Nachruf: Roger Willemsen

Die lange begann auf einem Sterbett

Foto: Simone Jawor: Lahemaa-Nationalpark

„Die lange Reise begann auf einem Sterbebett…“

Die Reise von Roger Willemsen begann am 15. August 1955 in Bonn und endete am 7. Februar 2016. Er wurde 60 Jahre alt, kein kurzes, aber auch kein langes Leben, würde man nur die Rahmendaten für die Beurteilung heranziehen. In seinen 60 Jahren hat er so viel getan, dass man kaum glauben mag, dass ein einzelner Mensch es bewältigt bekommt. Er war Nachtwächter, Gastprofessor, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, er war beim Fernseh bei verschiedenen Sendern mit unterschiedlichen Aufgaben, er war beim Radio, war auf Theatertournee – auch zusammen mit Dieter Hildebrandt – schrieb Kolumnen, war in zahlreichen Hilfsorganisationen wie Amnesty International, war Botschafter bei der UN-Flüchtlingshilfe und Mitglied von Attac. Ach ja, neben all diesen Tätigkeiten schrieb er im Laufe seines Lebens über 26 Bücher, Mitwirkungen und Herausgeberschaften sind dabei nicht mitgezählt.

Es wäre so vieles über ihn zu erzählen…
     Er war Robin Hood, ja! das war er im engsten Sinne. Im Mensagespräch mit Anna Kemper von CampusZeit offenbarte er im Sommer 2008, dass er ein Dieb war. Eines Tages schlenderte er nämlich in eine Buchhandlung, stahl eines der teuersten Bücher, verließ die Buchhandlung und verschenkte es an eine Prostituierte, die er zufällig traf.1 Oder als Konstantin Wecker aus der Haft entlassen wurde, die meisten Kollegen ihn mieden oder nur Häme übrig hatten, war Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt die einzigen, so schrieb der Liedermacher Konstantin Wecker heute (08.02.16) auf Facebook, die ihn aufgefangen haben, ihm Möglichkeiten gaben, wieder anzukommen.
      Im Grunde lebte Roger Willemsen wie ein zutiefst überzeugter Christ. Manch einem mögen sich jetzt dabei die Zehennägel kräuseln, da sie seine freizügigen sexuellen Ansichten nicht teilen wollen. Doch die Grundlage des christlichen Glaubens ist die Nächstenliebe, der Einsatz für die Schwächsten dieser Welt. Roger Willemsen setzte sich für die Guantanamo-Häftlinge ein, er war Pate im Kinderhospiz Bethel, er war in Afghanistan, um vor allem Mädchen und Frauen mit Bildungschancen auszustatten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sein Einsatz galt auch den Ausgestoßenen, die an den Rand gedrängt worden sind, mit denen niemand mehr etwas zu tun haben wollte, denen man einen verbalen Tritt verpasste, auch dann, wenn sie schon darniederlagen.
      Für jeden überzeugten Christen gehört auch der Mut dazu, den Finger in die Wunde zu legen. Mit seinem letzten Sachbuch „Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament“, erschienen im Fischer-Verlag ist dafür ein Paradebeispiel. Während der Zuschauer und/oder Zuhörer glauben will, was er aus und über Berlin, dem Bundestag, präsentiert bekommt, findet stattdessen ein Affentheater, wie der Stern in seiner Literaturkritik es benannte  2 oder anders ausgedrückt: Schmierentheater statt. Weder Politiker noch der Zuschauer mögen solche Feststellungen.

Nachruf_Willemsen, Roger

Rosa aurea, Wikipedia

Er war Pazifist, kein Utopist, wie er in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ am 26.04.2015 im SRF Kultur sagte. Zu Beginn der Sendung sprach er von einem krebskranken Jungen, der wusste, dass er bald sterben wird. Der Junge wünschte sich seine Nähe und so legte sich Roger Willemsen zu dem Jungen aufs Bett. Und an dieser Stelle begann die lange Reise.

Einen Tag vor der dem Höhepunkt der Narrenzeit, dem kleinen Zeitfenster, indem jeder sich hinter einer Maske verstecken darf, wo dem Winter die lange Zunge gezeigt wird, jeder ausgelassen sein darf wie er mag, verlor diese Welt eine wichtige Stimme. Es ist ihm zu wünschen, als er an die Himmelspforte anklopfte, dass er für sein Lebenswerk mit der Rosa aurea empfangen und gesegnet wurde. Verdient hat er es.

Für alle Reisenden bleiben seine Worte:

Wir tauchten aus Monaten der Tränen, des Mangels und der Angst auf und blickten uns immer noch ungläubig an, in der Hoffnung, der Wirklichkeit doch noch für eine Zeitlang ausweichen zu können.“
Aus: Roger Willemsen: Der Knacks (am Ende des Buches)

– Katja Berg –
© read MaryRead 2016

Bordbuch


Nachruf: Die lange Reise begann auf einem Sterbebett…Roger Willemsen: Das Hohe Haus
Ein Jahr im Parlament
Sachbuch
432 Seiten
Taschenbuch
erschien: 08.08.2015 (3. Auflage)
Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN 978-3-596-19810-8
Preis: 10,99 € (D), 11,30 € (A)

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1  (): Vgl. Anna Kemper: Mensagespräch mit Roger Willemsen:Gott ist mein Vorbild“, Die Zeit – 29.07.2008, zuletzt abgerufen am 08.02.2016 
2 (): Vgl. Nina Poelchau:Das Hohe Haus“ – Willensems Bundestag-Kritik, Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee, Der Stern – 12.03.2014, zuletzt abgerufen am 08.02.2016


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