vorbehalte kann man getrost den Wissenschaftlern überlassen, vielmehr kommt es darauf an, wie man damit umgeht. Ein Leitsatz könnte sein: Vorurteile sind dafür da, um zu überprüfen, ob sich diese bestätigen lassen.

Jaguar Leopold

Jaguar Leopold / aus: Stephan Brülhart: Leopold und der Fremde

Vorurteile können Menschen betreffen, die uns in irgendeiner Form fremd erscheinen. Über andersartige Menschen wissen wir häufig gar nichts und vielleicht ist das der Grund, weshalb man mit starken Vorbehalten reagiert.
     Ein Teil der Vorurteile gegenüber Fremden entstehen aus einer gewissen elterlichen Sorge, die durch Kinder abgebaut werden können. Wie das geschehen kann, zeigt das Bilderbuch Leopold und der Fremde von Stephan Brülhart.
    
Das Bilderbuch erzählt von zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein können: Leopolds Familie sind Jaguars, die in einem waldigen, Wasser nahen Gebiet lebt, hingegen die Familie von Konrad Krokodile sind, die sich überwiegend im Wasser aufhalten. Beide Kinder werden von ihren Müttern jeweils vor dem anderen gewarnt mit der Begründung: „Dort wohnen Fremde und da weiß man ja nie…“ (S. 3) Der Theologe Kurt Marti brachte es folgendermaßen mal auf den Punkt:

Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten,
wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um einmal zu schauen,
wohin man käme,
wenn man ginge.“

Zum Glück können Kinder Vorurteile aufbrechen, wie die tirozinierte Fabel zeigt, denn beim Spielen verliert Leopold seinen Ball und ist nun gezwungen, in das Gebiet der Krokodile zu gehen, um seinen Ball zurück zu holen. Bei dieser Begegnung stellen die beiden Tierkinder fest, dass sie sich sympathisch finden und nach einer weiteren herbeigeführten Begegnung verabreden sie sich zu weiteren gemeinsamen Spielen.

Krokodil Konrad

Krokodil Konrad / aus: Stephan Brülhart: Leopold und der Fremde

Die monoszenischen Illustrationen von Stephan Brülhart, der an der Hochschule der Künste in Berlin sein Diplom erhielt und eine Professur für bildnerische und Technische Gestaltung hat 1, ergänzen den Text phantasievoll. Vor allem gelingt dem Maler die Mimik der Tiere eindeutig darzustellen: Bei der ersten Begegnung des kleinen Jaguars und seinem zukünftigen Spielgefährten, wird die Unsicherheit und Skepsis der beiden, aber auch deren Neugier füreinander durch bestimmte Stellung der Augen und der Mäuler deutlich. Außerdem sieht man die Angst voreinander mit Hilfe von Gedankenblasen der beiden Tiere. Diese Angst veranschaulicht, dass die Sorge vor dem anderen keine Einbahnstraße ist, das heißt nicht nur einer der beiden hat seine Befürchtungen gegenüber dem anderen, sondern beide sind davon betroffen. Damit kann man das Vorurteil, dass immer nur eine Kultur ihre Vorbehalte hat, auf Seite schieben, denn in sämtlichen Kulturen sind Vorurteile verankert, die immer dann zum Tragen kommen, wenn sie aufeinander treffen.
     Das Bilderbuch besteht einerseits aus Parallelität von Text und Bildern und aus dem Prinzip des geflochtenen Zopfes. Die Darstellungen lassen ausreichend Raum für eigene Vorstellungen und Phantasien, sie dienen als Anstoß zum Nachdenken, z.B. wie sieht die eigene Angst aus.

Die unterschiedlichen stilistischen Formen passen sich an den jeweiligen Inhalt gut an. Die Warnung der Mütter ist beispielsweise. in Befehlsform geschrieben, das Spielen der Tierkinder wird durch Hauptsätze beschrieben. Fragesätze unterschiedlicher Art werden ebenfalls formuliert. Die Gespräche sind in direkter Rede gehalten. Die Identifikation mit den beiden Protagonisten wird Kindern durch die Gegenwartsform leicht gemacht.

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Beim Spielen verwechseln irgendwann die beiden Tierkinder ihre Bälle, das von den Müttern nicht unbemerkt bleibt. Leopold und Konrad werden von ihren Müttern darauf angesprochen und mutig geben sie zu, dass sie mit dem Fremden gespielt haben.
     In diesem Bilderbuch wird der Umgang mit dem Fremden thematisiert. Dieses Thema kann auf verschiedene Art den Kindern nahe gebracht werden. Während in dem Bilderbuch Ich auch! von Lawrence Schimel ein dunkelhäutiges Kind in seiner Adoptivfamilie integriert wird, zeigt dieses Kinderbuch hingegen, dass man Vorurteile überwinden kann und eine gleichberechtigte Freundschaft möglich ist.
    
Zwei Kinderbücher, die sich mit dem Thema Andersartigkeit auf unterschiedliche Weise nähern, die beide das Ergebnis haben, dass Fremde gar nicht so andersartig sind.

Zielstrebig macht die Handlung deutlich, dass man den Mut aufbringen sollte, seine Vorurteile zu überprüfen, denn man weiß ja nie, ob nicht dann eine schöne Begegnung daraus wird.
     Im Mittelpunkt dieser kurzen Erzählung stehen zwei Tierkinder, die einerseits in der Lage sind, auf den anderen zuzugehen, andererseits sind sie dazu befähigt, sich über den Grundsatz ihrer Mütter hinwegzusetzen. Erwachsene haben nicht immer Recht und Kinder sollten in Teilen ihres Verhaltens bestärkt werden. Habe Mut!

 © read MaryRead 2013

Kinderbuch




Habe MutStephan Brülhart: Leopold und der Fremde
Illustration: Stephan Brülhart
32 Seiten
gebunden
Alter: ab 4 Jahre
Neuauflage: Februar 2009
Verlag: Atlantis
ISBN 978-3-7152-0262-4
Preis: 14,95 € (D), 15,40 € (A)

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1 Vgl. http://www.fhnw.ch/personen/stephan-bruelhart/publikationen (Link nicht mehr vorhanden, festgestellt am 19.01.2016)


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