Lit.Cologne 2017 – Ich bin so geil!, mit Annette Frier und Sky Du Mont

Von Freiheiten und Zwängen – Ein Abend der Egozentrik auf der LitCologne,Dichter, Schriftsteller, Fabeln,

Foto: © Simone Jawor

Von Freiheiten und Zwängen – Ein Abend der Egozentrik auf der LitCologne

Erstmal den Ansager fertig machen, dann Kölsche Lieder singen lassen, schließlich zum Hauptprogramm übergehen – sich gegenseitig angiften. Einen heiteren Donnerstag Abend bescherten Annette Frier und Sky Du Mont dem Publikum in der Kölner Flora bei der 15. Veranstaltung der diesjährigen LitCologne am 9. März 2017. Dabei zeigten sich die beiden Vorlesenden in Hochform bei wohlgesetzter Spöttelei und gelebter Egozentrik, war doch das Motto des Abends „Ich bin so geil!“. Jenseits von political correctness wurden Texte von Gottfried August Bürger bis Helmut Berger gelesen, kommentiert, bespöttelt und das eigene Ego zelebriert.
     Den Anfang machte Das Einmaleins des C-Schauspielers von Michael Greene, seinerseits Schauspieler im Ruhestand. Skurril und amüsant wurden Begebenheiten vorgetragen, in denen die ruhmlosen Schauspieler der dritten Garde Wege suchten, selbst ohne Text auf der Bühne zu glänzen. Ein paar Minuten Ruhm erreichen, oder gar den großen Durchbruch? Schamlos drängten sie sich in den Vordergrund, schmuggeln Requisiten in die Premieren und entstellten sich grässlich mit falschen Furunkeln und Krampfadern, um ein Blickfang auf der Bühne zu sein.
    
Eine besondere, und literarisch bedeutsame Form des Egozentrikers war der Dandy und ist es bis in die Gegenwart. Daher wurde er definiert, aus seinem Alltag wurde gelesen, neuere und alte Dandys wurden herangezogen. Dann der Bruch. Miranda Julys Kurzgeschichte „Roy Spivey wurde zum Besten gegeben. Eine junge Frau sitzt im Flugzeug und begegnet dort einem bekannten Star. Das unwahrscheinliche passiert: während des Fluges nähern sich die beiden skurrilen Reisenden einander an. Zum Beweis ihrer Zuneigung beißen sie einander und verabreden einen geheimen Code zum Abschied, bevor die gemeinsame Zeit endet und der Star wieder so tun muss, als würde er die Mitreisende nicht kennen. Jahre später fällt der nunmehr anderweitig verheirateten Frau noch einmal der Zettel mit der damals aufgeschriebenen Telefonnummer des Angebeteten in die Hand. Immer wieder warfen sich Frier und Du Mont die Bälle zu und streuten Bonmots sowie Zitate und kürzeste Texte ein. So etwa das Gedicht „Der Kuckuck von Christian Fürchtegott Gellert:

Der Kuckuck

Der Kuckuck sprach mit einem Star,
der aus der Stadt entflohen war.
»Was spricht man«, fing er an zu schrein,
»was spricht man in der Stadt von unsern Melodein?
Was spricht man von der Nachtigall?«
»Die ganze Stadt lobt ihre Lieder.« –
»Und von der Lerche?« rief er wieder.
»Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall.«
»Und von der Amsel?« fuhr er fort.
»Auch diese lobt man hier und dort.« –
»Ich muß dich doch noch etwas fragen:
Was«, rief er, »spricht man denn von mir,«
»Das«, sprach der Star, »das weiß ich nicht zu sagen;
denn keine Seele red’t von dir.« –
»So will ich«, fuhr er fort, »mich an dem Undank rächen
und ewig von mir selber sprechen.«

Oder diese Ultrakurz-Fabel von Wolfdietrich Schnurre, die klar macht: der Dandy ist auch in der Tierwelt zu finden.

Ein Kaninchen stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Da ging die Tür auf und der Fuchs trat herein.,, Hör auf, du sollst gefressen werden.“
,,Moment“, sagte das Kaninchen; ,, bloß noch den Scheitel.“

Einen längeren Abschnitt gabt es wiederum aus John von Düffels Roman „Ego. Der hier vorgestellte Egozentriker ist ein Sport- und Selbstoptimierungsfanatiker erster Güte. Der Zuhörer erfuhr viel über die Strapazen der Körpermodellierung und das „Nabellid“. Der Weg ins Büro musste warten, weil er nach mehreren außerplanmäßigen Extra-Sporteinheiten nochmals unter die Dusche gehen musste. In jeder Oberfläche will die Hauptfigur gespiegelt sein, ein Moment ohne beobachtet zu werden, ist ihm ein verlorener Moment. Der Zuhörer fühlt grinsend mit ihm, wenn er sein Leid klagt, dass im Fitnessstudio alle Menschen ihre Aufmerksamkeit dem eigenen Körper schenken würden, statt seinem. Eine Kaskade von Gedanken über Wohl und Wehe von Brusthaar schließt sich an, die in schierer Verzweiflung mündet.
     Eine ganz andere Form der Selbstüberhöhung verschriftlichte Theodor Lessing in Erinnerung an seine Kindertage. Der Drei-Käse-Hoch wollte König von Hannover werden, Bismarck zum Duell fordern und die Hohenzollern-Prinzessin Margarete ehelichen. Bekanntermaßen ist daraus nichts geworden. Ebenfalls politisch motiviert ist ein Egozentriker, um den es in Timur Vermes Roman „Er ist wieder da“ geht. Die Selbsteinschätzungen dieses Herren brauchen wohl nicht mehr ausgeführt zu werden. Dem Misanthropen an sich widmete sich Joseph von Westphalen in „Gehobene Misanthropie. Der Zuhörer erfuhr hier von verschiedensten Zielgruppen und ihrer Verachtungswürdigkeit. Allerdings, so der Autor, sei hier nichts dem anderen vorzuziehen, denn was immer einen abstoße, man brauche nicht zu glauben, dass das Gegenteil besser wäre.
    
In österreichischem Dialekt, den er leider nicht durchhielt, begann schließlich Sky Du Mont manche Darlegung von Helmut Berger wiederzugeben. Darlegungen über die eigene Bescheidenheit in Hollywood sowie die simplen Erwartungen an ein Filmset, das – so versteht sich – mit Originalrequisiten arbeiten müsse und nicht mit billigen Kopien, wie auch die Garderobe vom Feinsten zu sein habe und nicht eine Imitation des Feinen. Das könne man doch schließlich erwarten!
Im „Duett“ beschlossen Frier und Du Mont den Abend mit dem zuvor mehrfach angekündigten Robert Walser und seinem Text Liebe, in dem es – wie zu erwarten stand – nicht um die Liebe zu einer anderen Person ging.

Bei so viel Selbstverliebtheit kam man als Zuhörer um ein anhaltendes Schmunzeln nicht herum. Zu Recht widmet die LitCologne immer wieder Veranstaltungen nicht einem Autoren, sondern einem Thema, das mal heiter und mal nachdenklich stimmt und verweist so auf ältere oder wenig bekannte Texte. Was nun das „Ich bin so geil!“ betrifft, offenbaren sich Freiheiten und Zwänge der Egozentrik, die sich in allen vorgetragenen Texten wiederholen. Die intensive auf sich selbst bezogene Liebe, ermöglicht ein erfrischendes Auftauchen aus gesellschaftlicher Konformität. Sie lädt dazu ein sich zu Fragen, warum die Meinung, das Geschwätz, die Regeln der Umwelt, für das verliebte Individuum, überhaupt maßgeblich sein sollte. Es zeigt sich die Freiheit von Zwängen der Höflichkeit, Sittlichkeit oder Kollegialität. Diese Freiheit ist bisweilen rauschhaft, ermutigend und heilsam. Dafür offenbaren sich jedoch andere, weit gravierendere Zwänge: das zwanghafte Kreisen nämlich um die eigenen Befindlichkeiten und Äußerlichkeiten, das die Distanz zwischen ich und Welt auf ein Maximum auszudehnen scheint. Ob aber die zwanghafte Beschäftigung mit sich selbst und Verachtung der Außenwelt eine Ursache oder ein Ergebnis der Einsamkeit ist, die zwangsläufig die Kehrseite darstellt, muss offen bleiben. Distanzierte Misanthropie aus sicherer Distanz zu betrachten, macht einen Abend lang einfach Spaß.

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

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