Kolumne: Das Buch – der Autor – die Danksagung

Literatursalon, 20. Mai 2017, Andrea Sawatzki, Jodie Picoult, Christian von Ditfurth, Hoimar von Ditfurth, Jutta Ditfurth,

Bestandsaufnahme

Manche Bücher sind einfach da, sie liegen neben dem Bett, auf dem Schreibtisch, auf dem Wohnzimmertisch oder im Bad neben der Toilette oder sie stehen im Regal. Einige von ihnen verstauben, andere sehen abgenutzt aus. Man bekommt sie geschenkt oder man hat sie gekauft oder man hat sie sich in einer der Bibliotheken ausgeliehen.

Ich habe mich schon so manches mal gefragt, welche Merkmale vorausgesetzt sein müssen, dass ich genau zu diesem oder jenem Buch greife und andere links liegen lasse. Häufig stellt sich im Nachhinein heraus, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, dass das Buch zum richtigen Zeitpunkt in meine Hände gelangt ist, so als sei es mir zugeflogen, als hätte eine Geisterhand mir dies vertrauensvoll in die Hand gedrückt. An Geister glaube ich nun wirklich nicht, und da drängt sich mir die Frage auf, wieso ich sooft zum richtigen Buch greife, obwohl ich keine Kenntnisse über den Autor habe, geschweige denn, über den Inhalt. Der Klappentext wird wahrscheinlich eine Rolle spielen ebenso die Covergestaltung, und vielleicht auch das richtige Gespür. Zugegeben, wissenschaftlich ist das nicht. Ebenso wenig ist es wissenschaftlich belegt, wenn man im Vorfeld schon weiß, welche Bücher nichts taugen.

Manchmal treibt mich die pure Neugier zu einer Entscheidung. Christian von Ditfurth ist so einer. Der Kommissar und seine GegenspielerSeine Kriminalromane haben mich neugierig gemacht, aus einem banalen Grund. Als Jugendliche und auch später habe ich die Sachbücher wie beispielsweise „So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ oder „Innenansichten eines Artgenossen“ von seinem Vater Hoimar von Ditfurth mit Begeisterung gelesen, auch seine Schwester Jutta Ditfurth hatte ich als Umweltaktivistin und Politikerin im Fernsehen erlebt. Ich wollte dann natürlich wissen, mit welchen Themen setzt sich Christian von Ditfurth auseinander, was brennt ihm förmlich unter den Nägeln. Und dann lag plötzlich sein Kriminalroman Monster, Menschenfresser und HeiligeHeldenfabrik auf meinem Schreibtisch.
     Bestsellerautorin, man kann schon fast sagen, Bestsellergarantie, in den USA und Australien, Jodie Picoult, hat mich aus einem anderen Grund gereizt. Eine ehemalige Kollegin von mir hat geradezu von der amerikanischen Schriftstellerin geschwärmt. Ich wollte wissen, wie viel Substanz hat ihre Kriminalroman, Thriller, Buchbesprechung, Rezension, Literaturkritik, BibliographieSchwärmerei und so las ich den Roman von Jodie PicoultBis ans Ende der Geschichte.
Auch Schauspieler haben ein neues Metier gefunden: das Schreiben. Andrea Sawatzki ist eine von ihnen. In einigen Filmen habe ich sie schon gesehen, auf der Frankfurter Buchmesse 2015 war sie zum einen bei den Selfpublisher anzutreffen aber auch im ARD-Forum. Bekannte Persönlichkeiten haben durchaus einen Reiz und ich werde damit nicht alleine sein, dass man wissen möchte, wie und worüber Schauspieler schreiben. Gelesen habe ich von ihr „Der Blick fremder Augen“.

Es ist gut, dass es Literaturkritiker gibt, doch es kann auch ein Nachteil sein. Wenn einer im Format eines Marcel Reich-Ranicki´s loslegt, einen Roman förmlich in der Luft zerreißt, ist das für mich Grund genug das Werk zu lesen um zu überprüfen ob ich zum selben Schluss komme. Oft genug kann ich die Meinung des Literaturkritikers nicht teilen.
     Einige Kritiker haben die Angewohnheit, lieb-säuselnd daher zu kommen und scheuen sich offensichtlich davor, ein schlechtes Buch in der Öffentlichkeit zu besprechen. Das ist zwar eine blöde Angewohnheit, aber wenn einer von denen ein Buch bespricht, gibt es nahezu eine Garantie bei mir, dass ich freiwillig deren besprochenen Bücher nicht lese. Andere Kritiker hingegen machen mich sehr neugierig. Zum einen liegt es an deren Art und Weise, wie sie ein Buch besprechen, sachlich aber bestimmt, und es gibt bei denen Zwischentöne, nicht wie bei Marcel Reich-Ranicki Daumen rauf oder runter, sondern naja, sowohl als auch, und manchmal gut, manchmal schlecht. Eine Vorhersage ist hierbei ausweglos, im Gegensatz zu den lieb-säuselnden Kritikern. Da würde man jede Wette gewinnen, obwohl ich ungern wette, da es mich schon eine Menge gekostet hat.

Und ich habe Vorurteile, jede Menge. Wenn um ein Buch ein Hype entsteht, dann braucht es schon eine große Überzeugungskraft, dass ich dennoch bereit bin, das Buch zu lesen. So erging es mir bei Harry Potter von J.K. Rowling und Stieg Larsson. Im Falle von Harry Potter hat mich eine Freundin überzeugt, als ich für längere Zeit krank war. Sie nutzte die Gunst der Stunde: „Du bist krank, das ist gut so, hier hast Du Harry Potter, was anderes gibt es vorerst nicht.“ Ok, ganz so harsch war sie nicht, aber was sollte ich tun, ans Bett gefesselt, mit der Aussicht, dass ich das Bett noch länger hüten werde und alternativlos. Widerwillig nahm ich den ersten Band in die Hand und schon nach wenigen Seiten wollte ich immer mehr von dem Zauberlehrling wissen. Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden.
     Als der Hype um den schwedischen Journalisten von Stieg Larsson in der Millennium-Trilogie allmählich abebbte, war für mich der Preis ausschlaggebend. Alle drei Bände gab es zu dem Zeitpunkt als Taschenbuch und ich dachte mir, naja, kauf dir den ersten Band und lies mal rein. Was soll ich dazu sagen? „Verblendung“ hatte mich auf Anhieb gepackt und so verschlang ich alle drei Bände hintereinander. Den vierten Band habe ich mir bis heute geschenkt. Aller negativen Kritik zum Trotz, die Kriminalromane sind spannend und lesenswert.

Ich bin durchaus bereit, meine Vorurteile zu prüfen und es gibt Momente, in denen ich über mich selber lachen muss, wenn sich mal wieder herausstellt, ein unnötiges Vorurteil wie bei Harry Potter und Millennium-Trilogie gehabt zu haben. Andere Vorurteile halten sich bei mir hartnäckig, da ich sie immer und immer wieder bestätigt bekomme. Ein Kriterium (unter vielen) in der Literatur, die nicht zur Trivialliteratur gezählt werden, aber auch nicht zu ernsthafter hoher Literatur eingeordnet werden können, ist an einem Merkmal gut zu erkennen. Sie haben im Anhang eine Danksagung. Um mir selber kein Bein zu stellen (das ist bildhaft gemeint), schaue ich mir nie, wirklich NIE, die letzten Seiten an, denn ich könnte ja über die Danksagung stolpern und meine Voreingenommenheit wäre besiegelt. Aber häufig weiß ich trotzdem schon im Vorfeld, welche Bücher mich nicht begeistern werden, weil sie stilistisch unausgereift sind, weil die Handlung mich nicht überzeugt, da sie zu weit hergeholt ist, oft nicht sehr viel mit der Realität zu tun hat. An dieser Stelle kann man einwenden, dass es surreale Momente geben kann. Ich nicke dazu und sage: Stimmt, die gibt es, aber Surreales haben eindeutige Merkmale, die auch dem Leser nicht verborgen bleiben, wie beispielsweise wenn ein Ei spricht wie in „Herr Göttrup setzt sich hin“ von Sharon Dodua Otoo, es gibt den magischen Realismus, auch das stimmt, ABER wenn eine Kriminalbeamtin zufällig ein Pärchen lange vor einem Mord schon beobachtet hat, so kann man nicht mehr von Surrealismus sprechen. Da wird eine Handlung zurecht gepresst, um sie irgendwie passend zu machen.
     Verlage können meine Voreingenommenheit stärken oder schwächen. Ein paar Verlage legen das Kriterium zugrunde, Bestseller verdächtig oder nicht. Verwerflich ist das nicht, aber es gibt Verlage wie der Hanser, S. Fischer Verlag sowie Kiepenheuer & Witsch, um nur ein paar zu nennen, denen es gelingt, auf Qualität zu achten und dennoch Bestseller herauszubringen.
Einigen Autoren traue ich von vornherein nicht viel zu, obgleich ich sie weder persönlich kenne noch jemals vorher etwas von ihnen gelesen habe. Im Falle von öffentlichen Personen ist es ihr Auftreten, ihr Erscheinungsbild, ob sie zum Schwätzen neigen, die Eindruck schinden wollen, oder ob sie über etwas sprechen, weil es ihnen vom Inhalt her wichtig und die äußere Verpackung unwichtig ist. Ganz besonders schwer haben es jene, die in die Fußstapfen ihrer Eltern oder anderen Verwandten treten wollen. Sie sind begehrt, weil geldversprechend, und deren Können ist dabei zweitrangig. Leider bekommt man das auch immer wieder bestätigt.

Und dann gibt es noch ein Kriterium, dass meine Vorurteil oft, zu oft, bestätigt: die Danksagung im Anhang.
     Danksagungen im Anhang eines Buches wirken unbeholfen, zeigen, dass jemand die Kunst des Schreibens nicht beherrscht, auf Hilfe angewiesen ist. Hand aufs Herz: wer liest freiwillig die lange Liste, die an dem Buch mitgewirkt haben? Wer kennt all die Menschen, die aufgelistet sind? Wen interessiert das?

– Rosa Stein –
© read MaryRead 2017

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