lit.Cologne 2016 – Abschlussveranstaltung

Erotik im Kölner DomErotik im Kölner Dom

Im Dämmerlicht und bei Kerzenschein, am Vorabend des Palmsonntags und der Beginn der Karwoche (18.03.2016), wurden im Kölner Dom im Rahmen der Abschlussveranstaltung von der diesjährigen lit.Cologne erotische persische Gedichte und das jüdisch-christliche Hohelied von Jasmin Tabatabai, Katharina Thalbach und Gustav Peter Wöhler vorgetragen.

Es ist schon etwas Besonderes, an solch einem Ort unter dem Motto „Er bedecke mich mit Küssen seines Mundes …“ Ghaselen und das Hohelied erleben zu dürfen. Somit wurde dem Klischee – Katholiken kennen keine Erotik und seien sexualfeindlich – widersprochen. Der Domprobst, Gerd Bachner, fand zur Eröffnung des literarischen Hafis, ein persischer DichterAbends klare und passende Worte. Joachim Frank vom Kölner Stadtanzeiger führte in das Thema, ordnete es in den historisch-literarischen Kontext ein. Die vorgetragenen persischen Gedichte stammen von Hafis, den auch den späteren Johann Wolfgang von Goethe inspiriert hat und das Gedichtband „West-oestlicher Divan“ August 1819 herausgab. Das Hohelied ist vermutlich zwischen dem 4. und 3. Jahrhundert vor Christus entstanden und gehört zu den salomonischen Texten und damit zum Buch der Weisheit. Den erotischen Text hat vermutlich nicht der König Salomo verfasst, der Dichter ist unbekannt.
     Die Gedichte sowie das Hohelied wurden als akustische Choreographie vorgetragen. Besonders Jasmin Tabatabai und Gustav Peter Wöhler konnten mit ihren tragenden Stimmen die Texte sehr würdevoll rezitieren. Katharina Thalbachs Stimme ist für solche literarischen Texte weniger gut geeignet, wenn gleich einige aus dem Publikum ihre krächzende Stimme gut fanden. Ihre Stimme eignet sich vor allem für Texte wie von Bertolt Brecht, Honoré de Balzac und ähnliche Schriftsteller. Jedoch ist dies natürlich Geschmackssache.
     Erst nach der Veranstaltung wurde deutlich, dass zwischen den Gedichten weitere Informationen vonnöten gewesen wären, um dem besser folgen zu können. So schaltete man zwischendurch ab, schaute sich den Dom an und hing seinen eigenen Gedanken nach. Während man innerlich abschaltete und sich umschaute, konnte man die Schönheit des Doms feststellen. Durch das besondere Licht der vielen Kerzen und die Dekoration für den Palmsonntag ließ einen den Dom mal aus ganz anderer Sicht erkennen, die vielen kleinen Säulen, die vielen wunderbaren Figuren. Häufig wirkt der Dom kalt und dunkel, hat schon fast was abweisendes, doch an diesem Abend war es wie eine Einladung: kommt herein und schaut und hört. Und dabei die beiden tiefen und klaren Stimmen, die solch eine Ghasele von Hafis vortragen:

Jasmin Tabatabai

Jasmin Tabatabai

Sieh, ich sterbe vor Verlangen nach Umarmung und nach Kuß;
Sieh, ich sterbe vor Begierde nach des saft`gen Munds Genuß;
Doch was spreche ich noch länger? Kurz und bündig will ich sein:
Komm zurück, denn sieh, ich sterbe schon durch der Erwartung Pein!
(aus: Hafis: Gedichte aus dem Diwan, ausgewählt und herausgegeben von Johann Christoph Bürgel, Reclam – Stuttgart 2007, S. 70 / RS III 338; QG 382; H – )

Das Hohelied wird in der jüdischen Tradition zum alljährlichen Pessach-Fest im Rahmen eines Gottesdienstes in 52 Liedern vorgelesen. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. Der König führte mich in seine Kammern. Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich; wir preisen deine Liebe mehr als den Wein. Herzlich lieben sie dich.
(aus: Altes Testament: Hoheslied, 1. Kapitel, 2 – 5, Übersetzung nach Luther)

Im Dom war es kalt, doch das Herz wurde mit diesen wunderbaren Worten warm und mit neuen Erkenntnissen ging man nach Hause. Es war ein schöner und würdevoller Abschluss im Rahmen der lit.Cologne.

– Hannah Tiger –
© read MaryRead 2016

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