E.T.A. Hoffmann an die Leser

Schauerromantik 2016

[Zitiert und modifiziert aus E. T. A. Hoffmanns: Der goldene Topf, Der Sandmann, Lebensansichten des Katers Murr, Prinzessin Brambilla, Letzte Stücke]

Jawor_E.T.A. HoffmannWohl darf ich geradezu dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob du in diesen bewegten Zeiten nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen du dir auf all die Geschehnisse in der Welt nicht so recht einen Reim machen konntest. Dein gewöhnliches Tun und Treiben war vielleicht gestört, da manches Vorkommnis ein recht quälendes Mißbehagen erregte. Begann nicht dieses Jahr zuallererst mit einer unsittlichen Treibjagd auf Frauen an Orten der öffentlichen Ordnung, jedoch an selbiger vorbei? Muss so viel Schauerliches, wie uns derzeit umgibt, nicht dazu führen, dass dir alles, was dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig erscheint in solchen Zeiten?
     Du wußtest dann selbst nicht, was du tun und wohin du dich wenden solltest; ein dunkles Gefühl beschlich dich es könne doch nicht so zugehen an einem Ort, an dem Recht und Gesetz herrschen sollten. Gleichsam fand dies doch nur statt vor dem Hintergrund eines weitaus bedrohlicheren Gefühls, eines dumpfen Dröhnens aus der Ferne, dessen Klang Dir seit längerem vertraut war. Die Natur der fernen Bedrohung hat der geneigte Leser jedoch schon in seiner unmittelbaren Nähe kennengelernt. Überhaupt wünschte ich, es wäre mir schon jetzt gelungen, dir, geneigter Leser, das Ausmaß der allgemeinen Unsicherheit recht lebhaft vor Augen zu bringen, allein sie ist zu vielfältig. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich dazu verwende, diese höchst sonderbaren Beobachtungen aufzuschreiben, noch so viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir bange ist, du werdest am Ende weder an die Erzählungen all der offenen kriegerischen Auseinandersetzungen, noch an die Geschichten über verdeckte Machenschaften und die Korruption glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen Zeugenschaft über das Ausmaß der Überwachung und Unterdrückung in der Welt hegen. Besonders eingedenk der Tatsache, daß ja das begrenzte Fassungsvermögen der menschlichen Empfindung und Ratio bekannt ist.
    
Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige ist, was sich in Teilen der Welt abspielt, in denen Menschen ihr Leben zurücklassen, um auf Wanderschaft in das gelobte Land oder das Land daneben zu ziehen, zugetragen, und die seltsamen Vorkommnisse und Schrecken, die ihnen auf ihrem Wege begegnen, was ich dir, günstiger Leser! zu erzählen gar nicht unternehmen kann, da Worte dafür nicht ausreichend sind. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in dunkle Seufzer. Und nun wolltest du das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir, als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. So muß die Glut der Worte verlöschen im Angesicht der Photographien und Aufzeichnungen der fliehenden Menschen, die begierig darauf sind, alle Schrecken herzuzeigen aus Furcht, daß man ihnen die blassen Worte nicht glauben möge, mit von denen sie ihr Innerstes zu befreien suchen. Kaum kleiner sind Furcht und Sorge nun auch bei denen, die ihnen begegenen. Was soll sich nur, geneigtester Leser, ergeben aus diesem Aufeinandertreffen fundamentaler Verstörtheit? Es bleibt zu warten, wie sich die Dinge an den Linien und Kanten der Zeit neu zu ordnen vermögen, um eine neue Einvernehmlichkeit erwachsen zu lassen, aber auch! Wie weit sind wir von Einvernehmlichkeiten noch entfernt!

E.T.A. Hoffmann_Sandmann von Hoffmann

„Sandmann“, Zeichnung von E.T.A. Hoffmann

     Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich niemand nach meinen Ansichten zu diesem oder jenem gefragt; du weißt ja aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre, denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Berichten Sie uns davon?« – So trieb es mich denn gar gewaltig, von all den Verwerfungen zu dir zu sprechen, die sich auf dem Erdenrund zutragen, auf dass du deine eigenen Schlüsse daraus ziehen mögest. So hatte ich in der Tat schon manches aufgeschrieben zu den Krisen der Ökonomie allerorts, als ich in dem wilden Treiben der entfesselten Märkte eine innere Logik zu erkennen glaubte und dann erkannte: die Geschichte ist gar nicht spaßhaft. Hinzu nun kamen Überlegungen zu Überwachung aller Menschen durch die ungesehenen Augen der Macht. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz meines innern Bildes abzuspiegeln schien, als die der möglichen Konsequenzen gewahr wurde. Ich beschloß gar nicht mehr darüber zu schreiben. Nimm, geneigter Leser! Diese wenigen Worte, für den Umriß des Gebildes, in das ich nun nicht mehr Farbe hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht wirst du, o mein Leser! Zu einem anderen Zeitpunkt verstehen, daß nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem Widerschein, auffassen könne, obwohl es zum bessern Verständnis doch nötig wäre, dir, geneigter Leser, das ganze Verhältnis der Dinge klar und deutlich auseinanderzusetzen. Einzig, wer kann das heute noch erreichen?
    
Von den Kunststücken, die mancher Politiker in der jüngsten Vergangenheit vollführte, ist so viel ganz Unglaubliches, daß man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen des geneigten Lesers aufs Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststück, welches aber derzeit mancher Verständige für das wundersamste von allen hält, ja, von dem er behauptet, daß es hinlänglich beweise, wie die eine oder andere Regierungselite offenbar mit fremden unheimlichen Mächten in bedrohlichem Bunde stehe, ist indes nichts anders als jenes altbekannt anmutende Zauberspiel, das heute in Europa soviel Aufsehen gemacht, und das sich derzeit in Polen abspielt, wo das Gespenst des Nationalismus sich sinnreicher, phantastischer, das Gemüt ergreifender aufzustellen wußte, als es scheinbar woanders in der letzten Zeit geschehen. – Leser! – Jünglinge, Männer, Frauen, unter deren Pelz ein fühlend Herz schlägt, die ihr Sinn habt für Tugend – die ihr die süßen Bande erkennet, womit uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und euch mit mir fürchten vor dem was hier noch vorkommen mag. In aller Eil‘ kann hier bemerkt werden, daß mit den jüngsten Vorkommnissen in der Türkei wiederum ein Grauen Europa durchwehte. Der mit der rohen Gewalt in seiner Lebenswelt unbekannte Leser mag erschaudern, beim Gedanken an seinen nächsten Urlaub, gleich wohin. Man fühlt sich gar an einen Krieg erinnert bei dem scheinbaren Bombenhagel allerorts. Einen hierfür Verantwortlichen hält man doch sogleich für den abscheulichsten Menschen unter der Sonne; ich widerspreche hier keineswegs. Hat diese ganze traurige Entwicklung bisher schon einjeden zu viele Worte gekostet, so werden dem geneigten Leser die paar Hinweise genügen, sich den allgegenwärtigen Schrecken ganz vor Augen zu bringen. Dem geneigten Leser müßte es gewiß sehr langweilig, ja unerträglich sein, wenn nun hier weitläuftig und wohl gar in allerlei überaus zierlichen Worten und Redensarten geschildert werden sollte, was von blindem Eifer getriebene Kreaturen aufgrund von übergroßem Mißtrauen alles in ihrem Schmerz begannen und sich und die ihren unglücklich machten. Dergleichen findet sich in jedem schlechten Roman, und es ist oft lustig genug, wie der preßhafte Autor sich gar wunderlich gebärdet, um nur neu zu erscheinen.
    
Gewiß ist der geneigte Leser auch über die Gemütsstimmung eines Menschen, der um das Abendland besorgt sein will, sehr verwundert, ja, er weiß sich nicht zu erklären, wie sie bei einem solchen Geiste möglich ist. Was soll aber der geneigte Leser mit derlei Albernheiten noch länger ermüdet werden; füreinander geschaffen sind die Menschen, und wenn ein höherer Geist auf sie hinabblickte, so hatte er recht seine schalkische Freude daran, wie verschiedene Leute sich miteinander zu arrangieren trachten. Gar mancher mag behaupten, dass überhaupt nur ein strafender Gott den Menschen zur Gemeinschaft geschaffen hat.
Jawor_Memory_E.T.A. Hoffmann_Der goldene Topf    
Was bleibt in solch unsicheren Zeiten scheinbar, als die Flucht ins Vergnügen. Es müsse irgendwo, so glaubtest Du, und zu irgendeiner Zeit ein hoher, den Kreis alles irdischen Genusses überschreitender Wunsch erfüllt werden, den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind, gar nicht auszusprechen wage, erhob deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem unbekannten Abenteuer, das dich überall, wo du gingst und standest umschwebte. Doch im Angesicht der trüben Wirklichkeit zerrann der Glaube daran. Du schleichst mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles, was du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durcheinander treiben sahst, erregte dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehörtest du nicht mehr dieser Welt an. Ist dir, günstiger Leser, jemals so zu Mute gewesen? So verzweifle nicht an den Dingen, sondern nimm sie für das was sie sind und halte fest am Edlen, das Dir begegnet. Tröste Dich, so Du kannst mit der wunderbaren Welt des Geistes und de im bunten n zahllosen Abenteuern darin. Den geneigten Leser, der etwa willig und bereit sein sollte, auf einige Stunden dem Ernst zu entsagen und sich dem kecken launischen Lichtspiel im selbigen Haus zuzuwenden, wird seit kurzem wieder ein besonderes Spektakel geboten, in welchem Abenteuer und Kriege zwischen fremden Sternen und Planeten den geneigten Zuschauer in Bann ziehen. Nicht die Paläste der Großen, nicht fürstliche Prunkgemächer wählt die Mutter des Lebens für ihre Lieblinge. – So ließ sie die Helden jener Abenteuer, die, wie der geneigte Leser es erfahren wird, wohl zu ihren begünstigtsten Lieblingen gehört, aus widrigsten Umständen erstehen, um mit Hilfe einer sonderbaren Macht das Universum vor bösartigen Heimsuchungen zu bewahren. Aber nicht nur die bewegten Bilder spenden Trost und Zuversicht, suche sie, mein geneigtester Leser, zwischen den Deckeln eines Buches oder in der flüsternden Stimme, die Dir heiser vom Wundersamen säuselt. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche der Geschichten voll herrlicher Wunder, die die höchste Wonne sowie das tiefste Entsetzen in gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttin ihren Schleier lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen – aber ein Lächeln schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit ihren liebsten Kindern tändelt – ja! in diesem Reiche, das uns der Geist so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser, die bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt im gemeinen Leben, um dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, daß Dir jenes herrliche Reich viel näher liege, als Du sonst wohl meintest.

Was nun noch den Leser mit all den Kleinigkeiten ermüden, die nach und nach zu unserer Kenntnisnahme eintrafen! Genug, man kann es ja doch alles nachlesen, ablauschen und von drei Geschichten sich die dreizehnte Version anhören.

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2016

Lesestoff


(Der Stimm- und Textgeber dieses Überblicks Ernst Theodor Amadeus (Wilhelm) Hoffmann, wurde 1776 in Königsberg geboren und verstarb 1822 in Berlin. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Romantik und als besonderem Schwerpunkt in der so genannten „Schauerromantik“, die düster-melancholische bis hin zu schrecklichen Aspekten verarbeitete. Über das Literarische und seine Tätigkeiten für den Staat Preußen hinaus, war er als Kapellmeister, Komponist und Dramatiker tätig.)

 

E.TA. Hoffmann an die Leser, Schauerromantik 2016E.T.A. Hoffmann: Der goldene Topf
Ein Märchen aus der neuen Zeit
Taschenbuch
160 Seiten
Verlag: dtv
ISBN 978-3-423-02613-0
Preis: 5,90 € (D), 6,10 € (A)

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