Der Ruf – Unabhängige Blätter der jungen Generation

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Warmlaufen für die Gruppe 47

Demokratisierungsprozess in der Kriegsgefangenschaft, Hans Werner Richter und Alfred Andersch lernen die Redaktionsarbeit kennen

Nebelverhangener Morgen, ein paar Vögel huschen von Baum zu Baum. Allmählich weiß auch der Letzte: der Sommer ist vorbei, die warmen Tage können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Herbst im Anmarsch ist. Zwischendurch hört man einen gedämpften Ruf von einem der Vögel, selten wird darauf geantwortet.

Inhaltsverzeichnis:
> Der P.O.W. , von Hans Werner Richter
> Pfannkuchenrezept (Auszug) von Günter Eich
> Einzelnachweise

Als Soldat in Dänemark versuchte Alfred Andersch 1944 einen Erzählband im Suhrkamp Verlag unter zubekommen, doch der Verlag lehnte ab.1aa Am 25. April 2 desselben Jahres erscheint seine Erzählung in der Kölnischen Zeitung. Bald darauf soll er als Soldat in Italien dienen, dort angekommen, läuft er am 6. Juni zu den Amerikanern über,1ba kommt als Kriegsgefangener in die USA in das Lager Fort Philip Kearney (Rhode Island).1ab

Für Hans Werner Richter gibt es kein Entrinnen. Er wird im April 1940 als Soldat einberufen und gerät am 12. November 1943 in Italien bei Oriolo in amerikanische Gefangenschaft. Seine erste Station seiner Gefangenschaft ist das Lager in Ellis in Illinois. Dort kann er als Leiter der Lagerbibliothek fungieren und arbeitet mit an der Zeitschrift Lagerstimme. Im Oktober 1945 wird er nach Fort Philip Kearney verlegt.1ba

Obwohl Walter Kolbenhoff Mitglied der Kommunistischen Partei war, nach Kopenhagen emigrierte, wurde er 1942 als Wehrmachtssoldat eingezogen und geriet 1944 bei Monte Cassino in amerikanische Gefangenschaft.1ca

Amerikanische Gefangenschaft bedeutete unter anderem: das Erlernen von Demokratieverständnis. Literaten und Publizisten bekamen die Möglichkeit, sich in Zeitschriften zu üben und so kam am 1. März 1945 zum ersten Mal unter der Leitung von Curt Vinz Der Ruf. Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen in USA heraus. Mitgewirkt haben Hans Werner Richter und Alfred Andersch. Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft wurde die Idee sowie die Zeitschrift in Deutschland gegründet und verbreitet. Am 15. August 1946 erschien sie unter dem Titel Der Ruf – Unabhängige Blätter der jungen Generation. Curt Vinz hatte diese Idee und Alfred Andersch war von Beginn an Herausgeber,1da Hans Werner Richter arbeitete zunächst redaktionell mit, wurde am 1. Oktober 1946 bei der vierten Nummer ebenfalls Herausgeber.1cb
     Der Ruf war eine Mischung aus politischen Essays und Kommentaren – umfasste meist acht Seiten einer Ausgabe, kulturelle und literarische Themen – machte circa vier bis fünf Seiten aus, und im letzten Teil waren Buchbesprechungen und Inserate.3

Als Walter Kolbenhoff in ein amerikanisches Lager gebracht wurde, war er fassungslos, da die Gefangenen aufgeteilt wurden nach Faschisten und Antifaschisten. Als Gefangener hoffte man, wenn man angab, dass man Antifaschist sei, auf bessere Lagerbedingungen und so gab es plötzlich viele vermeintliche Gegner des nationalsozialistischen Regimes. Walter Kolbenhoff sprach eines Tages mit einem der Kulturleutnants und machte ihn auf dieses merkwürdige Phänomen aufmerksam. Er schlug ihm vor, nicht die Gefangenen nach ihrer Gesinnung zu fragen sondern ob sie Regimekritiker kennen wie Kurt Tucholsky oder Erich Kästner. Der Vorschlag von Walter Kolbenhoff wurde tatsächlich umgesetzt und mit einem Mal reduzierte sich die Zahl der Antifaschisten auf etwa ein tausendstel.5
     Später traf Walter Kolbenhoff auf Hans Werner Richter und Alfred Andersch.

Alfred Andersch sprach später über die amerikanische Kriegsgefangenschaft:

„Ich habe dort das klassische Demokratiekonzept kennengelernt. Man hat es uns dort in Kursen in allen möglichen Formen vermittelt, stärker noch war die Tatsache, dass wir in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in den USA sehr gut behandelt worden sind und im Umgang mit Amerikanern ein hohes Gefühl von Freiheit empfunden haben.“5b

Hans Werner Richter sagte später über die Zeit in den USA:

„Das Ende des Krieges erlebte ich in Gefangenschaft hinter Stacheldraht in Amerika. Es war eine Befreiung für mich, die Befreiung von Hass, Bevormundung und Angst.“5c

Im Gefangenenlager, aber vor allem nach 1945, gab es zahlreiche politische Debatten über die Schuldfrage. Alfred Andersch äußerte sich in der ersten Ausgabe Der Ruf – Unabhängige Blätter der jungen Generation und schrieb:

„Die erstaunlichen Waffentaten junger Deutscher in diesem Kriege und die <Taten> etwas älterer Deutscher, die gegenwärtig in Nürnberg verhandelt werden, stehen in keinem Zusammenhang. Die Kämpfer von Stalingrad, El Alamein und Cassino, denen auch von ihren Gegnern jede Achtung entgegengebracht wurde, sind unschuldig an den Verbrechen von Dachau und Buchenwald. Die Distanz, welche die ehemaligen Soldaten von den Verfluchten, die sie begingen, trennt, ist so groß, daß sie die Täter nicht einmal wegen des reinen Tatbestandes hassen können. […] Todeswürdige Verbrecher löscht man aus, man haßt sie nicht.“1ea

Vom Grundsatz her kann man Alfred Andersch zustimmen, dass es einen Unterschied gibt, ob man Befehlshaber ist oder ob man einen Befehl ausführt. Dennoch stellt sich die Frage und diese Frage wird bis heute immer wieder neu diskutiert, inwiefern der einzelne eine Mitschuld trägt, auch dann, wenn er nicht in einem der Konzentrationslager tätig war. Alfred Andersch aber auch etliche andere lehnten eine Kollektivschuld ab. In seinem Schreiben nimmt er die Soldaten in Schutz. Kein Wunder, er war selber Soldat. Auffällig ist, dass er zu diesem Zeitpunkt sich als Opfer sieht und nicht als Täter, eine Reflexion bleibt aus, er weiß, wer die Verbrecher sind (die Angeklagten im Nürnberger Prozess), er kommt nicht auf die Idee, dass die Angeklagten ohne dem sogenannten Fußvolk machtlos gewesen wären, ein Verbrechen dieses Ausmaßes nicht hätte geben können. Darüber hinaus wird der Grundstein für den späteren Konflikt zwischen den Generationen, die sich in der 1968er Generation zum Ausdruck kommt, gelegt. Aus der Sicht von Alfred Andersch und anderen lag das Versagen bei der Vätergeneration, also all jene, die vor 1900 geboren wurden. Gleichzeitig kam mit dieser Haltung es zu Auseinandersetzungen mit den Amerikanern, die häufig Beiträge ablehnten und nicht abgedruckt werden durften. Die unbeugsame Haltung von Alfred Andersch und Hans Werner Richter führte in der Redaktion immer häufiger zu Konflikten.3b
     Andererseits hatte die sogenannte Kollektivschuld weitreichende Folgen, vor allem für die tausenden von Kriegsgefangenen, sie waren praktisch ohne Rechte. Die Alliierten prüften nicht jeden einzelnen Werdegang, sondern sie sahen in den Kriegsgefangenen Arbeitsmaterial, insbesondere in der Sowjetunion und Frankreich. Eine ehrliche Auseinandersetzung um die Frage der Schuld wurde somit erschwert, die beiden Lager – Alliierte und die Deutschen – blieben somit bei ihren Sichtweisen.
     Was Kriegsgefangenschaft konkret bedeutet, hat Hans Richter am 17. November 1944 in Die Lagerstimme im Camp Ellis vom Bundesstaat Illinois im Gedicht „Der P.O.W.“ dargelegt:

Der P.O.W.

So nun vergeht des Lebens Lauf
An jedem Morgen stehst du auf
Und bis ein PoW.

Unsanft wirst du vom Schlaf erweckt
Bekuemmert naht sich dein Projekt
Das Leben tut oft weh.

Mit Haenden aber hebst du fleissig
Die Schaufel schlicht auf vierunddreissig
O Mittag` komm` und geh`.

Am Nachmittag der Blick zur Uhr
Erhoeht die Qualen der Natur
Sanft bist du wie ein Reh.

Allein am Abend ist es nett
Ermuedet sinkst du dann ins Bett
– – – Und bleibst ein – PoW.4

Auch Günter Eich schrieb ein Gedicht über die allgemeine Versorgungslage in den Gefangenenlagern:

Pfannkuchenrezept (Auszug)

Die Trockenmilch der Firma Harrison Brothers, Chikago,
das Eipulver von Walkers, Merrymaker & Co., Kingstown, Alabama,
das von der deutschen Campführung nicht unterschlagene Mehl
und die Zuckerration von drei Tagen
ergeben, gemischt mit dem gut gechlorten Wasser des Altvaters Rhein,
einen schönen Pfannkuchenteig.
Man brate ihn in der Schmalzportion für acht Mann
auf dem Deckel einer Konservenbüchse und über dem Feuer
von lange gedörrtem Gras.
Wenn ihr ihn dann gemeinsam verzehrt,
jeder sein Achtel,
dann spürt ihr, wenn er auf der Zunge zergeht,
in einer üppigen Sekunde das Glück der geborgenen Kindheit […].6

In den USA bekamen die Kriegsgefangenen auf ihre Kleidung POW aufgemalt, in Frankreich die Buchstaben PG für das französische Wort Kriegsgefangenschaft (laut der Dokumentation „Schuften für den Erzfeind“, ARD). Im Thriller „P.O.W. – Gefangen“ von Alan Gifford kann man über die Situation der Gefangenen einen Eindruck bekommen, auch wenn der Roman eher ansonsten langweilig geschrieben ist.
     Aber die Versorgungslage war nicht nur in den Kriegsgefangenenlager schlecht, sondern auch in Deutschland. So manch einer vermutete dahinter eine amerikanische Absicht und Alfred Andersch, der unter dem Pseudonym Gerd Klaass die Glosse „Das patriotische Trinkwasser“ schrieb und dabei „die Mentalität der Besatzer als eine von privilegierten Menschen aufs Korn nahm“1fa, wurde der Verlag bestraft und die Auflagenstärke von 70.000 wurde auf 50.000 reduziert. Innerhalb der Redaktion kam es dann zu Auseinandersetzungen. Zunächst forderte am 11. März 1947 Gustav René Hocke einen Wechsel in der Redaktion, am 28. März mahnte Erich Kuby. Alfred Andersch und Hans Werner Richter unterschrieben eine Kündigung zum 30. Juni 1947. Kurzfristig wurde der trotz der Kündigung die Zeitschrift verboten. Um den Der Ruf zu retten, übernahm zuerst Erich Kuby die Herausgeberschaft, dann Walter von Cube am 1. Januar 1948. Aber die Zeitung war nicht mehr zu halten. Am 15. März 1949 erschien die letzte Ausgabe.1ga

Der Ruf hatte in seinen besten Zeiten eine Auflagenstärke von etwa 70.000 Exemplaren. Eine Ausgabe kostete zuerst 90 Reichspfennig, später 70 Pfennig. Der Sitz der Zeitschrift war in München und firmierte unter Nymphenburger Verlagshandlung München / Ruf Verlag. Die Zeitschrift erschien zweimal im Monat.6b

Folgende Autoren haben für den Der Ruf geschrieben (Auszug)6c:
– Bertolt Brecht
Ilse Schneider-Lengyel
– Wolfgang Borchert
– Karl Krolow
– Hans Werner Richter
– Alfred Andersch
Walter Kolbenhoff

Alfred Andersch begann ab dem 1. Juni 1947 als Redakteur bei den „Frankfurter Hefte“ zu arbeiten, Hans Werner Richter versuchte es mit einer neuen Zeitschrift „Der Skorpion“, die aber nie erschien, gemeinsam mit den Schriftstellern Walter Kolbenhoff, Günter Eich, Wolfdietrich Schnurre, Alfred Andersch und mit der Lyrikerin Ilse Schneider-Lengyel. Dann gab es ein Treffen vom 26. bis 28. Juli 1947 mit Vorträgen und ähnlichem,1ha das Folgen haben sollte, das der Grundstein für die Geburt der Gruppe 47 werden sollte.

– Marion Hahn –
© read MaryRead 2017

Ankerlichtung

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Einzelnachweise:

 1aa, 1ab: Vgl. Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47, Rowohlt Taschenbuch Verlag – Reinbek bei Hamburg 2004, S. 17
 1ba, 1bb: S. 18
 1ca, 1cb: S. 20
 1da: S. 19
 1ea: S. 11f.
 1fa: S. 26
 1ga: S. 27 f.
 1ha: S. 31 f.

 2: Vgl. (): Rhys Williams: Alfred AnderschEssay, Munzinger, 20.11.2002, zuletzt abgerufen am 27.01.2017

 3, 3b: Vgl. Alexander Gallus: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Ausgabe 25/2007 – 18.06.2007, S. 33

 4: Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Deutsche Verlags-Anstalt – München 2012, S. 42

 5, 5b, 5c: Vgl. Maren Gottschalk: Die erste Nummer der Zeitschrift „Der Ruf“ erscheint am (15.08.1946) WDR ZeitZeichen, 15.08.2016

 6, 6b, 6c: Vgl. (): Literaturportal Bayern, zuletzt besucht am 27.01.2017  

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