Lit.Cologne 2017: Laurent Binet, Roland Barthes, Foucault und die 7. Sprachfunktion

Mit Jörg Hartmann, Literaturschiff, Köln, Rhein Energie,Olga Mannheimer,

von li nach re: Moderatorin Olga Mannheimer, Schriftsteller Laurent Binet, Schauspieler Jörg Hartmann / Foto: © Simone Jawor

Sprache ist Macht

Einen Krimi in paranoider Absicht legt neuerdings der französische Schriftsteller Laurent Binet vor. Zwecks der Bekanntmachung dieses Umstands weilte er am 14.3.2017 im Rahmen der LitCologne in Köln. Fast wäre es nicht dazu gekommen, denn der Autor geriet prompt in die Mühlen des Streiks an den Berliner Flughäfen und musste auf den Zug ausweichen um letztlich zu entdecken, dass die Lesung auf einem Schiff stattfand. Wer diese Aneinanderreihung von Verkehrsmitteln schon abenteuerlich findet, der sollte mit Blick auf Binets neues Buch „Die siebte Sprachfunktion“ mit weiterer Abenteuerlichkeit rechnen. Es handelt sich, in aller Kürze, um einen historisch-paranoiden Linguistenkrimi, in welchem es um Roland Barthes, Semiotik und die Weltherrschaft geht. So weit so gut!
     Der Autor zeigt sich trotz der komplizierten Anreise bester Laune, ebenso die Moderatorin Olga Mannheimer und der zum Vorlesen geladene Schauspieler Jörg Hartmann, auch das Publikum ist bereit und willig, nachdem es das Schlangestehen vor dem Literaturschiff hinter sich gebracht hat.
    
Das Buch, das deutet sich bei Beginn der Diskussion bereits an, ist äußerst vielschichtig, denn verschmilzt einigermaßen schamlos Realität und Fiktion zu einer spannenden Geschichte, in der die Sprachwissenschaft und ihre Ergebnisse im Zentrum von kriminellen Machenschaften stehen. Die auftretenden Figuren, die berühmten Linguisten und Philosophen vom angeblich ermordeten Roland Barthes, über Michel Foucault bis hin zu Umberto Eco und vielen anderen namhaften Intellektuellen, werden mit ihren authentischen Eigenschaften und philosophischen Ansichten in ein teilweise fiktives Umfeld gesetzt, in dem reale Ereignisse unter fiktiven Vorzeichen miteinander verwoben werden um eine historische Fiktion zu schaffen.
    
Der vermeintliche Mord an Roland Barthes soll von Hauptkommissar Bayard aufgeklärt werden, der allerdings im Umgang mit all den verschrobenen Geistern Hilfe benötigt und auch inhaltlich von Semiotik nichts versteht. Hierzu begleitet ihn der Doktorand Simon Herzog. Die beiden begegnen aber nicht nur den berühmten Köpfen, sondern auch Figuren verschiedener Milieus und Halbwelten. Das Verhältnis von Fakten und angeblich enthüllten Wahrheiten ist absichtlich undurchsichtig. Der Autor erzählt im Gespräch, er sei von den an sich banalen Ereignissen ausgegangen (Barthes wurde überfahren) und habe dann von den ungewöhnlichen realen Fakten aus (Barthes hatte tatsächlich weder Schlüssel noch Ausweispapiere bei sich), andere Hintergründe zusammen gesponnen, um den Leser in eine Art historisches Paranoia zu versetzen, was durch die Verknüpfung zur Politik in der Person Mitterands noch verstärkt wird. Die Paranoia innerhalb des Textes erreicht wiederum einen Höhepunkt, indem Herzog vermutet er selbst sei in einem Roman gefangen. Ob man sich als Leser eines Krimis von einer philosophischen Gedankenspur zur nächsten mitnehmen lassen möchte, oder daran glauben möchte, dass jeder geübte Semiologe in jeder Situation Zeichen lesen kann wie ein Buch und daher Sherlock Holmes in die Tasche stecken können, sei jedem selbst überlassen. Der Autor erhebt ja explizit keinen Realitätsanspruch und man muss als Leser natürlich eine Sympathie für Klugscheißer mitbringen, sonst sollte man etwas anderes lesen, aber die Ausgangsidee, dass Sprache Macht bedeuten kann, ist bedenkenswert und gut gewählt, besonders in der heutigen Zeit, in der allerorts über das Missverhältnis von Schein und Sein geschimpft und andauernde Manipulation angenommen wird.

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Zum Ende des Gesprächs und der eigentlichen Lesung, während welcher Binet dass französische Original zum besten gibt und Hartmann in sehr engagierter Weise die deutsche Übersetzung, werden noch ernstere Töne angeschlagen. Die unvermeidliche Frage nach der Lage in Frankreich und der Einschätzung des Autors für die kommenden Wahlen. Binet äußert sich hier skeptisch. Einerseits sei er der Ansicht und auch zuversichtlich, dass klar sei, dass Marine Le Pen verhindert werden müsse, andererseits gesteht er aber mit Blick auf die anderen Kandidaten zu, dass die Aussichten für Le Pen gut stünden. Er sieht den Grund darin, dass, besonders bei Fillon, die Rhetorik heroisch stimmen soll, aber er kaum über Inhalte rede, sondern sich permanent verteidigen müsse, somit also vom Volk Redlichkeit erwarte, die er selbst nicht zu zeigen vermag. Le Pen hingegen sei, so betrüblich dass auch sein mag, die authentischste Kandidatin. Sie sagt, sie wolle die Ausländer aus Frankreich raus bekommen und steht auch dafür ein, dass sie genau dass gesagte tatsächlich verfolgen würde. Wer vermag aber die Zeichen zu lesen, was sich in Frankreich wirklich ereignen wird? Ein bisschen Beschäftigung mit Semiotik schadet jedenfalls nicht, wenn man die Welt entschlüsseln möchte.

Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

► Bordcafé

französischer Schriftsteller, französischer Roman, lit-cologne 2017, Roland Barthes, die Macht der Sprache, Roman,Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion
Originaltitel: La septième fonction du langage
Übersetzung aus dem Französischen: Kristian Wachinger
Roman
528 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 210 x 130 x 39 mm
Gewicht: 612 g
erschien: 16.12.2016
Verlag: Rowohlt
ISBN 978-3-498-00676-1
Preis: 22,95 € (D), 23,60 € (A)

(): Leseprobe 

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