Martin Walser und die Gruppe 47

deutsche Literaturgeschichte, 20. Jahrhundert, Bad Berleburg, Herbst, Teichschloss,Glitzerwasser,

Inhaltsverzeichnis:

> Der Redakteur
> Zäsur Mitte 1950er
> Die Preisverleihung
> Grenzüberschreitungen
>
Sozialisation der Gruppe 47

Einzelnachweise

Die Suche nach dem Gleichgewicht

Die „junge deutsche Literatur der Moderne“ – eine Bezeichnung von Walter Jens – war geprägt vom Spannungsfeld zwischen der nationalsozialistischen Vergangenheit und der kapitalistischen Gegenwart, zwischen Zuflucht und Aufbegehren, zwischen Subjektivität und Identitätsverlust.1 
     In diesem Spannungsfeld bewegte sich auch Martin Walser, vielleicht mehr als manch anderer. Er war derjenige, der die Initiative ergriff, um an der Gruppe 47 teilhaben zu können, obwohl er im Vorfeld seine Kritik an ihr im privaten Umfeld äußerte. Sein Aufbegehren gegen die Gruppe nahm im weiteren Verlauf noch zu, es gelingt ihm jedoch, sich von der Gruppe zu distanzieren und sich physisch von ihr komplett zu lösen.

Der Redakteur

Die tatsächliche Verweildauer von Martin Walser in der Gruppe 47 war eher kurz. Er trat nie offiziell aus (weil man auch nicht offiziell eintreten konnte), es hatte sich so ergeben, ähnlich wie die Strukturen der Gruppe selbst sich ergeben haben ohne Businessplan. Dennoch hat man den Eindruck, als sei Martin Walser einer der führenden Köpfe der jungen literarischen Gruppe gewesen. Sicherlich entsteht dieser Eindruck auch aus seinen Kommentaren, mündlicher und schriftlicher Form, zum anderen zeugt es von seinem Schwergewicht als Schriftsteller der Gegenwart.

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Kartenausschnitt: Welzheimer Wald

Fast aus unmittelbarer Nähe konnte er als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk die Gruppe 47 beobachten.
     Bei der Tagung vom 18. bis 20. Oktober 1951 in der Laufenmühle im Welzheimer Wald bei Ulm schlich er als Redakteur in den Versammlungsraum und suchte die Nähe zu Hans Werner Richter.2aa Er war davon überzeugt, dass er den anderen Schriftstellern das Wasser reichen könne und teilte dies auch so dem Gründer der Gruppe Hans Werner Richter mit.3aa Unter mangelndem Selbstbewusstsein litt er jedenfalls nicht und so wurde er für die Frühjahrstagung vom 22. bis 24. Mai 1953 auf dem Mainzer Schloss eingeladen. Bei dieser Tagung wurde zum vierten Mal der Preis vergeben, dieses Mal ging er an Ingeborg Bachmann.3ca 
    
Neben Martin Walser wurde auch Arno Schmidt zu der Tagung eingeladen, aber selbst die Überredungskünste seitens Martin Walsers liefen ins Leere und konnten ihn nicht überzeugen, er lehnte schriftlich ab.3ab Alfred Andersch, ein Mitglied der ersten Stunde, besuchte Martin Walser und bat ihn, Arno Schmidt für die nächste Tagung der Gruppe zu gewinnen und so schrieb er am 10. April 1953 an Arno Schmidt:

[…] Ich würde es aber den 47ern gönnen, daß sie einmal eine Faust unter sich spürten. Manch leichtfertiges Geschreibe könnte durch eine Lesung von Ihnen zur Entlarvung gebracht werden. […] Wenn Sie lesen würden, hätte die ganze Veranstaltung mehr Sinn.“2ba

Obwohl der Redakteur noch gar kein „ordentliches“ Mitglied ist, an keiner Tagung der Gruppe teilgenommen hat, wird in diesem Brief sein Unmut schon deutlich. Von etlichen Teilnehmern der ersten Phase der Gruppe hält er keine großen Stücke. Er nennt im Brief nur drei Namen, worüber seiner Ansicht nach zurecht gesprochen wird: Heinrich Böll, Ilse Aichinger und Friedrich Dürrenmatt.
     Am 17. April 1953 wurde ein Gespräch zwischen Martin Walser und Arno Schmidt vom Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlt. Im Gespräch wird die Literaturauffassung von Arno Schmidt deutlich. Für ihn ist es nicht bedeutsam, ob ihn die Leser verstehen, im Gegenteil, seiner Auffassung nach zeugt es nur davon, wenn der Großteil der Leserschaft einen Autor begreift, dass dieser sein Handwerk nicht beherrscht und deshalb eine laienhafte Partitur vorlegt.2ca Marcel Reich-Ranicki wird zu einem späteren Zeitpunkt seine gegenteilige Literaturauffassung mitteilen, die noch für Zündstoff sorgen wird.

Die Gruppe sollte in erster Linie eine Plattform des Austausches sein, eine Möglichkeit verschaffen, das literarische Handwerk zu verbessern; das bedeutete aber auch, dass jeder sich von dem anderen literarisch abgrenzen musste, zeigen musste, dass seine Literatur etwas Besonderes, etwas Hervorragendes, etwas Individuelles ist. Jeder legte sein Einzelbewusstsein von der Vergangenheit und Gegenwart dar, jeder aus seiner subjektiven Wahrnehmung. In dieser Hinsicht war Martin Walser nicht anders als seine Mitstreiter.

Zäsur Mitte 1950er

Zwei Ereignisse sollten die Gruppe 47 eine neue Ausrichtung geben und bei Martin Walser ein unbemerkter innerer Bruch stattfinden.

Nach der Tagung vom 25. bis 27. Oktober 1956 in Niederpöcking am Starnberger See lud Hans Werner Richter junge Autoren ein, die allesamt in den 1920er Jahre geboren wurden und die Gruppe nachhaltig verändern sollten. Die Kahlschlag-Ideologie beziehungsweise der Nullpunkt-Glaube wurden abgelöst und durch viele moderne Varianten ersetzt.3ba

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Jagdschloss Bebenhausen

Während der Tagung vom 14. bis 16. Oktober 1953 im Schloss Bebenhausen bei Tübingen (dort verweilten in der Vergangenheit des öfteren Prominente und Schriftsteller wie Johann Valentin Andreä, der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der Dichter Ludwig Uhland, Eduard Friedrich Mörike, die Dichterin Isolde Maria Klara Kurz, Friedrich Carl Maria Sieburg, um nur einige zu nennen)4, geschah aus der Sichtweise von Martin Walser etwas Ungeheuerliches. Albert Vigoleis Thelen las aus seinem Hauptwerk „Die Insel des zweiten Gesichts“. Hans Werner Richter bezeichnete diesen Roman als „Emigrantendeutsch“, was nicht gebraucht werden würde. Martin Walser war erbost über die Reaktion von Hans Werner Richter, noch viele Jahre später kann er seinen Zorn darüber nicht verbergen.2da Das Schloss erbebte in jeglicher Hinsicht.
     Hieran wird zweierlei deutlich: Das literarische Verständnis von Hans Werner Richter ist beschränkt, seine Kenntnisse über die Moderne unzureichend.
    
Die Reaktion war für Albert Vigoleis Thelen ein Schock, dass offenbar Martin Walser und anderen nicht entgangen ist. Gerade mal nach zehn Jahren Kriegsende, nach grausamer Verfolgung von Sinti und Roma und Juden, war für viele Teilnehmer die abwertende Haltung seitens Hans Werner Richters nicht nachvollziehbar.
    
Ein weiteres Diskussionsfeld war das Hörstück „Die Minute des Negers“ von Wolfgang Weyrauch, dass von Martin Walser im Stuttgarter Sender als „hörspielartiges Monolog“ produziert worden war.2ea

Die Preisverleihung

Nachdem Martin Walser bei der Tagung vom 13. bis 15. Mai 1955 im Haus am Ruppenhorn in Berlin für seine Erzählung „Templones Ende“ den mit 1.000 DM dotierten Preis – gespendet von den beiden Verlagen Luchterhand und Weiss – erhielt, besuchte er keine weitere Tagung mehr.
     Eigentlich war die Preisverleihung für Martin Walser aussichtslos, da die Erzählung ein Griff aus dem „Kafka-Arsenal“ war, was von Hans Werner Richter abgelehnt wurde, aber er akzeptierte die Entscheidung.2ab

Hans Werner Richter kommentierte das später so:

Martin Walser benahm sich ganz anders, als ich erwarten konnte, seine Überheblichkeit, seine Arroganz schien von ihm abgefallen, er war ein liebenswerter und liebenswürdiger Teilnehmer, ja, er gehörte plötzlich dazu, ohne daß jemand darüber gesprochen hätte.“2ac

Ein paar Jahre später schilderte Martin Walser 1972 in einem Gespräch seinen Eindruck von der Gruppe im Allgemeinen und im Besonderen:

[…] Aber eingebunden war diese sprachliche, diese stilistische Diskussion in einen sehr beschränkten, primitiven, realistischen Vorschriftshorizont, […]. Einer eben aus der Schule Kafkas kommenden Prosa wurde z.B. mit äußerstem Mißtrauen begegnet.“3ia

Die Nähe zum Kafka-Stil von Martin Walser kam nicht aus dem Ungefähren. Bei seiner Promotion 1951 befasste er sich mit Franz Kafka.5 Als er zum ersten Mal an einer Tagung teilnahm, bekam er zu spüren, was es heißt, wenn man im Stil Kafkas kürzere Prosa vorträgt.3ac Die Kritik war erbarmungslos.2ad Dennoch blieb er vorerst bei diesem Stil, aber seine ersten Gehversuche im Realismus wurden schon deutlich. Im Schloss Bebenhausen las er aus seinem Roman „Ehen in Philippsburg“.3ad Darin werden Frauen und Männer der Mittelschicht den gesellschaftlichen Ansprüchen geopfert. Protagonist des Romans ist Hans Beumann, der alles daran setzt, seine Ehefrau und seine Geliebte in seinen Terminkalender zu pressen. Martin Walser wagt in seinem Debütroman einen Tabubruch und schildert, wie die Geliebte von Hans Beumann nach einer Abtreibung mit sich ringt, mit den Konsequenzen leben muss. Fast wäre dieser Roman wegen Tabubruchs nicht erschienen, aber am 2. Juli 1957 erhielt er dafür den Hermann-Hesse-Preis.6  Florian Illies hält diesen Roman für einen der stärksten von Martin Walser, wie er im Artikel „Der vergessene große Roman“, erschienen in Die Zeit vom 09.04.2008 kundtut und bedauert darin, dass er so wenig im Leserbewusstsein präsent ist.

Im Gespräch von 1972 sagte Martin Walser weiter:

Da kam die Ilse Aichinger und hat eine großartige Geschichte vorgelesen, die so gar nicht in den Horizont hineinpaßte, und da merkte man an der Akklamation, daß die Wortführer, die die Literatur so in den Kahlschlag hineinpressen wollten, eben doch nicht die Majorität waren. Und wenn die Ingeborg Bachmann etwas vorgelesen hat, hat man gemerkt, es bleibt doch nicht bei dem, was da einmal zu programmatisch beabsichtigt worden war; es waren schon viel mehr Stilrichtungen vorhanden, nur haben die sich nicht so hervorgetraut.“3da

Man könnte annehmen, nachdem Martin Walser den Preis erhielt, dass seine Kritik an der Gruppe abflauen würde, doch das Gegenteil war der Fall, sie nahm zu.
     Der Preis wurde bis 1955 regelmäßig jedes Jahr vergeben, danach beschloss Hans Werner Richter die Auszeichnung nur noch in unregelmäßigen Abständen zu verleihen.3ea

Grenzüberschreitungen

Seit der Tagung vom 31. Oktober bis 2. November 1958 im Gasthof Adler in Großholzleute (Allgäu) war die Gruppe 47 in aller Munde.

Gasthof:

Günter Grass las aus seinem Roman „Die Blechtrommel“, bekam dafür den siebten Preis (dotiert mit 5.000 DM). Die Kehrseite der Bekanntheit war, dass immer mehr Schriftsteller, Literaturkritiker, Medien und Gäste an den Tagungen teilnehmen wollten. Einige aus der Gruppe beobachteten dies mit großer Skepsis, einer von ihnen war Martin Walser.
     Nach der Tagung in Aschaffenburg – 4. bis 6. November 1960 – zog Hans Werner Richter die Reißleine, verkündete, dass er die Liste von 160 potentiellen Teilnehmern auf 60 gekürzt habe. Martin Walser reagierte am 26.09.1961 folgendermaßen:

Lieber Hans Werner Richter, gratuliere zur versuchten Rettung der Gruppe durch Ausladung der Zaungäste. Wenn es Dir jetzt noch gelänge, die törichte Presseberichterstattung abzubauen, dann könnte man tatsächlich offen reden. Also bis Göhrde!“3fa

Nur Martin Walser nahm an der Tagung auf dem Jagdschloss in Göhrde bei Lüneburg vom 27. bis 29. Oktober 1961 gar nicht teil, so wie er schon bei den vorherigen Tagungen durch Abwesenheit glänzte.

Seit 1958 saßen Kritiker wie Walter Friedrich Höllerer, Joachim Kaiser, Walter Jens, Walter Mannzen „- und nun auch Marcel Reich-Ranicki“ in der ersten Reihe, „ein Jahr später komplettiert Hans Mayer diese Phalanx.“3ga Sie wetteiferten um Einfälle, „um die schönsten Pointen“ und Verrisse.2fa Viel Raum und Zeit nahmen die Kritiker ein, der jeweilige Autor, der seinen mitgebrachten Text gerade vorgetragen hatte, war zum Schweigen verdonnert. Oft genug mussten sich die Schriftsteller herbe Kritik anhören, die ihnen nicht immer gut tat. Was Martin Walser von der Kritiker-Riege hielt, legte er in dem offenen „Brief an einen ganz jungen Autor“ in Die Zeit vom 13. April 1962 dar. Darin bekommt ein Neuling einen Verhaltenskodex an die Hand und wird darauf vorbereitet, was ihn erwartet, wenn er seinen Text der Gruppe vorträgt. Was nun folgt, ist eine Charakterstudie der Literaturkritiker, die so auf den Punkt gebracht bislang keinem gelungen ist.
     Ein Beispiel: Walter Jens, von dem 1961 der Essayband „Deutsche Literatur der Gegenwart“ erschien, skizziert Martin Walser in seinem Brief folgendermaßen:

Du kannst dich nicht darauf verlassen, daß er das pure Gegenteil von dem behauptet, was Höllerer gesagt hat. Zweifellos wird er dieses oder jenes Fähnchen Höllerers an eine andere Stelle stecken, vor allem aber wird er Dein Vorgelesenes immer wieder in die Luft werfen und immer wieder selbst auffangen, um zu sehen, wie schwer es ist, wie viel es aushält. […] – denn ihm geht es um Deinen zukünftigen Platz in der Walhalla der zeitgenössischen Literatur, […] an Kinsky oder Demosthenes wirst Du denken, Du wirst Dich versinnen, bis zur synchronisierenden Fehlleistung: Sturm über Attica, und wirst ganz vergessen, daß es dabei um Dich geht, um Dein Vorgelesenes.“7

So manch ein Kritikpunkt im offenen Brief von Martin Walser kann man ebenfalls am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb üben, dass von Marcel Reich-Ranicki initiiert wurde, um die Gruppe 47 fortleben zu lassen.

Sozialisation der Gruppe 47

Im Vorfeld der Tagung in Schweden verdichtete sich der Unmut, die sich in schriftlichen Absagen und Kommentierungen äußerten. Neben Martin Walser blieben auch „Ilse Aichinger, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Siegfried Lenz“ und Günter Eich der Tagung fern.2ga 
     Die Tagung vom 9. bis 13. September 1964 in Sigtuna (Schweden) sollte zur Sternstunde der Kritiker werden, die Schriftsteller und Dichter in den Schatten stellen. Während die Kritiker in aller Munde waren, das Lob über sie sich schon fast überschlug, wurden die eigentlichen Akteure kaum wahrgenommen.
    
Im „Brief an einen ganz jungen Autor“ wird mal offen, mal zwischen den Zeilen der Unmut von Martin Walser geäußert, aber dabei bleibt es nicht. Zwar werden vorerst die Kritiker in der nächsten Zeit verschont, dafür knöpft er sich nun die gesamte Gruppe vor, insbesondere Hans Werner Richter. Sein Unmut, oder man sollte eher von Zorn sprechen, bricht sich im Artikel „Sozialisieren wir die Gruppe 47!“, der am 3. Juli 1964 in Die Zeit veröffentlicht wurde, Bahn. Darin zitiert er zuerst Hans Habe, der in „Heftige Sätze“, dass am 19.06.1964 in der Weltwoche abgedruckt wurde, die Gruppe als „Meinungsterror“ der deutschen Literatur bezeichnete. Martin Walser beschreibt anschließend seinen Eindruck von der Gruppe: „eine literarische Monopolgesellschaft, etwas Herrschsüchtiges, eine Dauerverschwörung, ein Markenartikel mit Preisbindung bis in die letzte Hand.“
    
Und weiter heißt es:

Die Gruppe ist in vielen Augen eine herrschsüchtige Clique geworden. Und der literarische Jahrmarkt, der da einmal im Jahr stattfindet, auf dem es so lustig und so lächerlich und so grausam und so laut und so bunt und so unterhaltsam zugeht wie auf einem richtigen Jahrmarkt, dieser Jahrmarkt wird beurteilt als eine monopolistische imperialistische Veranstaltung zur Einschüchterung der Kritik, der Leser, der Öffentlichkeit. Und vielleicht ist der Gruppe unbemerkt ein kleines Beil in die Hand gewachsen, das aussieht wie ein großes Beil. Ich finde, da ist es wirklich Zeit, das zufällig Gewordene zu überprüfen. Vielleicht hat sich da etwas entwickelt, was jetzt noch korrigiert werden kann.“8a

Mehr zur Gruppe 47
> Der Ruf

Als Lösung schlägt Martin Walser vor, dass eine Jury gebildet werden sollte, die entscheidet, wer an den Tagungen teilnehmen darf. Vor allem aber schlägt er darin vor, dass die Gruppe für jede Autorin und jedem Autor zugänglich sein sollte, dass jeder Kritiker, unabhängig von seiner Anschauung, teilnehmen kann. Am Ende schreibt Martin Walser: „Probieren wir´s doch einmal demokratisch. Das wäre mal was Neues.“8b 
     Der Hauch von „Mehr Demokratie wagen“, der erst später von Willy Brandt (28.10.1969) als Basis seines politischen Verständnisses werden sollte, wird durch Martin Walser schon vorweggenommen. Hans Werner Richter war über den Artikel empört. Im Brief an Carl Amery vom 09.07.1964 bezeichnete er den Artikel als „dumm“, „für uns alle als außerordentlich gefährlich, als Schuß in den Rücken.“3ha Der letzte Teil lässt einen aufhorchen. Will Hans Werner Richter an die Dolchstoßlegende, die nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem nach dem Versailler Vertrag durch die Gazetten thematisiert wurde und von den Nationalsozialisten als „Wahrheit“ propagiert wurde, anknüpfen, gar eine Nähe herstellen?
    
Martin Walser war nicht der einzige, der gegen die Gruppe rebellierte, aber um die Strukturen radikal infrage zu stellen, die Teilnehmer zum Nachdenken zu zwingen, dafür brauchte es einen ganz neuen Typus. Der neue Typus war Peter Handke, der auf der Tagung vom 22. bis 24. April 1966 in Princeton (USA) mit seiner Rede die Fundamente der Gruppe tiefe Risse verpasste, vielleicht sogar das Auseinanderdriften beschleunigte.

Obwohl Martin Walser als Teilnehmer an den Tagungen nur selten dabei war, so behielt er die Rolle des Beobachters, zuweilen des Mahners, bis zum Schluss bei. Auch wenn er tiefe Skepsis gegen die Gruppe hegte, so nahm er den Preis dennoch entgegen und er ist untrennbar mit der Gruppe 47 verwoben. Für seine Karriere als Schriftsteller war sie jedenfalls ein Sprungbrett.

– Daniela Walter –
© read MaryRead 2017

► Ankerlichtung

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Einzelnachweise:

1 Vgl. Ralf Schnell (u.a.): Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag J. B. Metzler – Stuttgart, Weimar – 2008 (7), S. 598

2aa, 2ab, 2ac, 2ad: Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Deutsche Verlags-Anstalt – München 2012, S. 218
2ba: S. 187
2caS. 184
2da: S. 154 f.
2eaS. 212 f.
2faS. 267
2ga: S. 345

3aa, 3ab, 3ac, 3ad: Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47, Rowohlt Taschenbuch Verlag – Reinbek bei Hamburg 2004, S. 80
3ba S. 79 f.
3caS. 143
3daS. 72
3ea: S. 64
3fa: S. 99
3ga: S. 95
3ha: S. 116
3ia: S. 72

4 (): Tübingen, zuletzt abgerufen am 22.03.2017  

5 (): Vgl. ARD – Druckfrisch mit Denis Scheck im Gespräch mit Martin Walser, zuletzt abgerufen am 22.03.2017  

6 (): Geschichte: Hermann-Hesse-Preis, zuletzt abgerufen am 22.03.2017

7 (): Martin Walser: Brief an einen ganz jungen Autor, Die Zeit, 13.04.1962, zuletzt abgerufen am 22.03.2017  

8a, 8b (): Martin Walser: Sozialisieren wir die Gruppe!, Die Zeit, 03.07.1964, zuletzt abgerufen am 22.03.2017   


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