Kurzgeschichte: Bedingungsloses Grundeinkommen

Literatursalon, 6. Mai 2017,Lesestoff,Brauerrei,

Gut gemeint

Stöhnend richtet sich Armin auf, versucht sich zu strecken. Seit vielen Jahren arbeitet er in der Brauerei, sein Einkommen ist gering, täglich kümmert er sich im die Reinigung der Pfandflaschen, echter Knochenjob. Immer häufiger fällt er krankheitsbedingt aus, dabei hat er schon seine Stundenzahl reduziert, mehr geht nicht, wenn er finanziell irgendwie über die Runden kommen will. Er lebt in einer kleinen billigen Wohnung, hat kein Auto und auch kein Hobby, dass ihm viel kosten würde.
     Neulich hat er zufällig eine Sendung über das „Bedingungslose Grundeinkommen“ gesehen, er war Feuer und Flamme, das Thema lässt ihn nicht mehr los, zu schön um wahr zu sein. Kein Arbeitgeber könnte ihn dann mehr drangsalieren, Niedriglöhne wären kein Thema mehr, einen von der Politik festgesetzten Mindestlohn wäre überflüssig, man ginge nur noch arbeiten, wenn es sich lohnt. Schlaraffenland. Obwohl: Es könnte Realität werden und das nicht erst in ferner Zukunft sondern sofort. Nach der Sendung hat er sich schlau gemacht. Bei seiner Recherche stieß er auf eine Website, die genau das verspricht: Ein Jahr lang Bedingungsloses Grundeinkommen, Monat für Monat 1.000 €, wenn man das Glück hat und ausgelost wird. Armin gab sofort einen Benutzernamen und Passwort ein, bei seinen Bankdaten zögerte er, ließ es sein. Irgendetwas sagt ihm die ganze Zeit: Lass es sein. Er weiß nicht, weshalb seine innere Stimme ihn warnt. Weil es zu verlockend ist? Natürlich sind 1.000 € im Monat kein Pappenstiel, er könnte sie gut gebrauchen, nur was geschieht, wenn er arbeitsunfähig wird und er von Hartz IV leben muss? Was dann? Würden die ihn dann noch nehmen? Wenn sie ihn nicht als bedürftig einstufen, dann sind 1.000 € zu wenig um die Fixkosten und seinen Nahrungsbedarf zu decken. Auf der Website für das Bedingungslose Grundeinkommen gibt es hierzu nur einen vagen Hinweis, man will sich auf keinen Fall festlegen, wirbt aber damit, dass es nur zu seinem Vorteil sein könnte.
Er bekommt eine Mail:

Hey Armin,

schön, dass du bei Mein Grundeinkommen mitmachst.
Um deine E-Mail-Adresse zu bestätigen, klicke noch schnell auf diesen Button:

Button

Liebe Grüße
Dein Team von Mein Grundeinkommen

Welches Ziel verfolgt die Website? Was wollen sie beweisen? Wofür diese Inszenierung? Es soll eine Kampagne sein, unter anderem beweist es, dass Menschen nicht massenweise ihren Job aufgeben. Das ist einleuchtend, da der Job nicht nur eine finanzielle Sicherheit bietet, sondern auch Anerkennung, sozialer Status etc. Nichts Neues. Unterstellt man leider nur allzu gern den Hartz IV-Empfängern.
     Alle Berichte über die Netzwerkbetreiber sind durchweg positiv, er kann suchen, so viel er will, nirgendwo liest er eine Kritik. Komisch. Seine warnende innere Stimme wird er dennoch nicht los.
In regelmäßigen Abständen wird von den Betreibern der Website die Lostrommel in Gang gesetzt. Wie viele gezogen werden, hängt von der Höhe der Spenden ab, von den Crowdhörnchen.
Kurz vor einer nächsten Ziehung erhält Armin wieder eine Mail:

Hallo Armin,


am kommenden Montag, dem 24. April, verlosen wir
15 Grundeinkommen. So viele wie noch nie!

Du nimmst mit deiner bei uns registrierten E-Mail-Adresse bisher NICHT teil.

Informationsstand ist der 20. April, 14 Uhr. Solltest du dich zwischenzeitlich zur Verlosung angemeldet haben, kannst du diese E-Mail ignorieren.

Bis spätestens Montag um 17:00 Uhr, eine halbe Stunde vor Verlosungsbeginn, kannst du noch deine Teilnahme bestätigen. Direkt danach erscheint deine Losnummer in deinem Profil.

Button: Jetzt teilnehmen

Im Livestream kannst du dann verfolgen, wie das Glücksrad in Schwung gebracht wird.

Du möchtest ab sofort automatisch an allen Verlosungen teilnehmen? Hier kannst du Crowdhörnchen werden.

Liebe Grüße & viel Glück
Marcella und Maheba

Seine Skepsis gegenüber den Betreibern kann er nicht überwinden, live sich die Verlosung anschauen will er hingegen schon, aber immer wenn er auf den Livestream-Button drückt, kommt der Hinweis, dass die Website wegen Überlastung zusammengebrochen ist. Was ihn wirklich interessieren würde, wären die Spendernamen (Benutzernamen würden ihm schon ausreichen), die Spendenbeiträge im Einzelnen und im Gesamten und welche Beträge behalten die Betreiber ein, um die Unkosten für die Website und Verwaltung zu decken. Vielleicht könnte er dann seine Skepsis überwinden.

– Ulrike Panther –
© read MaryRead 2017

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